Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Russland: Auch Zentralbank dämpft Wachstumserwartungen

Immer mehr Experten gehen davon aus, dass sich das Wachstum der russischen Wirtschaft in diesem Jahr etwa halbieren wird und nur noch rund 1 Prozent erreicht. Die volkswirtschaftliche Abteilung der russischen Zentralbank schloss sich jetzt dieser Einschätzung an.

Professor Evsey Gurvich, Leiter des Forschungsinstituts „Economic Expert Group“, sieht auch die weiteren Wachstumsmöglichkeiten der russischen Wirtschaft sehr skeptisch. Er veranschlagt sie nur noch auf 1,5 bis 2 Prozent pro Jahr. Einen Anstieg der Produktion um 3 Prozent hält er für nicht erreichbar, geschweige denn ein schnelleres Wachstum als die Weltwirtschaft, wie es die Regierung plant.

„Was die Trends sagen“ – Bericht der Zentralbank

О ЧЕМ ГОВОРЯТ ТРЕНДЫ“ – so heißt das Bulletin, mit dem die Abteilung für Forschung und Prognosen der russischen Zentralbank jährlich acht Mal ausführlich über die nationale und internationale Entwicklung der Wirtschaft informiert. Die jüngste Ausgabe erschien am Freitag (82 Seiten; eine englische Übersetzung erscheint voraussichtlich in 3 Wochen). Ausdrücklich hingewiesen wird darauf, dass der Bericht keine „offizielle“ Mitteilung der Zentralbank ist.

Für die diesjährige Entwicklung des Wirtschaftswachstums in Russland ziehen die Experten der Zentralbank aus ihren Analysen folgende Schlüsse:

  • Im ersten Quartal 2019 verringerte sich das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem vierten Quartal 2018 saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent (Rosstat errechnete in einer ersten Schätzung Mitte Juni einen Rückgang um 0,4 Prozent).
  • Im zweiten Quartal ist das BIP gegenüber dem Vorquartal voraussichtlich um 0,1 bis 0,2 Prozent gestiegen (Das Institut der Außenwirtschaftsbank VEB schätzte den Anstieg auf 0,1 Prozent).
  • Im dritten und vierten Quartal erwartet die Zentralbank einen beschleunigten Anstieg um jeweils 0,3 Prozent.

Die Prognose der Forschungs-Abteilung für das Wachstum im gesamten Jahr 2019:

„The above estimates of quarterly GDP growth rates suggest GDP growth at the end of 2019 near the lower limit of the Bank of Russia forecast interval (1.0 – 1.5%).“

Auch die Experten der Zentralbank meinen also, dass der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion in diesem Jahr auf rund ein Prozent sinken wird.

Anlageinvestitionen sanken im zweiten Quartal noch

Sie nehmen dabei an, dass auch die Anlageinvestitionen im Verlauf des zweiten Halbjahres dank der Umsetzung der nationalen Projekte und der Lockerung der Geldpolitik steigen.

Im zweiten Quartal waren die Investitionen nach Schätzungen der Zentralbank in ihrem am 30. Juli veröffentlichten monatlichen Wirtschaftsbericht aber noch 1,3 bis 1,8 Prozent niedriger als vor einem Jahr (rote Punkte in der folgenden Abbildung). Im ersten Quartal hatten sie auf dem Vorjahresniveau stagniert. Ursache für die Investitionsschwäche ist, so der Zentralbank-Bericht, vor allem der Rückgang der staatlichen Investitionen.

Indikatoren für die Investitionsaktivität
Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in Prozent

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Indikator für die geringe Investitionsneigung ist, dass die Bauproduktion (blaue Linie) im ersten und im zweiten Quartal fast auf dem Vorjahresniveau stagnierte. Die Einfuhr von Maschinen und Ausrüstungen, aus Ländern außerhalb der „Gemeinschaft unabhängiger Staaten“, also insbesondere aus westlichen Industrieländern, war im ersten Halbjahr fast immer niedriger als vor einem Jahr, im Juni sogar um rund 10 Prozent (orange Linie).

