Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Russland: Rezession war schwächer als gedacht – wird Aufschwung stärker als erwartet?

Sehr kräftige Aufwärtsrevisionen der russischen Produktionsstatistiken lassen Fragen zur Glaubwürdigkeit der Statistikbehörde laut werden. Analysten haben ihre Wachstumsprognosen seit Anfang 2017 aber kaum geändert, während der Wirtschaftsminister jetzt 2 Prozent Wachstum erwartet.


Konjunktureinbruch war längst nicht so stark wie befürchtet

Russlands Statistikamt Rosstat hat seit Ende 2016 zunächst seine Schätzung für den Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Jahr 2015 deutlich nach oben revidiert. Hieß es vorher, die russische Wirtschaft sei nach dem Ölpreiseinbruch im ersten Rezessionsjahr 2015 um 3,7 Prozent geschrumpft, wird jetzt nur noch ein Rückgang um 2,8 Prozent errechnet.

In seiner Anfang Februar veröffentlichten ersten Schätzung für 2016 geht Rosstat zudem davon aus, dass sich das BIP im letzten Jahr kaum weiter verringert hat (- 0,2 Prozent). Die meisten Analysten – und auch das russische Wirtschaftsministerium – hatten 2016 mit einem spürbar stärkeren Rückgang um 0,6 Prozent gerechnet. Viele Beobachter außerhalb Russlands gehen jetzt noch davon aus.

Industrieproduktion fiel 2015 nur um 0,8 Prozent – nicht um 3,4 Prozent

Jetzt hat das Statistikamt auch seine Schätzungen für die Industrieproduktion kräftig nach oben korrigiert. Als die Behörde am Samstag mitteilte, im Januar sei die Industrieproduktion 2,3 Prozent höher gewesen als vor einem Jahr, hob sie gleichzeitig ihre Angaben für den Anstieg im Jahr 2016 auf 1,3 Prozent an (bisher: + 1,1 Prozent).

Den Rückgang der Industrieproduktion im Jahr 2015 beziffern die Statistiker jetzt sogar nur noch mit 0,8 Prozent. Bisher hatten sie die Abnahme auf 3,4 Prozent veranschlagt – also rund vier Mal so stark. Zur Erklärung der frappierend starken Revision der Industrieproduktion verweist Rosstat unter anderem auf methodische Anpassungen der russischen Statistik, die der Harmonisierung mit Verfahren in der EU dienen sollen.

Nach den neuen Rosstat-Daten hat sich die russische Industrie also vom kleinen Produktionsrückgang im Jahr 2015 um 0,8 Prozent schon im letzten Jahr erholt und ist inzwischen bereits wieder höher als 2014.

Likka Korhonen (Leiter des Forschungsinstituts BOFIT der finnischen Zentralbank) twitterte am 23. Februar zwei Charts zur Revision der russischen Industrieproduktion. Ein Chart zeigt, wie stark Rosstat die Jahresdaten zur Entwicklung der gesamten Industrieproduktion und in den Bereichen Verarbeitendes Gewerbe (Manufacturing) und Rohstoffgewinnung (Extractive Industries) revidierte. Das andere stellt den saisonbereinigten Verlauf der gesamten  Industrieproduktion vor und nach der Revision dar.

Wie stark Rosstat die Daten zur Industrieproduktion revidierte

Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent in den Jahren 2015 und 2016 vor der Revision (Rosstat-Angaben vom Januar 2017) und nach der Revision (Rosstat-Angaben vom Februar 2017)

Wie sich die gesamte Industrieproduktion im Verlauf der Jahre 2015 und 2016 saisonbereinigt entwickelte

Vor der Revision (gestrichelte Linie) sank die Industrieproduktion im Verlauf des Jahres 2015 um rund 3 Prozent. Bis Ende 2016 machte sie diesen Rückgang lediglich wett.

Laut den revidierten Daten stagnierte die Industrieproduktion im Verlauf des Jahres 2015 hingegen annähernd. Von Januar 2016 bis Januar 2017 stieg sie im Trend deutlich an. Zuletzt war sie so im Januar 2017 rund 2 Prozent höher als zwei Jahre zuvor.

