Philipp RoweVon

Der Tourismus in Montenegro wächst stark. Allerdings ist momentan überwiegend die Küste gefragt und die vor allem in den Sommermonaten. Daher sollen die Touristenströme nun saisonal und regional besser verteilt werden. Insbesondere die Berge bieten dabei großes Potenzial. 

Montenegro zählt mit seinen ca. 13.800 Quadratkilometern sicher zu den kleinsten, aber dank seiner kulturellen, klimatischen und landschaftlichen Vielfalt, seiner atemberaubenden unberührten Natur und aufgrund seiner schroffen Gegensätzen und beeindruckenden Extreme gleichzeitig zu den großartigsten, interessantesten und schönsten Länder Europas.

Montenegros wichtigster Wirtschaftszweig ist der Tourismus. Im Jahre 2015 machte er mit ca. 11 Mio. registrierten Übernachtungen und Einnahmen in Höhe von 800 Mio. Euro mehr als ein Fünftel (21 Prozent) des Bruttoinlandsprodukts aus. Im Gegensatz zum Vorjahr stieg die Zahl der registrierten Hotelübernachtungen um 15 Prozent (siehe Infografik unten auf der Seite). Der World Travel and Tourism Council zählt Montenegro bereits jetzt zu den drei am stärksten wachsenden Reiseländer der Welt und es wird prognostiziert, dass dieses Wachstum auch in den nächsten zehn Jahre anhalten wird.

Tourismus in Montenegro bisher: vor allem Küste und Sommer

Tourismus in Montenegro

Bei Touristen ist die Küste Montenegros beliebt.

Das Geschäft mit den Urlaubern ist stark saisonal. Es gibt eine extreme Konzentration des Gästeaufkommens auf die Sommermonate. 2015 entfielen von den insgesamt 11 Mio. Hotelübernachtungen 89 Prozent (9,8 Mio.) auf die vier Monate Juni, Juli, August und September.

Man kann die Reiseorte Montenegros in drei Kategorien einteilen:

  1. Küstenorte,
  2. die Hauptstadt Podgorica
  3. und Berg- oder Gebirgserholungsorte.

Von den 9,5 Mio. insgesamt erfassten Übernachtungen 2014 entfielen 97 Prozent auf die Küstenregion, 1,3 Prozent auf die Hauptstadt und nur knapp ein Prozent auf die Bergregion. Die Zahlen für 2015 lagen bei Fertigstellung dieses Artikels noch nicht vor, man kann aber von einer ähnlichen Verteilung ausgehen.

Erklärtes Ziel der Wirtschaftspolitik Montenegros ist es, den Tourismus weiter auszubauen, ihn aber dabei nachhaltiger als bisher zu gestalten. Hierfür ist es wichtig, die Touristenströme saisonal und regional besser zu verteilen. Touristen sollen nicht nur in die vor allem in den Sommermonaten hochfrequentierten Badeorte, wo das Gästeaufkommen teilweise schon jetzt an seine Grenzen zu stoßen beginnt, sondern auch in andere Orte gelenkt werden. Und das am besten nicht nur während der Sommermonate, sondern ganzjährig.

Was in den schwarzen Bergen schlummert

Die zweittiefste Schlucht der Welt befindet sich in Montenegro.

Hier kommen die Berge Montenegros ins Spiel. Denn die Gebirgsregion Montenegros bietet alle natürlichen Gegebenheiten, die man sich für einen ganzjährigen Tourismus wünschen kann. Zwei Nationalparks – Durmitor und Biogradsko Jezero – reich an Wald sowie an natürlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten. Allein das Durmitor-Gebirge zählt knapp 50 Gipfel mit einer Höhe von mehr als 2000 Metern, ca. 100 Quellen und 20 Gletscherseen. Mit einer Tiefe von 1600 Metern ist die sich hier befindliche Tara-Schlucht die tiefste Schlucht Europas und nach dem Grand Canyon die zweittiefste Schlucht der Welt.

Zahlreiche Wege zum Wandern, Mountainbiken und Reiten, viele davon bereits markiert und kartographiert, machen diese Naturschönheiten bereits jetzt für Aktivurlauber erreichbar und erlebbar. Größter Tourismusmagnet der Region ist jedoch der Wintersport, welcher sich in Montenegro auf zwei Orte konzentriert:

  • Zabljak im Durmitor-Gebirge
  • und Kolasin, dem Zentrum der Bjelasica-Region.

