Gordian KrahlVon

Das Konzept der Industrieparks wurde in Russland schon vor Jahren entwickelt und in die Praxis umgesetzt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage – Sanktionen und Importsubstitutionen – ist das Thema sowohl für Russland, als auch für internationale Unternehmen auf dem russischen Markt wichtiger und aktueller denn je geworden.

Was ist ein Industriepark und welche Vorteile bietet er?

Unter einem Industriepark versteht man ein abgegrenztes Industriegelände, auf dem mehrere voneinander unabhängige Unternehmen angesiedelt sind. Diese Unternehmen können alle zur gleichen oder zu mehreren verschiedenen Branchen gehören. Der Industriepark bietet den zugehörigen Unternehmen meist die für die Branche oder Produktion notwendige Infrastruktur und den Zugang zu weiteren wichtigen Energieträgern, Produktionsfaktoren, Gütern oder Dienstleistungen. Zum Beispiel:

  • Versorgung mit Strom, Gas, Wasser bis hin zu branchen- und produktionsspezifischen Energieträgern und Produktionsfaktoren
  • Standortlogistik wie Anbindung an Straße, Schiene, Hafen
  • Entsorgung von anfallenden Produktionsabfällen
  • Sicherheitsdienstleistungen
  • Facility Management Leistungen, welche bis zur eigenen Werksfeuerwehr reichen können.
  • Und weitere.

Ein Industriepark wird meist von einer Betreibergesellschaft verwaltet. Die Unterstützung, die angesiedelte Unternehmen von der Betreibergesellschaft erfahren, kann sich von Konzept zu Konzept, von Standort zu Standort stark unterscheiden. Sie kann von der Bereitstellung von Wohnraum, Kantineneinrichtungen und der medizinische Versorgung der Arbeiter bis zur Organisation von Schul- und Kindergartenplätzen für deren Kinder und auch darüber hinaus reichen.

Durch die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur und Leistungen können Synergie- und Skaleneffekte genutzt werden. Im Vergleich zur Ansiedlung auf der „grünen Wiese“, können Unternehmen, welche sich in einem Industriepark ansiedeln, diese Synergieeffekte nutzen, ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und somit das Investitionsrisiko deutlich senken.

Wenn sich Unternehmen der gleichen Branche an einem Ort ansiedeln, spricht man auch von Clustern. In der Regel vergrößern sich mit solch einer Clusterbildung die Synergieeffekte.

Woher stammt das Konzept des Industrieparks?

Das Konzept des modernen Industrieparks wurde nicht in Russland erfunden, sondern in England. Im Jahre 1896 kaufte der Investor und Immobilienentwickler Ernest Terah Hooley einem englischen Aristokraten den Trafford Park ab. Das in einem Vorort von Manchester gelegene 12 Hektar Areal wollte dieser eigentlich zu einer Wohnimmobilienanlage der Luxusklasse – geplant waren 500 Prachtvillen, eigene Pferderennbahn und Uferpromenade am Manchester Schifffahrtskanal – entwickeln. Doch dann änderte er seine Pläne und schuf daraus einen Industriepark, in dem sich wegen seiner geeigneten Lage und Infrastruktur bald zahlreiche englische und internationale Unternehmen, unter anderem die erste Ford Automobilfabrik außerhalb der USA, ansiedelten.

Eine zeitlich näher liegende Inspiration für die Entwicklung der russischen Industrieparks war sicherlich China, wo man in den 1980er Jahren mit der Entwicklung der ersten Industrieparks begann und wo es mittlerweile mehr als 6.600 solcher Parks gibt.

Industrieparks – Die Entwicklung in Russland

Wann und wo genau der erste Industriepark Russlands errichtet wurde, ist schwer zu sagen. Mit dem Ziel der Erarbeitung und Festlegung einheitlicher Standards für die Industrieparks wurde im Jahre 2010 der Russische Verband der Industrieparks gegründet. Weitere Ziele und Aufgaben dieses als Non-Profit-Organisation organisierten Verbandes sind unter anderem Lobbyarbeit, Verbesserung der Servicequalität in den Industrieparks, weltweites Marketing, Unterstützung von Investoren bei der Durchführung von Industrieprojekten, sowie der Informationsaustausch zwischen den einzelnen Parks. Zurzeit gehören dem Verband ca. 100 Unternehmen an, welche 70 verschiedene Industrieparks in 45 Regionen der Russischen Föderation vertreten. Außer in den Regionen um Moskau und St. Petersburg gibt es Industrieparks in den Regionen Kaluga, Perm, Wolgograd, Tatarstan, Iwanowo, Swerdlowsk und Belgograd, um hier nur einige der wichtigsten zu nennen.

Im Jahr 2007 verlagerte die 1867 von zwei Deutschen – einem Zuckerbäcker aus Belzig und einem Kaufmann aus dem Schwarzwald – erbaute und von 1922 bis heute unter dem Revolutionsnamen bekannte Moskauer Süßwarenfabrik „Roter Oktober“ ihren Produktionsstandort vom südlichen Stadtzentrum an den nördlichen Stadtrand. Auch wenn es für diese Umzugsentscheidung sicherlich mehrere Gründe gab, einer davon war auch die Bemühung der Politik, Industrieanlagen aus dem Zentrum Moskaus an andere Standorte, wie zum Beispiel in Industrieparks, zu verlagern.

