Klaus DormannVon

OECD und Analysten senken Prognosen für Weltwirtschaft und Russland

Wie beeinflusst die Virus-Epidemie den Weltmarkt und die russische Wirtschaft? Unser Autor hat Daten und Stimmen zusammengetragen.

Lange gaben sich Russlands Regierung und die russische Zentralbank hinsichtlich der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Epidemie betont gelassen. Die Vize-Präsidentin der Zentralbank Ksenija Judajewa meinte noch in der letzten Woche, die „direkten“ Auswirkungen der Epidemie auf die russische Wirtschaft seien „minimal“. Allerdings sei Russland „indirekt“ durch die Entwicklung in anderen Ländern betroffen. Insgesamt sei die Lage der Wirtschaft und der Finanzmärkte aber „recht stabil“. In einer Studie des Forschungsinstituts der staatlichen Vnesheconombank wurde Anfang Februar geschätzt, dass die Folgen der Verbreitung des Virus das Wachstum der russischen Wirtschaft im Jahr 2020 höchstens um 0,1 Prozentpunkte dämpfen könnten.

Immerhin meinte die Zentralbank in ihrem Mitte Februar veröffentlichten „Monetary Policy Report“ aber, dass eine weitere Verbreitung des Coronavirus ein signifikater Unsicherheitsfaktor für die Entwicklung des Ölpreises und das Wachstum der Weltwirtschaft sei (Seite 18).

Sinkende Einkaufsmanager-Indizes signalisieren starken Wachstumseinbruch

Erste Hinweise auf die künftige Entwicklung des Wirtschaftswachstums geben Befragungen von Unternehmen. Mit ihrer Hilfe werden „Einkaufsmanager-Indizes“ („Purchasing Manager Indices“, PMI) berechnet. In Russland haben sich die Befragungsergebnisse in den letzten Monaten insgesamt nur wenig verschlechtert. In China gab es im Februar aber den stärksten jemals beobachteten Einbruch.

Das Marktforschungsunternehmen IHS Markit berechnet aus seinen weltweiten Befragungen den „JPMorgan Global PMI“. Im Februar fiel dieser weltweite Einkaufsmanager-Index von 52,2 Indexpunkten auf 46,1 Indexpunkte, wie IHS Markit am Freitag mitteilte. Der für Februar errechnete Indexwert entspricht nur noch einem jährlichen realen Wachstum des weltweiten Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent. Der Januarwert entsprach noch einem Wachstum von fast 3 Prozent (siehe Abbildung von IHS Markit, die auch einen Vergleich mit der Entwicklung in der weltweiten Finanzkrise 2008/2009 ermöglicht).

Ursache für den Einbruch war laut IHS Markit vor allem die Verbreitung des COVID-19. In China fielen sowohl der Einkaufsmanager-Index für die Industrie als auch der Index für den Dienstleistungsbereich im Februar so stark wie noch nie zuvor.

Russlands Einkaufsmanager-Index blieb insgesamt im „Wachstumsbereich“

Die Anfang März veröffentlichten russischen Einkaufsmanager-Indizes, die auf im Februar von IHS Markit durchgeführten Befragungen beruhen, lassen noch keine tiefgreifende Verunsicherung der Unternehmen erkennen. Der Einkaufsmanager-Index im Bereich der Industrie („Manufacturing PMI“), der allerdings schon seit Mitte 2019 mit weniger als 50 Indexpunkten in der „Kontraktionszone“ liegt, verbesserte sich im Januar und Februar sogar. Demgegenüber hielten sich der Index für den Dienstleistungsbereich („Services PMI“) und der Gesamtindex („Composite PMI“) im Februar im „Wachstumsbereich“ über 50 Indexpunkten. Dabei sanken sie jedoch merklich.

