Thorsten GutmannVon

CEO LAToken: „Blockchain wird den weltweiten Handel verändern“

Das Büro von LAToken bietet einen Ausblick auf das Moskauer Konzerthaus am Flussufer. Hier arbeiten Dutzende IT-Experten an einem Online-Marktplatz zum Austausch von sogenannten Tokens auf Grundlage der Blockchain-Technologie. Im Ostexperte.de-Interview spricht der CEO und Gründer Valentin Preobrazhenskiy über die Vorteile von digitalen Werteinheiten.


Herr Preobrazhenskiy, können Sie uns mehr zu Ihrer Person und zum Hintergrund von LAToken erzählen?

Ich bin CEO und Gründer von LAToken. Vor vier Jahren habe ich, ausgestattet mit solider Erfahrung im Aktienhandel, einen Online-Marktplatz für Hypotheken namens Zalogo.ru ins Leben gerufen. Im Jahr 2016 haben wir mehr als 12.000 Hypothekenangebote vermittelt und mehr als 1.000 Deals für 35 Banken und Investoren abgeschlossen. Darauf habe ich mich entschieden, die Blockchain-Technologie in die Plattform zu implementieren und den Marktplatz um neue Anlagen zu erweitern. Auf diese Weise ist LAToken entstanden, die erste Börse zum Handel von realen Vermögenswerten und digitalisierten Werteinheiten mithilfe von Kryptowährungen. Unser Ziel ist, Kryptowährungen stärker in der Realwirtschaft zu verbreiten.

Welche Vorteile hat es, reale Vermögenswerte in digitale Werteinheiten zu zerlegen?

Die sogenannte Tokenisierung von Vermögenswerten wird die Art und Weise, wie Güter weltweit gehandelt werden, grundlegend verändern. Die Technologie kann die Geschwindigkeit von Transaktionen erhöhen, Zwischenhändler überspringen, Kosten reduzieren und zusätzliche Liquidität einbringen. Der Markt bietet eine große Vielzahl an handelsfähigen Vermögenswerten. Manche von ihnen sind fungibel (austauschbar, ersetzbar – Anm. d. Red.), zum Beispiel Weizen und Gold. Andere wiederum sind nicht-fungible Waren, darunter Immobilien und Kunstwerke. Heutzutage können digitale Tokens für die meisten Formen von Vermögenswerten herausgegeben werden, sowohl für fungible als auch für nicht-fungible Waren. Nach einem ähnlichen Prinzip können Aktien von Unternehmen – sogar von denjenigen, die überhaupt nichts mit der Tech-Industrie zu tun haben – in digitale Tokens konvertiert, auf eine Blockchain transferiert und mithilfe von Kryptowährungen gehandelt werden.

Aber wozu sollten Aktien in digitale Tokens umgewandelt werden?

Der Handel mit traditionellen Aktien und anderen Vermögenswerten ist schwerfällig und teuer. Ein einzelner Deal kann Hunderte, gar Tausende Papierdokumente mit sich bringen. Hinzu kommt, dass Zwischenhändler enorme Gebühren verlangen. Aufgrund von komplizierten Prozessen dauert es häufig sehr lange, um eine Transaktion durchzuführen. Und um die Angelegenheit nochmal zu erschweren, können einige Vermögenswerte nur schwerlich geteilt oder bewegt werden. Die Tokenisierung bietet eine Lösung für diese Probleme.

Welche weiteren Vorteile bietet die Tokenisierung?

