Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Kieler Institut für Weltwirtschaft noch optimistischer als Regierung (nur kurzfristig)

Am 16. September stellte Wirtschaftsminister Reshetnikov die neuen Prognosen der russischen Regierung für die Entwicklung der Wirtschaft bis 2023 vor. Auch die deutschen Konjunkturforschungsinstitute in Berlin, Essen, Halle und Kiel haben sich im Rahmen ihrer „Herbstprognosen“ zur Entwicklung der Weltwirtschaft kurz zur russischen Wirtschaft geäußert. Wir geben Hinweise für einen Vergleich der Prognosen.

Regierung erwartet 2020 Rezession um 3,9 Prozent

Die russische Regierung geht in ihrer neuen Prognose für die Haushaltsplanung bis 2023 davon aus, dass der Produktionsrückschlag in der „Corona-Krise“ relativ schnell überwunden wird. Sie nimmt an, dass das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr nur um 3,9 Prozent niedriger sein wird als 2019. Im Juni hatte sie noch mit einem Rückgang um 4,8 Prozent gerechnet. Im nächsten Jahr soll sich die gesamtwirtschaftliche Produktion um 3,3 Prozent erholen. Damit wäre der Rückgang im Jahr 2020 schon nach einem Jahr weitgehend ausgeglichen. Wirtschaftsminister Reshetnikov sagte in seiner Rede zur Vorstellung der Prognose, das Bruttoinlandsprodukt werde bereits im dritten Quartal 2021 wieder den Stand vor der Krise erreichen.

Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorjahr in Prozent (rote Raute);

mit Beiträgen der Wirtschaftsbereiche Bergbau (blau), Basis-Industrien und Netto-Steuern (ohne Bergbau; grün) sowie „Sonstige Wirtschaftsbereiche“ (braun) zur Veränderungsrate in Prozentpunkten

In den ersten acht Monaten war das BIP 3,6 Prozent niedriger

Das Wirtschaftsministerium schätzt in seinem am Freitag veröffentlichten Konjunkturbericht für August, dass das Bruttoinlandsprodukt in den ersten acht Monaten 2020 um 3,6 Prozent niedriger war als vor einem Jahr. Im August sei es voraussichtlich um 4,3 Prozent gesunken, nachdem es im Juli sein Vorjahresniveau noch um 4,6 Prozent unterschritt.

Dazu beigetragen hat, dass die Produktion im Bereich „Bergbau/Förderung von Rohstoffen“ im August merklich schwächer abgenommen hat. Im Juli war sie im Vorjahresvergleich noch um 15,1 Prozent gesunken. Jetzt war sie nur noch 11,8 Prozent niedriger als vor einem Jahr, nachdem die Einschränkungen der Ölproduktion im Rahmen des Abkommens der OPEC+ gelockert wurden.

Der Rückgang der gesamten Industrieproduktion schwächte sich  im August auf 7,2 Prozent ab. In den ersten acht Monaten war sie 4,5 Prozent niedriger als im Vorjahr.

Quelle: Tatiana Evdokimova: Twitter-Meldung vom 15.09.2020; Bildadresse

Für das erste Halbjahr hat die Statistikbehörde Rosstat einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 3,4 Prozent errechnet. Dabei nahm es im zweiten Quartal um 8,0 Prozent ab. Vor den Einschränkungen der Produktion im Frühjahr war das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2020 noch um 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gestiegen war.

Investitionen und Einzelhandelsumsatz sinken 2020 weniger als bisher erwartet

Für das Jahr 2020 erwartet die Regierung in ihrer neuen Prognose jetzt insbesondere eine günstigere Entwicklung der Anlageinvestitionen als im Juni. Statt um 10,4 Prozent sollen sie 2020 nur um 6,6 Prozent sinken (zehnte Zeile der folgenden Tabelle).

Auch der private Verbrauch dürfte laut der neuen Prognose weniger stark schrumpfen als bisher erwartet wurde. So wird jetzt für den realen Einzelhandelsumsatz (zwölfte Zeile der Tabelle) nur noch mit einem Rückgang um 4,2 Prozent gerechnet (bisher: – 5,2 Prozent).

