Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

2019 wird schwach und 2020 nicht viel besser

Die Statistik-Behörde Rosstat hat Anfang April in ihrer zweiten Schätzung bestätigt, dass die russische Wirtschaft 2018 um 2,3 Prozent gewachsen ist. Im vierten Quartal war das Bruttoinlandsprodukt sogar 2,7 Prozent höher als vor einem Jahr. Analysten-Umfragen der Nachrichtenagentur Reuters und des Research-Unternehmens FocusEconomics zeigen jedoch übereinstimmend, dass jetzt deutlich weniger Wachstum zu erwarten ist.

Die Konjunkturexperten in Banken und Forschungsinstituten rechnen im Durchschnitt damit, dass sich Russlands Wirtschaftswachstum 2019 auf 1,4 Prozent abschwächt und 2020 nur auf 1,7 Prozent anzieht. Behalten sie Recht, wird die Regierung also ihr Ziel verfehlen, den Produktionsanstieg 2020 auf 2 Prozent zu beschleunigen.

Auch führende Konjunkturforschungsinstitute in Österreich und Deutschland erwarten nicht, dass die Regierung ihr Wachstumsziel für 2020 erreicht. Die im Auftrag der Bundesregierung erstellte „Gemeinschaftsdiagnose“ deutscher Forschungsinstitute geht davon aus, dass sich der gesamtwirtschaftliche Produktionsanstieg in Russland in diesem Jahr auf 1,5 Prozent verringert und im nächsten Jahr nur auf 1,7 Prozent belebt. Auch das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) rechnet für 2020 mit einem Wachstum von 1,7 Prozent.

 

Wachstumsprognosen 2018 bis 2020
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

  Bruttoinlandsprodukt, real ggü. Vj. %  
201820192020
Gemeinschaftsdiagnose04.04.192,31,51,7
Eurasian Development Bank03.04.192,31,52,0
FocusEconomics
Consensus Forecast
02.04.192,31,41,7
Rosstat; zweite BIP-Schätzung01.04.192,3
Danske Bank, Kopenhagen01.04.192,31,31,6
Berenberg Bank, Hamburg01.04.191,61,31,7
Reuters-Umfrage29.03.191,41,7
Helaba, Frankfurt29.03.192,31,71,7
Commerzbank, Frankfurt29.03.191,61,21,3
WIIW, Wien27.03.192,31,81,7
RIA Rating25.03.191,5
Russische Zentralbank,
Basisszenario
22.03.192,3
Urals 69,8 $/b
1,2 bis 1,7
Urals 60 $/b
1,8 bis 2,3
Urals 55 $/b
Economist Intelligence Unit20.03.192,31,51,6
Sachverständigenrat19.03.192,42,11,6
BOFIT, Bank of Finland15.03.192,31,41,7
Morgan Stanley15.03.192,31,51,6
OPEC, Wien14.03.191,61,6
DIW Berlin14.03.192,01,81,9
ifo Institut München14.03.192,11,21,6
Kiel Institut für Weltwirtschaft13.03.192,31,51,6
DekaBank, Frankfurt13.03.192,31,41,6
RWI Essen11.03.192,31,51,8
IWH Halle07.03.191,61,81,8
OECD, Paris06.03.192,31,41,5
Sberbank, Moskau28.02.192,31,42,0
HSE-Umfrage
Consensus Forecast
26.02.192,31,31,8
Citibank20.02.192,31,52,5
Fitch Rating16.02.192,31,51,9
Rosstat; erste BIP-Schätzung04.02.192,3
Nordea, Stockholm28.01.191,61,21,5
Wirtschaftsministerium25.01.192,01,32,0
BNP Paribas, Paris24.01.191,71,51,8
Internationaler Währungsfonds21.01.191,71,61,7
Weltbank, Global Economic Prospects08.01.191,61,51,8
Russisches Wirtschaftsministerium;
Haushaltsvorlage, Basisszenario
01.10.181,8
Urals 69,6 $/b
1,3
Urals 63,4 $/b
2,0
Urals 59,7 $/b

Preisauftrieb durch Mehrwertsteuererhöhung dämpft privaten Verbrauch

Die Erhöhung des allgemeinen Satzes der Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent am Jahresanfang 2019 beschleunigte den Preisanstieg und belastet die Verbrauchernachfrage. Im Februar erreichte die Teuerungsrate mit 5,2 Prozent ein 3-Jahres-Hoch. Vielfach war aber – auch von Regierung und Zentralbank – mit einer noch stärkeren Anhebung der Verbraucherpreise gerechnet worden.

