Thorsten GutmannVon

Interview: „Russland als Tor zur Eurasischen Wirtschaftsunion ist ein sehr attraktiver Markt“

Der Wirtschaftsclub Russland ist spezialisiert auf die Verbesserung von Business-Netzwerken zwischen Deutschland und Russland, aber auch in anderen Ländern entlang der Neuen Seidenstraße, u. a. in China. Im Zuge der Fußball-WM 2018 in Russland hat der WCR die Veranstaltungsreihe „Business trifft Sport“ ins Leben gerufen, aus der eine Kooperation zwischen Eintracht Frankfurt und Lokomotive Moskau hervorgegangen ist. Im Ostexperte.de-Interview sprechen die Vorstandsmitglieder Uwe Leuschner (DB Cargo Russia, CEO) und Karin von Bismarck (Stanton Chase, Partner) über die Arbeit des WCR und Zukunftspläne im Sportbereich. 

Wie positioniert sich der Wirtschaftsclub Russland? In welchen Bereichen ist er tätig?

Karin von Bismarck: Wir sind seit 2010 als unabhängiger Verein tätig. Unter dem Motto „Wir verbinden Menschen und Kulturen“ bemühen wir uns um einen breiten Dialog, vor allem in den deutsch-russischen Beziehungen. In fast 500 Veranstaltungen haben wir dazu viele Anregungen geben können und persönliche Beziehungen aufgebaut. Wir sind davon überzeugt, dass Vertrauensbildung und Respekt zwischen Deutschen und Russen die Basis für gegenseitiges Verständnis und gemeinsame reale Projekte und Erfolg sind. Das ist heute aktueller denn je.

Wie groß ist das Netzwerk des WCR? In welchen Ländern sind Sie tätig und mit welchen Unternehmen sind Sie verknüpft?

Uwe Leuschner: Unser Netzwerk umfasst inzwischen um die zehn Tausend Unternehmer, Künstler, Studenten, Wissenschaftler, Sportler und Menschen, die an deutsch-russischen Kontakten interessiert sind. Natürlich bilden unsere Aktivitäten in Deutschland und Russland den Schwerpunkt, aber wir haben mit unseren Aktionen „Zukunftspreis Neue Seidenstraße“, „One World – One Sky“ oder auch den Konferenzen der Deutschen Wirtschaftsclubs in den OME-Ländern ein Netzwerk aufgebaut, welches heute in 16 Ländern aktiv ist.

Hat sich der russische Markt aus der Perspektive des WCR in den letzten Jahren gewandelt?

Uwe Leuschner: Ja und nein. Natürlich haben die Sanktionen nach 2014 zu Veränderungen und Umsatzverlusten bei den meisten deutschen Unternehmen in Russland geführt, aber in dieser Situation haben viele auch eine Chance für sich entdeckt. Lokalisierung, Innovationen und praktische Schritte zur Digitalisierung haben viel Neues geschaffen. Ich bin seit über 20 Jahren in der Logistik, u. a. in Russland, tätig und kann für meinen Bereich sagen, dass sich der Markt kontinuierlich weiter entwickelt und neue große Chancen eröffnet. Russland ist als Tor zur Eurasischen Wirtschaftsunion nach wie vor ein sehr interessanter und hoch attraktiver Markt.  Und all meine Geschäftspartner und Kunden suchen weiterhin das sehr vertrauensvolle Gespräch und eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit Unternehmen aus der EU. Hier gibt es absolut eine gegengerichtete Tendenz zu den oft vordergründlich politischen Konflikten.

Kehren deutsche Unternehmen nach der Krise wieder langsam nach Russland zurück? Oder ist die Skepsis immer noch hoch?

