Klaus DormannVon

Russland: Wachstumserwartungen für 2019 wanken

Nach der Regierung senkt auch die Zentralbank ihre Prognose

Die russische Wirtschaft arbeitet sich in diesem Jahr mit einem leicht beschleunigten Wachstum von 1,7 bis 1,8 Prozent gerade aus den Produktionsverlusten der letzten Rezession heraus. Im nächsten Jahr steht sie aber wohl vor einem kleinen „Wachstumsknick“ nach unten.

Das meinen jedenfalls die russische Regierung, die Zentralbank und der Internationale Währungsfonds. Das Wirtschaftsministerium rechnet damit, dass sich der Produktionsanstieg 2019 auf nur noch1,3 Prozent abschwächt. Die Zentralbank erwartet das Wachstum in einer Spanne von 1,2 bis 1,7 Prozent. Bisher hatte sie eine Spanne von 1,5 bis 2,0 Prozent für 2019 genannt – und auch für 2020. Jetzt hält die Zentralbank 2020 ein Wachstum von 1,8 Prozent bis 2,3 Prozent für möglich (falls strukturelle Reformen erfolgreich realisiert werden). Diese Prognose entspricht den Erwartungen des Ministeriums für 2020 (2,0 Prozent Wachstum). Erst 2021 erwartet das Ministerium ein Wachstum von knapp über 3 Prozent.

Der IWF geht in seinem Basisszenario davon aus, dass die russische Wirtschaft ohne tiefgreifende Reformen bei dem für das nächste Jahr erwarteten Wachstum von 1,5 Prozent verharren wird.

Wachstum 2018 bei 1,7 bis 1,8 Prozent

Im ersten Halbjahr 2019 beschleunigte sich das Wachstum nach Berechnungen des Statistikamtes Rosstat leicht auf 1,7 Prozent. Überdurchschnittlich stark wuchs dabei im Industriebereich die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes (+ 2,4 Prozent). Die Bauproduktion war hingegen weiter rückläufig (- 1,6 Prozent).

Im zweiten Halbjahr rechnen die Konjunkturbeobachter mit keinem deutlichen Anziehen des Wachstums. So ergab eine Umfrage von FocusEconomics Ende August, dass von den Analysten im gesamten Jahr 2018 ein Wachstum von 1,8 Prozent erwartet wird. Auch das russische Wirtschaftsministerium senkte Anfang September seine Wachstumsprognose auf 1,8 Prozent. Nachdem die russische Wirtschaftsleistung in der Rezession im Jahr 2015 um 2,5 Prozent geschrumpft ist und sich im letzten Jahr nur um 1,5 Prozent erholte, dürfte Russland damit in diesem Jahr das vor vier Jahren erreichte Niveau der gesamtwirtschaftlichen Produktion nur wenig übertreffen.

Ein kraftvoller Aufschwung lässt auf sich warten

2019 erwartet die Regierung überdies, dass der ohnehin moderate Aufschwung spürbar an Kraft verlieren wird. Laut der jüngsten Prognose des Wirtschaftsministeriums dürfte sich das Wachstum auf nur noch1,3 Prozent abschwächen. Anfang Juli hatte das Ministerium seine Wachstumserwartung für das nächste Jahr bereits von 2,2 Prozent auf 1,4 Prozent gesenkt (Ostexperte.de berichtete).

Basis-Szenario des Wirtschaftsministeriums 2017 bis 2021

Veränderungen gegenüber Vorjahr in Prozent
 20172018201920202021
Ölpreis Urals, $/barrel5369,663,459,757,9
Rubel/Dollar (Jahresdurchschnitt)58,361,663,963,864,0
BIP, real +1,5+1,8+1,3+2,0+3,1
Industrieproduktion+ 2,1+ 3,0+ 2,4+ 2,7+ 3,1
Reallöhne+ 2,9+ 6,9+ 1,4+ 1,9+ 2,5
Einzelhandelsumsatz, real+ 1,3+ 2,9+ 1,7+ 2,0+ 2,6
Verbraucherpreise (Dez./Dez.)+2,5+3,4+4,3+3,8+4,0

Quelle: Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaft – August 2018; 05.09.2018

Regierung rechnet 2019 mit „Wachstumsknick“ und höherer Inflation

Zur Begründung der schwächeren Dynamik im nächsten Jahr verwies Wirtschaftsminister Oreshkin bereits im Juli insbesondere auf die Bremseffekte der kurz zuvor von der Regierung beschlossenen Erhöhung des allgemeinen Satzes der Mehrwertsteuer. Er wird Anfang 2019 von 18 auf 20 Prozent angehoben.

Beim „Moscow Financial Forum“ führte der Minister jetzt außerdem an, dass insbesondere die große Unsicherheit über Sanktionen der USA gegenüber Russland das Wachstum bremse. Ab 2021 wird die russische Wirtschaft nach Einschätzung des Wirtschaftsministers rund 3 Prozent Wachstum erreichen. Dazu sei es vor allem erforderlich, auf die Entwicklung der Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte einzuwirken, den Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt zu erhöhen und die Arbeitsproduktivität zu steigern.