Kommersant überschreibt seinen Bericht zu den überraschend positiven Rosstat-Nachrichten:

„Все было хорошо – После пересчетов Росстата двухлетний кризис в промышленности оказался преувеличением“

„Alles war gut – Nach neuen Rosstat-Berechnungen wurde die zweijährige Krise der Industrie übertrieben.“

War alles gut? – Fragen nach der Glaubwürdigkeit der Statistik

Zur deutlichen Aufwärtsrevision der Industrieproduktion werden Rosstat (und der russischen Regierung) voraussichtlich erneut kritische Fragen gestellt werden. Bereits die Revision der Daten zur gesamtwirtschaftlichen Produktion hatte bei vielen Beobachtern für Unverständnis gesorgt.

Selbst Natalia Orlova, renommierte Chef-Volkswirtin der privaten Alfa Bank, verwies in ihrem Kommentar zur Entwicklung des „Investor Confidence Index“ der Alfa Bank darauf, dass Fragen nach der Glaubwürdigkeit der Rosstat-Daten laut würden:

“A number of experts now consider the significant upward revision of the Rosstat data as a manipulation of the figures and that this revision casts doubts over the Russian statistics.”

Obwohl Rosstat-Präsident Alexander Surinov mit Erklärungen gegenüber der Presse und speziellen Hinweise auf der Rosstat-Website um Verständnis für die Revisionen warb, blieben für viele Beobachter offenbar zahlreiche Zweifel. Benjamin Triebe konstatierte in der NZZ als Fazit seiner Recherchen, eine verlässliche Interpretation der neuen Zahlen sei nicht möglich: „Keiner weiß so recht, was er von ihnen halten soll.“

Triebe nennt als eine mögliche Erklärung für die Revisionen Änderungen des Basisjahres für die Preisbereinigung bei der Berechnung der realen Wertschöpfung. In Berichten der führenden russischen Wirtschaftszeitungen Kommersant und Wedomosti werden Änderungen bei der Erfassung von Militärausgaben als Ursache in den Vordergrund gerückt. Bloomberg titelte: „New way of counting tanks gives Putin’s economy an instant boom.“ Mancher mag fragen: Rechnet Russland sich die Wirtschaft mit der Rüstung schön?

Wichtig und richtig ist allerdings der Hinweis von Sergei Aleksashenko (früherer Stellvertretender Präsident der russischen Zentralbank): In anderen Ländern werden Wachstumsdaten auch mehrfach korrigiert. Aleksachenko bemängelt aber gravierende Defizite der russischen Statistik. Insbesondere saisonbereinigte Daten für die Analyse der Entwicklung im Jahresverlauf fehlten. Und auch er wünscht mehr Offenheit bei der Veröffentlichung der Rüstungsausgaben. Rosstat wird noch bis zum Jahresende 2017 neue Schätzungen für die Ergebnisse im Jahr 2015 vorlegen.

Welche Folgen haben die Revisionen für das Wachstumspotenzial?

Bisher haben sich nur wenige Analysten zu den Folgen der Revisionen für ihre Wachstumsprognosen geäußert. Viele haben die Revisionen offenbar bis heute auch nicht berücksichtigt.

Ein wichtiger Grund dafür dürfte sein: Im Mitte Januar veröffentlichten Update des World Economic Outlook des IWF ist die Ende Dezember vorgenommene BIP-Revision noch nicht registriert worden. Selbst in der vor einer Woche veröffentlichten jüngsten Prognose der EU-Kommission wird der Rückgang der russischen Wirtschaft im Jahr 2015 noch mit 3,7 Prozent angegeben und die Abnahme im letzten Jahr auf 0,6 Prozent geschätzt.

Von den Bank-Analysten erwähnt Nikola Stephan in der Februar-Ausgabe der  „Emerging Markets Trends“ der Deka Bank die Revision. Anlass für eine erhebliche Änderung ihrer Prognose ist die Veränderung der Basisdaten aber offenbar nicht. Die Deka Bank geht jetzt davon aus, dass Russlands BIP 2017 um 1,2 Prozent steigt (vorher: + 1,1 Prozent). Diese Einschätzung entspricht den aktuellen durchschnittlichen Wachstumserwartungen bei Analysten-Umfragen (zum Beispiel von FocusEconomics).

Natalia Orlova von der Alfa-Bank vermutet hingegen, dass wegen des geringeren Produktionsrückgangs in der Rezession jetzt die Wachstumsmöglichkeiten enger begrenzt sind. Sie bezweifelt, ob 2017 ein Wachstum von rund 1,5 Prozent erreichbar ist, hält 0,5 bis 1 Prozent für realistischer.