Weitere Prognosesenkungen von Analysten für 2019

Die gedämpften Wachstumserwartungen der Zentralbank entsprechen dem Trend von Umfragen bei Analysten. In einer Reuters-Umfrage rechneten die Analysten Ende Juli im Durchschnitt nur noch mit einem Wachstum von 1 Prozent, in einer Umfrage des Research-Unternehmens „FocusEconomics“ wurden 1,2 Prozent Wachstum erwartet. Das waren jeweils 0,2 Prozentpunkte weniger als vor einem Monat.

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
Internationaler Währungsfonds02.08.191,21,92,0
Commerzbank, Frankfurt02.08.191,51,2
Helaba, Frankfurt02.08.191,71,7
Reuters Umfrage31.07.191,0
FocusEconomics
Consensus Forecast
30.07.191,21,81,8
CMASF, Moskau29.07.191,11,82,1
Berenberg Bank, Hamburg29.07.191,31,71,8
ACRA Rating Agentur, Moskau23.07.190,90,81,8
S&P Rating Agentur19.07.191,31,8
RIA Rating19.07.191,0
Economist Intelligence Unit17.07.191,31,51,5
BNP Paribas, Paris15.07.191,21,8
OPEC, Wien11.07.191,41,4
DekaBank, Frankfurt09.07.191,11,6
ING, Amsterdam05.07.190,81,51,7
WIIW, Wien04.07.191,31,71,9
Alfa Bank, Moskau02.07.190,81,2
Macro Advisory, Moscow01.07.191,32,02,5
Russische Zentralbank,
Basisszenario
14.06.191,0 bis 1,5
Urals 65 $/b
1,8 bis 2,3
Urals 60 $/b
2,0 bis 3,0
Urals 55 $/b
Weltbank;
Global Economic Prospects
04.06.191,21,81,8
Russisches
Wirtschaftsministerium
09.04.191,3
Urals 63,4 $/b
2,0
Urals 59,7 $/b
3,1
Urals 57,9 $/b

Viel Skepsis auch zum weiteren Wachstumspotenzial

Der Internationale Währungsfonds bestätigte in seinem am Freitag veröffentlichten diesjährigen „Länderbericht“ für Russland, dass er ebenfalls seine Prognose für das Wachstum im Jahr 2019 auf 1,2 Prozent senkt.

Mehr als 2 Prozent Wachstum projektiert der IWF auch mittelfristig nicht. Er geht im Gegenteil ab 2022 von einer langsamen Abschwächung des Wachstums auf 1,8 Prozent im Jahr 2024 aus. Für die anderen „Emergings Markets“ im Kreis der G-20-Staaten erwartet der IWF im Durchschnitt ein rund doppelt so hohes Wachstum, wie die folgende Abbildung aus dem Länderbericht zeigt.

Reales Wirtschaftswachstum
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Internationaler Währungsfonds: Country Report; Russian Federation: 2019 Article IV Consultation-Press Release; Staff Report; Abbildung auf Seite 4; 02.08.2019

Professor Gurvich: Wachstumspotenzial sank auf 1,5 bis 2 Prozent

So skeptisch wie der IWF beurteilt Russlands Wachstumsaussichten auch Professor Evsey Gurvich, Leiter eines unabhängigen Forschungsinstituts („Economic Expert Group“), das eng mit der Regierung zusammenarbeitet und seit 1998 monatlich einen Konjunkturbericht mit Schwerpunkt auf der Entwicklung der öffentlichen Finanzen herausgibt (Archiv).

Gurvich äußerte sich zur Wachstumsentwicklung in Russland in der letzten Woche in einem Gespräch mit Professor Marek Dabrowski. Es wurde von der russischen Zentralbank auf ihrer Seite „ECONS – Economic Conversations“ auch als Video veröffentlicht.

