Klaus DormannVon

Im „Risiko-Szenario“ dauert die Erholung bis Ende 2023

Nach schneller erster Erholung setzt sich der Aufholprozess langsam fort“. Mit dieser Schlagzeile der „Herbstprojektion“ des deutschen Wirtschaftsministeriums für den Konjunkturverlauf der deutschen Wirtschaft könnte man auch die aktuelle Entwicklung der russischen Wirtschaft beschreiben. Wann sie sich vom diesjährigen Rückgang der Produktion völlig erholt haben dürfte, ist allerdings sogar zwischen der Regierung, der Zentralbank und dem Rechnungshof umstritten.

Wie viel einige wichtige Zweige der russischen Wirtschaft vom Rückgang der Produktion im zweiten Quartal noch aufzuholen haben, signalisiert die folgende Abbildung aus dem jüngsten Wochenbericht der Sberbank, die bis September reicht. Tief eingebrochen ist im Lockdown im Frühjahr neben der Produktion in den verbrauchsnahen Bereichen Einzelhandel und Dienstleistungen vor allem die Produktion in der Industrie und im Transportgewerbe.

Saisonbereinigte Entwicklung der Produktion; Januar 2018 = 100 Industrie (graue Linie); Transport (gelbe Linie); Bauwirtschaft (grüne Linie); Landwirtschaft (schwarze Linie)

Sberbank Wochenbericht: Global Economy News October 19 – 25; S. 7: 28.10.2020

Für das dritte Quartal 2020 ergaben sich laut Rosstat im Vergleich zum Vorjahresquartal für die dargestellten Branchen noch folgende Rückgänge der Produktion:

  • Industrie:                              – 5,0 Prozent
  • Transportgewerbe:             – 5,5 Prozent
  • Bauwirtschaft:                     – 0,3 Prozent

Weiter gestiegen ist hingegen die Produktion der Landwirtschaft (+ 2,7 Prozent).

Weitgehende Einigkeit nur für 2020: Das BIP sinkt um rund 4 bis 5 Prozent

Hinsichtlich des voraussichtlichen Rückgangs des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020 sind sich Zentralbank, Wirtschaftsministerium und Rechnungshof kurz vor Jahresschluss zwar weitgehend einig. Ihre Erwartungen für das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr gehen jedoch beträchtlich auseinander.

Das Wirtschaftsministerium prognostizierte Mitte September in seiner Vorlage für die Haushaltsberatungen, dass Russlands Wirtschaft nach einem diesjährigen Rückgang um 3,9 Prozent im nächsten Jahr um 3,3 Prozent und 2022 um 3,4 Prozent wächst (siehe Präsentation des Wirtschaftsministeriums, S. 4).

Ein „Risiko-Szenario“ für den Fall einer Verschärfung der Corona-Pandemie legte die Regierung nicht vor. Das war kürzlich sowohl vom Duma-Ausschuss für Wirtschaftspolitik als auch vom Rechnungshof kritisiert worden.

Der Rechnungshof veröffentlichte auch ein „Risiko-Szenario“

In der letzten Woche veröffentlichte nun der Rechnungshof erstmals eine gemeinsam mit dem Gaidar-Institut erstellte eigene Konjunkturprognose, die künftig ein bis zwei Mal im Jahr erscheinen soll. Sie enthält auch ein „Risiko-Szenario“.

In seinem „Szenario 1“ rechnet der Rechnungshof in diesem Jahr mit einem kaum stärkeren Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (- 4,2 Prozent) als das Wirtschaftsministerium (- 3,9 Prozent). 2021 erwartet er jedoch nur eine Belebung des Wachstums auf 2,2 Prozent, erheblich weniger als das Wirtschaftsministerium (+ 3,3 Prozent).

