Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Wird das Wachstum in Russland 2019 deutlich sinken?

Neue Prognose des Wirtschaftsministeriums und wie Forscher im Westen Russlands Konjunktur sehen

Laut Medienberichten wird in Entwürfen neuer Prognosen des russischen Wirtschaftsministeriums erwartet, dass sich das Wachstum der Wirtschaft von 1,9 Prozent in diesem Jahr auf nur noch 1,4 Prozent im nächsten Jahr abschwächt. Bisher nimmt die Regierung in ihrer Haushaltsplanung hingegen an, dass sich der gesamtwirtschaftliche Produktionsanstieg von 1,5 Prozent im Jahr 2017 auf 2,1 Prozent in diesem Jahr und 2,2 Prozent im nächsten Jahr beschleunigt.

Wirtschaftsminister Oreschkin war allerdings Anfang Juni bei den Duma-Beratungen zur Aktualisierung des Haushalts dazu übergegangen, wie die Zentralbank als Prognose eine Wachstumsspanne zu nennen: 2,1 Prozent wie in der Haushaltsplanung vorgesehen seien in diesem Jahr möglich, aber auch 1,6 Prozent, meinte er nun. Der Minister verwies auf die angekündigten neuen westlichen Sanktionen, auf die die Finanzmärkte mit starken Ausschlägen reagierten und die dazu beitrugen, dass die Zentralbank ihren Leitzins nicht weiter senkte.

Rosstat revidierte Industrieproduktion kräftig nach oben

Vor dem Hintergrund der Sanktionsdrohungen waren im Mai und Juni viele Wachstumserwartungen für Russland etwas zurückgenommen worden, wie auch Oleg Makarov in der Wirtschaftszeitung RBC feststellte. So senkte zum Beispiel auch die Rating-Agentur Fitch Mitte Juni ihre Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft im Jahr 2018 von 2,0 auf 1,8.

Dann meldete jedoch das Statistikamt Rosstat, die Industrieproduktion sei viel früher und stärker gewachsen als bisher ermittelt worden war. Hatte Rosstat bisher angegeben, die Industrie hätte 2017 nur um 1 Prozent mehr produziert, beziffert das Amt den Anstieg der Industrieproduktion jetzt gut doppelt so hoch (+ 2,1 Prozent). Und in den ersten fünf Monaten 2018 beschleunigte sich das Wachstum in der Industrie laut den neuen Berechnungen im Vergleich zum Vorjahr auf 3,2 Prozent.

Das Forschungsinstitut BOFIT der finnischen Zentralbank nahm die revidierten Daten zur Entwicklung der Industrieproduktion anhand der saisonbereinigten Monatswerte in seinem Wochenbericht am Freitag näher unter die Lupe. BOFIT stellt heraus, dass die Industrieproduktion im April/Mai 2018 insgesamt rund 4 Prozent höher war als vor einem Jahr. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe stieg sogar um gut 5 Prozent.

Auch gesamtwirtschaftliches Wachstum wird nach oben korrigiert

Die Zentralbank schätzte in ihrem Ende Juni veröffentlichten Bericht „Economics: Facts, Assessments, Comments“, welche Anhebungen nach den Rosstat-Revisionen jetzt bei den Angaben zur Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion erforderlich sein dürften. Sie rechnet mit folgenden Änderungen der Wachstumsstatistik:

  • 2016 dürfte die russiche Wirtschaft stagniert haben (bisher: -0,2 Prozent)
  • 2017 dürfte die Produktion um 1,8 Prozent gestiegen sein (bisher: + 1,5 Prozent)

Im zweiten Quartal 2018 hat das gesamtwirtschaftliche Wachstum nach Schätzungen der Zentralbank unter Berücksichtigung der Revisionen voraussichtlich 1,8 bis 2,2 Prozent erreicht. Auch im gesamten Jahr 2018 dürfte die Wachstumsrate nach Meinung der Zentralbank höher ausfallen, aber im Rahmen der von ihr schon bisher genannten Spanne von 1,5 bis 2 Prozent bleiben.

