Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Dominik KalusVon

Bildungsseminar „Russland als Teil Europas“ in Berlin

Welche Werte einen Russland und Europa? 50 Russen und Deutsche suchen bei einem viertägigen Seminar des Deutsch-Russischen Forums Antworten. Ostexperte.de ist mit dabei

Von Systemfragen über ein historisches Sportereignis bis zur Migrationsdebatte: Die Themen am zweiten Tag waren vielschichtig. Im ersten Panel ging es um die Verfassungen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland. Politikwissenschaftler Alexej Makarkin erklärte den Wandel der ursprünglichen russischen Verfassung zum heutigen Putinschen Präsidialsystem. Dieses habe auch Vorteile: Schnelle Entscheidungen, Effizienz, keine Verfälschung durch politische Gegenspieler. Aber genau im letzten Punkt läge ein großer Nachteil: Wenn interne Kritik ausbleibt, kommen auch offensichtliche Fehlentscheidungen durch.

Der langjährige CDU-Politiker Uwe Lehmann-Brauns sprach vom deutschen System und stellte klar: „Die Parlamentarische Demokratie macht nicht glücklich.“ Davon zeugten täglich die verschiedensten Demonstrationen und Protestkundgebungen. „Aber sie macht frei. Die Leute haben das Gefühl, ernst genommen zu werden.“

Zukunft Russlands: Auf dem Weg zur Parlamentarischen Demokratie?

Es folgte die Frage zur Zukunft Russlands nach der Ära Putin. Makarkin prognostizierte keine großen Veränderungen. Die russische Bevölkerung sei einen starken Präsidenten gewohnt, hätte keine Erfahrung mit einer parlamentgeführten Demokratie. Aber immerhin ein Gleichgewicht zwischen Präsident und Parlament sei denkbar.

Im Publikum war auch der ehemalige deutsche Botschafter in Russland Ernst-Jörg von Studnitz. In einer von Applaus gekrönten Ansprache lobte er die Geschichte der US-amerikanischen Demokratie. Diese habe entstehen können, weil sich die Eliten jahrzehntelang vorbereitet hatten und wussten, was sie wollten. Deswegen sei es wichtig, dass in einer Veranstaltung wie dieser liberale Teile der russischen Gesellschaft zusammenkommen. Denn, wenn es einmal zur Demokratie in Russland kommen sollte, dann müssten die Demokraten bereitstehen.

Der Kracher von Moskau

Nach diesen systemtheoretischen Erörterungen ging es um ein zunächst profan scheinendes Thema: Sport. Doch dass dieser immer politisch sei, stellte der Filmemacher Thomas Grimm heraus. Er zeigte ein Werk, dem man eigentlich einen eigenen Artikel widmen müsste: seine 40-minütige Dokumentation „Der Kracher von Moskau“ über das erste Fußballspiel zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1955.

1955: Immer noch sind Tausende Deutsche in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, als die deutsche Nationalmannschaft zum Freundschaftsspiel in Moskau landet. Einige der Fußballer haben zehn Jahre zuvor auf sowjetischem Boden gekämpft, und Millionen sowjetische Soldaten haben ihr Leben für die Verteidigung ihres Landes gegeben. Und trotzdem werden die deutschen Spieler herzlich empfangen. Filmemacher Grimm sprach für die Dokumentation mit Zeitzeugen, fand viele Archivaufnahmen und erzählt so eine rührende Geschichte von Vergebung und Völkerfreundschaft.

Der Film wurde in voller Länge gezeigt und entfaltete auch seine volle Wirkung. „Ich war den Tränen nahe, vielen Dank für diese tolle Arbeit“, sagte eine Teilnehmerin im Anschluss.

Flüchtlinge und Migration

Nach der historischen Lehrstunde handelte das dritte Panel des Tages von einer brennenden aktuellen Frage: Flucht und Migration. Menschenrechtsaktivistin Swetlana Gannuschkina erzählte von ihrem Einsatz für Flüchtlinge in Russland, von Behördenwillkür und Korruption. Das Konzept Asyl gebe es in Russland nicht wie in Deutschland. Nur 522 Menschen hätten einen offiziellen Flüchtlingsstatus, der Rest müsse Jahr für Jahr um Duldung kämpfen oder sei illegal im Land.

CDU-Politiker Philipp Schmidt gab danach einen Grundabriss der Situation in Deutschland. Nüchtern und sachlich rekonstruierte er den Verlauf der sogenannten Flüchtlingskrise und auch die darauffolgenden Probleme, wie die Überforderung der Behörden. Die Zukunft schätzte er allerdings gelassen ein: „Migration kann sehr bereichernd sein, wenn man sich an Regeln hält.“

Lesen Sie hier von Tag 1. Das Seminar wird bis Donnerstag laufen. Ostexperte.de wird auch an den Folgetagen für Sie berichten. Bleiben Sie dran!

Dominik Kalus
Über den Autor

hat in Passau und Breslau Internationale Politik und Journalismus studiert. Nach einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung verschlug es ihn nach Moskau, wo er für die Nachrichtenplattform Ostexperte.de und die Moskauer Deutsche Zeitung schrieb. Seit Oktober 2019 ist er redaktioneller Leiter von Ostexperte.de.