Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Russlands Wachstum: Wie es 2019 sinkt, 2020 steigt und 2021 sein soll

Wir geben im ersten Teil dieses Artikels einen Überblick über die konjunkturelle Entwicklung im laufenden Jahr sowie die Prognosen bis 2021. Im zweiten Teil finden Sie Hinweise, wie unterschiedlich zwei renommierte Experten für die russische Wirtschaft kürzlich die Wachstumsmöglichkeiten Russlands beurteilten.

Die Konjunkturexperten sind sich zunehmend einig: Russlands Wirtschaft dürfte in diesem Jahr nur um gut 1 Prozent wachsen. Für das nächste Jahr wird von fast allen ein Anziehen des Wachstums erwartet, oft auf rund 1,7 Prozent. An eine weitere deutliche Beschleunigung glauben jedoch nur wenige. Die Prognose der Regierung, dass Russlands Wirtschaft 2021 um 3,1 Prozent wächst, hält kaum jemand für realistisch.

Dr. Roland Götz schrieb in den Russland-Analysen Mitte Oktober zum Wirtschaftsprogramm der Regierung, es sei ein „Wunschkatalog“. Für mehr Wachstum fehlten die Voraussetzungen, insbesondere die für mehr Investitionen erforderliche Rechtssicherheit. Das Fehlen unabhängiger Gerichte sei das zentrale Hindernis für die Modernisierung Russlands.

Dr. Mikhail Dmitriev, 2000 bis 2004 stellvertretender Wirtschaftsminister Russlands, wies in einem Forbes-Interview zwar auch auf Belastungen der Wirtschaft durch mangelnde Rechtssicherheit hin. Er meint aber, das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts dürfte 2020 trotzdem rund 2,5 Prozent erreichen, also deutlich mehr als die meisten Experten erwarten. Auch für ein Wachstum von bis zu 3 Prozent sieht er zahlreiche Gründe.

Die Weltbank nennt in ihrem neuen „Country Snapshot“ allerdings erneut etliche Voraussetzungen, um eine Beschleunigung der Wachstumsrate auf rund 3 Prozent zu erreichen. Sie rechnet – wie viele Russland-Analysten – für 2020 und 2021 nur mit einem Anstieg des Wachstums auf 1,7 und 1,8 Prozent. Eine Verdoppelung des Wachstums erfordere neben der Erhöhung des Angebots von Arbeitskräften durch die beschlossene Anhebung des Rentenalters auch Reformen für eine verstärkte Einwanderung, höhere Investitionen und ein verstärktes Wachstum der Produktivität.

Wie das Wachstum 2019 sinkt

In den jüngsten Analysten-Umfragen der Nachrichten-Agentur Reuters und des Research-Unternehmens FocusEconomics wird übereinstimmend eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums von 2,3 Prozent im letzten Jahr auf 1,1 Prozent in diesem Jahr erwartet. Damit rechnet auch der Internationale Währungsfonds. Die Weltbank nahm ihre Prognose für 2019 im Oktober auf 1,0 Prozent zurück.

Ein Wirtschaftswachstum von gut ein Prozent würde auch den Erwartungen der russischen Zentralbank für 2019 entsprechen. Anlässlich der Leitzinssenkung am 25. Oktober bestätigte die Bank, dass sie in diesem Jahr mit 0,8 bis 1,3 Prozent Wachstum rechnet. Diese Prognose-Spanne erfasst auch gerade noch die von der Regierung für 2019 erwartete Wachstumsrate: 1,3 Prozent.

Schätzungen für die ersten drei Quartale 2019

In den ersten drei Quartalen 2019 ist das Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich laut Wirtschaftsministerium allerdings nur 1,2 Prozent höher gewesen als im Vorjahreszeitraum. Das Wachstum im dritten Quartal 2019 veranschlagt das Ministerium im Vorjahresvergleich dabei auf 1,9 Prozent.

