Thorsten GutmannVon

CEO Lokomotive Moskau: „Die WM wird den Fußball in Russland verändern“

2018 ist ein spannendes Jahr für Lokomotive Moskau. Der Fußballverein hat in der Premjer-Liga die russische Meisterschaft gewonnen. Zudem ist Russland Gastgeber der Fußball-WM im Sommer. Alexey Kirichek, CEO des traditionsreichen Fußballclubs „Loko“, spricht im Interview über Geschäftschancen, deutsch-russische Beziehungen und Erwartungen an die Weltmeisterschaft. 


Herr Kirichek, Gratulation zur russischen Meisterschaft. Warum war Ihr Verein in diesem Jahr so erfolgreich?

Die Mannschaft hat diese Saison sehr erfolgreich und konstant gespielt. Es war ein großer Erfolg für unseren Verein, in der UEFA Europa League unter die 16 besten Mannschaften gekommen zu sein. Jetzt haben wir die russische Meisterschaft gewonnen, was sehr erfreulich ist.

Wie wichtig ist Lokomotive Moskau für die Geschichte des russischen Fußballs?

Der Club hat eine lange Geschichte mit einer 95-jährigen Tradition. Obwohl Lokomotive in der Sowjetunion nicht besonders erfolgreich war, sind wir seit den frühen 90ern das Top-Team der Liga. Nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus unternehmerischer Sichtweise ist die Geschichte von Lokomotive Moskau durch Erfolge geprägt.

Russland ist 2018 Gastgeber der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft. Wie wichtig ist das Event für das Image des Landes?

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist eines der größten Events im Weltsport, bald auch größer als die Olympischen Spiele. Das Interesse am Fußball ist enorm. Natürlich geht es für das Land, das die WM austrägt, nicht nur um das Spiel selbst. Es ist eine gute Möglichkeit, um unser Land und die weltbekannte Gastfreundlichkeit der Russen zu repräsentieren. Meiner Meinung nach wird Russland als ein großes und sicheres Land wahrgenommen, das viel zu bieten hat.

Welche Geschäftschancen ergeben sich für den russischen Fußball?

Die WM wird auch die russische Liga beeinflussen. Unternehmen aus verschiedenen Ländern haben im Vorfeld ein Interesse am Fußballgeschäft erklärt. Erst vor kurzem hat eine größere chinesische Firma, die hier in Russland tätig ist, Kontakt mit uns aufgenommen. Während der WM wird der Wettbewerb natürlich im weltweiten Fokus der Medien stehen. Deshalb glaube ich, dass die WM die Zuschauerzahlen in der Premjer-Liga beeinflussen wird. Es geht dem Publikum nämlich nicht nur um die Spiele selbst, sondern auch um die Stadien, die sich der eine oder andere gerne ansehen will. Die Tickets für die Länderspiele der WM werden nicht für alle erschwinglich sein. In der Premjer-Liga hingegen stellen die Preise kein Problem dar. Die Menschen werden zurückkommen wollen, was sich positiv auf die künftige Entwicklung im russischen Fußballgeschäft auswirken wird. Betrachtet man die vergangenen Weltmeisterschaften, gab es nach jeder WM in der Bevölkerung immer ein großes Interesse am Fußball. Zumindest für die nächsten zwei, drei Jahre. Darauf wollen wir aufbauen.

RZD-Arena von Lokomotive Moskau

Der Fußballverein FC Lokomotive Moskau trägt seine Heimspiele in der RZD-Arena aus. Die „Russischen Eisenbahnen“ sind Hauptsponsor und Anteilseigner des Vereins. Quelle: superchangoLokomotiv Stadium 1, Zuschnitt auf 1040×585., CC BY 2.0

Wie beteiligt sich Lokomotive Moskau an der WM?

Einer der Nationalmannschaften stellen wir unser Trainingscamp zur Verfügung. Es ist eine gute Werbung für unsere Einrichtungen. Wir hoffen, dass unsere Spieler zu ihren jeweiligen Nationalmannschaften berufen werden und somit Lokomotive Moskau vertreten.