Bis zum Jahresende 2019 erwarten die von FocusEconomics befragten Analysten einen Rückgang der Inflation auf 4,6 Prozent. Rund die Hälfte von ihnen geht davon aus, dass die Zentralbank noch in diesem Jahr eine Senkung des Leitzinses beschließt.

Der reale Einzelhandelsumsatz war im Januar zwar noch 1,6 Prozent und im Februar 2,0 Prozent höher als vor einem Jahr. Im letzten Quartal 2018 hatte er sein Vorjahresniveau jedoch noch um 2,7 Prozent übertroffen.

Steigende Verschuldung stabilisiert privaten Verbrauch

Die Danske Bank veröffentlichte zur Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes  folgende Grafik. Sie zeigt, dass der Einzelhandelsumsatz (rote Linie) bei einem starken Rückgang des Wachstums der Reallöhne (blaue Linie) durch kräftig zunehmende Konsumentenkredite (graue Linie) stabilisiert wurde.

Die Danske Bank rechnet damit, dass sich das Wachstum des privaten Verbrauchs, der 2018 um 2,4 Prozent zunahm, in diesem Jahr bei einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von nur noch 1,3 Prozent auf 2,0 Prozent abschwächt.

Auf der Exportseite begrenzen die abflauende Weltkonjunktur und die  Vereinbarungen Russlands mit der OPEC über Produktionseinschränkungen die Wachstumsmöglichkeiten der russischen Wirtschaft.

Kräftige Erholung der Ölpreise stützt Russlands Staatseinnahmen

Risiken für die Wirtschaftsentwicklung in Russland bilden neben möglichen weiteren US-Sanktionen die häufig stark schwankenden Rohstoffpreise. Allerdings hat sich der Urals-Ölpreis von seinem Absturz seit Oktober 2018 im Verlauf des ersten Quartals kräftig erholt. Er liegt jetzt etwa wieder auf dem vor einem Jahr erreichten Niveau.

Likka Korhonen, Leiter des Forschungsinstituts BOFIT der finnischen Zentralbank twitterte dazu Ende März, dass der Urals-Preis seit Ende 2018 in US-Dollar um rund 35 Prozent auf rund 68 Dollar/Barrel gestiegen ist. In Rubel sei der Preis zwar nur um rund 16 Prozent höher. Auch damit werde der in der Planung des föderalen Haushaltes angenommene Preis von gut 4.000 Rubel/Barrel aber bereits um rund ein Zehntel überschritten. Die Aussichten, dass das Budget auch 2019 mit „schwarzen Zahlen“ schließen könne, seien derzeit also sehr gut. Geplant ist im Föderationshaushalt für 2019 ein Überschuss von 1,9 Prozent des BIP (2018: 2,7 Prozent).

 

Urals-Rohölpreis in Rubel/Barrel
Jahresdurchschnittspreise 2015 bis 2018
und im Budget 2019 angenommener Durchschnittspreis

Graphik Durschnittspreis Rohöl

Quelle:Likka Korhonen (BOFIT): Russia market gyrations:https://twitter.com/IikkaKorhonen/status/1112310956145721344
Chart: https://pbs.twimg.com/media/D2-455jW0AA0syS.png

WIIW: „Eine der am langsamsten wachsenden Volkswirtschaften“

In der Ende März veröffentlichten neuen Prognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) heißt es zwar zur Entwicklung in Russland im Vergleich mit der Entwicklung in den Ländern in Mittel-, Ost- und Südosteuropa (MOSOE):

„Russland bleibt eine der am langsamsten wachsenden Volkswirtschaften der Region, obwohl der Ölpreis im Jahr 2018 um über 30% gestiegen ist. Strukturelle Defizite und die Auswirkungen westlicher Sanktionen belasten die Wirtschaftstätigkeit weiterhin stark.“

Dennoch glauben die Wiener Forscher nicht an die Prognose der Regierung, dass sich das Wachstum der russischen Wirtschaft in diesem Jahr um einen Prozentpunkt abschwächen wird. Sie rechnen nur mit einem halb so starken Rückgang von 2,3 auf 1,8 Prozent. Das WIIW sieht die Wachstumsaussichten der russischen Wirtschaft für das laufende Jahr damit optimistischer als die meisten anderen Analysten. 2020 wird es nach Meinung des WIIW allerdings einen weiteren leichten Rückgang der Wachstumsrate auf nur noch 1,7 Prozent geben.

