Klaus DormannVon

Experten glauben nicht an Regierungsprognose von über 3 Prozent ab 2021

Das Konjunkturforschungszentrum der renommierten Moskauer Higher School of Economics (HSE) veröffentlichte in der letzten Woche eine detaillierte „mittelfristige“ Konjunktur-Prognose, die weiter bis Ende 2021 reicht. Außerdem legte es die Ergebnisse einer Umfrage bei russischen und ausländischen Experten zur Entwicklung der russischen Wirtschaft vor, die sich sogar auf die nächsten 6 Jahre bis Ende 2024 erstreckt. 

Die HSE hat ihren Umfrageergebnissen die Prognosen der russischen Regierung für die nächsten sechs Jahre gegenübergestellt. Sie wurden vom Wirtschaftsministerium zur Vorbereitung der Haushaltsplanung erarbeitet und Anfang Oktober veröffentlicht.

Der Vergleich zeigt insbesondere:

  • Die durchschnittlichen Erwartungen der Analysten für die kurzfristige Wachstumsentwicklung bis 2020 wurden seit der Jahresmitte wie die Regierungsprognose auch zurückgenommen. Sie haben sich den Prognosen der Regierung stark angeglichen.
  • Die Analysten trauen der Regierung nicht zu, das Wachstum wie geplant ab 2021 dauerhaft auf gut 3 Prozent zu beschleunigen. Die 25 befragten russischen und ausländischen Experten rechnen bis 2024 im Durchschnitt mit keiner Beschleunigung des schwachen Produktionsanstiegs. Ihre Prognosen lassen weiterhin nur rund 1,6 Prozent Wachstum erwarten.

Konjunktur 2018/19 sehen die Experten jetzt fast wie die Regierung

Im laufenden Jahr wird sich Russlands Wachstum laut HSE-Umfrage leicht von 1,5 Prozent auf 1,7 Prozent beschleunigen. Das Wirtschaftsministerium rechnet damit, dass 2018 ein etwas stärkerer Anstieg um 1,8 Prozent erreicht wird.

Prognosen für Wachstum und Ölpreis bis 2021

 2018201920202021
Wirtschaftswachstum ggü. Vorjahr
HSE-Umfrage1,71,41,71,8
HSE-Prognose1,81,31,61,9
Wirtsschaftsministerium1,81,32,03,1
Urals-Ölpreis,
Dollar
HSE-Umfrage71,667,267,365,7
HSE-Prognose71,268,064,662,6
Wirtschaftsministerium69,663,459,757,9

Quellen:  Nikolai Kondrashov (HSE, Development Center): Medium-term forecast of the development of the Russian economy for 2019–2021; 22.11.2018; Sergey Smirnov (HSE, Development Center): Consensus-Forecast: Survey of professional forecasters: GDP growth is approximately at 1.5% per year in the perspective of another six years; 22.11.2018

Im nächsten Jahr erwartet das Wirtschaftsministerium seit Juli eine merkliche Abschwächung des Wachstums. Nachdem sich die Regierung zur Erhöhung der Mehrwertsteuer ab Anfang 2019 entschlossen hatte, senkte das Ministerium damals seine Prognose für 2019 zunächst von 2,2 auf 1,4 Prozent und später weiter auf 1,3 Prozent.

Damit rechnen inzwischen auch viele der befragten Analysten. Ihre durchschnittliche Wachstumserwartung für 2019 (1,4 Prozent) hat sich der Prognose der Regierung weitgehend genähert. Vor einem Vierteljahr hatten die Analysten im Durchschnitt noch mit 1,5 Prozent Wachstum gerechnet, vor einem halben Jahr mit 1,7 Prozent.

Die folgende Tabelle zeigt, dass nicht nur das Development Center der HSE, sondern zum Beispiel auch die Weltbank, die russische Rating-Agentur ACRA und etliche Banken (ING, Citibank, DekaBank, Commerzbank) 2019 ein spürbar abgeschwächtes Wachstum von 1,3 oder 1,4 Prozent erwarten.

Wachstumsprognosen 2018 bis 2020

[table “114” not found /]

Sanktionsdrohungen und sinkende Ölpreise wecken Abschwungsängste

Aktuell scheint manchen Beobachtern im nächsten Jahr nicht einmal das Erreichen der moderaten Wachstumsprognose der Regierung von 1,3 Prozent gesichert.

So meinte der frühere Finanzminister und jetzige Präsident des Rechnungshofs Alexei Kudrin mit Hinweis auf bereits verhängte und mögliche weitere Sanktionen kürzlich, das Wachstum könne 2019 nur 1 Prozent oder sogar weniger erreichen. Auch Andrei Klepach, der Chef-Volkswirt der Vnesheconombank und frühere Leiter der Konjunkturabteilung des Wirtschaftsministeriums, äußerte die Vermutung, das Wachstum könne unter 1,3 Prozent fallen. An eine Rezession glaube er aber nicht. Das berichtet Gazeta.ru.

