Klaus DormannVon

Kommt Russland an der Rezession vorbei? BOFIT und ING glauben das nicht

Welche Auswirkungen die Corona-Krise auf Russlands Wirtschaft hat, und was die Regierung dagegen unternehmen will. Eine Analyse.

Diese Woche ist auch für die meisten Beschäftigten in Russland arbeitsfrei. Präsident Putin „verordnete“ diese „Corona-Ferien“ am 25. März in seiner „Rede an die Nation“. Sie sind Teil eines weiteren Pakets von Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie. Seit dem 30. März wurden zudem Russlands Grenzen vollständig geschlossen. Auch das Leben in Russland wird immer mehr vom Kampf gegen das Virus bestimmt.

Russlands Wirtschaft leidet aktuell aber nicht nur unter Produktionseinbußen, die durch Maßnahmen zum Schutz vor dem Virus verursacht werden. Hinzu kommt der Einbruch der Ölpreise, der Russlands Exporterlöse schrumpfen lässt. Er hat – wie oft zuvor – einen kräftigen Kursverfall des Rubels ausgelöst. Er wird die Preise treiben.

Große Unsicherheit über weitere Entwicklung

Dmitry Dolgin, Analyst der ING Bank, kündigte nach der Rede Putins mit Hinweis auf die Produktionsausfälle in den „Corona-Ferien“ eine weitere Senkung seiner Wachstumsprognose für die russische Wirtschaft an. Nur rund eine Woche zuvor hatte er sie bereits auf 0,5 zurückgenommen. Wie andere Analysten will Dolgin  seine Prognose angesichts der aktuell sehr großen Unsicherheit aber nicht genau quantifizieren. Er erwartet jetzt einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um einen Prozentsatz „im niedrigen einstelligen Bereich“.

Das Forschungsinstitut BOFIT der finnischen Zentralbank ging schon in seiner halbjährlichen Russland-Prognose vom 20. März davon aus, dass es in diesem Jahr auch in Russland eine Rezession geben dürfte (-1 Prozent).

Alarmzeichen der Krise: Einbruch von Ölpreis, Rubel und Aktien

BOFIT veröffentlichte am Freitag eine Abbildung, die vergleicht, wie sich der Ölpreis, der Rubelkurs und der Aktienindex RTS seit Anfang 2015 entwickelt haben.

Aktienindex RTS, Rubelkurs und Ölpreis seit Jahresbeginn eingebrochen

BOFIT, Bank of Finland: Oil prices, ruble and Moscow stock exchange all down; CBR holds key rate unchanged; BOFIT weekly, 27.03.2020

Zum Einbruch des Ölpreises, des Rubels und der Aktien seit Anfang 2020 stellt BOFIT fest:

  • Der Rückgang des Urals-Ölpreises erreichte in der letzten Woche mit 21 Dollar/Barrel gegenüber dem Jahresbeginn rund 67 Prozent.
  • Der Rubel-Kurs sank gegenüber dem US-Dollar seit Jahresbeginn um rund 20 Prozent. Er betrug in der letzten Woche rund 79 Rubel/US-Dollar. Die Zentralbank stützte den Kurs durch den Verkauf von Devisen.
  • Der RTS-Aktienindex war am 26. März rund 34 Prozent niedriger als am Jahresanfang. Besonders stark sanken Öl- und Gasaktien (-41 Prozent) und Bankaktien (-39 Prozent).

Unbereinigt stieg die Produktion im Februar noch in fast allen Branchen

Der vor einer Woche veröffentlichte Monatsbericht des russischen Wirtschaftsministeriums zum „Bild der Wirtschaftsaktivität“ im Februar zeigt noch keine Produktionseinbrüche. Er weist nur für wenige Branchen eine Rückgänge aus (insb. Kohlebergbau, Transportgewerbe). Kräftige Zuwächse gab es hingegen in der Industrie (insgesamt + 3,3 Prozent, darunter Verarbeitendes Gewerbe + 5,0 Prozent), im Einzelhandel (+ 4,7 Prozent) und in der Landwirtschaft (+ 3,1 Prozent).

Das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion beschleunigte sich nach Schätzung des Wirtschaftsministeriums im Februar auf 2,9 Prozent (blaue Linie in der folgenden Abbildung). Im Zeitraum Januar und Februar war das Bruttoinlandsprodukti real voraussichtlich 2,3 Prozent höher als im Vorjahr.

Die blauen Punkte in der Abbildung zeigen die vierteljährlichen Wachstumsraten laut Angaben der Statistikbehörde Rosstat.

