Ostexperte.deVon

Manager in der Provinz gesucht: Die schwierige Suche nach Führungskräften in russischen Regionen.

Ein Gastbeitrag von Christian Tegethoff, CT Executive Search.

Unternehmen haben in Russland Schwierigkeiten, hochqualifizierte Mitarbeiter für leitende Positionen in den russischen Provinzen zu finden. In Moskau und St. Petersburg gibt es zwar viele qualifizierte und international erfahrene Kandidaten, doch die wollen sich nur selten aus den kulturellen Zentren des Landes in die Provinz bewegen lassen. Hier lesen Sie, welche Möglichkeiten insbesondere internationale Unternehmen haben, die passenden Mitarbeiter für Führungspositionen in den russischen Regionen zu finden. 

Internationale Unternehmen besetzen ihre Führungspositionen in Russland fast ausschließlich mit Kandidaten, die schon Berufserfahrung in ausländischen Firmen gesammelt haben. Wer sein Leben lang in rein russischen Strukturen gearbeitet hat, der kommt in internationalen Firmen erfahrungsgemäß nur schwer zurecht.

Wenige Kandidaten vor Ort

Während es in Moskau und mit Abstrichen auch in St. Petersburg relativ viele Kandidaten mit internationalem Hintergrund gibt, so sieht das Bild in entlegeneren Regionen ganz anders aus.

Unternehmen, die beispielsweise im Ural oder dem Wolgagebiet Werke aufbauen wollen, finden vor Ort kaum Kandidaten mit den erforderlichen interkulturellen Kompetenzen und Sprachkenntnissen. In fast jeder Region ist die Anzahl ausländischer Produktionsstätten sehr gering, so dass unter den wenigen lokalen Kandidaten meist kein passender gefunden werden kann. In der Regel muss also jemand aus einer anderen Region zum Umzug bewegt werden.

Umzug in die Provinz? Nein, danke!

Führungskräfte in russischen Regionen

„Es gibt wenig Neigung, aus den kulturellen Zentren in die Provinz zu ziehen.“

Die Mobilität ist in Russland aus verschiedenen wirtschaftlichen und kulturellen Gründen allerdings generell gering. „Insbesondere gibt es wenig Neigung, aus den industriellen und kulturellen Zentren in entlegenere Provinzen zu ziehen“, sagt etwa der Personalleiter eines russischen Unternehmens mit Sitz in Saratov. Denn natürlich tun sich auch russische Unternehmen schwer, qualifizierte und entsprechend umworbene Spezialisten in die Provinz zu locken.

Bei der Besetzung von „Regionalpositionen“ ist die Zusammenarbeit mit einer in solchen Projekten erfahrenen Personalberatung unabdingbar. Der Personalberater wird zunächst prüfen, ob es in den am Ort vertretenen Unternehmen vielleicht doch passende Kandidaten gibt. Gleichzeitig wird er eine landesweite Direktsuche starten, um qualifizierte Kandidaten in anderen Städten zu finden, die zum Umzug an den jeweiligen Standort bereit sind.

Rückflugticket nach Moskau schon gebucht?

Zwar lassen sich in Moskau oder St. Petersburg unter Umständen relativ leicht fachlich qualifizierte Werks- oder Produktionsleiter finden. Die Aufgabe besteht nun aber vor allem darin, diejenigen zu ermitteln, die grundsätzlich zu einem Umzug nach Togliatti, Tatarstan oder Tomsk bereit sind.

Entsprechend liegt das Augenmerk bei den Auswahlinterviews auf der Motivation der Kandidaten  – ist der Finanzdirektor wirklich zu einer langfristigen Verlagerung des Wohnsitzes bereit oder wieder weg, sobald sich ein Job in Moskau bietet? Aus Unternehmenssicht haben lokale Kandidaten also einen Vorteil gegenüber Moskowitern – die Chance ist groß, dass sie langfristig im Unternehmen verbleiben wollen.

