Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Jens BöhlmannVon

Ost-Ausschuss-Kolumne: Komponenten müssen gut und günstig sein!

Es ist nur ein ganz kleines Stück Metall. Ein Kupferblech. Es wird verbaut in Klemmen, Relais, Schaltern, Schaltschränken und und und. Ohne diesen Pfennigartikel funktioniert kaum ein elektrisches Bauteil. Geliefert wird es als Kupferband in einer ganz speziellen Qualität und Abmessung, um dann in eben jene winzigen Teilchen, die von so großer Bedeutung sind, gestanzt zu werden.

Von Jens Böhlmann, Kontaktstelle Mittelstand im Ost-Ausschuss


Kupfer gibt es in Russland zur Genüge. Das Land zählt zu den größten Kupferproduzenten weltweit, verfügt über erhebliche Kupferreserven und hat mit Norilsk Nickel und UGMK zwei große Produzenten. Die Voraussetzungen wären gegeben, um Kupfer in allen Qualitäten herzustellen und anzubieten. Und doch gibt es, auch nach langem Suchen, nur einen einzigen Hersteller der in Lage ist, die notwendige Qualität zu liefern. Der Preis liegt 20 Prozent über dem am Markt üblichen.

Wir übernehmen die Rolle des Mentors

Menschen gießen seit der Kupferzeit Metalle in Formen, um sie dann weiter zu verarbeiten oder zu verwenden. Gießen ist eine Art des Urformens, bei der das flüssige Metall seine erste Form erhält. Gießen kann man praktisch jedes Metall in fast jeder beliebigen Form. Im industriellen Alltag trifft man auf Schritt und Tritt auf Gussteile. Kurbelwellen, Motoren, Getriebe, Maschinengehäuse, Turbinenschaufeln, alles aus Guss. Auch fast jede Pumpe arbeitet in einem Gehäuse aus Guss.

Die metallverarbeitende Industrie hat in Russland eine lange Tradition und einen hohen Stellenwert. Es sollte also kein Problem sein, einen Lieferanten zu finden, der in hinreichender Qualität Gussteile liefern kann: ohne mechanische Bearbeitung, für durchschnittliche Drücke ausgelegt, ohne Lunkerbildung in gleichbleibender Qualität, Menge und zum gleichen Preis. Ja, gibt es: einen! Der Preis liegt deutlich über einem vergleichbaren Produkt aus Deutschland oder Europa.

„Wir übernehmen in diesem Prozess die Rolle des Mentors, der mit dem Lieferanten wächst und ihn Stück für Stück an die Qualitätsansprüche auf dem Weltmarkt heranführt. Es gibt manchmal gute und manchmal günstige Lieferanten, aber nicht beides zusammen“, beschreibt Jens Dallendörfer, Vice President sales area east and Managing Director Wilo RUS die Situation.

Ein Viertel der Lieferungen sind Ausschuss

Andere Firmenlenker sind mit weniger Langmut ausgestattet: „Wenn es nach dem Willen des russischen Staates geht, sollen wir in Russland lokalisieren, möglichst alle Teile auf dem russischen Markt zukaufen und dann ein konkurrenzfähiges Produkt in alle Welt exportieren. Wie denn, wenn man ein gutes Viertel der Lieferungen als Ausschuss gleich wieder wegschmeißen muss?“

Der auf diese Art Frustrierte, möchte lieber nicht namentlich genannt werden, aber er trifft damit den Nagel auf den Kopf. Ganz oft wird Qualität durch Quantität ersetzt und die Preisbildung orientiert sich eher an der benötigten Menge Geldes als dem Markt.

Firmen qualifizieren Lieferanten selbst

Die deutschen Unternehmen gehen mit dem Mangel an leistungsfähigen industriellen Mittelständlern in unterschiedlicher Weise um. Einige kaufen die Firmen auf, um die Qualitätsanforderungen selbst umsetzen zu können, andere qualifizieren in langen Prozessen die in Frage kommenden Unternehmen bis sie in der Lage sind, stabil und pünktlich zu liefern. Wieder andere befinden sich permanent auf der Suche, weil gerade der russische Mittelstand der große Verlierer der wirtschaftlichen Krise ist und beständig von Insolvenz bedroht.

Ein wirtschaftliches Vorzeigeprojekt der russischen Wirtschaft ist der Agrarsektor. Unter dem Druck der Wirtschaftssanktionen wurde sehr viel Geld von privaten Investoren in die Entwicklung moderner Produktionsanlagen und -methoden gesteckt, um Russland unabhängiger von Importen zu machen. Der Staat stellt Milliarden Rubel zu Verfügung, um den Erwerb von Landtechnik, von Vieh und Saatgut zu kreditieren und zu subventionieren.

Die Zahlen scheinen den Erfolg dieser Wirtschaftspolitik zu bestätigen. Die Landwirtschaft ist einer der wenigen Sektoren, die auch in der Krise gewachsen sind. Mittlerweile ist der Anteil an importierten Milchprodukten deutlich zurückgegangen, die Fleischproduktion gestiegen, die Exporte von Getreide wachsen. Was aber wird passieren, wenn die Sanktionen aufgehoben werden, der Rubel Exporte nicht mehr begünstigt und der Markt sich dem Wettbewerb stellen muss? Und dieser Tag wird unausweichlich kommen.

Wenn sich der Markt wandelt wird es schwer

Was wird aus dem Lieferanten, der nur auf Grund der Umstände überlebensfähig ist oder überhöhte Preise aufrufen kann. Welche Chance hat ein Unternehmen, das nicht betriebswirtschaftlich orientiert und eigentlich unrentabel ist?

Es werden genau diese Fragen sein, die über die künftige wirtschaftliche Entwicklung Russlands entscheiden werden. Ausländische Firmen, die den russischen Markt bearbeiten wollen, zur Lokalisierung zu bewegen ist sicher ein Weg, um einen Technologietransfer zu stimulieren und konkurrenzfähige Produkte „Made in Russia“ zu etablieren. Aber in vielen Branchen ist eine Produktion in Russland weder notwendig noch sinnvoll. Hier wird man den steinigen Weg der Unterstützung des Mittelstandes gehen müssen.

Und nur ein Unternehmen zu protegieren, das als Glied in der Kette der Wertschöpfung fungiert und eventuell auch als internationaler Zulieferer geeignet ist, reicht nicht. Es ist allerhöchste Zeit den Grundstein für eine leistungsfähige Industrie zu legen. Schon im nächsten Jahr läuft die Schonfrist für die Automobilindustrie ab, dann laufen die Übergangsfristen der WTO für die erhöhten Zollsätze aus. Ab diesem Zeitpunkt zählen nur noch Qualität und Preis. Und da sind wir wieder bei den Beispielen Kupfer Guss und Lebensmittel.

Mehr Markt, weniger Staat

Es reicht einfach nicht aus, kaum verarbeitete Rohstoffe zu exportieren, Produkte mit geringer Fertigungstiefe und Konkurrenzfähigkeit über den Wechselkurs herzustellen. Die russische Wirtschaft muss reformiert werden, und das geht nur über weniger Staat, mehr Markt und ohne Protektionismus.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.