Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Simon SchüttVon

Interessanter Denkanstoß: Kann Russland seine Bonds nicht einfach selbst an die Investoren ausgeben?

Braucht es wirklich zwischengeschaltete Investment-Banken bei der Platzierung von Staatsanleihen? Könnten das Länder wie momentan Russland nicht auch allein? Mit diesen Fragen beschäftigt sich eine sehr lesenswerte Kolumne von Mark Gilbert für Bloomberg View

Russland plant momentan, neue Staatsanleihen auf den internationalen Märkten zu platzieren. Doch der Prozess stockt, offenbar auch, weil Investment-Banken aus den USA und auch aus Europa ermahnt wurden, die russischen Bonds nicht zu emittieren – Russland steht schließlich unter Sanktionen. Nun bringt Mark Gilbert den Gedanken ins Spiel, dass Russland das doch einfach selbst machen könnte und die Anleihen an den Mittelsmännern vorbei gleich an die Investoren ausgeben könnte.

Bislang heuere man einige Investment-Banken an, die sich um das Fundraising, die Formalitäten und die Suche nach Investoren kümmern, die die Schuldscheine kaufen wollen. Seit über 50 Jahren werde das nun so gemacht.

Die nötigen Informationen sind öffentlich verfügbar – zwischengeschaltete Banken bieten keinen Mehrwert

Anders als bei den Börsengängen junger Unternehmen könnten Investoren bei Staatsanleihen aber alle nötigen Informationen bereits aus öffentlich zugänglichen Quellen beziehen (sofern sie Russland denn offenlegt). Sie könnten sehen, wie die bisherigen Sicherheiten bewertet seien und wie sie auf dem Markt gehandelt werden. Es gebe daher keinen Mehrwert, Banken zwischengeschaltet zu haben.

Oreschkin: Investoren sind auf Russland zugekommen und haben uns gebeten, neue Staatsanleihen auszugeben.

Russisches FInanzministerium

Das russische Finanzministerium in Moskau.

Seit 2013 hat Russland keine Schuldscheine mehr ausgegeben. Dem stellvertretenden russischen Finanzminister Maxim Oreschkin zufolge seien die Investoren auf Russland zugegangen und hätten gefragt, wieso das Land so lange keine Staatsanleihen mehr ausgegeben habe.

„Die Geschichte dahinter ist, dass genau genommen Investoren uns gebeten haben, Bonds auszugeben, weil Russland das seit einigen Jahren nicht mehr gemacht hat“, hat Oreschkin dem Text zufolge vor einer Woche gesagt.

Der stellvertretende Minister nannte auch das Beispiel Argentiniens, das 70 Milliarden Dollar Gebote für die ersten Staatsanleihen seit 15 Jahren und Einnahmen in Höhe von 16,5 Milliarden Dollar eingebracht habe. Russische Bonds, sagte er, seien „sogar noch einfacher zu platzieren als die argentinische Eurobonds“.

Daher gebe es jeden Grund zu der Annahme, dass neue Bonds eines Landes, das eine Investment-Bewertung von mindestens einer der drei großen Ratingagenturen hat, eine große Nachfrage erleben dürfte. „Wenn also Oreschkin recht hat, wofür braucht er dann die Banken?“, fragt Gilbert.

Mit Ausnahme der Formalitäten „nicht viel schwerer als ein paar Mails zu schicken“

Die 156 Banken, die an der Ausgabe von Staatsanleihen beteiligt gewesen seien hätten den Daten von Bloomberg zufolge durchschnittlich 0,8 Prozent Gebühren eingenommen. Neben den Formalitäten (wie offizielle Codes für die Bonds ausstellen, sodass sie effizient gehandelt werden können) loten die Banken auch die Nachfrage des Marktes aus, um herauszufinden, für welchen Preis man sie verkaufen kann. Gegebenenfalls suchten sie auch die Investoren auf (damit die Preisstabilität nach dem Verkauf gewährleistet bleibt und um die Käufer, die wahrscheinlich auch in Zukunft bieten, zu belohnen.

Im jetzigen Umfeld sehe es aber so aus, dass man, mit Ausnahme der Formalitäten (und wohl auch die lassen sich wohl recht leicht unabhängig erledigen), nicht auf Vermittler angewiesen sei. Den Preis könne man recht leicht mit Blick auf ähnliche Bonds bestimmen. Einige der größten Player der Emerging Markets zu fragen, welchen Zins sie akzeptieren würden, sei „nicht viel schwerer als einige Mails zu schicken“.

Und bei so niedrigen Renditen wie momentan – Russlands 1,5 Milliarden Dollar-Bonds, rückzahlbar bis 2019 mit einem Ertrag von drei Prozent – seien die Kosten dafür, beim Preis um einige Basispunkte daneben zu liegen zu vernachlässigen.

„Das könnte den Bonds-Markt revolutionieren“

Früher habe es Sinn ergeben, eine Reihe von Investmentbanken auf die Jagd nach Investoren zu schicken, Nachfrage zu finden und von engeren Kundenbeziehungen zu profitieren um erfolgreich Bonds zum bestmöglichen Preis zu platzieren. Aber heute?

„Ein halbes Jahrhundert ist eine lange Zeit für den Markt, sich den Kräften der Veränderung zu widersetzen. Ich bin nicht dafür, dafür die Sanktionen zu zerschlagen, aber wenn Russland entscheidet, das alleine und ohne die Investment-Banken zu bezahlen zu machen, könnte das den Bonds-Markt revolutionieren“, schließt der langjährige Bloomberg View Kolumnist.


Was halten Sie von der Idee? Sollte Russland die Bonds allein ausgeben? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren!

 

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Bild von Simon Schütt.

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.