Simon SchüttVon

Wenn Iwan zu Wanja wird – was Sie über die russischen Vornamen wissen sollten

Wer Russisch in der Schule lernt, russische Freunde hat, oder in Russland Geschäfte macht, ist sicherlich schon einmal mit dem Phänomen der russischen Vornamen und ihren Kurzformen in Berührung gekommen. Jemand, der eigentlich Iwan heißt, wird plötzlich von allen Wanja genannt. Für Ausländer ist das verwirrend. Hier erfahren Sie, was es mit diesen Kurzformen auf sich hat. Außerdem haben wir verbreitete Namen mit zugehöriger Kurzform aufgelistet, damit Sie sie nachschlagen können.


Was haben Mascha, Dascha, Sascha und Mischa mit Maria, Daria, Alexander und Michail gemeinsam?

Sehr viel sogar. Erstere sind nämlich die Kurzformen letzterer Vornamen.

Fast alle russischen Vornamen, egal ob männlich oder weiblich, besitzen neben ihrer Langform, die im Pass eingetragen ist, eine oder sogar mehrere kurze, inoffizielle Varianten. Die Kurzformen der Vornamen im Russischen haben in ihrer Bildung und Verwendung eine viel größere Bedeutung als im Deutschen und sind um einiges kreativer und vielfältiger in die russische Sprache eingebunden. Sie vermögen es, feinere Beziehungsnuancen auszudrücken, als es mit den deutschen Vornamen möglich ist.

Wann man die Kurzform verwendet

Um besser nachvollziehen zu können, wann welche Vornamen-Variante verwendet wird – Kurz- oder Langform – wird uns das Beispiel Alexander, kurz Sascha, zur Illustration dienen: Alexander wird in seinem Job als Jurist von allen Kollegen mit ‚Alexander‘ angesprochen. Auch in offiziellen, öffentlichen Stellen und Institutionen sowie in Briefen gilt die Verwendung der Langform ‚Alexander‘ als angemessen. Wenn sich Alexander jedoch nach einem Arbeitstag mit Freunden in einer Bar trifft, nennen sie ihn ‚Sascha‘.

Für die Verwendung der langen beziehungsweise der kurzen Variante eines Vornamens im Russischen gibt es relativ klare Regeln.

Langform: offizieller Kontext

Kurzformen russischer Vornamen

Die meisten russischen Vornamen haben eine Lang-, Kurz- und Koseform.

Die Verwendung der Langform, in unserem Beispiel ‚Alexander‘, ist in offiziellen Kontexten angebracht und beim Umgang mit Personen, denen man noch nicht so nahe steht, wie beispielsweise am Arbeitsplatz. Der Gebrauch der Langform bringt auf diese Weise etwas Distanz und Diskretion mit sich.

In Russland ist es auch verbreitet, jemanden mit Vornamen anzusprechen und dann zu siezen (über die Hintergründe der russischen Anrede lesen Sie hier mehr). Zum Beispiel: „Alexander, können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?“ Dann folgt immer die Langform.

Kurzform: informeller, vertrauter

Die Kurzform hingegen kommt persönlicher, vertrauter und etwas intimer daher. So ist sie eher unter Freunden oder Bekannten in informellen Situationen gebräuchlich, wie eben im Fall von Sascha in einer Bar oder beispielsweise beim Fußballspielen. Die Grenzen zwischen offiziellen und privaten Bereichen sind aber nicht immer klar zu trennen – es gibt also die gleichen Schwierigkeiten wie beim Duzen und Siezen. So ist es beispielsweise durchaus denkbar, dass Arbeitskollegen, die Alexander schon lange und gut kennen, ihn ebenfalls mit ‚Sascha‘ anreden.

Achtung: ‚Sascha‘ ist die Kurzform für ‚Alexander‘ und für ‚Alexandra‘. Um wen es geht, lässt sich im Gespräch normalerweise an den männlichen oder weiblichen Endungen oder Pronomina erkennen.

In der Schriftsprache wird die Kurzform hingegen wenig verwendet. Ein Beispiel dafür, wo man Katja statt Jekaterina in einer E-Mail finden könnte, sind informellen Nachrichten unter gut bekannten Kollegen – „Privjet Katja, wann gehst du zum Mittagessen?“.

Die dritte Variante: Koseform

Um die Verwirrung perfekt zu machen, gibt es neben der Kurz- und Langform der Vornamen im Russischen sogar noch eine dritte Form: die Verniedlichungsform.