Schließlich sind die Anlageinvestitionen nach den neuen Daten in den beiden Rezessionsjahren um insgesamt knapp 11 Prozent verringert worden (2015: – 9,4 Prozent;  2016: – 1,4 Prozent).

Die Weltbank stellt in ihrem neuen Monatsbericht zur Entwicklung der russischen Wirtschaft die Wachstumsbeiträge nach Produktionsbereichen und Verwendungssektoren entsprechend den neuen Rosstat-Schätzungen dar. Wachstumsbeiträge ergaben sich 2015 und 2016 aus der Entwicklung der Ein- und Ausfuhren. 2016 wirkte auch der Lageraufbau expansiv. Ausschlaggebend für den Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion war die Abnahme der Verbrauchsausgaben und der Investitionen.

Wirtschaftsminister Oreschkin gab sich in einem Gespräch mit Präsident Putin in der letzten Woche hinsichtlich der Wachstumsaussichten optimistisch. Er meint die russische Wirtschaft werde in diesem Jahr um rund 2 Prozent wachsen. Diese Prognose liegt am oberen Rand des Prognosespektrums. Ähnlich zuversichtlich äußerten sich bisher nur Konjunkturforscher der Higher School of Economics. Sie halten 2017 ein Wachstum von 1,9 Prozent für möglich – allerdings nur bei einem Anstieg des Ölpreis auf 55 $ im Jahresdurchschnitt.

Das derzeit noch gültige Basisszenario der russischen Regierung, das der Haushaltsplanung zugrunde gelegt wurde, geht hingegen davon aus, dass sich die russische Wirtschaft bei einem Ölpreis von nur 40 Dollar/Barrel 2017 nur um 0,6 Prozent erholt.

Prognosen gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent (Stand: 20. Februar 2017).
InstitutDatum201620172018
Raiffeisen Bank International, Wien2017/02/17-0,21,01,5
Commerzbank, Frankfurt2017/02/17-0,61,32,0
Berenberg Bank, Hamburg2017/02/16-0,51,62,2
Wirtschaftsminister Oreschkin2017/02/15- 0,22,0
Economist Intelligence Unit, London2017/02/15-0,60,91,3
EU-Kommission2017/02/13-0,60,81,1
OPEC2017/02/13-0,51,0
GTAI2017/02/13-0,21,0
Deutsche Bank, Frankfurt2017/02/09-0,51,62,2
Economist-Umfrage2017/02/09-0,51,3
Bloomberg-Umfrage2017/02/09-0,51,11,5
Deka Bank, Frankfurt2017/02/08-0,21,21,4
FocusEconomics Consensus Forecast2017/02/07-0,21,21,7
SEB, Stockholm2017/02/07-0,21,01,5
Higher School of Economics2017/02/07-0,21,5; 1,9 (50 $; 55 $/b)
Rosstat (Erste Schätzung)2017/02/01-0,2
Reuters-Umfrage2017/02/01-0,51,2
BNP Paribas, Paris2017/01/31-0,51,02,5
Wirtschaftsministerium2016/01/30-0,6
Russian Academy of Sciences2017/01/30-0,61,61,2
Gaidar Institute;
Basis-Szenario
2017/01/25-0,61,4 (50 $/b)2,2 (50 $/b)
Gaidar Institute; konservatives Szenario2017/01/25-0,60,6 (40 $/b)1,7 (40 $/b)
Euler Hermes, Paris2017/01/18-0,61,01,2
UN2017/01/17-0,81,01,5
IWF2017/01/16-0,61,11,2
Allianz2017/01/13-0,61,52,0
Weltbank2017/01/11-0,61,51,7
Zentralbank,
Basis-Szenario
2016/12/22- 0,5 bis -0,7 (41 $/b)0,5 bis 1,0 (40 $/b)1,5 bis 2,0 (40 $/b)
Wirtschaftsministerium,
Basis Plus-Szenario
; Duma-Vorlage
2016/10/28-0,6 (41$/b)1,1 (48$/b)1,8 (52$/b)
Wirtschaftsministerium,
Basis-Szenario
; Duma-Vorlage
2016/10/28-0,6 (41$/b)0,6 (40$/b)1,7 (40$/b)

http://www.factosphere.com bietet ständig aktualisierte Hinweise auf Prognosen.

