Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

Anzeige
Rufil Russia Consulting

Jens BöhlmannVon

Russische Wirtschaft: Es ist Zeit, an Wunder zu glauben

Seit März 2017 veröffentlicht der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ eine regelmäßige Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um die Zukunft der russischen Wirtschaft und den Glauben an ein Wunder zum Osterfest.


Schneller wachsen als die Weltwirtschaft

Wenn es nach dem Willen der russischen Regierung geht, dann soll 2018 das Jahr des ökonomischen Wandels werden. Es ist noch nicht ganz klar, wie genau sich dieser Wandel vollziehen soll, aber Ziele wie Exportsteigerung und -diversifizierung, noch mehr Importsubstitution und vertiefte Lokalisierung sind deutlich erkennbar. Die Strategie 2025 nimmt darüber hinaus Bildung, Digitalisierung, Infrastruktur und auch die Wirtschaft in den Blick.

Auf dem Weg zur Umsetzung dieser Strategie sollen gleichzeitig die Arbeitsproduktivität und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gesteigert werden. Und: Russlands Wirtschaft soll auf dem Weg in diese leuchtende Zukunft schneller wachsen als die Weltwirtschaft! Alles sehr notwendige und richtige Weichenstellungen, aber nirgendwo findet sich die Antwort auf die Frage: Wie?

Reformen, Reformen, Reformen

Der ewige Mahner Kudrin forderte vor wenigen Tagen, dass man das augenblicklich ruhigere ökonomische Fahrwasser nutzen müsse, um die dringendsten Reformen umzusetzen: Modernisierung der staatlichen Verwaltung, Gesundheitswesen, Bildung und zuallererst mehr Transparenz in der staatlichen Wirtschaftspolitik.

Vizepremier Schuwalow sprach davon, dass es keine Politik der Einzelmaßnahmen sein dürfe, sondern der große Wurf gelingen müsse. „Wir kennen die hauptsächlichen Probleme, was uns vor allem bremst sind Demographie, Infrastruktur, mangelnde Investitionen usw.“, ergänzt Nikita Maslennikow vom Institut für moderne Entwicklung. Der Präsident selbst macht sich für Rechts-, Renten, Sozialreformen stark und für den Kampf gegen Korruption. Diese Aufzählung ließe sich ewig fortsetzen. Es ist also nicht etwa so, dass nicht vollkommen klar wäre, was man tun müsste. Aber das meiste sind bisher Ankündigungen.

Nachhaltige Strategie notwendig

In den letzten Monaten haben sich die Fälle juristischer Auseinandersetzungen mit deutschen und anderen Unternehmen gehäuft, oftmals auf der Grundlage fragwürdiger Beweise. Vertrauen in den Investitionsstandort Russland und in die Rahmenbedingungen schafft man damit nicht. Besonders vor dem Hintergrund, dass im Zivilrecht im letzten Jahrzehnt erhebliche Fortschritte erreicht worden sind und man von weitest gehender Rechtssicherheit sprechen konnte, ist diese Entwicklung bedauerlich. Von der wohl notwendigsten aller Reformen, dem Rückzug des Staates aus der Wirtschaft, ist Russland weit entfernt.

Für die auslaufenden Regelungen für OEM (Dekret 166) und Zulieferer (566) fehlt nach wie vor eine Nachfolgeregelung. Die umfangreichen Änderungen am Dekret 719 verschärfen die Regelungen zur Lokalisierung drastisch und sind für viele Unternehmen kaum umsetzbar. Da hilft es wenig, dass als Äquivalent eine weitgehende Erstattung der Kosten für den Export garantiert wird. Was die russische Wirtschaft braucht, ist eine nachhaltige Strategie zur Integration in die Weltwirtschaft und in die globalen Lieferketten.

Zeit an Wunder zu glauben

Nehmen sie es mir nicht übel, wenn man aus den vorherigen Absätzen ein wenig Skepsis herauslesen kann, oder um es mit Goethe zu sagen: „Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Aber genug der Kleingläubigkeit. Immerhin ist Ostern, also Zeit an Wunder zu glauben. Wenn es überhaupt ein Volk gibt, das sich immer wieder neu erfindet und sich aus Krisen befreit, dann sind es die Russen. Ich habe selten, vielleicht mit Ausnahme der Südkoreaner, junge Menschen erlebt, die so zielstrebig und fleißig an sich arbeiten.