Beim Bau der Stadien gab es enorme Probleme, z. B. in Samara oder in St. Petersburg. Wie gut ist Russland auf die WM vorbereitet?

Wenn man sich die letzten Weltmeisterschaften in Brasilien oder Südafrika ansieht, waren die Bauarbeiten teilweise auch erst zwei Monate vor dem Eröffnungsspiel abgeschlossen. Jedes Gastgeberland sieht sich da in einem Wettstreit mit den anderen. Jeder will das Beste aus seinen Stadien und Anlagen rausholen. Natürlich können Kosten nicht richtig eingeschätzt werden. Dennoch war am Ende jedes Land gut vorbereitet. Was die Sicherheit angeht, werden die Standards in den Stadien erhöht. Aus meiner Sicht werden hier einige der strengsten Sicherheitsvorkehrungen in der Geschichte des Wettbewerbs vorgenommen. Daher glaube ich, dass wir für die Meisterschaft gut vorbereitet sind.

Was sind Ihre Erwartungen an das russische Team?

Wir glauben an unsere Spieler und daran, dass sie ihr Bestes geben werden. Ich will nichts voraussagen, im Fußball kann man schließlich nie wissen.

Vor ein paar Monaten hat Lokomotive Moskau eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Fußballverein Eintracht Frankfurt begonnen. Können Sie uns mehr dazu erzählen?

Wir sind alle sehr dankbar, an den ersten deutsch-russischen Gesprächen im Kontext des Fußballgeschäfts teilnehmen zu dürfen. Die Idee kam ursprünglich von Eintracht Frankfurt und dem Wirtschaftsclub Russland, die den Dialog zwischen beiden Seiten ermöglichen wollten. Für uns ist es eine große Freude bei diesem Vorhaben mitzuwirken. Vor allem geht es aber um die zwischenmenschlichen Beziehungen, die in den Stadien geknüpft werden. Darauf basiert unsere Zusammenarbeit.

Ihre zweite Mannschaft hat auch ein Traingscamp in Deutschland besucht.

Der FC Kazanka, das ist unser Team in der dritten russischen Liga, befand sich bis Ende März in der Vorbereitung auf die neue Saison. Im Winter ist es eine Herausforderung, Trainingsmöglichkeiten für unsere zweite Mannschaft zu finden. Bei der Überlegung, wohin wir die Saisonvorbereitung verlegen können, fiel Deutschland und Spanien in die engere Wahl. Die Kosten wären dieselben gewesen, in Spanien hätten wir jedoch keine Testspiele bekommen, könnten nicht die Fußballakademien sehen oder mit den Trainern sprechen. Bei der Zusammenarbeit ging es für uns nicht allein um das Camp, sondern auch um den Wissensaustausch. Die Gespräche mit Eintracht Frankfurt haben letztendlich dazu geführt, dass wir dort trainieren durften. Das war unsere große Chance, gegen deutsche Teams zu spielen.

Lokomotive Moskau

Junge Fans fiebern für „Loko“. Besonders beliebt sind die Vereinsfarben Grün und Rot. Quelle: Pukhov K / Shutterstock.com

Wie wichtig ist die Jugendarbeit für Lokomotive Moskau?

Die Ausbildung und Weiterentwicklung unserer jungen Spieler ist ein großes und wichtiges Anliegen. Wir sind zweifelsohne eines der Teams in Russland mit den besten Jugendakademien. Viele Spieler in der russischen Liga haben bei uns in der Akademie angefangen. Auch unsere Mannschaft ist mindestens mit zwei Spielern aus unserer Jugendakademie vertreten. Hinzu kommen noch einige junge Talente, die auf der Bank sitzen und jederzeit einsatzbereit sind. Um die Jungs zu unterstützen, organisieren wir verschiedene Turniere, darunter den UTLC-Cup.

Wie könnte die Kooperation zwischen Deutschland und Russland im Fußballbereich gestärkt werden?