Quellen und Lesetipps zur aktuellen Konjunkturentwicklung in Russland:

Alexey Shapovalov: All was good; After Rosstats recalculations two-year crisis in the industry has been exaggerated; Kommersant, 20.02.2017

Rosstat: Industrieproduktion im Januar 2017; 18.02.2017

Falyakhov: Moody’s changed the rating outlook … from „negative“ to „stable“; gazeta.ru, 18.02.17

Moody’s Global Credit Research: Rating Action: Moody’s changes outlook on Russia’s Ba1 government bond rating to stable from negative; affirms rating; moodys.com, 17.02.2017

World Bank: Russia Monthly Economic Developments – February 2017; 17.02.2017

Bofit Weekly: Varying performance in Russian manufacturing branches last year; 17.02.2017

Polina Devitt (Reuters): Russian economy minister says sees 2017 economic growth at 2 pct; 15.02.

kremlin.ru: Working meeting with Economic Development Minister Maxim Oreshkin; 15.02.2017

Benjamin Triebe: Unzuverlässige BIP-Zahlen – Russlands Grösse ist nicht zu fassen; NZZ, 14.02.2017

Ullrich Umann (gtai): Russlands Wirtschaft wächst 2017 leicht; russland.news, 14.02.2017

GTAI: Russland im Fokus: Markt wächst 2017 leicht, Perspektiven in wichtigen Branchen; 13.02.2017

EU Commission: Winter Forecast: Russian Federation: Oil prices rally brings some respite; 13.02.17

Bofit Weekly: Official figures indicate Russian economy contracted only mildly in 2016; 10.02.2017

Rosstat: Comment on the production and use of GDP for 2016; russisch, 09.02.2017

Natalia Orlova (Alfa Bank): Macro Insights – Alfa Bank Investor Confidence Index – Revision of GDP statistics raises concerns over Rosstat credibility, hurting the growth outlook; 09.02.2017

Nikola Stephan (DekaBank): Russland: Wirtschaft läuft, Politik bleibt vorsichtig; 08.02.2017

CBR: Comments on the current economic situation: Economy, January 2017; russian, 07.02.2017

Wirtschaftsministerium: Social and Economic Development 2016; russian, 07.02.2017

SEB: Russia: Stable oil prices ease pressure; Nordic Outlook, 07.02.2017

Matschilski: Schwacher Konsum in Russland bremst Erholung; owc.de, 07.02.2017

Andrey Ostroukh: Russia statistics service says can revise GDP, not inflation; Reuters, 07.02.2017

Tatiana Grishina: Official statistics dreams of big data; Kommersant, in Russian, 07.02.2017

Igor Nikolayev (FBK Grant Thornton): Uncertain Calculations; Vedomosti, 07.02.2017; IMR: Summary

Higher School of Economics: Comments on the State and Business; in Russian, 07.02.2017

Raiffeisen Capital Management: Emerging Markets Report; Russland; 06.02.2017

Sergei Aleksashenko: Why It Is Hard to Trust Rosstat’s Data on the Recession’s End; RBC; 06.02.17

Klaus Dormann: Russlands BIP sank laut Rosstat 2016 nur um 0,2 Prozent; Ostexperte, 05.02.2017

Philip Hanson (Chatham House): Die Wirtschaft Russlands 2016; Russland-Analysen 329, 03.02.2017

Ricardo Aceves (FocusEconomics): Economy is over the worst, strengthens at end 2016; 03.02.2017

bne IntelliNews; Russia’s analysts baffled as state institutions vie with rosy numbers; 03.02.2017

Benjamin Triebe: Rezession in Russland: Neue Zählweise bringt neues Wachstum; NZZ, 02.02.2017

Tanas: New Way of Counting Tanks Gives Putin’s Economy an Instant Boost; Bloomberg, 02.02.17

Olga Tanas: Russia Nears End of Recession as GDP Shrinks Less Than Forecast; Bloomberg, 01.02.

Alexander Winning: Russian economy may be over the worst, returning to growth; Reuters, 01.02.2017

ria.ru: Experts have found surprisingly low decline of Russia’s GDP by 0.2% in 2016; 01.02.2017

Trading Economics: Russia: Industrial Production; Data, Chart; 20.02.2017

Rosstat: Produktion und Verwendung des Bruttoinlandsprodukts; russisch, 01.02.2017

Titelbild

 Quelle: Ninara, IMG_8610 Saint Petersburg, Russia, Size changed to 1040x585px., CC BY 2.0)

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.