Wir machen es selbst

Simon SchüttVon

Die konkrete Seite der Importsubstitution

Das Wort ist in Russland in aller Munde. Wo früher importiert wurde, wird jetzt selbst hergestellt. Doch was heißt das in der Praxis? Lesen Sie hier, wo es im Land schon jetzt Importsubstitution gibt und welche Produkte westliche Waren ersetzen.

In der russischen Wirtschaftswelt gibt es momentan ein Modewort: Importsubstitution. Damit ist gemeint, dass Produkte, die vorher importiert wurden, durch eigene russische Waren ersetzt werden. Mit der politischen und wirtschaftlichen Krise des letzten Jahres und den Sanktionen wird immer mehr davon geredet. Krise und Sanktionen werden nun als Chance gesehen, dass Russland vermehrt die eigene Produktion unterstützt – insbesondere im Lebensmittelbereich.

Dadurch, dass die russischen Gegensanktionen, die ein Einfuhrverbot für westliche Lebensmittel vorsehen, Ende Juni um ein Jahr verlängert wurden, ist die Landwirtschaft aufgerufen, Russland zunehmend mit einheimischen Produkten zu versorgen. Die zuvor bis Januar verlängerten europäischen Sanktionen für Dual-Use-Güter werden als weiterer Anreiz gesehen, sich auch im Bereich der Industrie unabhängig von westlichen Maschinen zu machen. Russland versucht, aus den gegebenen – und selbst auferlegten – Einschränkungen das Beste zu machen.

Es gibt mittlerweilse sogar eine Website, die sich ausschließlich mit dem Thema der Importsubstitutionen in Russland beschäftigt und Beispiele dafür nennt. Der Betreiber der Seite, Pjotr Tschistoserdow, sagt auf Anfrage der MDZ: „Der Prozess der Importsubstitution beginnt erst. Bemerkenswerte Ergebnisse kann man vor allem in der Landwirtschaft verzeichnen. In anderen Bereichen ist es noch nicht immer möglich, importierte ausländische Produkte vollkommen zu ersetzen.“

Hier folgen einige Beispiele aus den Bereichen: Lebensmittel, Industrie und IT:

Lebensmittel

In den Regalen der Supermärkte wurden die Veränderungen durch Importsubstitutionen am schnellsten deutlich. Holländischer, französischer und italienischer Käse wich russischem. Die Käseproduktion stieg im ersten Quartal 2015 um 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Kosa Nostra ist ein kleines Unternehmen 120 Kilometer nördlich von Moskau, das Ziegenkäse produziert. Mit den Sanktionen füllten sich die zuvor leeren Auftragsbücher. Jetzt ersetzt die kleine Molkerei gemeinsam mit anderen Marken in den Supermärkten der Moskauer Ketten LawkaLawka oder Asbuka Wkussa den französischen Ziegenkäse.

Auch in der Fleischindustrie hat es Bewegung gegeben. Ein Großteil des Geflügels kommt nun aus Russland. Obwohl sich der Begriff „Importsubstitution“ eher auf die Endprodukte beziehe, könne man auch in ihrem Bereich davon reden, heißt es von Tscherkisowo, einem der größten Fleischproduzenten Russlands. „Wenn man sich beispielsweise Geflügel ansieht, ist 1998 noch fast das komplette verkaufte Geflügel importiert worden.“ Seitdem sei die Produktion von Grund auf aufgebaut worden. Mittlerweile produziere Russland rund vier Millionen Tonnen Geflügel pro Jahr. „Das deckt den Bedarf des Landes vollständig“, sagt Alexander Kostikow vom zweitgrößten Geflügelhersteller Russlands. In der Fleisch-Industrie habe das Importverbot diesen Prozess aber weder beschleunigt noch verlangsamt.

Importsubstitution: Hühnchen vom russischen Fleischproduzenten Cherkizovo

Hühnchen vom russischen Fleischproduzenten Cherkizovo

 

Industrie

Das russische Industrieministerium nahm sich des Themas der Importsubstitution in der russischen Industrie bereits an. Sogar eine eigene Kommission gründete sie dafür: die Staatliche Kommission für Importsubstitution in der Industrie Russlands.

Pläne von Ende März sehen vor, im Bereich der Industrie künftig 800 Produkte in Russland selbst herzustellen. Bis 2020 sollen über 2000 Einzelvorhaben in 18 Industriezweigen umgesetzt werden. Unter diesen Bereichen befinden sich etwa die Automobilindustrie, Baumaschinen, Medizintechnik, Maschinen für die Lebensmittelindustrie, Chemieanlagen oder Werkzeugmaschinen. Die russische Regierung schätzt die Kosten dafür auf 1,5 Billionen Rubel (rund 25 Milliarden Euro). Sie sollen zum Großteil von den Unternehmen selbst getragen werden. Im Plan des Ministeriums für Industrie und Handel ist zudem angegeben, wie hoch die Abhängigkeit von Importen 2014 jeweils war – bei den meisten Produkten und Technologien um die 90 Prozent. Teilweise soll sie bis 2020 von 100 auf 25 Prozent reduziert werden. Das ist ambitioniert und wird wohl nicht ohne Technologietransfer und ausländische Investoren gehen, schätzt Germany Trade and Invest.

Dass dabei aber schon ein Anfang gemacht wird, zeigt der Maschinenbauer Ruselprom und das russische Chemieunternehmen Toljattiasot. Der Chemiefabrikant ersetzt bereits jetzt importierte Elektromotoren bei der Modernisierung seiner Industriestandorte durch Geräte des russischen Maschinenbauers. Ruselprom liefert aus einer Fabrik in Wladimir Elektromotoren nach europäischer CELENEC-Norm an den Chemiekonzern. Nach Angaben von Ruselprom bieten ihre Motoren gegenüber der ausländischen Konkurrenz den Vorteil, dass sie an die russische Standardspannung von 380/660 Volt statt an die Normen 400/690V beziehungsweise 240/415V angepasst sind. Dadurch werde die Lebensdauer erhöht und der Stromverbrauch reduziert.

 

Importsubstitution: Elektromotor von Ruselprom

Elektromotor von Ruselprom

 

IT-Sektor

Importsubstitution: Russische Business-Software von Diasoft Platform

Russische Business-Software von Diasoft Platform

Obwohl Software nicht als Produkt physisch importiert wird, gibt es hier ebenfalls die Tendenz, dass heimische Software ausländischer vorgezogen wird. Das russische IT-Unternehmen Diasoft Platform bietet mit dem Produkt Diasoft Framework mittlerweile eine Plattform an, die den internationalen Entwicklern für Business-Software wie dem baden-württembergischen SAP und seinem NetWeaver Konkurrenz machen soll. „Wir arbeiten mit drei der Top 10 der russischen Banken, um ihre IT-Landschaften von internationaler auf heimischer Software umzustellen“, sagt Diasoft-Geschäftsführer Konstantin Warow. Das russische Gegenstück habe bereits Kunden wie VTB-Bank, Gasprombank, Alfa-Bank oder die Sberbank-Lebensversicherung.

 

 

Dieser Artikel wurde in der Moskauer Deutschen Zeitung veröffentlich: http://www.mdz-moskau.eu/wir-machen-es-selbst

Fotoquelle

Quelle:

1. Ziegenkäse vom russischen Produzenten Kosa Nostra / kozanostra.info

2. Hühnchen vom russischen Fleischproduzenten Cherkizovo / cherikizovo.com

3. Elektromotor von Ruselprom / ruselprom.ru

4. Russische Business-Software von Diasoft Platform / diasoft-platform.ru

 

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.