Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

IWF und Weltbank erwarten moderates Wachstum der russischen Wirtschaft

In vielen Russland-Analysen ist oft pauschal von einer „Stagnation“ der russischen Wirtschaft die Rede. Aber inwiefern trifft der Begriff wirklich zu? Ostexperte-Autor Klaus Dormann wirft einen Blick auf die Zahlen.

Immer wieder liest man, die russische Wirtschaft „stagniere“. In Bezug auf das letzte Jahr kann man das allerdings wohl kaum behaupten. Wenn man den Schätzungen des russischen Statistikamtes Rosstat glaubt, wuchs Russlands Bruttoinlandsprodukt 2018 immerhin um 2,3 Prozent. Das teilte Rosstat schon Anfang Februar in einer ersten Schätzung mit. Sie übertraf die Prognosen von Bank-Analysten, Wissenschaftlern und auch der russischen Regierung deutlich. Umfragen bei Analysten ließen nur ein Wachstum von 1,7 Prozent erwarten. Prompt wurden von vielen Seiten erhebliche Zweifel an den amtlichen Zahlen laut.

Rosstat bestätigte jedoch Anfang April in einer zweiten Schätzung, dass sich das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion im letzten Jahr von 1,6 Prozent auf 2,3 Prozent beschleunigt hat. Auch wenn es sich in diesem Jahr laut jüngsten Prognosen führender internationaler Wirtschaftsorganisationen auf 1,6 Prozent (IWF-Prognose) oder 1,4 Prozent (Weltbank) abschwächen dürfte, ist die Entwicklung des russischen Bruttoinlandsprodukts von einer Stagnation noch ein gutes Stück entfernt.

Das gilt auch, wenn man einen längeren Zeitraum wie die dritte Amtszeit Präsident Putins von 2012 bis 2018 ins Auge fasst. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in diesem Zeitraum war vor allem vom Einbruch der Ölpreise und der Verhängung westlicher Sanktionen geprägt. Es kam zu einer Rezession. Sie war aber, das hat Rosstat inzwischen ermittelt, längst nicht so tief und auch deutlich kürzer als zunächst von Experten erwartet und von Rosstat geschätzt wurde.

Anders Aslund (Atlantic Council), der die russische Wirtschaft in einem Anfang April veröffentlichten Artikel in einer anhaltenden Stagnation sieht („Russian Stagnation: Kleptocracy and Sanctions“) hielt es zum Beispiel Anfang 2015 für wahrscheinlich, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland um rund 10 Prozent einbricht („Russia’s Output Will Slump Sharply in 2015“).

Rezession 2015 war rund ein Drittel schwächer als 2016 geschätzt wurde

Das Statistikamt hat am 02. April auch Berechnungen des Bruttoinlandsprodukts in den Jahren vor 2018 revidiert. Es gab auch dabei noch bemerkenswerte Änderungen. Zuletzt hatte Rosstat berechnet, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion nach dem Einbruch der Ölpreise und der Verhängung westlicher Sanktionen 2015 um 2,5 Prozent gesunken sei. Nach den neuen Berechnungen war das Bruttoinlandsprodukt aber nur 2,3 Prozent niedriger.

Ursprünglich hatte Rosstat den Rückgang des BIP im Jahr 2015 in seiner ersten Schätzung Anfang 2016 sogar auf 3,7 Prozent veranschlagt (Ostexperte.de berichtete). Laut den jüngsten Berechnungen war der Produktionsrückgang im Jahr 2015 also rund ein Drittel schwächer als vor drei Jahren geschätzt wurde.

2016 zog die Produktion bereits etwas an

Auch die erste Schätzung für die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Jahr 2016 revidierte Rosstat später nach oben. Anfänglich ging das Statistikamt noch davon aus, die Rezession habe 2016 angehalten und das Bruttoinlandsprodukt sei um 0,2 Prozent gesunken. Inzwischen berechnete Rosstat, dass die Rezession auf das Jahr 2015 beschränkt blieb und das BIP 2016 um 0,3 Prozent stieg.

Wie sieht die längerfristige Bilanz seit 2011 aus?

BOFIT, das Forschungsinstitut der finnischen Zentralbank, hat auf der Basis der neuen Rosstat-Daten Indexwerte zur Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts und seiner Verwendung mit dem Basisjahr 2011=100 berechnet. Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts (Real gross domestic product, GDP) und seiner Verwendung für

  • den privaten Verbrauch (Household consumption),
  • den öffentlichen Verbrauch (Public consumption) und
  • die Anlageinvestitionen (Fixed investment).