Dahinter steht auch eine günstigere Einschätzung der Einkommensentwicklung. Die privat verfügbaren Einkommen dürften nicht wie bisher angenommen um 3,5 Prozent sinken, sondern um 3,0 Prozent (sechzehnte Zeile).

Natalia Orlova, Chef-Volkswirtin der Alfa Bank, geht hingegen weiterhin davon aus, dass die diesjährige Rezession vor allem die Einkommen der Bevölkerung treffen wird. Bei einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 3 Prozent rechnet sie mit einer Abnahme der verfügbaren Einkommen um 5 Prozent.

Wichtige Parameter der Prognose der sozio-ökonomischen Entwicklung

Regierung optimistisch – Rechnungshof-Präsident Kudrin skeptischer

Die russische Regierung blickt jetzt auch auf die Entwicklung in den kommenden Jahren zuversichtlicher als bisher. Nach der weitgehenden Erholung der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Jahr 2021 (+ 3,3 Prozent) rechnet sie 2022 mit einem noch etwas stärkeren Wachstum (+ 3,4 Prozent). Dabei geht sie von einer weiteren leichten Erholung des Urals-Ölpreises auf 46,6 Dollar/Barrel aus. Die meisten anderen Prognosen erwarten hingegen schon für 2022 eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums in Russland auf rund 2 bis 3 Prozent.

Auch Alexey Kudrin, Präsident des Rechnungshofes und früherer Finanzminister, nannte in einem Gastbeitrag für die Wirtschaftszeitung RBC die Erwartung der Regierung, dass die Wirtschaft ab 2021 um über 3 Prozent wächst, „sehr optimistisch“. Er sehe dafür keinen Grund. Solche Wachstumsraten müßten noch „verdient“ werden. Kudrin wies auch darauf hin, dass der Rechnungshof den Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Jahr 2020 auf 4 bis 5 Prozent veranschlagt.

Neue Zentralbank-Prognosen kommen im Oktober

Die russische Zentralbank wird zu ihrer nächsten Leitzinsentscheidung am 23. Oktober ihre Prognosen aktualisieren. Das kündigte Präsidentin Nabiullina am Freitag an, nachdem die Zentralbank entschieden hatte, ihren Leitzins nicht weiter zu senken, sondern bei 4,25 Prozent zu belassen.

EndeJuli hatte die Zentralbank in ihrer mittelfristigen Prognose für den BIP-Rückgang im Jahr 2020 eine Spanne von – 4,5 Prozent bis – 5,5 Prozent genannt. Jetzt meinte Nabiullina in der Pressekonferenz nach dem Leitzinsentscheid, der Rückgang werde im Gesamtjahr wohl „näher bei 4,5 Prozent“ liegen.

Deutsche Konjunkturforschungsinstitute noch uneins

Auch die deutschen Konjunkturforschungsinstitute in Berlin, Essen, Halle und Kiel haben sich im Rahmen ihrer „Herbstprognosen“ zur Entwicklung der Welrwirtschaft kurz zur russischen Wirtschaft geäußert.

Ihre Erwartungen zum diesjährigen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion in Russland unterscheiden sich zum Teil noch erstaunlich stark. So rechnet das Berliner „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ mit einem fast doppelt so starken Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (- 5,9 Prozent) wie das „Kiel Institut für Weltwirtschaft“.

Das Kieler IfW ist sogar optimistischer als die Regierung, allerdings nur für 2020 und 2021. Es rechnet damit, dass Russlands Wirtschaft 2020 nur um 3 Prozent schrumpft (russische Regierung: – 3,9 Prozent). 2021 werde dieser Rückgang mit einem Wachstum um 4,2 Prozent mehr als wettgemacht (russische Regierung: + 3,3 Prozent). Die anderen deutschen Institute glauben jedoch, dass Russlands Wirtschaftsleistung erst 2022 (DIW) oder 2023 (IWH, RWI) wieder den Stand des Jahres 2019 erreichen wird.