Gemeinschaftsdiagnose: Nur noch „moderate Expansion“ der russischen Wirtschaft

Die Prognosen in der am Donnerstag veröffentlichten halbjährlichen „Gemeinschaftsdiagnose“ der deutschen Konjunkturforschungsinstitute gehen davon aus, dass sich das Wachstum der russischen Wirtschaft im laufenden Jahr auf 1,5 Prozent abschwächt und 2020 nur auf 1,7 Prozent beschleunigt. Diese Einschätzung bewegt sich innerhalb der Spanne, die das Kieler IfW, das DIW Berlin, das Münchner ifo-Institut, das Essener RWI und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle in ihren individuellen „Frühjahrsprognosen“ gesetzt haben. Die höchsten Wachstumsprognosen für Russland kamen Mitte März vom DIW Berlin (2019: 1,8 Prozent; 2020: 1,9 Prozent), die niedrigsten vom ifo Institut in München (2019: 1,2 Prozent; 2020: 1,6 Prozent).

Die Institute meinen in ihrer „Gemeinschaftsdiagnose“, dass sich nach dem unerwartet starken Wachstum im letzten Jahr zum Jahresauftakt 2019 eine „wieder moderate Expansion“ abzeichnet. Sie gehen unter anderem auf die konjunkturellen Effekte der Mehrwertsteuererhöhung, der Verringerung der Ölexporte und der geplanten „Nationalen Projekte“ ein:

„Derzeit wirkt die Erhöhung der Mehrwertsteuer dämpfend. Im Vorfeld der Steuererhöhung hatte die russische Zentralbank den Leitzins nochmals leicht angehoben, um Inflationsrisiken entgegenzuwirken.

Die wertmäßige Entwicklung der Exporte dürfte von gegenläufigen Effekten geprägt sein: Russland hatte im Dezember 2018 eine schrittweise Kürzung seiner Ölexporte zugesagt. Der zuletzt gestiegene Ölpreis wird sich hingegen günstig auf den föderalen Haushalt auswirken.

Vor diesem Hintergrund wird die Finanzpolitik im Prognosezeitraum die Konjunktur anregen. Für die Jahre 2019 bis 2024 hat die russische Regierung sogenannte Nationale Projekte in zwölf Bereichen im Umfang von circa 65 Mrd. Dollar pro Jahr aufgelegt; dies entspricht etwa 4% der Wirtschaftsleistung im Jahr 2018.“

In Deutschland erwarten die Institute in diesem Jahr noch eine deutlich moderatere Expansion der Wirtschaft als in Russland. Sie senkten ihre Wachstumsprognose für Deutschland für 2019 auf 0,8 Prozent. Im nächsten Jahr soll sich das Wachstum der deutschen Wirtschaft nach ihren Erwartungen aber auf 1,8 Prozent beschleunigen. Es wäre damit etwas stärker als das Wachstum der russischen Wirtschaft.

 

Quellen und Lesetipps

Periodisch, meist monatlich erscheinende Konjunkturberichte

Prognosen deutscher Konjunkturforschungsinstitute zur russischen Wirtschaft:

Kalender für Veröffentlichung neuer russischer Konjunkturdaten:

Rosstat: Zweite Schätzung des Bruttoinlandsprodukts vom 01.04.2019 mit Presseberichten:

Russische Zentralbank: Leitzinsentscheidung und neue Prognosen (mit Presseberichten)

Bericht des Wirtschaftsministeriums „Bild der Produktion“ mit Presseberichten

Rosstat-Monatsbericht „Sozio-ökonomische Lage in Russland“ mit Presseberichten:

Rosstat-Monatsbericht zur Industrieproduktion mit Presseberichten:

Sonstige Berichte, Kommentare, Interviews, Analysen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

 

Fotoquelle

Titelbild: amadeustx / Shutterstock.com

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.