Karin von Bismarck: Die aktuellen Zahlen in Bezug auf Investitionen aus Deutschland und der Anstieg im Warenaustausch zwischen Deutschland und Russland bestätigen ganz klar ein hohes Interesse am Markt. Natürlich haben wir das Niveau von 2012 oder 2013 noch nicht erreicht, aber es ist sichtbar, dass die Wirtschaft einen ganz konkreten Schritt zur Normalisierung der Beziehungen mit Russland gegangen ist und weiter geht. Auch als Partner von Stanton Chase (International Executive Search) kann ich das bestätigen. Wir verzeichnen wieder einen Zuwachs an Suchaufträgen und Digital-Leadership-Test-Anfragen ausländischer Firmen – und nicht nur russischer. In einer Zeit von Digitalisierung und vielen Startups suchen vor allem junge Leute nach unternehmerischen Möglichkeiten und Russland ist hier ein interessanter Platz. Das spüren wir auch in unserer Mitgliedergewinnung. Seit 2017 gibt es hier wieder einen Zuwachs.

Der WCR-Vorstand organisierte eine Kooperation der Fußballvereine Eintracht Frankfurt und Lokomotive Moskau.

Wie sieht es mit Ihrem Engagement auf der Neuen Seidenstraße aus?

Uwe Leuschner: Wir haben uns schon 2015 dem Thema Neue Seidenstraße geöffnet und den „Zukunftspreis Neue Seidenstraße“ seitdem jährlich ausgeschrieben. Mit der Ausrufung der Eurasischen Wirtschaftsunion am 01. Januar 2015 hat sich ein neuer Wirtschaftsraum ergeben, der als Brücke zwischen China und Europa viele Chancen für die nächsten Jahrzehnte bereit hält. Wir haben als WCR e.V. hier Partnerschaften und Plattformen entwickelt, die unseren Mitgliedern und interessierten Unternehmen Informationen und Unterstützung bei der Ausdehnung ihrer Aktivitäten bis nach China bieten.

Wie erschwert die politische Situation Ihre Netzwerkarbeit als WCR? Haben Sie einen Wunsch an die neue Bundesregierung, was die Ostpolitik betrifft?

Karin von Bismarck: Wir spüren, dass unsere Netzwerkarbeit aktuell sehr gebraucht wird. Die persönliche Begegnung und der Dialog sind wichtiger denn je, um das gegenseitige Vertrauen nicht zu verlieren. Das ist manchmal kontrovers, aber immer geht es um Menschen. Wir haben gelernt, dass das Gespräch alternativlos ist und wünschen uns das auch mehr von der Politik. Es geht um Interessen und unsere Unternehmer können diese Interessen auch aktuell recht klar formulieren. Hier könnte die Politik ebenfalls wieder ansetzen und den Rahmen für eine friedliche und auf den gegenseitigen Vorteil gerichtete Beziehung neu formulieren. Wir negieren nicht, dass es wichtig ist, über Werte zu streiten und um diese zu kämpfen, aber wir haben auch unendlich viele Beispiele einer erfolgreichen deutsch-russischen Zusammenarbeit auf Basis gemeinsamer Werte. Das sollte die Politik endlich wieder aufgreifen.

Unter dem Motto „Business trifft Sport“ hat der Wirtschaftsclub Russland zahlreiche Kooperationen und Veranstaltungen initiiert. Können Sie uns mehr dazu erzählen? Wie lässt sich Sport mit Wirtschaft und Politik verbinden?

Karin von Bismarck: Ja, auch das hat bei uns schon eine gute Tradition. „Business trifft Sport“ ist eine Reihe, der wir uns schon seit 2013, in Vorbereitung der Winterspiele 2014 in Sotschi, gewidmet haben. Werte, die sich im Geschäftsleben finden, sind genau so im Sport, sehr wichtig: Fairer Wettbewerb, Teamfähigkeit, Ehrlichkeit, Vorbildcharakter und emotionale Momente zwischen Menschen. Das verbindet und schafft Gemeinsamkeit. Wir haben als WCR zum Beispiel Patenschaften zu Sportlern geschlossen, wie mit Claudia Pechstein oder dem ersten russischen Formel-1-Fahrer Witali Petrow. Natürlich war und ist das Jahr der Vorbereitung auf die Fußball-WM in Russland eine ganz besondere neue Herausforderung für „Business trifft Sport“. Es ging und geht uns dabei bei unseren Veranstaltungen um Nachhaltigkeit, vor allem für den Breitensport und einen Jugendaustausch mit Sport, auch nach der WM.

