Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Dominik KalusVon

Bildungsseminar „Russland als Teil Europas“ in Berlin

Welche Werte einen Russland und Europa? 50 Russen und Deutsche suchen bei einem viertägigen Seminar des Deutsch-Russischen Forums Antworten. Ostexperte.de ist mit dabei

Viele Fragen umtrieben die etwa 50 Teilnehmer im Berliner Konferenzsaal der Konrad-Adenauer-Stiftung, aber eine Gewissheit war zu hören: „Selbstverständlich ist Russland integraler Bestandteil Europas“, sagte Martin Hoffmann, Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums, in seiner Eröffnungsrede. Man mache zu oft den Fehler, die gesamteuropäische Identität mit der EU zu verwechseln. Deswegen, so gab er zu, falle es manchmal schwer, Russland und Europa zusammen zu denken. Er lobte die „berührende Zugewandtheit“ insbesondere der russischen Bevölkerung zu Deutschland, trotz der mitunter schweren Geschichte.

Außer Hoffmann sprachen und diskutierten am ersten Seminartag: der CDU-Politiker Maik Penn, der russische Politikwissenschaftler Alexej Makarkin, die in Berlin lebende russische Kulturwissenschaftlerin Evgeniya Sayko und der russische Meinungsforscher Aleksej Lewinson vom Lewada-Zentrum.

Nur für 37 Prozent der russischen Bevölkerung ist Russland ein europäisches Land

Haben Russland und Europa gemeinsame Werte? Nach der Wende war es in den osteuropäischen Satellitenstaaten der Sowjetunion Konsens, dass man nun nach Europa zurückkehre. Länder wie Polen oder Tschechien hätten alle ihren Platz gefunden, schilderte Makarkin. Diesen Mythos von der Rückkehr nach Europa habe es in Russland nie gegeben.

Meinungsforscher Lewinson zeigte der Runde aktuelle Umfragewerte zum Europabild in Russland. 58 Prozent der Russen seien der Meinung, dass Russland einen eigenen Weg gehen solle. Nur für 37 Prozent sei Russland ein europäisches Land, 55 Prozent würden dies verneinen. Zehn Jahre zuvor sei es umgekehrt gewesen: Mehr als die Hälfte, 52 Prozent der russischen Bevölkerung hätten Russland als europäisches Land gesehen. Was ist geschehen?

„Es gibt auf beiden Seiten Unsicherheiten“, sagte Hoffmann über die europäisch-russischen Beziehungen. Und beide Seiten hätten auch unterschiedliche Erzählungen: Im Westen würde man Russland beschuldigen, sich nicht auf europäische Werte eingelassen zu haben. In Russland beklage man, nie eine richtige Chance dafür bekommen zu haben. Hoffmanns Appell: „Wir müssen akzeptieren, dass wir unterschiedliche Narrative haben und aufeinander zugehen.“

Missverständnisse im Machtzentrum

Für Makarkin liege der Kern aller Missverständnisse in der Europa-Auffassung der russischen Eliten. Diese hätten ein veraltetes Bild, würden immer noch altem Großmacht-Denken anhängen. Es sei für sie unverständlich, warum man Russland nicht wie früher Einfluss über Gebiete wie die Ukraine zugestehe. Dass man in Europa gar nicht mehr in Kategorien wie Einflusszonen denke, würden die russischen Eliten gar nicht bemerken.

Aber auch bei der russischen Bevölkerung gebe es Unklarheiten. „Wenn ich meine Familie besuche, fällt es mir immer schwerer, über Europa zu reden“, sagte Evgeniya Sayko, die in Omsk geboren wurde und seit Jahren in Deutschland lebt. Begriffe wie Freiheit oder Demokratie dürfe man nicht nur als Worthülsen verwenden, man müsse sie mit Leben füllen.

Über Demokratie ging es auch im Beitrag von CDU-Mann Penn. Er stellte die deutsche Parteienlandschaft in seinen Grundzügen da und ließ auch die Schwächen des Systems nicht aus: die Langsamkeit demokratischer Verfahren, die Mühsamkeit mancher Entscheidungsfindung. Trotzdem sei die Demokratie das beste bekannte System.

Schwere Wege zum gemeinsamen Haus

Russische Teilnehmer äußerten sich darauf zum politischen System in ihrer Heimat, beklagten die Verdrossenheit der Bürger und die offenkundigen Gründe dafür. „Die Partei ist in Russland nur ein Mechanismus, um die Elite zu konsolidieren“, sagte ein Teilnehmer. Oppositionsparteien würden schikaniert oder unterwandert, um die Macht zu stützen.

Ein kritischer Redebeitrag einer polnischen Doktorandin aus dem Publikum brachte in Erinnerung, dass in Europa die Stimmen vielschichtig sind, und Länder wie Polen ihre eigenen Wunden aus der Vergangenheit mit sich tragen. Sie warf der EU Scheinheiligkeit vor, wenn sie mit dem autokratischen Russland paktiere.

Forumsvorstand Hoffmann wies ihre Kritik entschieden zurück. Ohne einen gewissen Pragmatismus hätte es Errungenschaften wie etwa den Atomwaffensperrvertrag mit der Sowjetunion nie gegeben.

Das Seminar wird bis Donnerstag laufen. Ostexperte.de wird auch an den Folgetagen für Sie berichten. Bleiben Sie dran!

Titelbild

Titelbild: Dominik Kalus

Dominik Kalus
Über den Autor

hat in Passau und Breslau Internationale Politik und Journalismus studiert. Nach einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung verschlug es ihn nach Moskau, wo er für die Nachrichtenplattform Ostexperte.de und die Moskauer Deutsche Zeitung schrieb. Seit Oktober 2019 ist er redaktioneller Leiter von Ostexperte.de.