Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Simon SchüttVon

Am gestrigen 6. April hat die Weltbank ihren neuen Bericht über die russische Wirtschaft veröffentlicht, den „Russia Economic Report“, der zwei Mal im Jahr erscheint. Der Bericht trägt den Untertitel „The Long Journey to Recovery“ – der lange Weg zur Erholung. Der Bericht wurde von den Ökonomen der Weltbank unter der Leitung von Birgit Hansl erstellt. Hier stellen wir für Sie die grundlegenden Feststellungen des Berichts dar. 

Weltbank-Bericht zu Russland

Klicken Sie auf das Bild, um zum Bericht der Weltbank für Russland (April 2016) zu gelangen.

Das sind die wesentlichen Erkenntnisse des Berichts:

Weitere Erkenntnisse im Überblick.


Hier folgt nun für Sie in deutscher Übersetzung von Ostexperte.de die detailliertere Beschreibung wie sie in dem Bericht steht (es ist KEINE offizielle Übersetzung der Weltbank). Wenn Sie auf die Sätze oben klicken, gelangen Sie zur ausführlichen Erklärung weiter unten. 

Die erwartete Erholung der russischen Wirtschaft verzögert sich.

2015 begann die russische Wirtschaft ihre schwierigen Anpassungen an die globalen Öl-Preisschocks und die Verhängung von Wirtschaftssanktionen 2014. Die Auswirkungen dieses Doppel-Schocks haben Russlands Wirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt, die ihren Tiefpunkt im zweiten Quartal 2015 erreichte. Nach einer kurzen Erholung Anfang des Jahres führte ein Verfall der globalen Ölpreise im August 2015 dazu, dass die erwartete Erholung ausblieb und das jährliche reale BIP um 3,7 Prozent zurückging.

Die ökonomische Anpassung an die Krise verlief hauptsächlich über Einschnitte bei den Einkommen.

Die Anpassung an das sich verschlechternde Umfeld führte zu einem geschätzten Rückgang der Bruttoeinkommen um 10 Prozent. Das untergrub die Konsumnachfrage und hielt von Investitionen ab. Der erneute Absturz der Ölpreise übte weiteren Abwärtsdruck auf den Rubel aus und der Pass-Through-Effekt lies die Inflationsrate in zweistellige Bereiche steigen. Die steigende Inflation lies die Reallöhne sinken, Pensionen und andere Transferleistungen, was wiederum zu einem geschätzten Rückgang des Haushaltskonsums um 9,6 Prozent führte – die erste Kontraktion dieser Höhe seit der Krise von 2008.

Die Bemühungen der Behörden, die Inflation in den Griff zu bekommen verlangsamten die Inflation und die Zentralbank hat ihren Leitzins seit August 2015 bei 11 Prozent beibehalten. Währenddessen wurden die Wirtschaftssanktionen verlängert und schränken den Zugang zu den globalen Finanzmärkten ein, behindern, dass Kapital ins Land fließt und schädigen das Vertrauen von Investoren. Hohe Kapitalkosten und die eingebrochene Konsumnachfrage bieten den Firmen wenig Anreize, zu investieren und die Bruttoinvestitionen fielen 2015 um 18,7 Prozent – das dritte Jahr in Folge.

Die Politik der russischen Regierung hat die Anpassung der russischen Wirtschaft bislang erleichtert.

Die flexible Wechselkurs-Politik förderte die Angleichung des Wechselkurses zur Unterstützung des ökonomischen Übergangs. 2015 hat der durchschnittliche Rubelkurs zum Dollar um 37,4 Prozent abgewertet während die Ölpreise um 47 Prozent fielen. Indes hat eine Abwertung des realen Wechselkurses um 16,5 Prozent hat die Importe um 25,7 Prozent sinken lassen – was bei der Leistungsbilanz zu einer Fast-Verdopplung des Überschusses auf 5,2 Prozent des BIPs führte.

Die relativen Preise bevorzugen nun russische Firmen und die Exportleistung verbesserte sich in einigen Rohstoff-Bereichen außerhalb des Energie-Sektors wie Kohle, Metalle und Chemikalien. Aufgrund des flexiblen Wechselkurses war der fiskale Einfluss der Anpassungen weniger schwer, als für andere Ölexporteure. Ein fiskaler Kosolidierungsplan bleibt dennoch notwendig. Der Plan erscheint angemessen, weil die sich häufenden Ausgabenerhöhungen der letzten Jahre bei einer Umgebung von sinkenden Öl- und Gas-Einnahmen nicht beibehalten werden können. Diese machen noch immer rund 40 Prozent der Staatseinnahmen aus. Während die föderalen Ausgaben real gesehen abnahmen, erreichte das Defizit des Staatshaushalts 2,4 Prozent.