Wobei die Zahl der Ankünfte und Übernachtungen in Kolasin wesentlich größer ist als die Zabljaks und für Kolasin auch ein größeres Entwicklungspotential vorausgesagt wird.

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Weiße Berge: Der Skiort Kolasin wird ausgebaut

Kolasin ist mit 3000 Einwohnern und auf knapp 1000 Metern Höhe das Zentrum der Bjelasica-Region und der wichtigste Wintersportort des Landes. Die Skistation – „Kolasin1450“ – liegt neun km außerhalb der Stadt auf einer Höhe von 1450 Metern. Nach Angaben des Betreiberunternehmens wurden seit der Privatisierung im Jahre 2007 etwa acht Millionen Euro investiert. Die bestehenden Pisten wurden ausgebaut, sowie neue angelegt, mehrere Schlepplifte, sowie ein zweisitziger Sessellift wurden komplett erneuert und zusätzlich wurde ein sechssitziger Sessellift gebaut, welcher als der modernste des Landes gilt.

Berge bei Kolasin.

Das Bergmassiv Komovi im Gebiet Kolasin, Montenegro.

Die vorhandenen Skipisten sind insgesamt 16,5 km lang, umfassen Bereiche für Alpin und Nordic, aller Schwierigkeitsstufen und beginnen auf einer Höhe von 2000 Metern. Das Skizentrum umfasst neben den Liftanlangen, ein Restaurant, eine Skiverleih- und Schulungsstation, beheizte Großgaragen, sowie moderne Pistenfahrzeuge und Schneekanonen.

Für die Zukunft sollen die Ski- und Tourismuskapazitäten deutlich erweitert werden. Große Pläne, mit deren Umsetzung bisher jedoch noch nicht begonnen wurde, sehen den Bau eines zweiten Skizentrums mit dem Namen „Kolasin1600“ sowie den Bau einer Gondelbahn vor, die das Ortszentrum mit den beiden Skizentren und weiteren Bergstationen verbinden soll.

Bislang begrenzte Hotelkapazitäten

Hotelzimmer mit höherem Standard sind in Kolasin knapp. Es gibt ein fünf Sterne Hotel mit Spa & Wellness – das Hotel Bianca –, ein vier Sterne Hotel – das Hotel Lipka und drei weitere, sehr viel kleinere Hotels der drei Sterne Kategorie. Der größte Teil der Urlauber steigt in privaten Apartments und Ferienhäusern ab. Zur Hauptsaison – im Winter vor allem um Neujahr und das orthodoxe Weihnachtsfest, sowie im Hochsommer ist Kolasin ausgebucht.

Es gibt große internationale Hotelbetreiber und Immobilienentwickler, die sich bereits in Montenegro engagieren. Genannt werden können z.B. Aman Resorts, One & Only Resorts, Ramada, Iberostar, Best Western, Four Seasons und Kempinski sowie die internationalen Investmentfirmen und Immobilienentwickler Orascom oder Qatari Diar. Sie alle sind allerdings zuerst nur an der Küste und vereinzelt in der Hauptstadt, jedoch noch nicht in der Bergregion vertreten.

Das könnte sich aber bald ändern. Gleich neben dem bestehenden Skizentrum plant die Betreibergesellschaft Kolasin1450 AD, eine Aktiengesellschaft nach montenegrinischem Recht, dessen Anteile von einer Holding mit Sitz in Zypern gehalten werden, den Bau eines Ski Resorts – einer Hotel- und Apartmentanlage mit direktem Zugang zur Piste. Die Anlage soll fünf Hotels, fünf Apartmenthäuser, drei Mehrfamilienhäuser und 45 Hütten (Lodges) umfassen und eine Kapazität von 1.992 Betten haben. Hinzu kommen Gebäude für Restaurants, Einkaufszeilen, Spa & Wellness, sowie ein Parkhaus. Die Planungen für dieses Projekt sind abgeschlossen. Laut Boban Scepanovic, Executive Director der AD „Ski Resort – Kolasin 1450”, soll mit dem Bau des ersten Hotels der Anlage – es handelt sich um ein Apartmenthotel mit 93 Einheiten – in diesem Jahr begonnen werden. Die Baugenehmigung dafür sei bereits erteilt.