Um Kaluga, einer 340.000 Einwohnerstadt 190 km südwestlich von Moskau entstanden bisher sechs verschiedene Industrieparks. Als erster von diesen erhielt der Park Vorsino im Jahre 2008 den offiziellen Industrieparkstatus. Seitdem haben sich in diesem und den anderen Kalugaer Industrieparks viele deutsche und internationale Unternehmen mit eigenen Produktionskapazitäten angesiedelt. Die bekanntesten darunter sind General Electric, Mitsubishi und natürlich Volkswagen. Der deutsche Autokonzern aus Wolfsburg hatte 2006 den Investitionsvertrag mit der Russischen Regierung unterschrieben und im Jahr 2007 mit der Produktion begonnen.

Wie viele Industrieparks gibt es in Russland?

Anfang 2015 waren 366 Industrieparks in Russland registriert, von welchen die Mehrzahl bereits in Betrieb oder fertig für den Betrieb ist. Viele der in dieser Zahl enthaltenen registrierten Parks befinden sich aktuell jedoch noch im Bau und einige noch in der Planung. Die folgende Übersichtskarte zeigt die Verteilung dieser 366 registrierten Industrieparks über Russland. Es wird ersichtlich, dass sich die Mehrzahl der Industrieparks im Westen Russlands befindet. Es werden auch die Industrieparks gezeigt, welche nicht Mitglieder des Dachverbands sind.

Graphic - number of industrial parks in federal districts of the Russian Federation

Industrieparks – Anreize zur Ansiedlung

Das oder die ersten Unternehmen, die sich in einem neuen Industriepark ansiedeln sind für dessen langfristigen Erfolg entscheidend. Anreize, die ansiedlungswilligen Unternehmen im Rahmen staatlicher Programme gewährt werden, sind z.B. Steuervergünstigungen und geringere Kreditzinsen. Hier sei auf das im Jahre 2014 beschlossene staatliche Programm „Industrieentwicklung und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie“ verwiesen, welches Industrie- und Handelsministerium und Verband der Industrieparks gemeinsam entwickelt haben.

Aber nicht nur der russische Staat, auch die einzelnen Regionen versuchen durch gezielte Maßnahmen die Attraktivität ihrer Industrieparks zu erhöhen. So hat die Verwaltung des Gebietes Swerdlowsk im Jahre 2013 22 Betrieben Finanzierungshilfen zur Zinstilgung in einer Gesamthöhe von 186 Mio. Rubel gewährt. Einen großen Anteil dieser Unterstützung erhielt mit 74 Mio. Rubel das Metallurgische Werk in Kamensk-Uralski als Zuschuss zum Bau einer Walzlinie.

In der Region Kaluga zahlen Unternehmen in den ersten Jahren nach ihrer Ansiedlung geringere Steuern. So beträgt zum Beispiel die Gewinnsteuer (Körperschaftssteuer) in den ersten vier Jahren nur 13,5% statt regulär 20%. (Grundlage: Gesetz der Stadt Kaluga Nummer 621-O3 vom 29.12.2009). Auch die Vermögenssteuer wird in den ersten drei Jahren von 2,2% auf 0% reduziert (Grundlage: Gesetz der Stadt Kaluga Nummer 263-O3 vom 10.11.2003).

Die russischen Industrieparks bieten durch ihre vorhandene Infrastruktur eine gute Möglichkeit, eine Produktion im Lande aufzubauen. Das aktuelle Programm der Importsubstitutionen begünstigt Unternehmen beim Aufbau lokaler Produktion und dem Verkauf von in Russland produzierten Waren zusätzlich. Eine Chance für das langfristige Russlandgeschäft meinen wir. Wenn Sie weitere Fragen zu russischen Industriepark, zu ihrem Russlandgeschäft oder ihren Russlandplänen haben, können Sie sich gerne an das Moskauer Büro von RUFIL CONSULTING wenden. Unsere Mitarbeiter sind für Sie da und beraten Sie gern.

Quellen:

http://www.dechema.de

http://de.rbth.com

http://www.ey.com

http://www.gtai.de

http://www.indparks.ru/

http://news.bbc.co.uk

http://www.novosibexpo.ru

http://www.rt.com

http://www.rusautoconnect.com

http://www.theguardian.com

http://www.volkswagengrouprus.ru

Fotoquelle

Quelle:

Titelbild: http://eng.invest.kaluga.ru

Abbildung: http://www.ey.com

Gordian Krahl
Über den Autor

Gordian Krahl arbeitete als Marketing & Sales Mitarbeiter bei RUFIL CONSULTING.

Er hat Betriebswirtschaftslehre an der TU Dresden studiert. Nach seiner Tätigkeit als Vorstandsassistent in einer Bank in Deutschland folgten berufliche Stationen in New York und Hongkong.