Das Wirtschaftsministerium fasste die Beiträge von Minister Oreshkin zu einer Diskussion beim „Moscow Financial Forum“ zum Thema „Prospects of the Russian economy and financial markets“ (Video, 90 Minuten) in einer Pressemitteilung zusammen. In einem Bloomberg-Interview (Video, 6 Minuten) erläuterte der Minister insbesondere, warum er die möglichen Auswirkungen von Sanktionen auf die russische Wirtschaft für sehr begrenzt hält und wie er die Entwicklung des Wechselkurses sieht.

Der Anstieg der Verbraucherpreise wird nach Einschätzung des Wirtschaftsministeriums durch die Mehrwertsteuererhöhung im nächsten Jahr um 1,3 Prozentpunkte nach oben getrieben. Die Prognose der Regierung geht davon aus, dass die jährliche Inflationsrate Ende 2019 auf 4,3 Prozent steigen wird – nach 3,4 Prozent im Dezember 2018.

Zentralbank hob Leitzins an – Mehrwertsteuererhöhung treibt Inflation

Die Zentralbank rechnet mit einem noch stärkeren Anziehen der Verbraucherpreise. Im August 2018 hat sich der Preisanstieg bereits auf 3,1 Prozent beschleunigt. Die Zentralbank hob am 14. September den Leitzins von 7,25 Prozent auf 7,5 Prozent an. Die Bank geht davon aus, dass die Inflationsrate am Jahresende 2018 3,8 bis 4,2 Prozent erreichen wird.

In der ersten Jahreshälfte 2019 werde der Preisanstieg seinen Höhepunkt überschreiten und am Jahresende 2019 bei 5,0 bis 5,5 Prozent liegen. Im ersten Halbjahr 2020, wenn die Effekte der Rubel-Abwertung und der Mehrwertsteuererhöhung ausliefen, werde die Inflationsrate dann zu dem von der Zentralbank angestrebten Inflationsziel von 4 Prozent zurückkehren.

Auch russische Analysten werden skeptischer

Nachdem die Regierung ihre Wachstumsprognose gesenkt hat, erwarten offenbar inzwischen auch viele russische Bank-Analysten im nächsten Jahr eine spürbare Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. In einer Anfang September veröffentlichten Umfrage des russischen Reuters-Büros fiel die durchschnittliche Prognose für 2019 mit nur noch 1,4 Prozent jedenfalls um 0,3 Prozentpunkte niedriger aus als einen Monat zuvor.

Außerhalb Russlands scheint sich diese skeptischere Sicht auf die russische Konjunktur bis Ende August hingegen bei vielen Bank-Analysten noch nicht durchgesetzt zu haben. Bei jüngsten Umfragen des Research-Unternehmens FocusEconomics und des britischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ bei vorwiegend ausländischen Banken trauten die Analysten der russischen Wirtschaft 2019 im Durchschnitt noch ein kaum verändertes Wachstumstempo von 1,7 Prozent zu.

Der Internationale Währungsfonds war hingegen schon Mitte Juli davon ausgegangen, dass sich der Produktionsanstieg der russischen Wirtschaft von 1,7 Prozent im Jahr 2018 auf 1,5 Prozent im nächsten Jahr abschwächt. Diese Prognose bestätigte er bei der Vorlage seines Berichts zu den Konsultationen nach Article IV mit der russischen Regierung am 12. September.

Wachstumsprognosen 2018 bis 2020

Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent
InstitutDatum201820192020
Russische Zentralbank;
Basisszenario
14.09.181,5 bis 2,0
Urals 69 $/b
1,2 bis 1,7
Urals 60 $/b
1,8 bis 2,3
Urals 55 $/b
Internationaler Währungsfonds12.09.181,71,51,5
DekaBank, Frankfurt12.09.181,81,5
OPEC12.09.181,61,7
Berenberg Bank, Hamburg10.09.181,91,81,7
Commerzbank, Frankfurt07.09.181,81,7
Economist-Umfrage06.09.181,71,7
Institut für Weltwirtschaft, Kiel06.09.181,91,61,5
DIW, Berlin06.09.181,61,82,0
IWH, Halle06.09.181,41,81,8
RWI, Essen05.09.181,71,81,8
Helaba, Frankfurt05.09.181,81,7
Russisches Wirtschaftsministerium;
Basisszenario
05.09.181,8
Urals 69,6 $/b
1,3
Urals 63,4 $/b
2,0
Urals 59,7 $/b
Reuters-Umfrage05.09.181,71,4
Nordea Markets, Kopenhagen05.09.181,81,21,5
CMASF, Moskau05.09.181,51,52,3
FocusEconomics Consensus Forecast04.09.181,81,71,7
Christoper Weafer, Macro Advisory01.09.181,71,82,0
Eurasian Development Bank31.08.181,81,81,9
SEB, Stockholm28.08.181,71,72,0
RIA Rating22.08.182,0
Higher School of Economics-Umfrage19.08.181,71,51,6
Fitch Ratings17.08.181,81,51,9
Economist Intelligence Unit15.08.181,71,81,6
Russische Zentralbank;
Basisszenario
15.06.181,5 bis 2,0
Urals 67$/b

