Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Institut der Vnesheconombank legte Berechnungen bis Ende August vor

Russlands Statistikamt Rosstat ermittelt nur vierteljährlich die Veränderungsrate der gesamtwirtschaftlichen Produktion. Mit der Einschränkung der Produktion wegen der Corona-Pandemie ist das russische Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahresquartal laut Rosstat um 8,0 Prozent gesunken. Im ersten Halbjahr 2020 war es 3,4 Prozent niedriger als vor einem Jahr.

Für die weitere monatliche Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im Juli und August 2020 gibt es Berechnungen des russischen Wirtschaftsministeriums und des Forschungsinstiuts der Vnesheconombank. Das VEB-Institut berichtet in seinem am Freitag erschienenen Wochenbericht, dass sich das Tempo der Erholung der russischen Wirtschaft im August stark verlangsamt hat.

Auf der Basis der von Rosstat veröffentlichten Daten für August berechnete das VEB-Institut, dass die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes und der reale Umsatz im Einzelhandel im August sogar nicht weiter gestiegen sind, sondern saisonbereinigt niedriger als im Juli waren. Das weckt Zweifel an einer raschen Erholung der russischen Wirtschaft.

VEB-Institut: Erholung der Produktion verlangsamte sich im August sehr stark

Laut VEB-Institut hat sich das Bruttoinlandsprodukt im Juni gegenüber Mai saisonbereinigt noch um 3,1 Prozent erhöht. Im Juli schwächte sich die Erholung auf 1,7 Prozent ab. Im August nahm das BIP gegenüber Juli nur noch um 0,1 Prozent zu.

Der vor einem Jahr im August 2019 erreichte Stand des Bruttoinlandsprodukts wurde damit im August 2020 um 4,5 Prozent unterschritten (laut den Berechnungen des Wirtschaftsministeriums war der Rückgang mit 4,3 Prozent etwas schwächer). Die folgende Abbildung des Instituts zeigt, dass Russlands Wirtschaft den Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Produktion seit Anfang 2020 damit erst gut zur Hälfte aufgeholt hat.

Index des Bruttoinlandsprodukts laut Schätzung des VEB-Instituts
(Januar 2014 = 100)

Vnesheconombank-Institute: World Economy and Markets Review (18-24 September 2020); Seite 4; 25.09.2020

Weitere Abbildungen des Instituts informieren über die monatliche Entwicklung der Industrieproduktion und der Ausgaben der Verbraucher im Einzelhandel und für private Dienstleistungen.

Industrie: Verarbeitendes Gewerbe erholte sich im August nicht weiter

Die Industrieproduktion wuchs saisonbereinigt im August gegenüber dem Vormonat insgesamt zwar um 1,1 Prozent (schwarze Linie in der folgenden Abbildung). Der Zuwachs war jedoch nicht der Produktion im „Verarbeitenden Gewerbe“ zu verdanken, die im Juli gegenüber Juni noch um 3,5 Prozent gestiegen war. Sie nahm im August gegenüber Juli um 0,7 Prozent ab (blaue Linie).

Der Anstieg der gesamten Industrieproduktion ergab sich vor allem aus der Steigerung der Produktion im Bereich „Bergbau/Förderung von Rohstoffen“ (hellgrüne Linie). Sie wurde im August gegenüber Juli um 4,0 Prozent erhöht, weil die im Rahmen des Abkommens mit der OPEC+ vereinbarten Einschränkungen der Ölproduktion gelockert wurden.

Entwicklung der Industrieproduktion seit 2014
(Januar 2014 = 100)

Vnesheconombank-Institute: World Economy and Markets Review (18-24 September 2020); Seite 4; 25.09.2020

Im Vergleich zum August 2019 war die Produktion im Bereich „Bergbau/Förderung von Rohstoffen“ im August 2020 noch 11,8 Prozent niedriger. Dieser Rückgang war fast drei Mal so stark wie die Abnahme der Produktion im „Verarbeitenden Gewerbe“, die im Vorjahresvergleich zuletzt um 4,1 Prozent sank. Insgesamt war die Industrieproduktion im August 7,2 Prozent niedriger als vor einem Jahr.

Auch der Einzelhandelsumsatz sank im August gegenüber Juli

Der reale Umsatz im Bereich der privaten Dienstleistungen war im Lockdown im Frühjahr besonders tief eingebrochen. Sein Rückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat hat sich seit Juni zwar deutlich verringert. Im August war der Umsatz mit Dienstleistungen aber immer noch 18,8 Prozent niedriger als im August 2019 (blaue Linie in der folgenden Abbildung). Der Rückgang des realen Umsatzes im Einzelhandel (hellgrüne Linie) war im Frühjahr nicht so stark wie bei den Dienstleistungen. Zuletzt vergößerte sich jedoch die Abnahme gegenüber dem Vorjahr wieder. Im August war der reale Einzelhandelsumsatz 2,7 Prozent niedriger als vor einem Jahr.

Realer Umsatz im Einzelhandel und mit privaten Dienstleistungen
Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Vnesheconombank-Institute: World Economy and Markets Review (18-24 September 2020); Seite 4; 25.09.2020

Im Vergleich zum Vormonat ist der Einzelhandelsumsatz im August laut den vorläufigen Berechnungen des VEB-Instituts um 0,5 Prozent gesunken. Der Umsatz bei den Dienstleistungen hat sich im August hingegen weiter erholt. Er stieg im August gegenüber Juli um 6,2 Prozent.