Im Juni-Monatsbericht des Wirtschaftsministeriums („Bild der Wirtschaft“) war nach den Revisionen zu lesen, das Ministerium halte es für möglich, dass Rosstat die gesamtwirtschaftliche Wachstumsrate des Jahres 2017 bei den Ende 2018 anstehenden Revisionen auf rund 2 Prozent anheben werde (von bisher 1,5 Prozent). Den realen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts in den ersten fünf Monaten 2018 schätzt das Ministerium jetzt auf 1,8 Prozent.

Die Experten von RIA-Rating hoben mit Hinweis auf die Revision der Industrieproduktion ihre Erwartung für das diesjährige Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,8 auf 2,0 Prozent an. Die Industrieproduktion werde 2018 nicht nur um 2 Prozent, sondern um 2,5 Prozent steigen.

Wie unterschiedlich westliche Institute Russlands Konjunktur sehen

In der zweiten Juni-Hälfte veröffentlichten die Forschungsinstitute in Berlin, Halle, München und Kiel ihre „Sommerprognosen“ zur Entwicklung der deutschen Konjunktur und der Weltwirtschaft. Sie enthalten meist nur tabellarische Angaben zum Anstieg von Bruttoinlandsprodukt und Verbraucherpreisen in Russland.

Die Wachstumserwartungen der Institute für das diesjährige Bruttoinlandsprodukt Russlands unterscheiden sich nicht sehr stark. Sie liegen zwischen 1,5 Prozent (ifo Institut München) und 1,9 Prozent (Institut für Wirtschaftsforschung Halle). Während das ifo Institut mit keiner Beschleunigung des Produktionsanstiegs rechnet, gehen die anderen Institute von einem leichten Anziehen des Wachstums aus. So erwartet zum Beispiel das Berliner Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in diesem Jahr einen Produktionsanstieg um 1,8 Prozent (nach 1,5 Prozent im letzten Jahr). Dennoch bezeichnet das DIW das Wachstum der russischen Wirtschaft als „schleppend“.

Auch den Trend im nächsten Jahr sehen die Konjunkturforscher unterschiedlich. Während das Kieler Institut für Weltwirtschaft 2019 eine Abschwächung des Wachstums von 1,8 Prozent auf 1,5 Prozent erwartet, rechnet das ifo Institut mit einem Anziehen auf 2,0 Prozent.

Prognosen gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent.
InstitutDatum201820192020
Danske Bank, Kopenhagen29.06.182,02,12,2
Berenberg Bank, Hamburg29.06.181,91,81,7
Commerzbank, Frankfurt29.06.181,31,7
WIIW, Wien28.06.181,51,61,7
Russisches Wirtschaftsministerium
Prognosen-Entwurf laut TASS
27.06.181,9
Urals 69,3 $/b
1,4
Urals 63,4 $/b
RIA Rating22.06.182,0
Institut für Weltwirtschaft, Kiel21.06.181,81,5
Economist Intelligence Unit20.06.181,71,81,6
Ifo Institut, München19.06.181,52,0
Russische Zentralbank;
Basisszenario
15.06.181,5 bis 2,0
Urals 67$/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 50 $/b
Russische Zentralbank;
Szenario „unveränderte Ölpreise“
15.06.181,5 bis 2,0
Urals 69$/b
1,5 bis 2,0
Urals 70 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 70 $/b
IWH, Halle14.06.181,91,9
DIW, Berlin13.06.181,82,2
Fitch Rating13.06.181,8
1,91,5
DekaBank, Frankfurt12.06.181,51,8
OPEC12.06.181,8
Danske Bank, Kopenhagen08.06.182,02,12,2
Eurasian Development Bank07.06.181,81,81,7
Economist-Umfrage07.06.181,81,7
Helaba, Frankfurt07.06.181,81,7
Weltbank; Global Economic Prospects05.06.181,51,81,8
FocusEconomics Consensus Forecast05.06.181,71,8
Reuters-Umfrage31.05.181,61,71,7
OECD
30.05.181,81,5
HSE-Umfrage (24.04. - 04.05.2018)22.05.181,71,7
1,6
Macro Advisory, Chris Weafer; Moskau18.05.181,61,8
2,0
SEB, Stockholm16.05.181,82,2
IWF15.05.181,71,5
EBRD, London11.05.181,51,5
DIHK11.05.181,7
EU Kommission03.05.181,71,6

