Thorsten GutmannVon

Russischer Verband der Industrieparks im Interview

Denis Zhuravskiy ist Geschäftsführer des Russischen Verbands der Industrieparks (AIP). Im Ostexperte.de-Interview spricht er über den Unterschied zwischen Industrieparks und Sonderwirtschaftszonen, die Vorteile für ansässige Unternehmen, das Engagement der deutschen Wirtschaft in Russland und die Hilfeleistungen der russischen Regierung.


Industriepark Dubna

Industriepark in der Stadt Dubna nordöstlich von Moskau. © AIP


Herr Zhuravskiy, wie viele Industrieparks existieren in Russland?

Industrieparks gehören zu den dynamischsten und am schnellsten wachsenden Branchen. Seit den letzten fünf Jahren ist die Anzahl der Standorte um das Doppelte gewachsen, in der Fläche um das 1,4-fache und in der Anzahl der geschaffenen Arbeitsplätze um das 2,2-fache. Diese Explosion basiert auf der Tatsache, dass Industrieparks in Russland ein neues Format sind. Es gibt 166 Industrieparks. Davon sind nur 120 in Betrieb, da die anderen sich noch in der Planungsphase befinden.

Die Entstehung von modernen Industrieparks begann vor acht bis neun Jahren. Jetzt befinden wir uns auf dem Höhepunkt des Wachstums. Hinsichtlich der geographischen Situation sind Industrieparks auf dem gesamten Gebiet Russlands verteilt. Die ersten Parks eröffneten in Zentralrussland und am historisch-industriellen Ural. Heute umfasst unser Portfolio Industrieparks im Fernen Osten, in Sibirien und im Süden Russlands. Der Föderationskreis Nordwest ist hoch entwickelt, vor allem Sankt Petersburg, aber auch die Region Leningrad und Kaliningrad.

Wie groß sind die Parks im Durchschnitt?

Was die Größe der Parks betrifft, so stehen wir den europäischen Standards nahe. Die durchschnittliche Größe eines Parks beträgt 100 bis 200 Hektar. Diese Standortgröße ermöglicht den Betrieb von etwa 10 bis 30 Fabriken, je nach Industrie variierend. Trotzdem sind die Parks sehr unterschiedlich. Der kleinste Park ist acht Hektar groß, der größte rund 4.000 Hektar.

Inwiefern können Unternehmen von der Eröffnung einer Fabrik in einem Industriepark profitieren?

Obwohl der Standort auf den ersten Blick teuer erscheinen mag, gibt es offensichtliche Vorteile, darunter die Reduzierung von Risiken sowie die Gewährleistung bestimmter Dienstleistungen. Am Ende werden die Gesamtkosten für das ansässige Unternehmen niedriger ausfallen als bei einem herkömmlichen Betrieb. Darüber hinaus kann es Synergien geben, zum Beispiel durch die Einbindung von Querindustrien aus der Nachbarschaft, oder weiteren sehr spezifischen Industriedienstleistungen, unter anderem chemische Abfallwirtschaft und Lagerung.

Wie unterscheidet sich ein Industriepark von einer Sonderwirtschaftszone (SWZ)?

Der größte Unterschied besteht darin, dass bei einem Industriepark physische Objekte immer unter Kontrolle des Betreibers sind. Dazu zählen Land, Versorgungseinrichtungen, Anlagen und Immobilien. Die Sonderwirtschaftszone (SWZ) ist ein spezielles Verwaltungs- und Wirtschaftsregime in einem bestimmten Gebiet. Innerhalb einer solchen Zone können sich Forschungs- und Entwicklungszentren, Industrieparks, Häfen, Resorts oder sogar Casinos befinden.