Alfa Bank Chef-Volkswirtin: Auch die Wirtschaftspolitik bremst die Erholung

Natalia Orlova, Chefvolkswirtin der Alfa Bank, weist in ihrer Analyse der Wirtschaftsdaten vom August, auf die unerwartet schwache Entwicklung des Verarbeitenden Gewerbes und des Einzelhandels im August hin. Sie meint, das Wachstum der Wirtschaft werde jetzt auch von seiten der Geld- und Finanzpolitik weniger gefördert.

Zu einen habe die Zentralbank ihren Leitzins nicht weiter gesenkt. Bisher habe sie erwartet, dass die Zentralbank den Leitzins bis zum Jahresende auf 3,75 Prozent senken könnte. Jetzt scheine aber nicht einmal eine Senkung auf 4,0 Prozent garantiert.

Außerdem habe die Regierung einen Entwurf für den Föderalhaushalt 2021 veröffentlicht, der nicht nur eine Senkung der nominalen Ausgaben von 22 bis 24 Billionen Rubel in diesem Jahr auf 21,5 Billionen Rubel im nächsten Jahr vorsehe. Die Regierung schlage auch eine ganze Reihe von Steuererhöhungen vor.

Alfa Bank-Prognosen für September:
Einzelhandel und Industrieproduktion erholen sich weiter

Für September erwartet Orlova aber, dass sich der Rückgang des realen Einzelhandelsumsatzes gegenüber dem Vorjahresmonat nicht erneut verschärft, sondern auf 1,3 Prozent verringert (siehe letzte Spalte der folgenden Tabelle). Der Rückgang der Industrieproduktion werde sich weiter auf 5,8 Prozent abschwächen. Die bereits auf 6,4 Prozent gestiegene Arbeitslosenquote werde sich nicht weiter erhöhen.

Entwicklung von Konjunkturdaten im ersten Quartal und im ersten Halbjahr 2020 sowie von Mai bis August 2020 (mit Prognose für September)

Für eine wachsende Nachfrage der Verbraucher in den nächsten Monaten spricht nach Ansicht von Natalia Orlova auch ihre weiter steigende Verschuldungsbereitschaft. Nach vorläufigen Daten der Zentralbank stiegen die Konsumentenkredite im August im Vorjahresvergleich mit 13,3 Prozent noch etwas stärker als im Juli. Als Hauptgrund für den auf – 2,7 Prozent beschleunigten Rückgang des realen Einzelhandelsumsatzes im August nennt Orolova Lieferschwierigkeiten der Anbieter. Für Dmitry Dolgin, Russland-Chefvolkswirt der ING Bank, ist eine Erklärung der schwachen Entwicklung im Einzelhandel, dass durch die Öffnung einiger ausländischer Reiseziele für russische Touristen Nachfrage ins Ausland abgeflossen ist. Dolgin vergleicht in der folgenden Abbildung die Entwicklung des realen Einzelhandelsumsatzes (rote Linie) mit der Entwicklung der Reallöhne (blaue Säulen).

Reallöne und realer Einzelhandelsumsatz
Veränderungen gegenüber Vorjahresmonat in Prozent

Corona-Krise kostete Einkommen

Die Reallöhne der Arbeitnehmer sind trotz der Einschränkungen der Produktion wegen der Corona-Pandemie laut Rosstat gestiegen. Im Juli 2020 waren sie 2,3 Prozent höher als vor einem Jahr. Den Anstieg im August schätzt die Alfa Bank auf 2,2 Prozent.

Im gesamten ersten Halbjahr 2020 sind die Reallöhne im Vorjahresvergleich um 2,9 Prozent gestiegen.

Im Gegensatz dazu sanken die insgesamt real verfügbaren Einkommen der Bevölkerung, die nur vierteljährlich ermittelt werden, im ersten Halbjahr laut Rosstat um 3,7 Prozent. Dabei waren sie im ersten Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahresquartal noch um 1,2 Prozent gestiegen. Im zweiten Quartal unterschritten sie ihr Vorjahresniveau jedoch um 8,0 Prozent. Das berichtet das „Zentrums für makro-ökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen“ CMASF in seinem monatlichen Konjunkturbericht „Trends in the Russian Economy“.

Die folgende Abbildung des CMASF zeigt den Rückgang der real verfügbaren Einkommen im ersten und im zweiten Quartal 2020 (saisonbereinigt: dunkelblaue Linie; unbereinigt: hellblaue Linie).

Real verfügbare Einkommen der Bevölkerung;
unbereinigt und saisonbereinigt;
(in Prozent des durchschnittlichen Quartalswertes im Jahr 2013)

Center for Macroeconmic Analysis And Short term Forecasting, CMASF:
Trends in the Russian Economy, 24.09.2020
Titelbild

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Konjunkturberichte August 2020 von Zentralbank, Wirtschaftsministerium und Rosstat

Periodisch erscheinende Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Zentralbank: Berichte und Prognosen

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.