Der Hauptvorteil liegt in der Erhöhung der Effizienz. Digitale Tokens, die auf einer sogenannten Blockchain gelagert werden, machen Papierarbeit und Zwischenhändler überflüssig. Zudem sind die Gebühren bei digitalen Tokens deutlich niedriger als bei traditionellen Anlagen. Ein weiterer Vorteil der Tokenisierung ist die Möglichkeit, größere Vermögenswerte in Bruchstücke zu zerlegen. So kann zum Beispiel der Besitzer eines teuren Kunstwerks entscheiden, einen Teil seines Eigentums in digitale Tokens zu zerlegen, ohne das Objekt physisch zu bewegen. Dies bietet ein hohes Maß an Sicherheit und vermeidet unnötige Transportkosten. Auch andere Vermögenswerte wie Immobilien können partiell in digitale Tokens umgewandelt werden. Transaktionen zwischen digitalen Tokens sind weniger zeitaufwendig als Kunstauktionen oder Immobiliendeals. Zudem bietet die Blockchain-Technologie Sicherheit und Transparenz. Besonders wichtig ist aber, dass Anleger durch die Tokenisierung einen Zugang auf einen globalen Kapitalpool erhalten. Anders als reale Aktien, deren Umlauf häufig strengen Regeln unterworfen sind, können digitale Tokens international verkauft und gehandelt werden. Dies ist besonders attraktiv für potentielle Investoren. Allerdings hat die Tokenisierung derzeit mit einer Reihe von regulativen Herausforderungen zu kämpfen, da die Rechtssysteme in den meisten Ländern auf jahrzehntealten Gewohnheiten basieren. Trotz dieser Schwierigkeiten bietet die Technologie vielversprechende Möglichkeiten für Vermögensinhaber, Investoren und Händler.

In welchen Ländern betreibt LAToken ein Büro?

Wir betreiben je eine Vertretung in Südkorea, Singapur und Russland. Demnächst eröffnen wir ein Office in New York. Unser Hauptquartier liegt jedoch in Singapur.

Wie erzielt LAToken eigentlich Umsatz?

Wir generieren unseren Umsatz durch Provisionen, die beim Handel von digitalen Tokens und realen Vermögenswerten berechnet werden.

Welche Art von Anlagen können derzeit auf Ihrem Marktplatz gehandelt werden?

Derzeit bieten wir den Handel von über 40 Kryptowährungen an. Zudem wollen wir bald ermöglichen, digitale Tokens von Aktien und Immobilien auszutauschen.

In den letzten Jahren war die Position der russischen Regierung gegenüber Kryptowährungen sehr widersprüchlich. Wieso haben Sie sich trotzdem dazu entschieden, ein Büro in Moskau zu eröffnen?

Russland gehört zu den Märkten, die schwer vorhersehbar sind. Deshalb wollen wir uns stärker auf Länder konzentrieren, in denen es eine hohe Nachfrage nach Kryptowährungen gibt, zum Beispiel die USA, Südkorea und Singapur. Allerdings gibt es in Russland viele Pioniere im IT-Bereich. Deshalb haben wir unsere Software-Entwicklung größtenteils nach Moskau verlagert.

Wie können Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie unseren Alltag beeinflussen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie in Japan einen Kaffee per Bitcoin bezahlen, wird die Information über die Transaktion unmittelbar an die zuständige Steuerbehörde weitergeleitet, die wiederum eine Mehrwertsteuer berechnet. Dafür benötigen Sie keine Bank als Vermittler. In Zukunft könnten die meisten Steuerzahlungen automatisiert mittels Blockchain-Technologie abgewickelt werden. Auch die Überschreibung von Urheber- und Eigentumsrechten kann vollständig automatisiert werden. Dasselbe gilt für Gerichtsurteile, Gesetzgebung und Wahlen. Sie könnten zum Beispiel über eine Messenger-App für einen Präsidenten oder eine Partei stimmen, ohne auf Tausende Wahlhelfer angewiesen zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Preobrazhenskiy.

Dieses Interview führte Ostexperte.de-Chefredakteur Thorsten Gutmann.

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Thorsten Gutmann
Über den Autor

ist Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenseite Ostexperte.de mit Sitz im Stadtzentrum von Moskau.

Trotz Wirtschaftskrise und Sanktionen verlegte er seinen Lebensmittelpunkt 2016 nach Russland. Nun informiert er Leser im DACH-Raum über das Business in Russland, China und anderen Länder entlang der Neuen Seidenstraße. In Zeiten der politischen Grabenkämpfe bemüht er sich um wertneutralen Journalismus und konstruktiven Dialog zwischen Ost und West.

Zudem organisiert er am 21. September 2018 in Berlin die RUSummit – Fachkonferenz zur Digitalwirtschaft in Russland. Im Fokus steht die deutsch-russische Zusammenarbeit in den Bereichen Industrie 4.0 und Digital Business. Mehr Informationen und Tickets erhalten Sie hier.