In seinem „Szenario 2“ („Risiko-Szenario“) erwartet der Rechnungshof eine deutlich ungünstigere Entwicklung. Hier nimmt er an, dass die „zweite Welle“ der COVID-19-Pandemie im Herbst und Winter und möglicherweise auch im Frühjahr 2021 die Entwicklung der Weltwirtschaft und teilweise auch die Entwicklung der russischen Wirtschaft stärker beeinträchtigen wird als in Szenario 1. Dabei werde es wieder zu Beschränkungen der Aktivitäten der Unternehmen in Europa und auch in den größten Städten Russlands kommen, allerdings nicht in so starkem Ausmaß wie im Frühjahr 2020 und für eine kürzere Dauer.

Im „Risiko-Szenario“ sieht der Rechnungshof das Bruttoinlandsprodukt nach seinem diesjährigen Rückgang um 4,8 Prozent im nächsten Jahr nur um 1,3 Prozent steigen. 2022 soll sich der Anstieg lediglich auf 2,4 Prozent beschleunigen und 2023 wieder auf 1,5 bis 2 Prozent nachlassen. Bei diesem Konjunkturverlauf werde die Erholung des Bruttoinlandsprodukts vom Rückschlag im Jahr 2020 bis Ende 2023 dauern.

Das „Risiko-Szenario“ unterscheidet sich vom „Szenario 1“ laut Rechnungshof unter anderem durch eine langsamere Erholung der Weltwirtschaft, niedrigere Urals-Ölpreise (bis 2022), einen schwächeren Rubelkurs, eine höhere Inflation und höhere Leitzinsen.

Welche Gründe der Rechnungshof für die Wachstumsschwäche sieht

Für das schwächere Wachstum der russischen Wirtschaft im „Risiko-Szenario“ bei einem längeren Andauern der Pandemie nennt der Rechnungshof unter anderem folgende Gründe:

  • Staatliche Ausgaben, die bisher für Investitionen für „Nationale Projekte“ vorgesehen waren, werden als laufende „Corona-Finanzhilfen“ für Unternehmen und Bürger verwendet.
  • Investitionen werden durch höhere Kreditzinsen bei höheren Preissteigerungen verhindert.
  • Die Einkommen der privaten Haushalte erholen sich langsamer.

Der Rechnungshof stellt heraus, dass nach seiner Einschätzung die Wachstumsraten der russischen Wirtschaft deutlich unter 3 Prozent und unter dem Wachstum der Weltwirtschaft bleiben werden.

Er habe momentan keine Informationen über zusätzliche strukturelle Maßnahmen, die eine Beschleunigung des Wachstums im Zeitraum bis 2023 gewährleisten könnten. Der Haushaltsentwurf für 2021 und die Planungsperiode 2022 bis 2023 sehe eine Rückkehr zu einer Politik fiskalischer Konsolidierung ab 2021 vor.

Als Resultat sei die Wachstumsrate der realen Anlageinvestitionen im Zeitraum 2021 bis 2023 auf 2,5 bis 4 Prozent pro Jahr zu veranschlagen. Das Wachstum der Investitionen reiche offensichtlich nicht aus für einen deutlichen Anstieg der „strukturellen Wachstumsrate“ der Gesamtwirtschaft über 1,5 Prozent jährlich.

Für ein stärkeres Wachstum seien höhere Haushaltsausgaben für Bereiche, die ein langfristiges nachhaltiges Wachstum ermöglichen, erforderlich, zum Beispiel für Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur. Außerdem müssten die Kosten für Investitionen, die Einführung von neuen Technologien und für den Zugang zu ausländischen Märkten für private Unternehmen verringert werden. Das berichtet Finmarket.ru.

Die Zentralbank ist erheblich zuversichtlicher als der Rechungshof

Die Zentralbank veröffentlichte anlässlich der jüngsten Leitzinsentscheidung eine  Aktualisierung ihrer mittelfristigen Prognose. Sie enthält auch für 2020 eine noch relativ breite Prognose-Spanne von – 4,0 Prozent bis – 5,0 Prozent. Damit umfasst sie nicht nur die Prognose im „neutralen Szenario“ des Rechungshofs für 2020 (- 4,2 Prozent), sondern auch noch seine „Risiko-Prognose“ (- 4,8 Prozent). Die optimistischere Prognose des Wirtschaftsministeriums (- 3,9 Prozent) deckt sie auch fast ab.