Sie wird auch Dimunitivform oder Kosename genannt und man verwendet sie im Russischen viel häufiger, als in der deutschen Sprache. Ziehen wir zu Illustrationszwecken noch einmal das Beispiel ‚Alexander‘ zu Rate. Wenn Alexander nach dem Treffen mit seinen Freunden schließlich zu seiner Freundin nach Hause kommt, wird er von ihr vermutlich Saschenka, Sanjek oder Saschka genannt. Im Deutschen wäre das etwa „Alexanderchen“ – aber Sie merken ja selbst, wie seltsam das auf Deutsch klingt.

Die Verwendung solcher Koseformen im Russischen bringt besondere Verbundenheit, leichte Zärtlichkeit und eine herzliche Zuwendung zum Ausdruck. Folglich versteht es sich auch von selbst, dass Alexanders Mutter ihn ebenfalls unter Verwendung ebenjener Formen ruft, wenn sie ihn beim Abendessen zu Tisch bittet. Mütter hingegen werden in Russland aber immer mit „Mama“ und nicht mit ihrem Vornamen angeredet – sei er noch so verniedlicht. Ihre ‚Mama‘ können die Russen auch mit „Mamulja“ (мамуля) oder „Mamotschka“ (мамочка) in der Koseform ansprechen.

Vierte Variante: Saloppform

Daneben gibt es sogar noch eine vierte Form, eine „Saloppform“, die wir in der Tabelle unten in Klammern dargestellt haben. Vielen Dank an dieser Stelle an unseren Leser Oleg, der uns in den Kommentaren darauf aufmerksam gemacht hat. Diese Form wird zum Beispiel unter Kumpels verwendet und klingt eher grob. Meist wird sie mit „-ka“ oder „-jan“ oder „-jok“am Ende gebildet. Einige Beispiele: Bor’ka, Fjed’ka, Mit’ka oder Toljan. Meist erkennt man schon an der Aussprache, dass sie sich nicht so „weich“ anhören wie die Kosenamen.

Was das für Ausländer heißt

Ausländer haben im Normalfall ebenso wenig einen Kurznamen für Ihren Vornamen, wie Sie einen Vatersnamen haben. Sie müssen sich also keine Sorgen machen, auf einmal anders genannt zu werden. Obwohl das ja, wie wir gelernt haben, eigentlich eine schöne Sache und ein Beweis von Vertrautheit und Herzlichkeit ist.

Ausnahmen stellen Namen dar, die auch im Russischen verbreitet sind (siehe Liste unten). Hier spielt dann eine Rolle, wie gut Sie Russisch sprechen. Maria aus Deutschland, die sehr gut Russisch spricht, wird dann für ihre russischen Freunde zu Mascha.

Wenn Sie nun einem Gespräch zweier Russen lauschen und hören, dass sie sich bei der Kurzform ihres Vornamens nennen, können Sie davon ausgehen, dass sie sich zumindest nicht zum ersten Mal miteinander unterhalten. 

Liste: Russische Vornamen und ihre Kurzformen

Hier folgt nun eine Liste verbreiteter russischer Vornamen, in der Sie nachschlagen können, wie die entsprechende Kurz- und Diminutivform eines russischen Bekannten/Geschäftspartners lautet. Die Saloppform steht in (Klammern).