Der Reservefonds wurde dazu verwendet, das Defizit zu finanzieren. Das führte dazu, dass er bis Ende 2015 um 50 Prozent auf 46 Milliarden US-Dollar schrumpfte. Ein separater Anti-Krisen-Plan der Regierung in Höhe von 2,4 Milliarden Rubel der die Renten vollständig der Inflation anpasste, half, die Auswirkungen der Konsolidierungen zu mildern und unterstützte den Finanzsektor über eine Rekapitalisierung.

Es haben sich Möglichkeiten ergeben, die Wettbewerbsfähigkeit in den Nicht-Rohstoff-Sektoren zu verbessern.

Fallende Ölpreise haben ernsthafte Schwächen im momentan Wachstumsmodell Russlands offengelegt, aber die Rubelabwertung hat auch Möglichkeiten geschaffen, die Wettbewerbsfähigkeit seines Nicht-Rohstoff-Sektors über eine Export-Diversifikation und eine Expansion auf nichttraditionelle Märkte zu steigern. [An dieser Stelle wird auf das Kapitel „Special Focus“ des Reports verwiesen, der die komplexen strukturellen und historischen Herausforderungen vor denen Russlands Export-Sektor steht, beschreibt.]

Über Jahrzehnte hat die wachsende Dominanz des Sektors der natürlichen Ressourcen des Landes die gesamtökonomische Wettbewerbsfähigkeit untergraben. Hohe Rohstoffpreise haben die Wirtschafts- und Exportstruktur des Landes zugunsten von Öl, Gas und Bergbau verzerrt.

Russlands Exportstruktur wird zunehmend konzentrierter in Hinblick auf Produkte und Märkte. Die hohe Rentabilität von Primärrohstoffen hat Wertschöpfung verhindert und die Entwicklung neuer Exporte erstickt. Die nun entstehenden Möglichkeiten zu fördern, um einen breiteren und weiter entwickelten Produkt- und Export-Mix zu entwickeln, wird einen deutlichen Anstieg privater Investitionen erfordern. Der momentane, vielleicht auch nur temporäre Preisvorteil, der durch die Abwertung entsteht, ist möglicherweise nicht ausreichend, Investoren anzulocken. Außer, er ist von wesentlichen Verbesserungen des Investitionsklimas begleitet.

Die aktuellen Prognosen deuten auf einen langen Weg bis zur Erholung hin.

Weltbank-Bericht zu Russland

Screenshot aus dem Bericht der Weltbank (S.34): Welches Wachstum die Weltbank für die russische Wirtschaft erwartet – mit verschiedenen Szenarien.

Die Umstände, die Russlands Wirtschaft in eine Rezession geführt haben, beginnen langsam abzuflauen, aber das Basisszenario der Weltbank erwartet eine weiteren Rückgang um 1,9 Prozent 2016. 2017 wird das BIP-Wachstum schätzungsweise wieder zu einem positiven, wenn auch geringen Wachstum von 1,1 Prozent zurückkehren. Für die Ölpreise wird von einem Durchschnitt für 2016 von 37 US-Dollar pro Barrel ausgegangen. 2017 wird er vermutlich auf 50 Dollar und darüber ansteigen. Die Rohstoffpreise allgemein werden weiterhin Russlands mittelfristigen Ausblick dominieren.

In einem Szenario mit niedrigeren Ölpreisen könnte die Wirtschaft 2016 um 2,5 Prozent zurückgehen und sich 2017 auf ein Wachstum von 0,5 Prozent erholen. In dem Szenario mit höheren Ölpreisen wird der Rückgang 2016 nur 0,7 Prozent betragen und das Wachstum 2017 bei 1,7 Prozent liegen.

Die Rezession macht Russlands bedeutende Fortschritte bei der Armutsbekämpfung rückgängig.

2015 stieg Russlands Armutsrate von 11,2 auf 13,4 Prozent an – um 3,1 Millionen Menschen auf 19,2 Millionen Menschen, die in Armut leben. Die hohe Inflation trug zu einer Erosion der Reallöhne um 9,5 Prozent 2015 bei, während die Nicht-Lohn-Einkommensquellen wie Pensionen und andere Transferleistungen unter der Inflationsrate lagen.

Die sinkenden Reallöhne haben die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt jedoch abgefangen und die Arbeitslosigkeit stieg nur leicht – von einem Rekord-Tief von 5,3 Prozent 2014 auf 5,6 Prozent 2015. Trotzdem wird erwartet, dass die Armut in allen Szenarios weiter steigt. Der Grund dafür ist ein stetiger Anstieg der Arbeitslosigkeit verbunden mit marginal steigenden Einkommen. Die Anforderungen der Konsolidierung des Staatshaushalts schränken die Fähigkeit der Regierung für Ausgaben zur Armutsbekämpfung ein. Im Basisszenario wird davon ausgegangen, dass sich die Zahl der in Armut lebenden Menschen in Russland 2016 um weitere 1,1 Millionen Menschen erhöht und die Armutsrate auf 14,2 Prozent steigt. Das wäre der größte Anstieg der Armut seit der Wirtschaftskrise 1998-1999 und würde die Errungenschaften von rund einer Dekade zunichte machen. Bessere Wachstumsaussichten für 2017 könnten die Armutsrate jedoch stabilisieren.