Tabelle KD2

Quelle: BOFIT (Bank of Finland): New data on last year’s improved performance of Russian economy; BOFIT weekly, 05.04.2019
https://www.bofit.fi/en/monitoring/weekly/2019/vw201914_1/
https://twitter.com/BOFITresearch/status/1114089093544251392?s=20

Das Bruttoinlandsprodukt (GDP) erhöhte sich von 2011 bis 2018 von 100 auf 108 Indexpunkte. Es ist also in 7 Jahren um 8 Prozent gestiegen. Das Wachstum blieb damit zwar deutlich unter dem Wachstum der Weltwirtschaft, wie der IMF Data Mapper zeigt. Stagniert hat die gesamtwirtschaftliche Produktion im Vergleich 2018/2011 aber nicht.

In den Jahren 2012, 2013 und 2014 hatte sich die gesamtwirtschaftliche Produktion bei hohen Ölpreisen um insgesamt 6,3 Prozent erhöht. Dann geriet Russland wegen des Einbruchs der Ölpreise und der Verhängung westlicher Sanktionen in die Rezession mit einem Produktionsrückgang um 2,3 Prozent im Jahr 2015. Er wurde nur langsam wettgemacht. Die Produktionszuwächse um 0,3 Prozent im Jahr 2016 und 1,6 Prozent im Jahr 2017 reichten dafür nicht aus. Erst 2018 hat die gesamtwirtschaftliche Produktion mit dem Anstieg um 2,3 Prozent das Niveau des Jahres 2014 wieder überschritten.

Verbrauch der privaten Haushalte knapp 9 Prozent höher als 2011

Der private Verbrauch ist im Vergleich 2018 gegenüber 2011 mit knapp 9 Prozent noch etwas stärker gestiegen als das Bruttoinlandsprodukt. Angesichts zahlreicher aktueller Berichte, dass die Unzufriedenheit in der russischen Bevölkerung wächst, weil die real verfügbaren Einkommen seit 5 Jahren sinken, wird diese Tatsache viele zunächst verwundern.

Die BOFIT-Abbildung zeigt, warum der private Verbrauchs 2018 immerhin fast ein Zehntel höher war als 2011. Er ist in den Jahren 2011 bis 2014 noch deutlich stärker als die gesamtwirtschaftliche Produktion gestiegen. In nur drei Jahren nahm er bis 2014 um fast 16 Prozent zu.

2015 brach der private Verbrauch mit der Abwertung des Rubel und einer  Inflationsrate von 15,5 Prozent dann zwar tief ein. Dank der Zuwächse in den Jahren 2017 (+ 3,3 Prozent) und 2018 (+ 2,3 Prozent) übertrifft er das Niveau des Jahres 2011 aber inzwischen wieder um fast 9 Prozent. Das Niveau des Jahres 2014 ist allerdings noch längst nicht wieder erreicht.

Öffentlicher Verbrauch stagnierte fast

Viel geringere Schwankungen als beim privaten Verauch gab es beim Verbrauch der öffentlichen Haushalte. Der „Staatsverbrauch“ wurde in den „guten Jahren“ bis 2013 nur wenig ausgedehnt und in der Rezession 2015 nur wenig eingeschränkt. Im Ergebnis wird deutlich, dass die Regierung in ihrer Haushaltspolitik einen auf Stabilität ausgerichteten „Sparkurs“ verfolgt hat. 2018 war der Staatsverbrauch nur knapp 2 Prozent höher als 2011.

Auch die Anlageinvestitionen sind im letzten Jahr nur rund 2 Prozent höher gewesen als 2011. Die Veränderungsraten der Investitionen schwankten im Beobachtungszeitraum aber viel stärker als die des Staatsverbrauchs. So brachen die Anlageinvestitionen zum Beispiel im Rezessionsjahr 2015 um 10,7 Prozent ein.

Was der IWF der Regierung zur Förderung von Investitionen empfiehlt

Am Dienstag veröffentlichte der IWF anlässlich der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank einen neuen „World Economic Outlook“, in dem er unter anderem auch Empfehlungen zur Förderung von privaten Investitionen und der Steigerung der Produktivität in Russland gibt. Der IWF rät der russischen Regierung, die Rechte der Eigentümer besser zu schützen und die Regierungsführung zu verbessern („improve governance“), die Arbeitsmärkte zu reformieren und mehr in die Infrastruktur zu investieren.

In der russischen Finanzpolitik sieht der IWF die kürzliche Lockerung der „Budget-Regel“, die das Sparen ölpreisbedingter Mehreinnahmen vorschreibt, kritisch. Die Lockerung habe „einen prozyklischen positiven fiskalischen Impuls“ ausgelöst. Der Fonds warnt, dass so die Glaubwürdigkeit der russischen Haushaltspolitik geschwächt werden könnte. Eine weitere fiskalische Konsolidierung sei erforderlich, um auf mittlere Sicht die Nachhaltigkeit der Finanzpolitik zu gewährleisten.