Ich hätte da eine Idee: In den 80er-Jahren war es bei russischen Eishockey-Teams sehr beliebt, nach Kanada zu fliegen, um gegen kanadische Teams anzutreten. Danach haben kanadischen Teams an Turnieren in der UdSSR teilgenommen. Es gab ein großes Interesse aus beiden Ländern, Mannschaften aus den größten Ländern der Welt gegeneinander im Eishockey antreten zu lassen. Ich würde es aufregend finden, eine Turnier-Serie zu starten, bei der deutsche Teams gegen Moskauer Teams spielen. Im Jahr darauf könnten russische Mannschaften nach Deutschland reisen. Das ist durchaus realisierbar. Die Frage ist nur, wer die Verantwortung übernehmen will. Die Reisen und die Spiele selbst müssten natürlich organisiert werden. Wir könnten ein solches Event für Jugendteams mit 16- oder 17-Jährigen veranstalten. Eine gute Sache, wie ich finde, um sie näher an den großen Fußball heranzuführen. Auch für die beiden Länder wäre es ein interessanter Wettbewerb. Russland und Deutschland pflegen gute Geschäftsverbindungen zueinander, die Teil dieses Austausches sein könnten.

Warum sind Sie interessiert, die deutsch-russischen Beziehungen in diesen Zeiten der politischen Spannungen zu fördern?

Wenn man sich die Geschichte zwischen Russland und dem Westen ansieht, war es schon immer nicht einfach. Es gab dennoch Projekte, die den Austausch zwischen den Menschen aufrechterhalten haben. Solche Projekte können eine Basis schaffen, auf der die Politik agieren kann, um ihre Probleme zu lösen. Fußball ist eine der besten Plattformen, um den interkulturellen Austausch weiterhin zu fördern.

Eine der Absichten des Wirtschaftsclubs Russland und von Lokomotive Moskau ist es, Geschäftsverbindungen zwischen dem Rhein-Main-Gebiet in Deutschland und Moskau herzustellen. An welchen Arten von Kooperationen hegen Sie Interesse?

Ich denke, für deutsche Teams und deutsche Unternehmen kann es von großem Interesse sein, sich auf den russischen Märkten zu präsentieren. Wenn sie einen Partner brauchen, um ihre Marken zu promoten, sind wir sicherlich eine gute Option. Eines der größten Projekte der jüngsten Zeit war ein Sponsoring-Deal mit Ritter Sport in den Jahren 2008/2009. Es ging um ein Turnier mit dem Titel „Lokoball“, an dem über 40.000 Kinder aus verschiedenen Ländern teilgenommen haben. Der Hauptpartner und Initiator war die Russische Eisenbahn, die zugleich Anteile an unserem Verein hält. Dank der Plattform konnte Ritter Sport ihre Schokolade den Kindern näher bringen und für ihre Marke werben. Ich denke, wir können ein vertrauenswürdiger und ehrlicher Partner für Unternehmen sein, die sich auf dem russischen Markt betätigen wollen. Dabei muss es sich nicht nur um Brand-Marketing handeln. Wir können jedem deutschen Unternehmen weiterhelfen, das in Russland aktiv werden will.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Kirichek.

Dieses Interview führte Ostexperte.de-Chefredakteur Thorsten Gutmann.

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Titelbild: zVg

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Thorsten Gutmann
Über den Autor

ist Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenseite Ostexperte.de mit Sitz im Stadtzentrum von Moskau.

Trotz Wirtschaftskrise und Sanktionen verlegte er seinen Lebensmittelpunkt 2016 nach Russland. Nun informiert er Leser im DACH-Raum über das Business in Russland, China und anderen Länder entlang der Neuen Seidenstraße. In Zeiten der politischen Grabenkämpfe bemüht er sich um ausgewogenen Journalismus und konstruktiven Dialog zwischen Ost und West.

Zudem ist er Co-Gründer der RUSummit – Konferenz zur Digitalwirtschaft in Russland. Die Veranstaltung hat am 21. September 2018 erstmals in Berlin stattgefunden und soll im Jahr 2019 fortgeführt werden. Zu den Speakern zählten führende Organisationen und Unternehmen wie Yandex, Mail.Ru Group, Deutsche Bahn, OTTO Group, Skolkovo Foundation und viele mehr.