Das prognostiziert auch BOFIT, das Forschungsinstitut der finnischen Zentralbank. BOFIT geht zwar wie die Regierung davon aus, dass Russlands Wirtschaftsleistung 2020 um rund 4 Prozent sinkt. Das Institut erwartet 2021aber eine merklich schwächere Erholung (+ 2,4 Prozent) als die Regierung (+ 3,3 Prozent).

Deutlich skeptischer als BOFIT, die deutschen Institute und die Regierung sieht weiterhin die OECD die Konjunktur in Russland im Jahr 2020 (wie auch Weltbank und IWF). Immerhin erwartet die OECD in diesem Jahr jetzt nicht mehr wie im Juni einen Einbruch um 8,0 Prozent, sondern „nur noch“ um 7,3 Prozent.

Wachstumsprognosen 2020 bis 2022
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   202020212022
Helaba, Frankfurt09/18/2020-33
Commerzbank, Frankfurt09/18/2020-41.8
Kiel Institut für Weltwirtschaft09/17/2020-34.21.8
BOFIT, Bank of Finland09/17/2020-42.42.2
Eurasian Development Bank, Moskau09/17/2020-4.23.22.7
Alfa Bank, Moskau09/16/2020-32.5
IWH Halle09/16/2020-3.92.61.2
RWI Essen09/15/2020-531.8
OECD, Paris09/15/2020-7.35
Economist Intelligence Unit, London09/15/2020-5.731.6
Russisches Wirtschaftsministerium09/14/2020-3.9
Urals 41,8 $/b
3.3
Urals 45,3 $/b
3.4
OPEC, Wien09/14/2020-4.92.9
Berenberg Bank, Hamburg09/14/2020-53.52.5
ING Bank, Amsterdam09/11/2020-2.522.2
DIW Berlin09/10/2020-5.94.83.1
FocusEconomics
Consensus Forecast
09/08/2020-53.42.7
Fitch Rating Agency09/07/2020-4.9
DekaBank, Frankfurt09/04/2020-4.63.3
Interfax-Umfrage09/03/2020-42.9
VEB Institut09/03/2020-42.32.4
Reuters Umfrage08/31/2020-4.73.2
HSE-Umfrage08/26/2020-4.23.12.3
Moody’s08/26/2020-5.52.2
Russische Zentralbank,
Basisszenario
07/24/2020- 4,5 bis - 5,5
Urals 38 $/b
3,5 bis 4,5
Urals 40 $/b
2,5 bis 3,5
Weltbank, Basisszenario07/06/2020-62.73.1
Weltbank, Stress-Szenario07/06/2020-9.60.1
Internationaler Währungsfonds06/24/2020-6.64.1

DIW Berlin: Tiefem Einbruch folgt 2021 eine relativ starke Erholung

Seine relativ pessimistische Sicht auf die diesjährige Entwicklung der russischen Wirtschaft (- 5,9 Prozent) begründete das DIW am 10. September so:

„Trotz Lockerung ist die Industrieproduktion zuletzt nur leicht gestiegen. Der Einkaufsmanagerindex ging sogar wieder etwas zurück. Angesichts einer steigenden Zahl von Arbeitslosen bleibt das Konsumentenvertrauen eingetrübt.

Auch der Pandemieverlauf mit einer weiterhin hohen Zahl an Neuinfektionen dürfte die Zuversicht der Konsumenten und Investoren drücken. Zur Bekämpfung der Pandemie hatte die Regierung im zweiten Quartal die Ausgaben für das Gesundheitswesen und die Wirtschaft erhöht. Sie hat zudem Hilfspakete geschnürt, deren Umfang indes begrenzt ist.

Das DIW geht nach dem diesjährigen starken Einbruch der Produktion für das nächste Jahr zwar von einer relativ kräftigen Erholung aus. Sie werde mit einem Wachstum um 4,8 Prozent aber nicht ausreichen, den Rückgang im Jahr 2020 völlig auszugleichen. Das werde erst 2022 mit einem Wachstum um 3,1 Prozent gelingen.