Das auch im weltweiten Vergleich sehr hohe Wachstum von rund 7 Prozent, das Russland bis zu Weltfinanzkrise 2008/2009 verzeichnete, erklärt Gurvich so:

Insgesamt rund 3 Prozentpunkte des Wachstums von 7 Prozent waren außenwirtschaftlichen Faktoren, nämlich den hohen Ölpreisen und den starken Kapitalzuflüssen in die Emerging Markets, zu verdanken. Von den restlichen 4 Prozentpunkten sind 1,5 bis 2 Prozentpunkte vor allem durch die Nutzung zuvor freier Produktionskapazitäten zu erklären.

Dem tatsächlichen Entwicklungsstand der russischen Wirtschaft hat, so Gurvich, also schon vor der Finanzkrise nur ein Wachstum von 2 bis 2,5 Prozent entsprochen.

Dieses Wachstumspotenzial verringerte sich nach seinen Berechnungen inzwischen um rund einen halben Prozentpunkt auf nur noch 1,5 bis 2 Prozent. Die Ausdehnung des ineffizienten staatlichen Sektors habe die Wachstumsmöglichkeiten um 0,2 Prozentpunkte gesenkt, die Sanktionen hätten sie um weitere 0,2 Prozentpunkte gedrückt und die demografische Entwicklung koste 0,1 Prozentpunkte Wachstum.

Gurvich kann sich deswegen nicht vorstellen, dass sich das Wachstum der russischen Wirtschaft auf 3 Prozent beschleunigen könnte (Die Regierung plant für 2021 einen Anstieg auf 3,1 Prozent). Erst recht sei es unrealistisch, dass Russlands Wachstum wie angestrebt das durchschnittliche Wachstum der Weltwirtschaft übertreffen könnte.

Gurvich: Mehr Wachstum durch höhere Arbeitsproduktivität schaffen

Russland muss nach Ansicht von Professor Gurvich zur Stärkung des Wachstums die Arbeitsproduktivität erhöhen. Marktschranken müssten abgebaut und der  Wettbewerb müsse verschärft werden. Der staatliche Sektor der russischen Wirtschaft, der ineffizienter sei als der private, müsse verkleinert werden oder effizienter werden oder beides. Die Rechte privater Eigentümer müssten besser gesichert werden.

Economic Conversations – „Gespräche über Wirtschaft“ der Zentralbank

Das Gespräch Professor Gurvichs mit Professor Dabrowski fand auf Einladung der Zentralbank statt. Die Zentralbank veröffentlicht seit Juni auf einer speziellen Web-Seite Gespräche zwischen Wissenschaftlern über aktuelle Themen. Relativ schwierige Sachverhalte sollen in möglichst leicht verständlicher Sprache vermittelt werden. Einige Beiträge werden auch in englischer Übersetzung angeboten. So sollen auch ausländische Interessierte Informationen über die russische Wirtschaft und Einschätzungen russischer Wissenschaftler zu globalen Wirtschaftsfragen erhalten können.
Das nächste Gespräch wird Professor Gurvich mit dem Leitenden Volkswirt der Weltbank für Russland, Apurva Sanghi, führen.

Fotoquelle

Titelbild: lornet / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps

Zentralbank-Internet-Seite „ECONS – Economic Conversations“

Aktuelle Wirtschaftslage:
Berichte der Zentralbank und des Wirtschaftsministeriums sowie
Rosstat-Monatsdaten Juni 2019 mit Analysten-Kommentaren

Präsentationen im Investoren-Programm der Zentralbank in Englisch

Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaftsaktivität; zu Rosstat-Monatsdaten, 18.07.2019

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte (meist monatlich, vierteljährlich)

Konsumentenverschuldung – Streit zwischen Oreschkin und Nabiullina

Sonstige Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann seit Anfang Juli 2019:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.