VollnameKurzformKosename
Männernamen
AlexejLjoscha, AljoschaAljoschenka, (Ljoschik), Ljoha, Aljoschka
AlexanderSascha, Schura, SanjaSanjek, Saschenka, Schurik, (Saschka), Saschetschka, Schurotschka, (Schurka)
AnatolijTolja, Tolik(Toljan), (Tolka), Toljascha
AndrejAndrjuscha, Andrjuschka, Andrejka
AntonToschaAntoscha, Antoschka, Antoschenka
ArtjomTjomaTjomotschka, Artjomka
BorisBorjaBo, (Borjan), Borenka, (Bor'ka)
DmitrijDima, Mitja(Dimon), Mitenka, Dimotschka, Mitjuscha, (Mit'ka)
FjodorFedjaFjeditschka, (Fjed'ka)
GeorgijSchora(Schorik), Garri, (Gerik), Goga
GennadijGena, Goscha(Genka), Goschik
GrigorijGrischaGrinja, Grischka
InnokentijKeschaKeschka
IgorGarikIgarjok, Garjotschik
IljaIljuscha, Iljuschen'ka, Iljuschka
IwanWanjaIwanuschka, Wanetschka, (Wan'ka), (Iwanka)
KonstantinKostjaKostenka, (Kostka), Kostik
LeonidLjonjaLjolik, Ljonуtschka, (Ljonka)
MaximMaxMaximka, Maximuschka
MichailMischaMischka, Mischenka, Mischanja, Micha, (Michaj)
NikolajKoljaKolenka, Nikolascha, (Kol'ka), (Koljan)
PavelPaschaPawluscha, (Paschka), Pol
PjotrPetjaPetenka, Petruscha, (Petjunja)
SemjonSenja, Sima
SergejSerjoschaSerjoshenka, Serjoshka, (Serjoga), (Sersch)
StepanStjopaStepanka, Stepantschik, Stjopushka, (Stjopka)
StanislawStasStasja, (Stasjuka), Stasenka, (Stasik), (Stan)
ValerijValera(Valerik), Valerka
ViktorVitjaVitjok, (Vitjanja)
VitalijVitalik, (Vit), Talja
WalentinWalja(Waljok)
WasilijWasja(Wasjok), Wasiljok, (Was'ka)
WjacheslawSlawa, Slawik(Slawjan), Slawotschka, (Slawka)
WladimrWolodja, Wowa(Wowan), Wowotschka, Wolodimir, Wlademir, Wolodenka, (Wowka), (Wolod'ka)
WswewolodSewa(Sewka)
JakowJaschaJaschenka, (Jaschka)
JefimFima(Fimka)
JegorGoschaJigoruschka, Jigorka
JewgenijShenjaJewgescha, Shenetschka, Shen`ka, (Sheka)
JurijJuraJurik, Jurotschka, Jurasik, (Jurka)
Frauennamen
AlexandraSascha, SchuraSaschenka, (Saschka), Saschetschka, Schurotschka, (Schurka)
AllaAllochka, (Alka)
AngelinaGelja
AnastasijaNastja, Asja, StasjaNastenka, Nastjuscha, Nastjona, (Nas'tka)
AnnaAnjaNjura, Anjuta, Njuta, Njusha, Annuschka, Anetschka, (Anka)
EleonoraElja, Nora(Norka), Elitschka
DarjaDaschaDaschenka, Daschutka, (Daschka)
GalinaGalja, GalaGalchonok, Galjunja, (Galka)
IrinaIraIrischa, Irunja, Irochka, (Irka)
InessaInnaInusja, (Inka)
KlawdijaKlawaKlascha
Ksenija / OxanaKsjuschaKsjunja, (Oxanka)
LarissaLora, Lara(Lorik), Lortschik, (Lorka), (Lariska), Loren, Lori
LjubowLjubaLjubonka, Ljubascha, Ljubanja, (Lubka)
LudmilaLuda, Mila, LjusjaLudochka, (Ludka), (Milka), Ljusi
MariaMascha, ManjaMaschenka, Maschunja, Maschetschka, Maschuscha, Marusja, (Maschka), Mari, (Mara)
NadeshdaNadjaNadjuscha, Nadenka, (Nadin), (Nada)
Natalia / NatalijaNataschaNataschenka, Natusenka, Natusik, (Nataschka), (Natka), Nata, Natali
OlesjaLesjaOlesenjka
OlgaOlja, LjaljaOlen'ka, Olguntschik, Olguscha, Ljalenka, (Ljal'ka), (Ol'ka)
PolinaPoljaPolinotschka, (Polka)
SerafimaSima
SofijaSonjaSonetschka, (Sonka), Sofi, Sofja, Sofa
SwetlanaSwetaSwetotschka, Swetik, Swetjuschka, (Swetka)
TaisijaTasja(Taska), Tais, Taja
TatjanaTanjaTanetschka, Tanjuscha, Tasja, (Tan'ka), Tati
ValerijaLera(Lerka)
VeronikaVera, NikaVerotschka, Veruntschik, (Verka)
ViktorijaVika, VitaVikulja
Walentina / ValentinaWaljaWaljuscha
WarwaraWarjaWarjuscha
WladislawaWladaWladotschka, Wladulja
WladlenaWlada, LadaWladlenotschka
JekaterinaKatja, KaterinaKatjuscha, Katetschka, Katen'ka, (Kat'ka), Kati
Jelena / AljonaLenaAljonuschka, Lenotschka, (Lenka), (Lenok), (Jolka), Jolotschka
JelisawetaLisaLisotschka
JewgenijaShenjaShenetschka, (Shen'ka)
Julija / JuliaJuljaJuli, Jula, (Jul'ka)
Quellen / Weiterführend

Wordcloud: Eigene Darstellung.

Weitere Informationen zum Thema: Spitznamen im RussischenBedeutung der Namen.

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.