Klaus DormannVon

Neue Prognosen des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche

Unumstritten, die russische Konjunktur leidet unter der Coronakrise. Doch das dritte Quartal zeigt, dass der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts sich noch in Grenzen hält: verglichen mit dem letzten Jahr war die gesamtwirtschaftliche Produktion Russlands in diesem Jahr nur 3,6 Prozent niedriger, wie die Statistikbehörde Rosstat berichtete. Damit war der Rückgang nur noch knapp halb so stark wie im zweiten Quartal (- 8,0 Prozent), als es wegen der Corona-Pandemie umfassende Beschränkungen für die Aktivitäten der Wirtschaft gab. Aber wie stark ist im Corona-Herbst die gesamtwirschaftliche Produktion Russlands im internationalen Vergleich gesunken? Die neue Herbstprognose des „Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw)“ zeigt, dass der diesjährige BIP-Rückgang in den Ländern in Mittel-, Ost- und Südosteuropa (MOSOEL) im Durchschnitt ebenso stark sein dürfte wie in Russland (- 4,5 Prozent). In Westeuropa wird die Wirtschaftsleistung 2020 laut wiiw hingegen noch viel mehr sinken. So rechnet das Institut für die Eurozone mit einem fast doppel so hohen Rückgang um 8,5 Prozent.

Der Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sieht das in seinem neuen Jahresgutachten ziemlich ähnlich. Er prognostiziert, dass die Wirtschaft in Russland in diesem Jahr um 4,4 Prozent schrumpfen wird. Im Euro-Raum rechnet er mit einem Rückgang um 7,0 Prozent (siehe Tabelle Seite 44).

Russlands BIP: ein verhältnismäßig geringer Rückgang

Die bisherige Produktionsentwicklung Russlands in der Corona-Krise hat das Forschungsinstitut der Vnesheconombank in der folgenden Abbildung mit der Entwicklung in China (rote Linie), in den USA (gelbe Linie), in den Ländern der Eurozone (blaue Linie) und im Vereinigten Königreich (gestrichelte Linie) verglichen.

Vnesheconombank Institute: World Economy and Markets; 06. – 12.11.2020; Seite 4; 13.11.2020

Die Abbildung zeigt, dass der Rückgang des russischen Bruttoinlandsprodukts (grüne Linie) im dritten Quartal vom Rückgang des BIP in den USA und der Eurozone nur wenig abwich. In Russland sank das Bruttoinlandsprodukt im Vorjahresvergleich laut einer Tabelle des VEB-Instituts im dritten Quartal mit – 3,6 Prozent nur wenig stärker als das BIP in den USA (- 3,0 Prozent) und kaum schwächer als das BIP in der Eurozone (– 4,4 Prozent laut neuen Eurostat-Berechnungen).

Viel größer war im dritten Quartal noch der Unterschied zu Großbritannien. Dort war das Bruttoinlandsprodukt noch 9,6 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Im zweiten Quartal war das BIP im Vereinigten Königsreich sogar um 21,5 Prozent gesunken.

Im zweiten Quartal ging auch die Produktion in der Eurozone mit fast – 15 Prozent noch viel stärker zurück als in Russland (- 8,0 Prozent).

In den USA entwickelte sich das Bruttoinlandprodukt seit Ende 2019 hingegen nur geringfügig anders als in Russland.

Die Entwicklung in China weicht deutlich von der Entwicklung in allen übrigen Wirtschaftsräumen ab. In China sank das BIP im Vorjahresvergleich nur im ersten Quartal 2020. Bereits seit dem zweiten Quartal ist es wieder höher als vor einem Jahr.

Die Rezession im MOSOEL-Raum ist ähnlich schwach wie in Russland

Im gesamten Jahr 2020 erwartet das „Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche“ in seiner am Donnerstag veröffentlichten Herbstprognose für Russland einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 4,5 Prozent. Diese Prognose liegt in der Mitte der aktuellen Prognose-Spanne der russischen Zentralbank (- 4,0 bis – 5,0 Prozent). Die Anfang November veröffentlichte internationale Umfrage des Research-Unternehmens FocusEconomics ergab, dass die Analysten im Durchschnitt für Russlands Wirtschaft in diesem Jahr einen Produktionsrückgang um 4,3 Prozent erwarten.

Laut dem Wiener Institut ist wie für Russland auch für die Gesamtheit der 23 von ihm analysierten Staaten in Mittel, Ost- und Südosteuropa im laufenden Jahr nun mit einem Rückgang des BIP um 4,5 Prozent zu rechnen.