IWH und RWI erwarten nur sehr langsame Erholung

Die Prognose des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle entspricht zwar für das laufende Jahr der Einschätzung der russischen Regierung (- 3,9 Prozent). Die Erholung in den beiden nächsten Jahren wird laut IWH allerdings sehr schwach ausfallen. Bei einem Wachstum von 2,6 Prozent im nächsten Jahr und nur noch 1,2 Prozent im Jahr 2022 werde die russische Wirtschaft reichlich zwei Jahre brauchen, um wieder den Produktionsstand vor der Krise zu erreichen.

Das Essener RWI rechnet mit einer ähnlich langsamen Erholung, obwohl die Regierung für kleine und mittlere Unternehmen und für die am stärksten betroffenen Sektoren (etwa den Luftverkehr) sowie für Arbeitslose und Familien mit Kindern fiskalische Maßnahmen im Volumen von 3,5 Prozent des BIP beschlossen habe. Nach zwei Jahren mit Budgetüberschüssen dürfte Russland 2020 deswegen ein erhebliches Haushaltsdefizit aufweisen. Das RWI geht davon aus, dass das BIP Russlands nach einem Rückgang um 5,0 Prozent im nächsten Jahr um 3,0 Prozent wächst und 2022 um 1,8 Prozent. Das Produktionsniveau des Jahres 2019 wird also erst 2023 wieder erreicht werden.

Kieler IfW rechnet mit schneller Erholung, aber dann schwachem Wachstum

Das Kieler Institut meint zwar, dass die Erholung der russischen Wirtschaft so stark sein wird, dass sie ihr Vorkrisenniveau schon 2021 wieder erreicht. Die weitere Entwicklung der russischen Wirtschaft beurteilt das Kieler Institut aber auch viel skeptischer als die Regierung. Es verweist auf „tiefsitzende strukturelle Probleme“. Die institutionellen Schwächen der russischen Wirtschaft seien mit einer geringen Attraktivität für ausländische Investitionen verbunden. Ein veralteter Kapitalstock, ein schwaches Produktivitätswachstum und eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung belasteten den längerfristigen Ausblick. 2022 ist nach Einschätzung des IfW deswgen eine „nur noch mäßige Expansionsrate“ von 1,8 Prozent erwarten.

Die Rezession in Russland wird weniger scharf als in Deutschland

Einig sind sich die vier deutschen Institute beim Vergleich des Rückgangs der Wirtschaftsleistung 2020 in Russland und in Deutschland. Alle erwarten, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland 2020 nicht so stark sinken wird wie in Deutschland.

DIW und RWI rechnen zwar mit einem kaum stärkeren Rückgang in Deutschland. IfW (D: – 5,5 Prozent; RF: – 3,0 Prozent) und IWH (D: – 5,7 Prozent; RF: – 3,9 Prozent) gehen aber davon aus, dass die Produktion in Deutschland deutlich stärker sinkt als in Russland. Bestätigen sich diese Prognosen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Russland im Jahr der Corona-Krise Deutschland von Platz 5 der IWF-Liste der weltweit größten Volkswirtschaften verdrängt (siehe Ostexperte-Bericht). Das Münchner ifo Institut wird seine Herbstprognose am 22. September veröffentlichen. Die „Gemeinschaftsdiagnose“ der Institute erscheint am 14. Oktober.

Titelbild

Titelbild: Newa in St. Petersburg. Quelle: Photo by Viridi Green on Unsplash

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Regierungsprognose der sozio-ökonomischen Entwicklung bis 2023

Haushaltsplan 2021 bis 2023 von der Regierung beschlossen

Zentralbank-Leitzinsentscheid am 18.09.2020: Leitzins bleibt 4,25 Prozent

Konjunkturberichte August 2020 von Wirtschaftsministerium und Rosstat

Industrieproduktion im August

Periodisch erscheinende Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Zentralbank-Berichte und -Prognosen

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.