Das Forschungsinstitut der Vnesheconombank (VEB) schätzt hingegen, dass sich der gesamtwirtschaftliche Produktionsanstieg von 0,9 Prozent im zweiten Quartal nur auf 1,6 Prozent im dritten Quartal erhöht hat. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in den ersten drei Quartalen schätzt das Institut deswegen mit 1,0 Prozent auch niedriger ein als das Ministerium (1,2 Prozent). Andrei Klepach, Chef-Volkswirt der VEB (früherer stellvertretender Wirtschaftsminister), rechnet auch im Jahr 2019 mit rund 1 Prozent Wachstum (20–Minuten-Interview mit Ben Aris; bne Intellinews).

Das Statistikamt Rosstat wird seine erste Schätzung zum Wachstum des BIP im dritten Quartal am 13. November vorlegen (Schätzung des BIP nach Enstehungsbereichen am 13.12; nach Verwendungsbereichen am 30.12.2019).

So entwickelten sich wichtige Branchen, Einkommen und Arbeitsmarkt

Eine tabellarische Übersicht zur Entwicklung wichtiger Wirtschaftsdaten in den ersten neun Monaten bietet der „Monatsbericht Wirtschaft“ der russischen Zentralbank für September.

Quelle: Zentralbank: Monatsbericht Wirtschaft: Fakten, Schätzungen, Kommentare; russ.+englisch, 25.10.2019

Als die Statistikbehörde Rosstat diese Daten Mitte Oktober erstmals veröffentlichte, stieß vor allem der kräftige Anstieg der real verfügbaren Einkommen bei vielen Experten auf Zweifel. Das Wachstum des realen Einzelhandelsumsatzes verlangsamte sich nämlich gleichzeitig deutlich.

Real verfügbare Einkommen im dritten Quartal 3,0 Prozent höher…

Die Rosstat-Meldung, dass die real verfügbaren Einkommen im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um 3,0 Prozent gestiegen seien, illustriert die Zentralbank mit folgender Abbildung.

Die schwarze Linie zeigt die prozentuale Veränderung der Einkommen, die im Jahresdurchschnitt 2017 (- 0,5 Prozent gegenüber 2016) und 2018 (+ 0,1 Prozent gegenüber 2017) noch annähernd stagnierten.

In den Säulen sind die Wachstumsbeiträge der verschiedenen Einkommensarten eingezeichnet. Den weitaus größten Wachstumsbeitrag im dritten Quartal 2019 stellte laut Rosstat-Schätzung der Anstieg der Arbeitseinkommen der abhängig Beschäftigten („Remuneration of employees“).

… der Einzelhandelsumsatz stieg gleichzeitig aber nur um 0,8 Prozent

Trotz des kräftig beschleunigten Anstiegs der real verfügbaren Einkommen, hat sich das Wachstum des realen Einzelhandelsumsatzes im dritten Quartal aber auf 0,8 Prozent abgeschwächt. Dazu veröffentlichte die Zentralbank folgende Abbildung, die auch zeigt, dass der Wachstumsbeitrag des Einzelhandels mit Nahrungsmitteln (graue Säulenabschnitte) seit der Jahresmitte deutlich gesunken ist.

Die Zentralbank weist zur unterschiedlichen Entwicklung von Einzelhandelsumsatz und Einkommen im dritten Quartal darauf hin, dass das Wachstum der Konsumentenkredite nachließ. Gleichzeitig sei der Zustrom von Finanzeinlagen der Haushalte bei Banken hoch geblieben. Die Sparquote sei im dritten Quartal höher als vor einem Jahr gewesen.

Im vierten Quartal 2019 könnte der private Verbrauch, so die Zentralbank, durch das im dritten Quartal verbesserte Konsumklima gestützt werden.

Frühindikatoren für die Investitionsentwicklung signalisierten jedoch im September laut Zentralbank einen weiterhin langsamen Anstieg der Anlageinvestitionen. Die Zentralbank schätzt, dass die Anlageinvestitionen im dritten Quartal ähnlich wie im ersten und zweiten Quartal nur 0,3 bis 0,8 Prozent höher waren als im Vorjahr.

Wachstumsprognosen für 2020 unterscheiden sich wenig

Im nächsten Jahr erwarten die Auguren fast alle eine Beschleunigung des Wachstums.