Optimistisches DIW

Das DIW hält 2019 sogar eine Beschleunigung des Produktionsanstiegs auf 2,2 Prozent für möglich. Das Institut zählt dazu eine Reihe wachstumsfördernder Aspekte auf. Die verbesserte Lage am Arbeitsmarkt dürfte den privaten Konsum stützen. Zudem sei das Konsumentenvertrauen gestiegen. Steigende Auftragseingänge und der etwas gestiegene Einkaufsmanagerindex im verarbeitenden Gewerbe sprächen für eine Zunahme der Investitionstätigkeit. Die Inflation sei auf ein historisches Tief gesunken. Angesichts der niedrigen Inflation habe die Zentralbank den Leitzins im Februar und März jeweils um 0,25 Prozentpunkte gesenkt.

Danske Bank zeigt: Konsum und Investitionen zogen an

Eine Abbildung zur aktuellen Entwicklung der Konsumkunjunktur veröffentlichte die Kopenhagener Danske Bank am Freitag in ihrem vierteljährlich erscheinenden „Emerging Markets Briefer“. Sie zeigt: Die Reallöhne waren im Mai mit einem Anstieg um 7,3 Prozent zwar deutlich höher als im Mai 2017. Der reale Einzelhandelsumsatz übertraf das Ergebnis vom Mai 2017 bei einem Anstieg der verfügbaren Realeinkommen der Haushalte um 0,3 Prozent aber nur um 2,4 Prozent.

Rosstat informiert über diese und weitere wichtige Konjunkturdaten nicht nur mit einem umfangreichen Bericht in Russisch, sondern auch mit einer Tabelle in englischer Sprache. Sie weist auch die aussagefähigeren Veränderungsraten in den ersten fünf Monaten aus: Die frei verfügbaren Realeinkommen waren im Zeitraum Januar bis Mai 3,2 Prozent höher als vor einem Jahr. Der reale Einzelhandelsumsatz stieg dabei um 2,4 Prozent.

Die folgende weitere Abbildung der Danske Bank zeigt die Entwicklung von Investitionen, Industrieproduktion, Bruttoinlandsprodukti (GDP) und Bauproduktion in Russland. Die Industrieproduktion (schwarze Linie) war im Mai 3,7 Prozent höher als vor einem Jahr. Die Investitionen erreichten im ersten Quartal einen Anstieg um 3,6 Prozent.

Economic growth components

Quelle: Danske Bank: Russia: preparing for reforms; Emerging Markets Briefer, 29.06.2018

Die Analysten der Danske Bank sehen die weitere Konjunkturentwicklung  in Russland ähnlich zuversichtlich wie das DIW. Sie rechnen damit, dass sich das Wirtschaftswachstum von 2,0 Prozent im laufenden Jahr auf 2,1 Prozent im nächsten Jahr und 2,2 Prozent im Jahr 2020 beschleunigt. Kurz- und mittelfristig sei eine weitere „geopolitische Eskalation“ jedoch als Risikofaktor zu berücksichtigen.