Vor kurzem fand in Frankfurt der 1. Deutsch-Russische Fußballdialog statt. Dort haben die Fußballvereine Lokomotive Moskau und Eintracht Frankfurt eine Kooperation angekündigt. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus und was ist das Ziel?

Uwe Leuschner: Wir sind stolz, dass uns als WCR diese Vermittlung gelungen ist und beide Vereine auch Mitglied des WCR e.V. geworden sind. Wir sind überzeugt, dass der Fußball ein sehr verbindendes Medium ist. Das hat der 1. Deutsch-Russische Fußballdialog in Frankfurt auch gezeigt. Führungskräfte aus deutschen und russischen Unternehmen, die daran teilgenommen haben, haben uns gebeten, hier unbedingt fortzusetzen. Es geht uns dabei vor allem auch um einen Austausch im Jugendbereich. Hier haben Eintracht Frankfurt und Lokomotive Moskau schon erste Akzente gesetzt und mit einem Trainingslager der U23, dem FC Kasanka, in Frankfurt schon eine Basis der Kooperation beider Klubs gelegt. Übrigens gibt es schon weitere Anfragen russischer Spitzenklubs für eine vertiefte Kooperation im Bereich der Jugendfußball-Akademien. Wir sind sicher, dass diese Initiative nachhaltige Kontakte und Austausch auch nach der Fußball-WM hervorbringen wird.

Am 3. März 2018 fand in Frankfurt auf Initiative des Wirtschaftsclubs Russland der 1. Deutsch-Russische Fußballdialog statt.

Welche weiteren Pläne verfolgt der Wirtschaftsclub Russland für die Zukunft im Sportbereich, insbesondere in Hinblick auf die Fußball-WM im Sommer?

Uwe Leuschner: Wir bereiten gerade zwei Highlights vor. Am 17. April 18 führen wir gemeinsam mit DB Cargo und Lokomotive Moskau unseren traditionellen Empfang zur TransRussia durch, diesmal in der VIP-Lounge der RZD-Arena in Moskau. Wir erwarten 150 Geschäftsleute im Stadion von Lokomotive und versprechen uns davon, auch Businessvertreter und den Wirtschaftsclub im Umfeld des russischen Fußballs besser und nachhaltiger zu platzieren. Und am 17. Juni 2018 lädt der WCR e.V. Firmenvertreter in die VIP-Lounge des Luschniki-Stadions zum WM-Spiel Deutschland gegen Mexiko ein. Neben einigen Public-Viewing-Events während der WM laden wir am 18. Juni zu einem WM-Talk in Moskau ein. Ein kleines Geheimnis will ich hier schon lüften – wir erwarten dort ehemalige  Fußball-Weltmeister.

Herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch.

Dieses Interview führte Ostexperte.de-Chefredakteur Thorsten Gutmann.

Thorsten Gutmann
Über den Autor

ist Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenseite Ostexperte.de mit Sitz im Stadtzentrum von Moskau.

Trotz Wirtschaftskrise und Sanktionen verlegte er seinen Lebensmittelpunkt 2016 nach Russland. Nun informiert er Leser im DACH-Raum über das Business in Russland, China und anderen Länder entlang der Neuen Seidenstraße. In Zeiten der politischen Grabenkämpfe bemüht er sich um ausgewogenen Journalismus und konstruktiven Dialog zwischen Ost und West.

Zudem ist er Co-Gründer der RUSummit – Konferenz zur Digitalwirtschaft in Russland. Die Veranstaltung hat am 21. September 2018 erstmals in Berlin stattgefunden und soll im Jahr 2019 fortgeführt werden. Zu den Speakern zählten führende Organisationen und Unternehmen wie Yandex, Mail.Ru Group, Deutsche Bahn, OTTO Group, Skolkovo Foundation und viele mehr.