Die Prognose der Regierung von 1,7 Prozent liegt mitten in der von der Zentralbank gesetzten Wachstumsspanne (1,5 bis 2,0 Prozent). Ein Wachstum von 1,7 Prozent im Jahr 2020 ergab sich auch in der jüngsten Umfrage von FocusEconomics im Durchschnitt (Reuters-Umfrage: 1,6 Prozent). VEB-Chefvolkswirt Klepach rechnet ebenfalls mit einer Beschleunigung des Wachstums von rund 1 Prozent in diesem Jahr auf 1,7 Prozent im Jahr 2020, genauso wie die Sberbank.

Laut der Analysten-Umfrage von FocusEconomics zeichnen sich für 2020 folgende Perspektiven für Russlands Konjunkturentwicklung ab:

Bei einer verstärkten Stimulierung durch öffentliche Ausgaben und einer lockereren Geldpolitik sorgt hauptsächlich ein Anstieg der Inlandsnachfrage für ein höheres Wirtschaftswachstum.

Risiken dafür seien aber mögliche weitere Verzögerungen bei der Umsetzung des Programms der Regierung für Infrastrukturinvestitionen, volatile Rohstoffpreise sowie weiterhin drohende Sanktionen und Handelskriege.

Die Inflationsrate dürfte Ende 2020 auf 3,8 Prozent sinken.

IWF und Analysten: 2021 nur 2, nicht 3 Prozent Wachstum

So einig sich die Experten für das nächste Jahr sind – bei der Vorschau auf das Jahr 2021 scheiden sich die Meinungen.

Die optimistische Einschätzung der russischen Regierung, die mit einer weiteren Beschleunigung des Wachstums auf 3,1 Prozent rechnet, findet keine Zustimmung – auch nicht bei der Zentralbank, die in ihrem Basisszenario höchstens 2,5 Prozent Wachstum für möglich hält, gleichzeitig aber auch nicht ausschließt, dass die Wirtschaft nur um 1,5 Prozent wächst. Erst im Jahr 2022 hält die Zentralbank es für möglich, dass 2,0 bis 3,0 Prozent Wachstum erreicht werden.

Die Umfrage von FocusEconomics und die Prognose des IWF lassen 2021 einen Beschleunigung des Produktionsanstiegs auf 2,0 Prozent erwarten.

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
Helaba, Frankfurt01. Nov 20191.31.7
Commerzbank, Frankfurt01. Nov 20190.91.4
Reuters Umfrage31. Oct 20191.11.6
Sberbank31. Oct 201911.72.2
FocusEconomics
Consensus Forecast
30. Oct 20191.11.72
Berenberg Bank, Hamburg28. Oct 20190.811.7
Russische Zentralbank,
Basisszenario
25. Oct 20190,8 bis 1,3
Urals 63 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,5
Urals 50 $/b
Moody’s Rating Agency23. Oct 20191.21.5
RIA Rating21. Oct 20191
BNP Paribas, Paris18. Oct 20190.91.5
IWF, New York15. Oct 20191.11.92
DekaBank, Frankfurt16. Oct 20191.11.6
Economist Intelligence Unit15. Oct 20191.31.51.7
Morgan Stanley11. Oct 20191.11.6
Weltbank, Washington09. Oct 201911.71.8
OPEC, Wien09. Oct 201911.2
Macro Advisory, Moskau08. Oct 20191.21.8
ING, Amsterdam07. Oct 201911.51.7
Danske Bank, Kopenhagen04. Oct 20191.21.72.4
Bank of Finland; BOFIT03. Oct 201911.81.6
Erste Group, Wien02. Oct 20191.21.9
Gemeinschaftsdiagnose02. Oct 20191.21.51.8
FocusEconomics
Consensus Forecast
02. Oct 20191.11.81.8
Russisches Wirtschaftsministerium;
Basisszenario für Haushaltsplan
30. Sep 20191.3
Urals 62,2 $/b
1.7
Urals 57,0 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b

Lesen Sie in Teil 2, wie unterschiedlich zwei renommierte Experten kürzlich die Wachstumsmöglichkeiten Russlands beurteilten.

Titelbild

Titelbild: Monostadt Norilsk im russischen Norden. Quelle: IIbIXAPb / Shutterstock.com

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.