Häufig hat ein Industriepark den Status einer SWZ. Sie sind industrielle Sonderwirtschaftszonen, von denen es in Russland insgesamt zehn gibt. AIP-Mitglieder sind oft Betreiber von Sonderzonen, zum Beispiel „Alabuga“ in Tatarstan, „Titanium Valley“ in Jekaterinburg oder „Kaluga“ und „Dubna“. Vor kurzem haben wir auf der Konferenz InRussia 2017 in Moskau eine Vereinbarung mit dem Vorstand der „Special Economic Zones“ (JBS) unterzeichnet und beschlossen, die Bemühung um Kooperation mit internationalen Investoren zu erweitern.

Industriepark Jaroslawl

Innenaufnahme eines Industrieparks in Jaroslawl. © AIP

Wie beliebt sind Russlands Industrieparks bei deutschen Unternehmen?

Wir haben eine Studie durchgeführt und festgestellt, dass derzeit 248 ausländische Unternehmen aus 27 Ländern eine Produktion in einem russischen Industriepark betreiben. An erster Stelle dieser Auswertung steht die deutsche Wirtschaft mit 74 Unternehmen. Soweit ich das anhand der Aktivität der deutschen Wirtschaft in Russland einschätzen kann, setzt sich dieser Trend fort. Diese Entwicklung spiegelt unsere traditionsreiche Zusammenarbeit im Industriesektor wider.

Welches sind die bekanntesten internationalen und nationalen Unternehmen in einem Industriepark?

Der wohl interessanteste Deal des Jahres 2017 ist die Entscheidung von Daimler, ein Werk in der Region Moskau zu bauen. Dort will der deutsche Fahrzeughersteller Mercedes-Autos produzieren. Ebenfalls ist BMW auf dem Weg zur endgültigen Festlegung des Standorts und wird voraussichtlich eine Produktion im Gebiet Kaliningrad anstreben.

Am 25. Mai 2017 fand auf dem Territorium des Industrieparks „Sawolschje“ im Gebiet Uljanowsk die feierliche Eröffnungszeremonie der Pkw-Reifenfabrik des japanischen Unternehmens „Bridgestone“ statt. Die Gesamtinvestition in das Projekt beträgt rund 200 Millionen Euro. Der Bau begann im April 2014 auf einem 81 Hektar großen Grundstück. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 550 Mitarbeiter. Viele Unternehmen sind in der Investitionsphase.

Einer der weltweit führenden Heizkörperhersteller – das deutsche Unternehmen Kermi – erwarb ein Grundstück für den Bau einer Produktion im Industriepark „Stupino 1“ in der Region Moskau und begann im September 2017 mit dem Bau. Interessant ist auch, dass Unternehmen, die bereits eine Produktionsstätte in Russland besitzen, ihre Produktion ausweiten wollen.

So hat die deutsche Firma WIKA Mera mit der RSMB Corporation einen Vertrag über die Anwerbung russischer Lieferanten für Produktionsprojekte in Russland unterzeichnet. Eine Reihe von weiteren globalen Unternehmen haben Interesse an einer industriellen Zusammenarbeit mit russischen Lieferanten bekundet.

Zu den dynamischsten gehören der internationale Maschinenbaukonzern GEA Group AG, der deutsche Pumpenhersteller WILO, die japanische SMC Pneumatic und eine Reihe anderer internationaler Firmen aus Japan, Deutschland, den USA und anderen Ländern. Unser Verband möchte solche Partnerschaften fördern. Wir werden weiterhin deutsche Unternehmen bei der Suche nach Partnern in unserem Land unterstützen.

AIP-Geschäftsführer Denis Zhuravskiy bei der Besichtigung eines Industrieparks. © AIP

AIP-Geschäftsführer Denis Zhuravskiy bei der Besichtigung eines Industrieparks. © AIP

Wie unterstützt die Regierung die Entwicklung von Industrieparks?

Es gibt in Russland ein sehr gut entwickeltes System der staatlichen Unterstützung für Industrieparks. Auch wird Unterstützung für die Fabriken der Kunden bereitgestellt. Jährlich investiert die Regierung mehr als 6 Milliarden Rubel in die Entwicklung von Industrieparks. Diese Zahl ist sehr hoch, da es sich nicht um Investitionsausgaben handelt, sondern um Subventionen, die Kapitalanlagen privater Betreiber oder Regionen unterstützen.