IHS-Markit Einkaufsmanager-Indizes für Russland

Chinas Einkaufsmanagerindizes fielen auf historische Tiefstände

Anders als in Russland brachen die Einkaufsmanager-Indizes für die Industrie und den Dienstleistungsbereich in China jedoch im Februar tief ein. Die Rückgänge waren noch deutlich stärker als in der weltweiten Finanzkrise 2008/2009. Das lässt auf starke Produktionsausfälle schließen.

Das Forschungsinstitut der finnischen Zentralbank veröffentlichte zur Entwicklung der vom Nationalen Statistikamt (NBS) ermittelten Einkaufsmanagerindizes für den Industrie- und den Dienstleistungsbereich folgende Abbildung:

February saw record low readings in China’s official purchasing manager indices

Sources: Macrobond and BOFIT.
BOFIT (Bank of Finland): Early indicators suggest the coronavirus caused Chinese economic activity to collapse in February; 06.03.2020

Der vom Nationalen Statistikamt ermittelte Index für die Industrie sank im Februar von 50,0 auf 35,7 Punkte, wie auch die FAZ am 29. Februar berichtete. Von Reuters befragte Analysten hatten lediglich mit einem Rückgang auf 46 Punkte gerechnet.

Der Index für den Dienstleistungsbereich, der selbst in der weltweiten Finanzkrise über 50 Indexpunkten notierte, halbierte sich sogar fast. Er sank von 54,1 Punkten auf nur noch 29,6 Punkte.

Die von IHS Markit ermittelten Einkaufsmanager-Indizes für China fielen im Februar ebenfalls sehr stark. Der Index für die Industrie sank von 51,1 Punkten auf 40,3 Punkte, der Index für den Dienstleistungsbereich von 51,8 Punkten auf 26,5 Punkte.

Russische Regierung erwartet eine Beschleunigung des Wachstums

Die aktuelle Haushaltsplanung der russischen Regierung sieht vor, dass sich das Wachstum der Wirtschaft in diesem Jahr von 1,3 Prozent auf 1,9 Prozent beschleunigt. 2021 soll es sogar 3,1 Prozent erreichen. Dabei wird angenommen, dass der Urals-Ölpreis im Jahresdurchschnitt 2020 auf 57,7 Dollar/Barrel und 2021 auf 56 Dollar/Barrel sinkt. Am 06. März erreichte der Urals-Preis laut Oilprice.com allerdings nur 48,15 Dollar/Barrel. Im Februar-Durchschnitt ist er laut Mitteilung des Finanzministeriums auf 54,24 Dollar gefallen.

Analysten teilten bisher die Einschätzung der Regierung

Sehr viele Analysten sahen die Wachstumspersektiven der russsischen Wirtschaft in diesem Jahr bisher ganz ähnlich wie die Regierung. Das zeigte eine Ende Februar veröffentlichte Reuters-Umfrage. Die Analysten erwarteten im Durchschnitt noch wie Regierung einen Anstieg des Wachstums auf 1,9 Prozent für dieses Jahr. Das ergab auch die jüngste Umfrage des Research-Unternehmens FocusEconomics, wie das Unternehmen in seinem Bericht zur Entwicklung der Einkaufsmanagerindizes im Februar mitteilte.

Erst seit sich das Virus zunehmend in Europa verbreitet und in der letzten Februar-Woche die Ölpreise und die Aktienkurse beschleunigt sanken, werden die wirtschaftlichen Folgen der Verbreitung des Virus von vielen Beobachtern weniger gelassen gesehen.

Ifo-Präsident Fuest: „Wir haben ein ernstes Problem“

Der Präsident des Münchner ifo Instituts, Clemens Fuest, meinte am 03. März in einem Interview mit dem Internet-Magazin „Business Insider“, das Wachstum der chinesischen Wirtschaft könne in diesem Jahr „deutlich unter fünf Prozent“ fallen. Dabei verwies er auf den Absturz der Einkaufsmanagerindizes. Er bedeute eine deutliche Abkühlung für die Weltwirtschaft und damit auch für Europa:

„Wenn man das alles zusammennimmt, sind das starke Kräfte, die auf der Konjunktur lasten. Manche sagen, es handle sich um nichts weiter als eine Grippewelle. Davor kann man nur warnen! Die Datenlage ist noch etwas dünn, aber der PMI in China (der Index der Einkaufsmanager) beispielsweise ist stärker abgestürzt als in der Finanzkrise. Das kann bedeuten, dass es in diesem Quartal dort kein Wachstum geben wird oder dass die Wirtschaft sogar schrumpft. Auf das ganze Jahr gesehen könnte das Wachstum auf deutlich unter fünf Prozent fallen. Bei der wirtschaftlichen Dimension, die China heute hat, bedeutet das eine deutliche Abkühlung für die Weltwirtschaft und damit auch für Deutschland und die Europäer. Wir haben ein ernstes Problem.“

BDI: Weltwirtschaft wächst einen halben Prozentpunkt schwächer

Am 05. März warnte auch der Bundesverband der Deutschen Industrie eindringlich vor einer Konjunkturabschwächung durch das Virus. Es dürfte schon jetzt die Weltwirtschaft gut einen halben Prozentpunkt an Wachstum in diesem Jahr kosten:

„Selbst wenn die gesundheitliche Lage sich nun in China stabilisieren und im Rest der Welt rasch unter Kontrolle gebracht würde, werden die wirtschaftlichen Folgen von zeitweiligen Produktions- und Transportunterbrechungen vor allem in China und in anderen Weltteilen deutlich erkennbar. Angesichts eines Anteils Chinas an der Weltindustrieproduktion von gut 20 Prozent werden sich massive Störungen im Land über das erste Quartal hinaus auf den Rest der Welt auswirken. Auch als Absatzmarkt im Kfz-Handel, im Tourismus und in vielen anderen Branchen werden die chinesischen Maßnahmen gegen das Virus negative wirtschaftliche Effekte zeitigen.

Die Folgen sind bereits jetzt gravierend. In diesem Jahr wird aller Voraussicht keine weltwirtschaftliche Erholung, sondern eine Eintrübung des Wachstums eintreten. Die Weltwirtschaft dürfte aufgrund sehr schwacher Entwicklungen in Asien nur noch mit rund 2,4 Prozent wachsen (nach 2,9 Prozent im Vorjahr). Wir teilen diesbezüglich die Einschätzung der OECD. …

Das Virus dürfte schon jetzt gut einen halben Prozentpunkt an Wachstum in diesem Jahr kosten. Das Wachstum in China dürfte unter fünf Prozent fallen, Japans Wirtschaft wird kaum wachsen, Südkoreas Wachstum wird gebremst, und in Europa sind Italien aufgrund der Epidemie und Deutschland aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtung mit Asien und Italien in besonderem Maße einem Rezessionsrisiko ausgesetzt.“

Am Freitag senkte die Forschungsabteilung „Economist Intelligence Unit“ des englischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ ihre ohnehin schon niedrige Prognose für das diesjährige Wachstum der Weltwirtschaft sogar von 2,4 auf 1,9 Prozent. Zum einen werde wegen der Verbreitung des Virus die weltweite Nachfrage durch Quarantäne-Maßnahmen, Krankheitsfälle und eine Verschlechterung der Stimmung von Verbrauchern und Unternehmen gedrückt. Zum anderen werde es auf der Angebotsseite durch die Schließung von Fabriken und die Unterbrechung von Versorgungsketten Störungen geben.

OECD gab Anstoß zu Abwärtsrevisionen der Wachstumsprognosen

Die OECD hatte bereits am 02. März in ihrem „Interim Outlook“ („Coronavirus: the world economy at risk“) ihre Prognose für das diesjährige Wachstum der Weltwirtschaft um 0,5 Prozentpunkte von 2,9 auf 2,4 Prozent gesenkt. Ihre Prognose für Russlands Wachstum nahm sie um 0,4 Prozentpunkte auf nur noch 1,2 Prozent zurück.