Reales Bruttoinlandsprodukt;
monatliche und vierteljährliche Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Russisches Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaftsaktivität; 23.03.2020

Berücksichtigt man die höhere Zahl von Arbeitstagen im Schaltjahr 2020 war das Bruttoinlandsprodukt nach den Berechnungen des Ministeriums im Februar wie im Januar 1,7 Prozent höher als vor einem Jahr.

Saison- und kalenderbereinigt sinkt das BIP aber bereits seit Januar

Wie sich das Bruttoinlandsprodukt saison- und kalenderbereinigt entwickelt, berechnet monatlich das Forschungsinstitut der Vnesheconombank mit dem „VEB Index für das Bruttoinlandsprodukt“. Danach war die gesamtwirtschaftliche Produktion im Januar 0,2 Prozent niedriger als im Dezember und im Februar 0,4 Prozent niedriger als im Januar.

Zur Erklärung verweist das Institut zunächst insbesondere auf die ungewöhnlich warme Witterung. Die Stromerzeugung sank, ebenso die Erdgas- und Kohleförderung. Der Transport per Bahn und Pipelines ging zurück.

Im Februar könnte, so vermutet das Institut, auch schon die Corona-Epidemie begonnen haben, die Nachfrage zu dämpfen. Der Personenverkehr begann abzunehmen. Umfragen zeigten eine Verschlechterung der Verbraucherstimmung. Die Produktion von Dienstleistungen ging deutlich zurück. Auch der Einzelhandelsumsatz sank. Insgesamt können die gesamtwirtschaftlichen Effekte des Virus im Februar laut VEB-Institut aber noch nicht stark gewesen sein.

Auf der anderen Seite sei im Februar die Nachfrage durch eine deutliche Erhöhung der öffentlichen Ausgaben gestützt worden. Die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes sei weiter gestiegen. Zu erwarten ist nach Einschätzung des VEB-Instituts, dass die im März begonnenen massiven Produktionseinschränkungen im Dienstleistungsbereich die gesamtwirtschaftliche Aktivität deutlich verringern werden.

Geschätztes Bruttoinlandsprodukt, Januar 2008 = 100; saisonbereinigt

Vnesheconombank Institute: Monthly GDP Index February 2020; 27.03.2020

Die Abbildung ermöglicht einen langfristigen Vergleich mit dem Einbruch der Produktion in der Finanzkrise 2008/2009.

Der VEB-Index des Bruttoinlandsprodukts sank vom Frühjahr 2008 bis zum Frühjahr 2009 um rund 12 Indexpunkte. Im Jahresdurchschnitt 2009 war das BIP 7,8 Prozent niedriger als 2008. In der Finanzkrise hat es rund 2 Jahre gedauert, bis Russlands Wirtschaft den tiefen Produktionseinbruch aufgeholt hat.

Maßnahmen der russischen Regierung zum Schutz vor Corona-Folgen

Erste Sofortmaßnahmen beschloss die russische Regierung am 16. März. Der OAOEV berichtet dazu in seinem Russland-Update 2020/01:

„Am 16. März 2020 reagierte die russische Regierung auf die Gefahr des Coronavirus mit umfangreichen Sofortmaßnahmen zum Schutz der russischen Wirtschaft. Ein Krisenfonds mit 300 Milliarden Rubel (etwa 3,6 Milliarden Euro, 1 Euro = 83,6 Rubel, EZB-Wechselkurs vom 16.03.2020) soll mögliche wirtschaftliche und soziale Folgen der Krise abmildern. Eine Mischung aus finanziellen Anreizen, Ausgleich von Verlusten und Deregulierung soll eine Wirtschaftskrise verhindern.“

Detaillierte Informationen zu den Maßnahmen vom 16. März stellte die GTAI zusammen.

Am 25. März kündigte Präsident Putin im Fernsehen In einer „Rede an die Nation“ zahlreiche weitere Maßnahmen an. Sie umfassen Verbesserungen von Sozialleistungen und Zahlungserleichterungen für kleine und mittlere Unternehmen aber auch Steuererhöhungen für Wohlhabende. Durch eine arbeitsfreie Woche soll eine schnelle Verbreitung des Virus verhindert werden. Dazu berichtete die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer unter anderem:

  • Die Tage vom 30. März (Montag) bis zum 03. April (Freitag) sind für die meisten Arbeitnehmer arbeitsfrei, wobei die Löhne weiterbezahlt werden müssen. 
  • Alle Sozialleistungen werden innerhalb der nachfolgenden sechs Monate automatisch verlängert. Das Arbeitslosengeld wird auf 12.100 Rubel erhöht – das entspricht der Höhe des Mindestlohns in Russland.
  • Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) sowie Mikrounternehmen in Schieflage erhalten einen sechsmonatigen Zahlungsurlaub bei der Tilgung ihrer Kredite. KMUs können mit einer sechsmonatigen Stundung von allen Steuern außer der Mehrwertsteuer rechnen, und Mikrounternehmen zusätzlich mit einer Stundung von Sozialbeiträgen.
  • Personen, die insgesamt mehr als 1 Mio. Rubel in Bankeinlagen oder Schuldtitel angelegt haben, müssen nun 13 Prozent Einkommensteuer auf ihre Zinserträge entrichten.
  • Dividendenausschüttungen und Zinszahlungen ins Ausland unterliegen nun einem erhöhten Steuersatz von 15 Prozent. Entsprechende Änderungen sollen in die Doppelbesteuerungsabkommen eingetragen werden. Sollten internationale Partner die Änderungsvorschläge nicht akzeptieren, so wird Russland aus den entsprechenden Doppelbesteuerungsabkommen einseitig aussteigen. 
  • Die Regierung und die Zentralbank sollen zusätzliche Maßnahmen vorschlagen, um die Kreditvergabe an Unternehmen zu gewährleisten. Es geht unter anderem um staatliche Garantien und Subventionen. Auch ein sechsmonatiges Moratorium für die Einleitung von Insolvenzverfahren und Schuldbetreibung wird eingeführt.

OAOEV-Vorsitzender: „Wichtiger Beitrag zur Stützung der Wirtschaft“

Oliver Hermes, der Vorsitzende des Ost-Ausschusses-Osteuropavereins der Deutschen Wirtschaft, erklärte am 27. März in einer Pressemitteilung zu den Beschlüssen der russischen Regierung unter anderem:

„Das von der russischen Regierung angekündigte Konjunkturpaket ist ein wichtiger Beitrag zur Stützung der Wirtschaft in Russland. Gemeinsam mit den Überbrückungshilfen anderer europäischer Staaten erhöhen sich damit die Chancen, dass die europäische Wirtschaft insgesamt nach Corona schnell wieder aus der Krise kommt.

Die angekündigten neuen Sozialleistungen und Überbrückungshilfen stützen die Kaufkraft der russischen Bevölkerung.  Die Stundung von Kredit-Rückzahlungen für private Verbraucher und den Mittelstand verhindert eine dramatische Zunahme von Insolvenzen. Entscheidend ist hier für uns, dass diese Maßnahmen mit Augenmaß und nicht auf Kosten einer Schieflage des Bankensystems eingeführt werden. Der russische Staat hat aufgrund der soliden Haushaltsplanung der vergangenen Jahre genug Ressourcen, um für Stabilität zu sorgen.“

Putin schlägt „grüne Korridore“ für freien Handel in der Corona-Krise vor

Einen Tag nach seiner „Rede an die Nation“ nahm Präsident Putin an einer Video-Konferenz der G-20 Staaten teil. In seinem Redebeitrag sagte er, ihm scheine, dass die durch die Corona-Pandemie verursachten Probleme zu viel größeren „Schocks“ führen würden als die Finanzkrise 2008/2009.

Aus der Sicht der russischen Regierung liege das Haupt-Risiko in der Entstehung langfristiger Arbeitslosigkeit. Sie werde viel stärker steigen als 2009.

Putin meinte, es sei jetzt wichtig, „grüne Korridore“ für eine von Handelskriegen und Sanktionen freie Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten, Technogien und Ausrüstungen zu schaffen.

ING Bank erwartet 2020 Rezession „im niedrigen einstelligen Bereich“

Dmitry Dolgin, Chefvolkswirt für Russland der ING Bank, meint in seiner Analyse der von Präsident Putin am 25. März vorgeschlagenen Maßnahmen, durch die „arbeitsfreie“ Woche dürfte die monatliche Produktion in der Industrie und auch in anderen Branchen voraussichtlich zweistellig sinken. Weitere Maßnahmen dieser Art könnten zudem nicht ausgeschlossen werden, da eine globale Eindämmung des Virus offenbar noch weit entfernt sei.

In Verbindung mit der Verschlechterung der Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft sieht sich Dolgin deswegen  „gezwungen“, seine kürzlich auf 0,5 Prozent gesenkte Wachstumsprognose für die russische Wirtschaft als „unrealistisch“ zu betrachten. Er meint, die Maßnahmen der Regierung könnten zwar die aktuellen Belastungen kleiner und mittlerer Unternehmen etwas erleichtern. Sie seien auch auf längere Sicht positiv zu bewerten. Angesichts des relativ geringen Anteils der begünstigten kleinen und mittleren Unternehmen (BIP-Anteil 15 bis 20 Prozent) hält er aber kurzfristig eine Kontraktion der Wirtschaft für unvermeidlich.