Geschäftschancen für deutsche und österreichische Unternehmen

Bereits in der Vergangenheit habe man bei der Modernisierung des Skizentrums mit deutschen und österreichischen Firmen gut zusammengearbeitet. So habe das österreichische Unternehmen Doppelmayr die Lifte und die Firma Ski DATA die Skipasssysteme geliefert. Auch bei der Lieferung von Pisten- und Loipenmaschinen, Skiausrüstung, und Einrichtung des Skicenters habe man bereits in der Vergangenheit gut mit Unternehmen aus Deutschland und Österreich zusammengearbeitet. Auch bei der Einrichtung des neuen Apartmenthotels, sowie des gesamten geplanten Touristendorfes, stehe man der Einbeziehung deutscher und österreichischer Firmen sehr aufgeschlossen gegenüber, so Boban Scepanovic weiter.

Montenegros erste Autobahn bereits im Bau

Die Berge Montenegros

Die Berge Montenegros haben ein großes Wachstumspotential.

Bereits im Bau befindet sich dagegen ein Investitionsprojekt ganz anderer Art und Größe, welches für den Tourismus der kommenden Jahre in Kolasin sehr stark beeinflussen kann. Montenegros erste Autobahn, welche von der Hafenstadt Bar an der Adria quer durchs Land bis zur Stadt Boljare an der serbischen Grenze führen und insgesamt 809 Millionen Euro kosten soll, wird auch an Kolasin vorbeiführen. Die Bauarbeiten für den ersten Bauabschnitt, welcher von Smokovac nahe der Hauptstadt Podgorica über Uvac bis nach Matesovo (10 km von Kolasin) führt, 41 km lang ist und dabei mehr als 1.000 Höhenmeter überwindet, wurden bereits in 2014 begonnen. Fast 60 Prozent der Route werden aus Tunneln, Brücken und Überführungen bestehen. Zwei der geplanten Superlative auf dieser Strecke sind die Moracica-Brücke (980 m lang mit Brückenpfeilern von bis zu 180 m Höhe) und der Vjeternik-Tunnel (ca. 3 km lang).

Die Berge Montenegros und hier vor allem der Wintersport- und Luftkurort Kolasin haben also ein großes touristisches Wachstumspotential und ihre besten Zeiten noch vor sich. Es ist zu erwarten, dass auch die großen internationalen Hotelbetreiber bald den Schritt in die Berge machen und damit für weitere Investitionen in die touristische Infrastruktur sorgen werden. Um auf diese Geschäftschancen gut vorbereitet zu sein, sollten deutsche und österreichische Unternehmen mit Expertise auf diesem Gebiet die Gegend schon jetzt im Auge behalten.

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin Ost-West-Contact Ausgabe 3/2016 erschienen.

Quellen

Bild von Bergen bei Kolasin: By Bjoertvedt (Own work) [CC BY-SA 4.0 ], via Wikimedia Commons


www.kolasin1450.com Skizentrum Kolasin1450

www.bokaski.com

www.bokagp.com

www.gtai.de

www.mrt.gov.me

Montenegro Tourism Development Strategy to 2020

Montenegro Foreign Investors Council – White Paper 2014

International Institute for Tourism in Ljubljana „Tourist Accomodation Facilities Inventory“

MONSTAT – Amt für Statistik Montenegro, Statistical Yearbook of Montenegro 2015

World Travel & Tourism Council

Philipp Rowe
Über den Autor

Philipp Rowe ist Herausgeber und Gründer von Ostexperte.de. Seit 2007 lebt und arbeitet er als Unternehmensberater in Moskau und seit 2017 besucht er regelmäßig Shanghai und China. Zu seinen Hobbies und Interessen zählen Reisen, Lesen, Fremdsprachen, Surfen, Filmen und Business.

Seine Kunden sind in erster Linie deutsche und internationale Unternehmen, welche in Russland und China Geschäfte machen.

http://artax-rufil.com/