Die Zentralbank-Prognose für 2020 entspricht weitgehend dem Ergebnis der jüngsten Analysten-Umfrage des Research-Unternehmens FocusEconomics (- 4,6 Prozent). Die Prognose-Spanne der Zentralbank umfasst außerdem auch die jüngsten Prognosen des IWF (- 4,1 Prozent), der EBRD (- 4,5 Prozent) und der Weltbank (- 5,0 Prozent).

Wachstumsprognosen 2020 bis 2022
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   202020212022
Russischer Rechnungshof
“Neutrales Szenario”
10/28/2020-4.2
Urals 42 $/b
2.2
Urals 50 $/b
2.7
Urals 55 $/b
Russischer Rechnungshof
“Risiko-Szenario”
10/28/2020-4.8
Urals 40 $/b
1.3
Urals 45 $/b
2.4
Urals 50 $/b
Russische Zentralbank10/23/2020- 4,0 bis - 5,0
Urals 41 $/b
3,0 bis 4,0
Urals 45 $/b
2,5 bis 3,5
Urals 45 $/b
Internationaler Währungsfonds10/13/2020-4.12.82.3
Weltbank10/07/2020-52.82.4
FocusEconomics
Consensus Forecast
10/06/2020-4.63.32.7
Russisches Wirtschaftsministerium09/14/2020-3.9
Urals 41,8 $/b
3.3
Urals 45,3 $/b
3.4
Urals 46,6 $/b

Die Zentralbank rechnet 2021 mit einer Erholung des BIP um 3 bis 4 Prozent

2021 wird die russische Wirtschaft laut der Prognose der Zentralbank die Produktionseinbußen des Jahres 2020 (4 bis 5 Prozent) mit einem Wachstum von 3 bis 4 Prozent voraussichtlich nicht völlig ausgleichen können.

Mit dieser Prognose sieht die Zentralbank Russlands Konjunktur im nächsten Jahr aber deutlich optimistischer als der Rechnungshof, der auch in seinem „Szenario 1“ 2021 nur ein Wachstum von 2,2 Prozent erwartet.

Die Zentralbank veröffentlichte zu ihrer Wachstumsprognose Ende Oktober in der Aktualisierung ihrer Präsentation für Investoren folgende Abbildung.

Bruttoinlandsprodukt; Veränderungen gegenüber Vorjahr in Prozent
(mit oberen und unteren Grenzen der Prognose-Spannen)

Zentralbank: Investor presentation „Russia’s Economic Outlook and Monetary Policy“; Ausschnitt von Seite 20; 28.10.2020

Bei ihren Prognosen geht die Zentralbank von höheren Urals-Ölpreisen als bisher aus. Für 2020 erwartet sie jetzt 41 Dollar/Barrel (bisher: 38 Dollar/Barrel) und für 2021 45 Dollar/Barrel (bisher 40 Dollar/Barrel.

Zentralbank: Die Inflationsrate liegt nahe an ihrem Ziel von 4 Prozent

Der Anstieg der Verbraucherpreise beschleunigte sich von 3,6 Prozent im August auf 3,7 Prozent im September. Die Zentralbank sieht dies als Ergebnis der preistreibenden Wirkung der starken Abwertung des Rubels, der aber die preisdämpfende Wirkung der Abschwächung der Erholung der Nachfrage der privaten Verbraucher gegenüberstand.

Am Jahresende 2020 wird der Preisanstieg laut der Zentralbank zwischen 3,9 und 4,2 Prozent erreichen. 2021 dürfte er am Jahresende zwischen 3,5 und 4,0 Prozent liegen. Ende 2022 soll dann das von der Zentralbank angestrebte Inflationsziel von 4 Prozent erreicht sein.