Die Zeitung nennt diese Einschätzungen „alarmierend“. Neben den Sanktionen sei auch der Einbruch der Ölpreise seit Anfang Oktober (Urals sank von rund 82 auf rund 59 Dollar/Barrel bis zum 23. November) ein Grund für die Befürchtungen, die Konjunktur könnte sich noch stärker als bisher erwartet abschwächen. Die Zeitung erinnert daran, dass die russische Zentralbank ein Risiko-Szenario mit einem Rückgang der Ölpreise auf 35 Dollar vorbereitet hat.

Was sagt die Zentralbank zu den Konjunkturperspektiven?

Zentralbankpräsidentin Nabiullina präsentierte die Szenarien der Zentralbank am 21. November in der Duma im Rahmen einer Rede zur Geldpolitik mit zahlreichen Charts.

Zum Risiko-Szenario der Zentralbank mit einem Rückgang des Ölpreises auf 35 Dollar/Barrel meinte sie, die Entwicklung dieses Szenarios bedeute nicht, dass die Zentralbank einen solchen Einbruch des Ölpreises für wahrscheinlich halte. Sollte dieses Szenario aber eintreten, erwarte die Zentralbank 2019 eine Rezession. Schon 2020 werde die Wirtschaft aber wieder wachsen und im Jahr 2021 würden Wachstumsraten erreicht, die mit der Entwicklung im Basisszenario der Zentralbank vergleichbar seien.

Im Basisszenario geht die Zentralbank für das Jahr 2019 davon aus, dass sich das Wachstum auf 1,2 bis 1,7 Prozent abschwächt. Diese Spanne umfasst auch die Prognose der Regierung (Rückgang des Produnktionsanstiegs auf 1,3 Prozent).

Angenommen wird dabei von der Zentralbank ein Rückgang des Urals-Ölpreises von 72 auf 63 Dollar je Barrel im Jahresdurchschnitt. Der Anstieg der Verbraucherpreise dürfte sich im nächsten Jahr auf 5 bis 5,5 Prozent erhöhen, das Wachstum der Kredite an Nicht-Banken und Haushalte auf 7 bis 11 Prozent sinken.

Die Wachstumsspannen, die die Zentralbank im Basisszenario für 2020 und 2021 erwartet (1,8 bis 2,3 Prozent und 2 bis 3 Prozent) lassen sich ebenfalls weitgehend mit den Wachstumsprognosen der Regierung (2020: +2,0 Prozent und 2021: +3,1 Prozent) vereinbaren.

Basisszenario der russischen Zentralbank

Informationen in englischer Sprache zu den Konjunkturszenarien der Zentralbank bietet eine im Oktober aktualisierte Präsentation der Zentralbank für ihr „Investoren-Programm“ („Russian Economic Outlook and Monetary Policy“).

Die Prognosen von HSE und Regierung decken sich für 2018 und 2019

Die mittelfristige Konjunktur-Prognose bis 2021 des Konjunkturforschungszentrums der HSE weicht hinsichtlich der Entwicklung von Wirtschaftswachstum und Ölpreisen kaum von den Erwartungen ab, die sich bei der Experten-Umfrage des Zentrums im Durchschnitt ergaben.

Im Vergleich mit der Prognose des Wirtschaftsministeriums zeigt sich: Die Wachstumsprognosen von HSE und Wirtschaftsministerium stimmen für 2018 und 2019 völlig überein. Auch nach Einschätzung der HSE beschleunigt sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum in Russland 2018 auf 1,8 Prozent. Wachstumstreiber ist in diesem Jahr, so die HSE, der private Verbrauch. Er steigt 2018 um 2,6 Prozent (2017: + 3,4 Prozent). Aber auch die Anlageinvestitionen nehmen weiter zu. Ihr Anstieg verringert sich allerdings von 4,3 Prozent im letzten Jahr auf 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Im nächsten Jahr schwächt sich nach Einschätzung der HSE das Wachstum des privaten Verbrauchs von 2,6 Prozent auf 1,7 Prozent ab. Die preistreibenden Folgen der Mehrwertsteuererhöhung tragen dazu bei. Die Investitionsdynamik bleibt schwach. Die Anlageinvestitionen wachsen 2019 erneut nur um 2,0 Prozent. Weitere „Bremsfaktoren“ sind unter anderem sinkende Ölpreise und real deutlich schwächer wachsende Ausfuhren.