Alternative: Expats im eigenen Land

Führungskräfte in russischen Regionen

Zu einem Umzug in die Regionen müssen die Führungskräfte erst einmal überzeugt werden.

Es gibt allerdings noch eine dritte Alternative und die Suche darf sich deshalb nicht nur auf Moskau und den geplanten Arbeitsort konzentrieren, sondern muss auch in anderen Regionen durchgeführt werden. Denn es ist einfacher, jemanden aus dem Wolgaraum in den Ural zu schicken oder zum Wechsel innerhalb des Südlichen Föderationsbezirks zu bewegen, als aus der Hauptstadt in eine beliebige Region zu entsenden.

Landesweite Suchen für Führungskräfte in russischen Regionen sind aufwändig und benötigen Zeit. Gegenüber einer lokal begrenzten Recherche sollten mindestens vier zusätzlichen Wochen eingeplant werden, damit potentielle Kandidaten ermittelt und gründlich vorausgewählt werden können.

Durch die Verpflichtung von Kandidaten, die sich als „Expatriates im eigenen Land“ verstehen, geht der Gehaltskostenvorteil der Regionen teilweise wieder verloren. Kandidaten benötigen zum Umzug von einer Stadt in die andere einen guten Grund. Ein Teil dieser Motivation wird auch finanzieller Natur sein.

Vorsicht beim Gehaltsgefüge

Deshalb gibt es in den Regionen praktisch zwei Arbeitsmärkte: den lokalen und denjenigen, der aus anderen Provinzen zugereisten Managern und Spezialisten besteht. Die Vergütungen der letzteren liegen deutlich über den lokal üblichen Gehältern und erreichen Moskauer Niveau. Manche Kandidaten erwarten zusätzlich weitere Zulagen, wie die Stellung einer Wohnung und Übernahme von Umzugskosten.

Hier ist die Balance nicht immer einfach, wie ein deutscher Personalverantwortlicher berichtet: „Auswärtige Kandidaten zerstören das Gehaltsgefüge“, so der Geschäftsführer. „Wir können lokalen Mitarbeitern kaum erklären, warum ein Zugezogener über die Hälfte mehr verdienen soll als sie“.

Das Unternehmen setzt deshalb wo nur möglich auf „Lokale“, die von firmeninternen Interimsmanagern geschult und auf die Aufgaben vorbereitet werden. Ganz ohne die Moskauer und Petersburger ging es aber auch hier nicht – vor allem in der Aufbauphase seien die „fertigen“ Spezialisten aus den beiden Hauptstädten unverzichtbar gewesen.

Über den Gastautoren

CT Executive Search

Christian Tegethoff
ist Geschäftsführer von CT Executive Search. CT Executive Search ist eine Recruitment-Agentur mit Sitz in Moskau.

 

 


Könnten Sie sich vorstellen, für einen Job aufs Land zu ziehen? Haben Sie bereits Erfahrungen mit der Personalsuche in der russischen Provinz gemacht? Schreiben Sie dazu unten einen Kommentar oder berichten Sie uns auf Facebook oder Twitter von Ihren Erlebnissen. 

Quellen:

Fotoquelle

Quelle:

Titelbild: Flickr-Nutzer Alexander Kozlov (CC BY-NC-ND 2.0).

Bolschoj-Theater: Simon Schütt

Autos in Tatarstan: Flickr-Nutzer Vlad Proklov (CC BY-NC 2.0).

Gastautor Christian Tegethoff: Pressebild.

 

Ostexperte.de
Über den Autor

ist die deutschsprachige Nachrichtenseite zur Wirtschaft in Russland.

Ostexperte.de richtet sich an alle, die sich für Russland interessieren und mehr über das Russlandgeschäft und die russische Wirtschaft erfahren wollen.

Hier können Sie Kontakt zur Ostexperte.de-Redaktion aufnehmen.