Anstieg der Verbraucherpreise
(mit oberen und unteren Grenzen der Prognose-Spannen)

Zentralbank: Investor presentation „Russia’s Economic Outlook and Monetary Policy“; Ausschnitt von Seite 20; 28.10.2020

Der Private Verbrauch und die Anlageinvestitionen sinken 2020 viel stärker als das BIP

Die folgende tabellarische Übersicht der Zentralbank enthält auch ihre Prognosen für die Entwicklung des Verbrauchs der privaten Haushalte und der Brutto-Anlageinvestitionen.

2020 erwartet die Zentralbank jetzt einen wesentlich stärkeren Rückgang des privaten Verbrauchs (- 9,5 bis – 10,5 Prozent) als in ihrer letzten Prognose vom 24. Juli. (- 6,2 bis – 7,2 Prozent).

Auch der Rückgang der Brutto-Anlageinvestitionen wird jetzt mit – 7,8 bis – 9,8 Prozent deutlich stärker eingeschätzt als bisher (- 5,7 bis – 7,7 Prozent).

Mittelfristige Prognosen der Zentralbank zu Inflation und Wachstum

Zentralbank: Investor presentation „Russia’s Economic Outlook and Monetary Policy“; Ausschnitt von Seite 22; 28.10.2020

Dass die Zentralbank jetzt dennoch einen etwas schwächeren Rückgang des Bruttoinlandsprodukts erwartet (- 4 bis 5 Prozent) als in ihrer letzten Prognose Ende Juli (- 4,5 bis – 5,5 Prozent) ist der veränderten Einschätzung der Entwicklung von Ausfuhren und Einfuhren zu verdanken. Der „Außenbeitrag“ wird die gesamtwirtschaftliche Produktion laut der neuen Zentralbank-Prognose stärker stützen als sie bisher annahm.

Die Ausfuhren dürften viel schwächer sinken (- 5,1 bis – 7,1 Prozent) als bisher erwartet wurde (- 13 bis – 15 Prozent).

Die Einfuhren dürften gleichzeitig kaum weniger verringert werden (- 18 bis – 21 Prozent) als bisher angenommen wurde (- 18,8 bis – 21,8 Prozent).

Russlands Leistungsbilanzüberschuss halbiert sich 2020 lediglich

Die veränderte Einschätzung der außenwirtschaftlichen Entwicklung zeigt sich auch in der neuen Prognose der Zentralbank zur Entwicklung des Überschusses in der Leistungsbilanz. Bisher erwartete sie, dass sich der Überschuss von 65 Milliarden Dollar im Jahr 2019 auf lediglich 2 Milliarden Dollar im Jahr 2020 verringert. Jetzt rechnet sie damit, dass sich der Leistungsbilanzüberschuss nur halbiert und in diesem Jahr noch 33 Milliarden Dollar erreicht.

Zentralbank: Investor presentation „Russia’s Economic Outlook and Monetary Policy“; Ausschnitt von Seite 22; 28.10.2020

Der Überschuss in der Handelsbilanz wird sich laut der neuen Prognose der Zentralbank im laufenden Jahr auch lediglich von 165 Milliarden Dollar auf 88 Milliarden Dollar halbieren. Im Juli hatte die Zentralbank noch mit einem deutlich stärkeren Rückgang auf 58 Milliarden Dollar gerechnet.

Leistungsbilanzsaldo, Handelsbilanz und Dienstleistungsbilanz

Zentralbank: Investor presentation „Russia’s Economic Outlook and Monetary Policy“; Ausschnitt von Seite 22; 28.10.2020

Titelbild

Titelbild: Unsplash.com

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

BIP-Prognosen (Rechnungshof; Zentralbank; Wirtschaftsministerium; IWF; Weltbank)

Zentralbank: Berichte und Prognosen

Konjunkturberichte September 2020 von Zentralbank, Wirtschaftsministerium und Rosstat

Periodisch erscheinende Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Weitere Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.