HSE erwartet 2020/2021 keinen kräftigen Wachstumsschub

Die Konjunkturentwicklung ab 2020 sieht die HSE jedoch viel weniger optimistisch als die Regierung. Die HSE rechnet nicht damit, dass es der russischen Regierung wie geplant gelingt, das Wirtschaftswachstum 2020 und 2021 deutlich zu beschleunigen. 2020 erwartet die HSE nur 1,6 Prozent Wachstum, die Regierung aber 2,0 Prozent. 2021 rechnet das HSE-Zentrum zwar mit einem Anziehen des Wachstums auf 1,9 Prozent. Auch damit bleibt es aber deutlich unter der Prognose des russischen Wirtschaftsministeriums (3,1 Prozent).

Ab 2020 erwartet die Regierung deutlich mehr Wachstum als die Experten

Die vom HSE-Zentrum befragten Experten beurteilen die Wachstumsperspektiven ab 2020 im Durchschnitt noch skeptischer als die HSE-Konjunkturforscher selbst. Laut Umfrage ist 2020 im Durchschnitt nur eine leicht beschleunigte Wachstumsrate zu erwarten (1,7 Prozent). Die befragten Experten meinen, auch in den folgenden Jahren bis 2024 werde der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion nicht spürbar anziehen, sondern mit geringen Schwankungen bei rund 1,6 Prozent stagnieren.

HSE-Umfrageergebnisse und Regierungsprognosen zu Wirtschaftswachstum und Ölpreisentwicklung bis 2024

[table “115” not found /]

Ab 2021 hält die Regierung mit gut drei Prozent also ein rund doppelt so starkes Wachstum für erreichbar wie die befragten Experten, obwohl sie annimmt, dass der Ölpreis in den nächsten 6 Jahren ziemlich kontinuierlich um fast ein Viertel sinkt und von rund 70 Dollar/Barrel im Jahr 2018 auf 53,5 Dollar/Barrel im Jahr 2024 zurückgeht. Die Experten rechnen weiterhin nur mit rund 1,6 Prozent Wirtschaftswachstum, obwohl sie im Unterschied zur Regierung davon ausgehen, dass der Urals-Ölpreis im Jahresdurchschnitt nur wenig sinkt und ab 2019 bei rund 65 bis 67 Dollar/Barrel stagnieren wird.Die russische Regierung rechnet hingegen damit, dass das Wachstum dank der von ihr eingeleiteten wirtschaftspolitischen Maßnahmen 2020 auf 2,0 Prozent anzieht, sich 2021 auf 3,1 Prozent beschleunigt und 2023 3,3 Prozent erreicht.

Die russische Regierung erwartet ab 2020 nicht nur deutlich mehr Wachstum als die befragten Analysten. Sie sieht auch andere Konjunkturindikatoren optimistischer. So geht sie von einer schwächeren Abwertung des Rubels gegenüber dem Dollar aus und rechnet in den nächsten drei Jahren mit einem geringeren Anstieg der Preise als die Experten.

Ifo-Umfrage bestätigt moderate Erwartungen: Mittelfristig nur 1,8 Prozent Wachstum – Vertrauen in die russische Wirtschaftspolitik schwindet

Ein ähnliches Bild der künftigen Wachstumsentwicklung in Russland wie die HSE-Umfrage vermittelt die jüngste Umfrage des Münchner ifo Instituts für seinen vierteljährlich erscheinenden „World Economic Survey“. Auch die vom ifo Institut befragten internationale Experten rechnen „mittelfristig“ mit einem weiterhin schwachen Wachstum in Russland. „Für die nächsten drei bis fünf Jahre“ erwarteten sie im Oktober einen gesamtwirtschaftlichen Produktionsanstieg um jährlich 1,8 Prozent. Vor einem Jahr waren sie noch etwas optimistischer (2,0 Prozent).

Das ifo Institut schreibt zur aktuellen Einschätzung der russischen Wirtschaft:

„Den Experten zufolge schwindet das Vertrauen in die Wirtschaftspolitik weiter. Sie sahen aber auch Korruption, fehlende Innovationskraft, rechtlich-administrative Hemmnisse für Unternehmen sowie eine unzureichende Infrastruktur als bestehende Probleme für die russische Wirtschaft.“

Quellen und Lesetipps zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Russische Regierung zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Russische Zentralbank zu Konjunktur und Geldpolitik sowie Presseberichte zur Geldpolitik:

Russischer Rechnungshof zu Konjunktur, Finanz- und Wirtschaftspolitik:

Russisches Statistikamt Rosstat zur Konjunktur:

Abbildungen zur Konjunktur in Russland, die monatlich veröffentlicht werden:

Konjunktur in Russland: Presseberichte, Studien und Prognosen:

Wirtschafts- und Finanzpolitik in Russland: Studien, Kommentare und Presseberichte

Artikel von Klaus Dormann auf Ostexperte.de:

Fotoquelle

Titelbild: Evgeny /unsplash.com

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.