1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 50 $/b

Auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft erwartet schwächeres Wachstum

Führende deutsche Konjunkturforschungsinstitute waren sich in ihren in der ersten September –Woche veröffentlichten „Herbstprognosen“ zur Entwicklung der deutschen und internationalen Wirtschaft nicht einig über die Entwicklungsrichtung der Wachstumsraten der russischen Wirtschaft. Während die Institute in Essen, Halle und Berlin für das nächste Jahr von einer leichten Beschleunigung des Wachstums auf 1,8 Prozent ausgehen, erwartet das Kieler Institut für Weltwirtschaft eine Verlangsamung von 1,9 Prozent im Jahr 2018 auf 1,6 Prozent im Jahr 2019.

Die Kieler Forscher schreiben dazu:

„Die Stimmungsindikatoren deuten derzeit nicht auf eine konjunkturelle Beschleunigung hin; der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe befindet sich sogar im kontraktiven Bereich. Zwar gibt es angesichts der Tatsache, dass der Ölpreis höher ist als in den Planungen angenommen, finanzielle Spielräume für die Regierung. Damit dürfte die Finanzpolitik wohl weniger restriktiv ausgerichtet werden, als bisher vorgesehen war. Allerdings wird auch dies nicht dazu führen, dass sich die russische Wirtschaft dynamisch erholt. Nach wie vor fehlen die Rahmenbedingungen für den Aufbau eines Kapitalstocks, der geeignet ist, bei dem schrumpfenden Arbeitskräftepotenzial für eine nachhaltig kräftige Expansion zu sorgen, zumal dafür wohl insbesondere auch ausländische Investoren notwendig sind.“

DekaBank: Bei Realisierung angedrohter US-Sanktionen drohen Turbulenzen

Daria Orlova, Analystin der Frankfurter DekaBank, rechnet im nächsten Jahr mit einer Abschwächung des Wachstums der russischen Wirtschaft von 1,8 Prozent auf 1,5 Prozent. Sie vermerkt im September-Bericht „Emerging Markets Trends“ erneut, dass Russland zwar nach wie vor „solide Staatsfinanzen“ aufweist und die externe Verschuldung im Vergleich zu vielen anderen Emerging Markets niedrig ist.

Orlova weist aber gleichzeitig auf das Risiko einer „potenziellen drastischen Verschärfung der US-Sanktionen“ hin. Sollten die derzeit in den USA diskutierten „extremen Maßnahmen“ (z.B. das Verbot für Dollargeschäfte der Staatsbanken, Sanktionierung der russ. Staatsanleihen), entgegen der derzeitigen Einschätzung der DekaBank verabschiedet werden, würde dies zu Turbulenzen und Ratingherabstufungen führen. Orlova rechnet damit, dass die hohe Unsicherheit, die zu Kursverlusten des Rubels geführt habe, bis zu den Zwischenwahlen in den USA im November anhalten dürfte.

Nordea erwartet 2019 nur noch 1,2 Prozent Wachstum

Tatiana Evdokimova, Nordea-Chef-Volkswirtin für Russland, hat ihre Wachstumsprognose für 2019 noch stärker als die Regierung auf nur noch 1,2 Prozent gesenkt.

Sie streicht im Russland-Kapitel des vierteljährlichen „Nordic Outlook“ Ende August jedoch heraus, dass eine Prognose derzeit „extrem unsicher“ sei. Die russische Wirtschaft müsse zum einen auf zahlreiche „externe Schocks“ reagieren (Sanktionsdrohungen, Rubel-Schwäche, das Risiko eines Handelskrieges). Zum anderen müsse sie sich auf interne Reformen einstellen (Steuererhöhungen, Erhöhung des Renteneintrittsalters, mehr öffentliche Investitionen).

Nach ihrer Einschätzung sind positive Wachstumseffekte durch mehr Investitionen kurzfristig weniger wahrscheinlich als negative Auswirkungen der Steuererhöhungen auf den Verbrauch. Auch Evdokimova sieht deswegen das Risiko einer deutlichen Abschwächung des Wachstums im nächsten Jahr.

Quellen und Lesetipps zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Neue Konjunkturprognosen für Russland:

Konjunkturumfragen; Prognosenvergleiche:

Russisches Wirtschaftsministerium zur Konjunkturentwicklung:

Russische Zentralbank zu Geldpolitik und Konjunktur; Sonstige Berichte zur Geldpolitik:

Russisches Statistikamt Rosstat zur Konjunktur:

„Main Economic and Social Indicators“; monatliche Tabelle in Englisch; Veröffentlichungstermine in Russisch:Main Economic and Social Indicators;

Weitere Veröffentlichungstermine:

Weitere Konjunkturberichte aus Russland von
Forschungsinstituten, Wirtschaftsverbänden, Rating-Agenturen, Banken:

Sonstige Konjunkturberichte und Kommentare zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Artikel von Klaus Dormann in Ostexperte.de:

Vom Deutsch-Russischen Wirtschaftsclub Düsseldorfveröffentlichte Berichte:

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Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.