Niedriger Dienstleistungsanteil dämpfte den Produktionseinbruch

Die folgende wiiw-Abbildung zeigt, dass im zweiten Quartal 2020 der gesamtwirtschaftliche Produktionsrückgang gegenüber dem Vorjahr in fast allen MOSOEL-Staaten deutlich schwächer war als in Österreich (AT, rote Säule) und im gesamten Euro-Raum.

Das wiiw führt dies auf den relativ niedrigen Anteil des Dienstleistungssektors an der gesamtwirtschaftlichen Produktion im MOSOEL-Raum zurück. Bei den Dienstleistungen waren die Produktionsausfälle durch die Restriktionen wegen der Pandemie am stärksten.

Trotz strikter Lockdowns – wirtschaftliche Verluste kleiner als in Westeuropa

Vasily Astrov; wiiw: Coronavirus lässt keine schnelle Erholung zu; Seite 4; 12.11.2020

Nur in den in hohem Maße vom Tourismus abhängigen Staaten Kroatien (HR) und Montenegro (ME) brach das BIP im zweiten Quartal etwa ebenso stark oder noch stärker ein als im Euro-Raum. In diesen beiden Ländern erwartet das wiiw auch für das Gesamtjahr 2020 weit überdurchschnittlich hohe Rückgänge des BIP (Kroatien: – 9,4 Prozent; Montenegro: – 9,0 Prozent).

Überdurchschnittliche hohe Produktionseinbußen haben 2020 im MOSOEL-Raum laut wiiw auch Staaten mit einer bedeutenden Automobilindustrie zu erwarten, so die Slowakei (- 7,3 Prozent), die Tschechische Republik (- 6,6 Prozent), Ungarn (- 6,5 Prozent) sowie Slowenien (- 6,7 Prozent). In der Autoindustrie habe es im zweiten Quartal einen Einbruch der Nachfrage gegeben, berichtet das wiiw. Es sei auch zu Unterbrechungen internationaler Wertschöpfungsketten gekommen.

WIIW: Nach schlechtem vierten Quartal erholt sich die Wirtschaft nur langsam

Im Herbst haben auch in den meisten MOSOE-Ländern die Corona-Infektionen stark zugenommen. Einige Regierungen verhängten erneut Beschränkungen für die Produktionsaktivitäten der Unternehmen.

In der Präsentation der wiiw-Herbstprognose heißt es zur aktuellen Entwicklung in den MOSOE-Ländern:

„Das vierte Quartal 2020 wird schlecht.“ (Seite 11)

Angesichts der aktuellen Lage scheine „eine „Double-Dip“ Rezession heuer unvermeidbar“, schreibt das wiiw in seiner Pressemitteilung. Gleichzeitig geht das Institut laut seiner Mitteilung aber in seinem Basisszenario davon aus, „dass ein wirksamer Impfstoff und/oder eine effektive Behandlung gegen das Coronavirus gefunden wird und die Pandemie somit ohne längere Lockdowns eingedämmt werden kann.“

Das Institut unterstreicht, dass Prognosen angesichts des ungewissen weiteren Verlaufs der Pandemie derzeit sehr unsicher sind. Es sieht für seine Prognosen hauptsächlich Abwärtsrisiken. Viel werde auch davon abhängen, ob staatliche Hilfsprogramme weiter fortgeführt werden können.

In den MOSOE-Staaten erwartet das wiiw in den nächsten beiden Jahren insgesamt nur eine langsame Erholung. In Belarus werde aufgrund der anhaltenden politischen Turbulenzen das BIP 2021 sogar weiter sinken (- 1,2 Prozent).

Nur drei der 23 Volkswirtschaften (Litauen, Serbien und die Türkei) hätten Aussichten, schon 2021 wieder den Produktionsstand von 2019 zu erreichen.

Die gesamte Region werde voraussichtlich im nächsten Jahr ein Wachstum von 3,1 Prozent erreichen, das sich 2022 geringfügig auf 3,3 Prozent beschleunigen dürfte. Der Produktionsrückgang um 4,5 Prozent im Jahr 2020 würde damit also im Verlauf des Jahres 2022 aufgeholt sein.

Zur wiiw-Prognose der BIP-Entwicklung in den größeren MOSOE-Ländern veröffentlichte die Wiener Zeitung eine detaillierte Übersicht, welche sich unter diesem Link findet.