Zur Geldpolitik der Zentralbank meint der IWF, der Leitzins sei angesichts des wächsenden Inflationsdrucks in der zweiten Jahreshälfte über die „neutrale Zinsrate“ hinaus erhöht worden. Falls sich die Inflation nicht beschleunige, habe die Zentralbank deswegen jetzt die Möglichkeit, die Konjunktur geldpolitisch zu stützen, wenn sich die wirtschaftliche Aktivität in nächster Zeit abschwächen sollte.

IWF und Weltbank bleiben dabei: Das Wachstum schwächt sich 2019 ab

Der IWF bleibt bei seinen zuletzt im Januar aktualisierten Wachstumsprognosen für die russische Wirtschaft. Im laufenden Jahr rechnet er mit einem Rückgang des Anstiegs der gesamtwirtschaftlichen Produktion auf 1,6 Prozent und im nächsten Jahr mit einem schwachen Anziehen des Wachstums auf 1,7 Prozent.

Die Weltbank senkte in einem am 05. April veröffentlichten Bericht zur Entwicklung der Volkswirtschaften in Europa und Zentralasien („Financial Inclusion“) ihre Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft in diesem Jahr geringfügig auf 1,4 Prozent. 2020 und 2021 erwartet sie weiterhin eine Beschleunigung auf 1,8 Prozent.

Wachstumsprognosen 2018 bis 2020
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   Bruttoinlandsprodukt, real ggü. Vj. % 
201820192020
Russisches Wirtschaftsministerium09.04.192,3
Urals 70,0 $/b
1,3
Urals 63,4 $/b
2,0
Urals 59,7 $/b
Internationaler Währungsfonds09.04.192,31,61,7
Berenberg Bank, Hamburg08.04.191,61,31,7
Weltbank; Financial Inclusion05.04.192,31,41,8
Helaba, Frankfurt05.04.192,31,71,7
Commerzbank, Frankfurt05.04.192,31,21,3
Gemeinschaftsdiagnose04.04.192,31,51,7
Eurasian Development Bank03.04.192,31,52,0
FocusEconomics
Consensus Forecast
02.04.192,31,41,7
Rosstat; zweite BIP-Schätzung01.04.192,3
Danske Bank, Kopenhagen01.04.192,31,31,6
Reuters-Umfrage29.03.191,41,7
WIIW, Wien27.03.192,31,81,7
Economist Intelligence Unit25.03.192,31,51,6
RIA Rating25.03.191,5
Russische Zentralbank,
Basisszenario
22.03.192,3
Urals 69,8 $/b
1,2 bis 1,7
Urals 60 $/b
1,8 bis 2,3
Urals 55 $/b
Sachverständigenrat19.03.192,42,11,6
BOFIT, Bank of Finland15.03.192,31,41,7

Wirtschaftsminister Oreschkin will mit neuer Prognose bis Mitte 2019 warten

Das russische Wirtschaftsministerium bestätigte in einer Aktualisierung seiner mittelfristigen Prognose bis zum Jahr 2024 am 09. April seine bisherigen Wachstumsprognosen für 2019 und 2020. Es geht dabei jetzt von einem Urals-Ölpreis von 63,4 Dollar/Barrel im Jahr 2019 und 59,7 Dollar/Barrel im Jahr 2020 aus.

Der russische Wirtschaftsminister Oreschkin sagte am Rande des „Arctic Forum“ in St. Petersburg am Dienstag, das Ministerium wolle bis Mitte 2019 seine Prognose, dass die russische Wirtschaft in diesem Jahr nur um 1,3 Prozent wachsen werde, nicht ändern. Im Hinblick auf das Wachstum der Weltwirtschaft, die Ölmarktentwicklung und drohende Sanktionen gebe es eine Menge Risiken. Mit Prognosen müsse man vorsichtig sein. Bisher sehe es jedoch so aus, als sei in diesem Jahr ein höheres Wachstum als erwartet möglich. Das berichtete Ria Novosti.

Auch Finanzminister Siluanow meinte bei einem Vortrag in der „Higher School of Economics“, die Wachstumsrate in Russland könne 1,3 Prozent übertreffen. Allerdings gebe es Risiken wie die Prognosen, dass die Weltwirtschaft schwächer wächst. Die erste Stellvertretende Vorsitzende der Zentralbank, Ksenia Yudaeva, stimmte ihm zu. Für ein stärkeres Wachstum in Russland gebe es Signale, wie den Einkaufsmanager-Index. Das Wachstum im ersten Quartal scheine sich nicht so stark wie erwartet verlangsamt zu haben.

Fotoquelle

Titelbild: Fishman64 / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps

Periodisch, meist monatlich oder vierteljährlich erscheinende Konjunkturberichte

Sonstige Berichte, Kommentare, Interviews, Analysen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.