Abwärtsrevisionen für das Wachstum der Weltwirtschaft und das Wachstum in Russland nahmen in der letzten Woche auch Geschäftsbanken vor. Die Frankfurter Helaba senkte am Freitag ihre Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft von 3,1 Prozent auf 2,8 Prozent. Ihre Prognose für Russland nahm sie ebenfalls um um 0,3 Prozentpunkte von 1,7 auf 1,4 Prozent zurück. Auch die Commerzbank erwartet jetzt nur noch 1,4 Prozent Wachstum in Russland in diesem Jahr. Sie senkte ihre Prognose noch etwas stärker als die Helaba um 0,4 Prozentpunkte.

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
Helaba, Frankfurt03/06/20201.31.41.7
Commerzbank, Frankfurt03/03/20201.31.41.7
OECD, Paris03/02/202011.21.3
Sberbank, Moskau03/01/20201.31.72.2
Higher School of Economics Umfrage02/29/20201.82
Reuters-Umfrage02/28/20201.9
Morgan Stanley02/25/20201.31.92.2
Berenberg Bank, Hamburg02/24/202011.31.7
Vnesheconombank Institute02/14/20201.31.92.5
Economist Intelligence Unit02/12/20201.21.71.7
OPEC, Wien02/12/20201.11.5
Macro Advisory; Moskau02/12/20201.322.8
Citi Bank02/12/20201.322.5
FocusEconomics
Consensus Forecast
02/11/20201.31.81.9
ING Bank, Amsterdam02/10/20201.31.51.7
Russische Zentralbank,
Basisszenario
02/07/20201.3
Urals 64 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,5
Urals 50 $/b
DekaBank, Frankfurt02/07/20201.321.7
Rosstat; erste Sch?tzung02/03/20201.3
Wirtschaftsministerium;
Entwurf laut Interfax
01/31/20201.4
Urals 63,8 $/b
1.9
Urals 57,7 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b
IWF, New York01/20/20201.11.92
Weltbank, Washington01/08/20201.21.61.8

Mitte März werden führende deutsche Forschungsinstitute ihre „Frühjahrsgutachten“ zur Konjunkturentwicklung veröffentlichen. Am 19. März erscheint die neue Prognose des ifo Instituts. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche wird seine Prognosen für Mittel- und Osteuropa am 17. März vorlegen.

Russische Regierung aktualisiert in vier Wochen ihre Prognosen

Wirtschaftsminister Reshetnikov kündigte am 02. März in seiner Rede bei den Haushaltsberatungen der Duma an, sein Ministerium werde seine Prognosen für die Haushaltsplanung bis zum 09. April aktualisieren. Zur Begründung verwies er auf wachsende Sorgen über die Auswirkungen des Coronavirus auf die Weltwirtschaft. Als das Wirtschaftsministerium Ende Januar seine Wachstumsprognose für das Jahr 2020 von 1,7 auf 1,9 Prozent angehoben habe, sei es davon ausgegangen, dass Ende des ersten Quartals eine Erholung der chinesischen Wirtschaft beginnen werde und die Folgen des Virus für die Weltwirtschaft begrenzt blieben. Nun verstehe man, dass die Auswirkungen voraussichtlich schwerwiegender als bisher erwartet sein werden.

Titelbild

Titelbild: Gerd Altmann auf Pixabay

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Coronavirus: Folgen für Konjunktur und Wirtschaft weltweit und in Russland: Weltweite Folgen:

Auswirkungen des Corona-Virus auf die russische Wirtschaft:

Zentralbank: Konjunkturbericht für Januar, 28.02.2020; Statistical Bulletin (monatlich)

Weitere Monatsberichte zur Konjunktur in Russland

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte

Zentralbank: Präsentationen für Investoren in Englisch

Zentralbank: Monetary Policy Report; nächste Ausgabe erscheint am 06.05.2020

Zentralbank Konjunkturbericht „Talking Trends“ vom 12.02.2020

Weitere Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.