In Russland erholt sich die Wirtschaft besonders langsam

In Russland rechnet das wiiw 2021 mit einer Erholung der gesamtwirtschaftlichen Produktion um nur 2,5 Prozent, die sich 2022 sogar noch leicht abschwächen werde (+ 2,1 Prozent). Damit werde Russland erst etwa Ende 2022 wieder den Stand der Produktion im Jahr 2019 erreichen.

Ein Grund für das besonders schwache Wachstum sei, dass sich die Ölpreise wahrscheinlich kaum von ihrem aktuell gedrückten Niveau erholen dürften. Die Ölfördermengen würden weiterhin durch die Vereinbarungen im Rahmen der OPEC+ beschränkt bleiben. Davon werde auch Kasachstan betroffen sein. Auch eine Lockerung der westlichen Sanktionen gegenüber Russland zeichne sich nicht ab. Zudem ürfte die relativ konservative Fiskal- und Geldpolitik in Russland kaum gelockert werden.

Bei einer vom 25. Oktober bis 02. November durchgeführten Umfrage der Konjunkturforschungsabteilung der Moskauer Higher School of Economics ergaben sich ähnliche Erwartungen für den Konjunkurverlauf in Russland bis 2022 wie in der wiiw-Prognose. Nach einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 4,0 Prozent im laufenden Jahr wurde von den Befragten im Durchschnitt für 2021 ein Wachstum von 2,7 Prozent erwartet, das sich 2022 auf 2,3 Prozent abschwächen werde.

Die Erholung in Russland ist voraussichtlich auch schwächer als in Polen

Die folgende wiiw-Abbildung zeigt die voraussichtliche Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts und der Beiträge einzelner Nachfragekomponenten in Russland (RU) im Vergleich mit der Entwicklung in Polen (PL), der Slowakei (SK), Kroatien (HR), Serbien (RS) und der Türkei (TR).

Erkennbar ist, dass sich der diesjährige Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in Russland um voraussichtlich 4,5 Prozent vor allem aus dem Rückgang der Inlandsnachfrage ergibt. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte und die Bruttoanlageinvestitionen sinken. Wachstumsbeiträge leisten demgegenüber die Konsumausgaben des Staates und die Bestandsveränderung (Lageraufbau).

Das schwache Wachstum um 2,5 Prozent im nächsten Jahr wird nach Einschätzung des wiiw vom Konsum der privaten Haushalte, den Bruttoanlageinvestitionen und den Nettoexporten getragen. Wachstumsdämpfend werde der Lagerabbau wirken.

Die Inlandsnachfrage ist am stärksten betroffen

Vasily Astrov; wiiw: Coronavirus lässt keine schnelle Erholung zu; Seite 6; 12.11.2020

Polen wird nach Einschätzung des wiiw zwar im laufenden Jahr mit – 4,4 Prozent einen kaum schwächeren Rückgang des BIP verzeichnen als Russland (- 4,5 Prozent). Im nächsten Jahr erwartet das wiiw in Polen mit + 3,5 Prozent jedoch eine merklich schnellere Erholung als in Russland (+ 2,5 Prozent). Sie dürfte vor allem von den Konsumausgaben der privaten Haushalte und den Bruttoanlageinvestitionen getragen werden. 2021 erwartet das wiiw in Polen aber auch weitere Wachstumsimpulse von den Konsumausgaben des Staates und den Nettoexporten.

WIIW: Nach der Krise eröffnen sich neue Chancen für Osteuropa

Auf längere Sicht erwartet das wiiw, dass sich für die Volkswirtschaften in Osteuropa, sobald der Wirtschaftsaufschwung wieder in Fahrt kommt, auch wieder neue Chancen auftun. Die Region könnte von Produktionsverlagerungen aus Asien  ebenso profitieren wie von der Digitalisierung der Wirtschaft. Generell werde das Wachstum in den MOSOEL auch mittelfristig wesentlich höher ausfallen als in Westeuropa.

Vasily Astrov stellte die Herbstprognose des wiiw auch in einem Webinar des wiiw vor (Video).

Titelbild

Titelbild: pexels.com

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Das Bruttoinlandsprodukt war im dritten Quartal nur noch 3,6 Prozent niedriger als im Vorjahr

wiiw-Prognose für Mittel-, Ost- und Südosteuropa (einschl. Türkei): Langsame Erholung

Konjunkturprognosen für Russland: Sachverständigenrat; EU-Kommission; Zentralbank; HSE-Umfrage; Rechnungshof/Gaidar-Institut; Wirtschaftsministerium; IWF; Weltbank

Wöchentliche Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Sonstige periodische Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Weitere Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.