Skeptisches WIIW: „Schwieriges geopolitisches Umfeld“

Mit Verweis auf das bereits „schwierige geopolitische Umfeld“ beurteilt das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche, das Ende Juni umfangreiche Prognosen für die Länder in Mittel-, Südost- und Osteuropa (MOSOEL) veröffentlichte, die Perspektiven der russischen Wirtschaft deutlich skeptischer als die Danske Bank. Das WIIW nahm seine März-Prognose für 2018 in der letzten Woche um 0,3 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent zurück. Auch in den nächsten beiden Jahren soll die russische Wirtschaft kaum stärker wachsen (2019: 1,6 Prozent, 2020: 1,7 Prozent). Die Wiener Forscher trauen Russland damit rund einen halben Prozentpunkt weniger Wachstum zu als die Danske Bank und das DIW.

Die Begründung des WIIW:

„In Russland (.) wird der positive Effekt des Ölpreisanstiegs durch das schwierige geopolitische Umfeld – die jüngsten US-Sanktionen und den geopolitischen Konflikt mit dem Westen generell – weitgehend wettgemacht, was sich vor allem in einer anhaltenden Investitionsschwäche niederschlägt. Mit einer prognostizierten Wachstumsrate von lediglich 1,5% bis 1,7% im gesamten Zeitraum 2018-2020 dürfte Russland unter allen MOSOEL mit Abstand am schlechtesten abschneiden.

Auch die langfristigen Aussichten der russischen Wirtschaft beurteilt das WIIW skeptisch:

„In Russland (…) sind die langfristigen Aussichten vor allem durch die zu erwartenden relativ niedrigen Ölpreise sowie den andauernden geopolitischen Konflikt mit dem Westen geprägt. Angesichts dessen sind nennenswerte Zuflüsse von westlichen Direktinvestitionen nach Russland in den kommenden Jahren wenig wahrscheinlich. Die zunehmende Kooperation mit China und anderen nicht-westlichen Ländern kann diesen Nachteil nicht vollkommen ausgleichen, obwohl die jüngst verabschiedete Strategie der Importsubstitution in Russland ebenfalls gewisse Investitionsmöglichkeiten bietet. Gleichzeitig sind einer breit aufgestellten Industriepolitik in Russland, die eine Alternative zur FDI-getriebenen Modernisierung (wie in den EU-MOE-Ländern) darstellen könnte, durch die restriktive Geld- und Fiskalpolitik Grenzen gesetzt.“

Prognoseentwurf des Wirtschaftsministeriums erwartet 2019 nur noch 1,4 Prozent Wachstum

Auch die relativ skeptischen Wiener Forscher dürften aber überrascht gewesen sein, als von Reuters und in russischen Medien über Prognoseentwürfe des Wirtschaftsministeriums berichtet wurde, in denen im nächsten Jahr eine Abschwächung des Wachstums auf nur noch 1,4 Prozent erwartet wird. Das Wirtschaftsministerium wollte diese Berichte laut Reuters nicht kommentieren. Sie müssen mit anderen Ministerien noch abgestimmt werden.

Zur Begründung der voraussichtlichen Abschwächung des Wachstums im nächsten Jahr wird neben der Verschlechterung des Investitionsklimas durch die westlichen Sanktionen insbesondere auf die 2019 vorgesehene Anhebung der Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent verwiesen. Eduard Steiner schreibt in „Die Welt“ dazu („Russland muss Wachstumseinbruch eingestehen“):

„Denn die höhere Steuerlast verlangsamt die wirtschaftliche Aktivität und heizt die Inflation an. All das zwingt die Zentralbank zum Handeln: Entgegen ihrer Praxis seit dem Vorjahr, den Schlüsselzins sukzessive zu senken, um so auch die Wirtschaft anzukurbeln, wird sie die Zügel wieder straffen.“

Quellen und Lesetipps zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Neue Konjunkturprognosen:

Zentralbank zu Konjunktur und Geldpolitik; Berichte zur Geldpolitik:

Statistikamt Rosstat zur Konjunktur:

Wirtschaftsministerium zur Konjunktur:

Sonstige Berichte und Kommentare zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Titelbild

Quelle: Sergey Dzyuba | Shutterstock.com

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Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.