Matthias DornfeldtVon

Kasachstan: Präsident Nasarbajew will Schwarzes Meer und Kaspisches Meer verbinden

Ein Infrastrukturprojekt von enormer Tragweite: Der Präsident von Kasachstan schlägt die Realisierung des Schifffahrtskanals zwischen Schwarzem und Kaspischen Meer vor.

Der kasachstanische Präsident Nursultan Nasarbajew kündigte auf dem Gipfel der Eurasischen-Wirtschaftsunion-Länder am 14. Mai in Sotschi die Absicht an, einen Schifffahrtskanal zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer zu bauen. Die Idee ist allerdings nicht neu und wurde bereits im russischen Kaiserreich thematisiert.

Nursultan Nasarbajew hat zum ersten Mal die Bedeutung des Baus des Kanals für die Eurasische Wirtschaftsintegration vor elf Jahren dargelegt. Damals bestand die Notwendigkeit, auf dem Territorium der Russischen Föderation die Wasserwege zu erweitern und es wurde unter anderem die Modernisierung des Wolga-Don-Kanals geplant. Aber der von Nasarbajew vorgeschlagene Eurasia-Kanal ist zum Beispiel mehr als 1.000 km kürzer und es können bis zu 45 Millionen Tonnen an Gütern pro Jahr transportiert werden. Zudem ist ein bedeutender Vorteil in Bezug auf den bestehenden Wasserweg die Reisedauer. In der Zwischenzeit haben sich auch die Prioritäten Russlands geändert. Insofern stimmen Experten darin überein, dass für die Idee von Präsident Nasarbajew jetzt die Zeit gekommen ist.

Eurasia-Kanal als Brücke zwischen Asien und Europa

Die neue Initiative von Nasarbajew zum Bau des Eurasia-Kanals kann jedoch als weiterer Anstoß für die Entwicklung der Eurasischen Wirtschaftsunion angesehen werden. Nasarbajew äußerte dazu: „Die Infrastruktur der Eurasischen Wirtschaftsunion sollte eine gute Brücke zwischen Asien und Europa, dem Osten und Westen, dem Pazifik und dem Atlantik werden. Natürlich ist dieses Projekt für Kasachstan einfach notwendig.“ Fast 70 Prozent der kasachstanischen Rohstoffexporte werden durch Russland transportiert und eine neue Route soll dabei ermöglichen, die Zeit und die Kosten für den Transport zu reduzieren. Zum Vergleich: Derzeit wird kasachstanisches Erdöl zunächst mit Tankern zum Kaspischen Pipeline-Konsortium gebracht und anschließend über die CPC-Pipeline zu den Häfen am Schwarzen Meer weitergeleitet.

Entwicklung der lokalen Wirtschaft für die gesamte Region

Die kasachstanischen Medien haben bereits berechnet: Wenn der neue Kanal in Betrieb genommen wird, kann er Schiffe mit einer Tragfähigkeit von bis zu 10.000 Tonnen aufnehmen. Aber die Vorteile werden nicht nur Kasachstan zu Gute kommen, sondern allen Kaspi-Anrainer Staaten. Der Bau des Kanals, ein Großprojekt für die gesamte Region, wird der Entwicklung relevanter Industriezweige und der lokalen Wirtschaft, wie Bauwesen und Schiffbau wichtige Impulse geben, Tausende von Menschen werden einen neuen Arbeitsplatz bekommen. Außerdem bedeutet der neue eurasische Seeweg durch Russland für alle Länder Zentralasiens einen Meereszugang. Für dieses Land ist das vorgeschlagene Projekt eher politischer als wirtschaftlicher Natur. Dieser Fakt wird von führenden russischen Experten anerkannt. Eine neue Wasserstraße wird das Image der Eurasischen Wirtschaftsunion, einschließlich des offiziellen Moskau, positiv beeinflussen.

Der bekannte russische Politikwissenschaftler Sergei Markov schreibt, dass der Grund für den Beginn des Baus des Kanals der Wunsch ist, die Eurasische Wirtschaftsunion wiederzubeleben. Die Idee, einen direkten Weg zu bauen, um die Transitabhängigkeit zu minimieren, wurde lange Zeit in Betracht gezogen. Vor einem Monat haben der chinesische Präsident Xi Jinping und der Premierminister von Pakistan Shahid Abbasi Hakan Hainan bei einem Treffen vereinbart, einen China-Pakistan-Korridor für 46 Milliarden USD zu errichten. Das Infrastrukturprojekt umfasst den Bau eines breiten Korridors von Straßen und Eisenbahntrassen. Das heißt, wenn Kasachstan jetzt keine vorteilhaftere Alternative bietet, können chinesische Waren einen anderen Weg nehmen, indem sie die Länder der Eurasischen Wirtschaftsunion umgehen, was einen Gewinnausfall in Höhe von Milliarden USD bedeutet.

Ein Exportweg für chinesische Produzenten

Nicht zufällig ermunterte auf dem letzten Gipfel in Sotschi Nursultan Nasarbajew seine Kollegen über den Bau einer Hochgeschwindigkeitsautobahn „Eurasia“ nachzudenken, die Europa mit Asien über Russland und Kasachstan verbinden würde. Das heißt, die vom offiziellen Astana vorgeschlagene Transportader ist auch eine neue Möglichkeit und ein Exportweg für chinesische Produzenten. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Lieferzeit chinesischer Waren nach Europa beträgt zurzeit zwei Monate. Mit der neuen Infrastruktur wird die Transportzeit auf zehn Tage verkürzt. Laut Experten wird sich der Eurasia-Kanal nach zehn Jahren rentieren, ein solcher Zeitraum für diese Art von Großprojekt ist akzeptabel. Als vor elf Jahren Analysten, Ökonomen und Politologen die Idee Nasarbajews bezüglich der Implementierung dieses Infrastrukturvorhabens studiert hatten, erklärten sie, dass der neue Kanal die geopolitische Lage der kaspischen Länder ändern werde, so dass sie direkten Zugang zum Meer haben. Diese Perspektive rechtfertigt durchaus die Höhe des Projektbudgets für die beteiligten Staaten. Berücksichtigt wird darüber hinaus, dass das ökologische Gleichgewicht bei Projektrealisierung erhalten bleibt.

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Quelle: Drop of Light / Shutterstock.com 

Matthias Dornfeldt
Über den Autor

Geboren 1973, studierte Rechts- und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin, der Universität Coimbra (Portugal) und der Universität Potsdam. Regionaler Schwerpunkt Westlicher Balkan, westliche GUS, Südkaukasus und Zentralasien. Seit 2003 Auswärtiges Amt, OSZE, Europarat, IOM und die Vereinten Nationen in Liberia. Ab 2007 Programmdirektor im Hauptbereich Internationale Politik der Körber-Stiftung Berlin.

2008 externer Berater, 2009 bis Ende 2011 Senior Program Officer und Leiter des Leadership Programmes des Aspen Institute Deutschland e.V. 2012 Politischer Berater der Kommunikationsagentur Fleishman Hillard Deutschland GmbH. Derzeit lehrt, forscht und publiziert er am Berlin Centre for Caspian Region Studies (BC CARE) der Freien Universität Berlin und am Lehrstuhl für vergleichende und internationale Politik der Universität Potsdam.