Beim Ausblick für Russlands Wirtschaft überwiegen die Abwärtsrisiken.

Die Wirtschaft steht vor einer unsicheren globalen Erholung. Während sie sich langsam an das ungünstige externe Umfeld von niedrigen Ölpreisen und andauernden Wirtschaftssanktionen anpasst, verändert sich der Fokus der ökonomischen Anpassung hin zu finanzpolitischen und den Finanzsektor betreffenden Herausforderungen.

Der politische Spielraum für Russlands weitere Anpassungen hat sich jedoch verringert, weil die finanziellen Puffer zunehmend aufgebraucht werden. Als Teil der geplanten Konsolidierung des Staatshaushalts wird eine strategische Restrukturierung der Ausgaben, die über Budget-Einschnitte hinausgeht sowie Anstrengungen, die Nicht-Öl-Einnahmen zu stärken, nötig sein, um sich an langwierig geringere Öl- und Gaseinnahmen anzupassen.

Die Rückkehr zu einem glaubwürdigen mittelfristigen finanzpolitischen Rahmen wird essentiell sein, um das Vertrauen der Konsumenten und der Unternehmen zu steigern. Dazu muss die fiskale Unsicherheit reduziert werden. Finanzpolitische Disziplin beizubehalten, wird mutige Entscheidungen bei der Planung der Budgets für 2017 erfordern, weil die Behörden danach streben, neue mittelfristige finanzpolitische Prioritäten aufzustellen. Eine massive Rekapitalisierung der Banken hat den Finanzsektor temporär stabilisiert. Die Schwachstellen des Systems zu kontrollieren wird aber eine ständige Wachsamkeit erfordern und die Bereitschaft, weitere Maßnahmen zur Stabilisierung zu implementieren.

Russlands langfristige Wachstumsentwicklung hängt von der Effektivität seiner Strukturreformen ab.

Politik, die darauf abzielt, das Vertrauen der Investoren zu stärken, könnte die langfristigen Wachstumserwartungen deutlich verbessern. Administrative Barrieren für Geschäfte in Russland, hohe Transport- und Logistikkosten und die Wahrnehmung eines ungleichen Spielfelds verhindern Investitionen – insbesondere im Nicht-Ressourcen-Sektor.

Der neue Anti-Krisen-Plan der Regierung erkennt die Bedeutung, strukturelle Einschränkungen anzugehen und setzt den Schwerpunkt nicht ausschließlich auf Notfall-Maßnahmen. Er beinhaltet auch eine Reihe mittelfristiger Entwicklungsinitiativen, die Investitionen ankurbeln sollen. Darunter sind auch Reformen, die regulatorische Unsicherheiten verringern und juristische Prozesse sowie die Strafverfolgungssystem stärken sollen. Die zügige und umfassende Umsetzung dieser Maßnahmen würde den Willen der russischen Regierung deutlich signalisieren, das Investitionsklima zu verbessern.

Ohne schnelle und nachhaltige Investitionen in neue Industrien könnte Russland die Möglichkeit verpassen, die sich momentan durch den Preisvorteil bietet. Ausreichendes Produktivitätswachstum zu erreichen, um die langfristige Entwicklung des Landes zu verbessern, wird sehr herausfordernd bis die strukturelle Einschränkungen für Investitionen nicht effektiv angegangen werden.

Weitere Erkenntnisse der Weltbank im Überblick:

  • Die Sanktionen werden nach Schätzungen der Weltbank wohl erst 2018 aufgehoben.
  • Es ist unwahrscheinlich, dass Russland sein Defizit-Ziel von drei Prozent des BIP 2016 einhält.
  • Es wird erwartet, dass der Reservefonds zum Jahresende erschöpft ist. Dadurch müsse sich das Land entweder mehr Geld leihen oder die Einnahmen durch Privatisierungen erhöhen.
  • Erfahrene Exporteure konnten vom Preisvorteil durch den schwachen Rubel profitieren, Firmen, die traditionellerweise für den heimischen Markt produzierten, hingegen weniger. Die Anpassung an internationale Qualitätsstandards und Produktprofile benötige Zeit und Investitionen. Dieser Prozess sei bereits im Gange.
  • Der russische Bankensektor bleibt bis 2017 anfällig. 100 Banken wurden im vergangenen Jahr geschlossen – die Konsolidierung des Bankensektors wird fortgesetzt.

 

Titelbild

Quelle:

Von Simon Schütt

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.