Kaum eine Russin oder ein Russe, der sich nicht auf dem einen oder anderen Gebiet weiterbilden würde. Ein Ergebnis ist eine vollkommen neue Managergeneration, die sehr gut ausgebildet, mehrsprachig und auch international vorzeigbar ist. In die Ministerien ziehen mehr und mehr Politiker und Beamte ein, die fachlich und sachlich argumentieren.

Und trotz der propagandistisch aufgeladenen politischen Agitation zwischen Russland und dem Westen, bei der ich mir immer wieder die Frage stelle, was kommt dann, wenn alle Diplomaten ausgewiesen, alle Beleidigungen, Anschuldigungen und gegenseitigen Unterstellungen ausgetauscht worden sind und die rhetorischen Zuspitzungen ihren Höhepunkt erreicht haben, ist eine mentale Wiederannäherung an den Westen und insbesondere an Deutschland deutlich spürbar. Nein, nicht in den öffentlichen Verlautbarungen, aber in all in den Hunderten Gesprächen und Treffen zwischen Russen und Deutschen, bei denen ich die Gelegenheit hatte, an einigen teilzunehmen.

Bedeutung des russischen Markts steigt wieder

Es stimmt: Im internationalen Maßstab hat der russische Markt für die deutsche Wirtschaft an Bedeutung verloren, aber allein das Exportplus von 20 Prozent im Gesamtjahr 2017 (25,9 Mrd. €) verdeutlicht das starke Interesse der Unternehmen an Russland. Vergessen wir dabei nicht, dass hinter dem sterilen Begriff Unternehmen immer auch Menschen stehen. Die deutsche Wirtschaft behauptet mit etwas mehr als 4.000 in Russland tätigen Unternehmen auch weiterhin ihren Spitzenplatz.

Deutsche Firmen sind darüber hinaus in fast allen russischen Regionen aktiv und die am meisten lokalisierten, übrigens mit weitem Abstand vor den USA, Frankreich, Japan und Österreich. Erst vor einigen Wochen hat mit BMW ein weiterer deutscher Automobilkonzern die Entscheidung pro Russland getroffen. Das ist auch ein positives Signal an nachgelagerte Gewerke und zeugt vom langfristigen Vertrauen in den Markt.

Unterschiedliche Chancen für Mittelständler

Für den deutschen Mittelstand sind die Perspektiven eher ambivalent. Unternehmen, die ausschließlich auf den Export nach Russland setzen, werden, so sie nicht ein absolut nicht substituierbares oder unikales Produkt herstellen, Marktanteile verlieren. Für größere Mittelständler mit der Option zumindest Teile der Produktion nach Russland zu verlagern oder Kooperationen mit russischen Partnern einzugehen, stehen die Chancen deutlich besser.

Über alle Branchen hinweg, steigt auch in Russland die Nachfrage nach hochtechnologischen Lösungen und Produkten kontinuierlich. Trotz aller politischen Umstände sind deutsche Unternehmen die beliebtesten Partner, nicht zuletzt weil sie für Qualität, Nachhaltigkeit und After Sales Services stehen. Für Investitionen ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Immobilien, Mergers and Acquisitions sind deutlich günstiger als noch vor 2014; die langanhaltende Hochzinsphase gepaart mit der Rezession haben viele russische Wettbewerber nicht überlebt.

Postskriptum

Eine der großen Gemeinsamkeiten zwischen Russen, Deutschen, Europäern und letztlich auch Amerikanern ist der Glaube an denselben Gott. Zu Ostern wird einem diese Tatsache noch einmal besonders bewusst. Der Papst spendet am höchsten kirchlichen Feiertag den Segen Urbi et Orbi – der Stadt und dem Erdkreis. Es wird allmählich Zeit, dass wir diesen alten Wunsch nach Zusammenarbeit und Frieden wieder verinnerlichen und umsetzen.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

Fotoquelle

Titelbild: Reidl / Shutterstock.com

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.