Es gibt auch eine breite Unterstützung für produzierende Unternehmen. Sie betrifft hauptsächlich Steuervorteile. Ein anderes neuartiges Instrument ist der Sonderinvestitionsvertrag (SPIK). Ein solcher Vertrag wird zwischen der russischen Regierung und den Investoren unterzeichnet. Er garantiert, dass Konditionen für Abgaben, Steuern, Genehmigungen usw. für zehn Jahre gültig sind.

Welche Aufgaben hat der Russische Verband der Industrieparks?

Danke für meine Lieblingsfrage. Also, wir sind eine typische Industriegewerkschaft. Es ist absolut offensichtlich, dass die meisten Dienstleistungen der Unterstützung unserer Mitglieder gewidmet sind: Lobby, Werbung und Networking in Russland. Zudem sind wir verantwortlich für die Zertifizierung von Industrieparks gemäß nationalen Standards. Außerdem repräsentieren wir unsere Mitglieder in den Regierungsinstitutionen. Wir haben mehr als 20 eigene Veranstaltungen pro Jahr und führen umfangreiche Analysen durch.

Solange wir alle russischen Industrieparks und die meisten auf Industrieanlagen spezialisierten Dienstleister zusammenbringen, wird der Verband immer attraktiver für internationale Unternehmen, die Fertigungskapazitäten in Russland ansiedeln oder ausbauen wollen. Wir sind die kürzeste Verbindung zu regionalen Behörden, die beste Quelle für lokale Analysen und letztlich ein effizientes Eintrittstor in die industrielle Welt Russlands.

Wie können Industrieparks zur Entwicklung der russischen Wirtschaft beitragen? Wie groß ist ihr Einfluss auf den Markt?

Es besteht der allgemeine Konsens, dass Industrieparks Arbeitsplätze und Steuerbasen schaffen. Das ist wahr. In russischen Industrieparks wurden 125.000 Arbeitsplätze geschaffen.

Hauptkriterium der Effektivität der Industrieparks ist das Verhältnis von Investitionen in die Infrastruktur der Industrieparks und die Menge der Investitionen, die für den Bau der Bewohnerbetriebe angezogen werden. Heute ist dieses Verhältnis 1:7 – für ein Infrastruktur-Investment in Höhe von einem Rubel springen am Ende sieben Rubel in Form von Direktinvestitionen heraus.

Insgesamt haben alle Industrieparks Russlands Direktinvestitionen in Höhe von 725 Milliarden Rubel angezogen. Derzeit befinden sich 2.120 Unternehmen in russischen Industrieparks.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Zhuravskiy.

Dieses Interview führte Ostexperte.de-Chefredakteur Thorsten Gutmann.

Mehr Informationen zum Verband
Der Russische Verband der Industrieparks (AIP) ist eine industrielle Non-Profit-Organisation, die führende Personen des Bereichs der industriellen Infrastruktur in Russland zusammenbringt.

Die gesamte Liste der Verbandsmitglieder umfasst mehr als 130 Einrichtungen aus 46 Regionen der Russischen Föderation, die meisten davon sind Industrieparks, Sonderwirtschaftszonen, regionale Entwicklungsgesellschaften sowie Design- und Baudienstleister.

Die Unterstützung bei der Lokalisierung der Produktion ist Schwerpunkt von AIP. Hilfe bei der Standortwahl ist für Investoren kostenlos.

Thorsten Gutmann
Über den Autor

Thorsten Gutmann war von September 2016 bis Dezember 2018 Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenseite Ostexperte.de in Moskau. Derzeit arbeitet er als Nachrichtenchef bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK). Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er u. a. für die Moskauer Deutsche Zeitung und die Berliner Zeitung tätig. Im Jahr 2017 gründete er die RUSummit – Fachkonferenz zur Digitalwirtschaft in Russland mit dem Ziel, den deutsch-russischen Wirtschaftsdialog zu fördern.