Dolgin erwartet jetzt einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion „im niedrigen einstelligen Bereich“. Angesichts der aktuellen großen Unsicherheit verzichtete auch Andrey Kuts, Analyst der Rating-Abteilung der Nachrichtenagentur RIA, in seinem Bericht zur Entwicklung der russischen Wirtschaft im Februar auf eine quantifizierte Prognose.

Dolgin versucht auch eine Schätzung der Auswirkungen der Corona-Krise auf den Staatshaushalt. Die Summe aus der voraussichtliche Erhöhung der Staatsausgaben und dem Rückgang der staatlichen Einnahmen aus Branchen außerhalb des Energiebereichs werde in diesem Jahr wohl rund 1 bis 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Da in diesem Jahr laut ING-Prognose nur noch ein Urals-Ölpreis von durchschnittlich 36 Dollar/Barrel zu erwarten sei, würden auch die staatlichen Einnahmen aus dem Energiebereich stark sinken. Das Budget-Defizit könnte deswegen 2020 rund 3 bis 4 Prozent des BIP erreichen. Das sei angesichts der angesparten hohen staatlichen Reserven aber kein Problem.

BOFIT rechnet mit BIP-Rückgang um 1 Prozent

BOFIT veröffentlichte am 20 März, also wenige Tage nachdem die russische Regierung ihr erstes Maßnahmenpaket zum Coronavirus ankündigte, seine halbjährliche Konjunkturprognose für Russland. Das Institut erwartet jetzt einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 1 Prozent. Vor einem halben Jahr hatte es noch einen Anstieg um 1,8 Prozent prognostiziert.

Als Ursachen für seine stark verschlechterte Wachstumsprognose nennt BOFIT zum einen den Einbruch der Ölpreise. Für 2020 sei bei der Erstellung der Prognose auf den Finanzmärkten mit einem durchschnittlichen Ölpreis von nur noch 39 Dollar/Barrel gerechnet worden. Er sei rund 40 Prozent niedriger als der Preis im Jahr 2019. Angesichts der Corona-Pandemie hätten außerdem die meisten Beobachter ihre Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft scharf gesenkt.

Investitionen und Ausfuhren sinken 2020 kräftig

BOFIT erwartet für 2020 folgende Entwicklung der Verwendung des Bruttoinlandsprodukts:

Der private Verbrauch sinkt real um 0,9 Prozent. Die kürzliche Abwertung des Rubels könne den Verbraucherpreisanstieg beschleunigen und so die Kaufkraft schwächen. Die realen Anlageinvestitionen werden angesichts der verschlechterten Wachstumsaussichten bei den stark gesunkenen Ölpreisen scharf um 6,5 Prozent verringert.

Die Ausfuhren sinken real ebenfalls deutlich um 5 Prozent. Hier wirkt sich das schwächere Wachstum der Weltwirtschaft aus. Die Einfuhren dürften real noch stärker um 10 Prozent verringert werden. Hintergrund dafür sind die Abwertung des Rubels, die Einfuhren verteuert, und die Nachfrageschwäche.

Obwohl die Einfuhren doppelt so stark sinken wie die Ausfuhren, wird die Leistungsbilanz aber auch 2020 voraussichtlich mit einem Überschuss schließen. Er dürfte aber deutlich geringer sein als im letzten Jahr.

Gestützt wird das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr vom öffentlichen Verbrauch. Geplant ist, die Staatsausgaben im Zeitraum 2020 bis 2022 jährlich um 6 bis 7 Prozent zu erhöhen. BOFIT erwartet (wie ING), dass der Staatshaushalt im Jahr 2020 defizitär werden wird. Der Fehlbetrag könne aber durch die im Nationalen Wohlfahrtsfonds gesammelten Ersparnisse gedeckt werden.

Russlands Sicherung für Krisenzeiten: Wohlfahrtsfonds und Währungsreserven wurden aufgestockt

BOFIT wies am Freitag angesichts der weltweiten Rezessionsgefahren auch darauf hin, welche Reserven Russland für Krisenzeiten angespart hat.

Der Stand der russischen Gold- und Devisenreserven erreichte am 13. März 581 Milliarden USD, den höchsten Stand seit August 2008. Der Nationale Wohlfahrsfonds wurde im März auf 157,2 Milliarden Dollar aufgestockt. Sein Wert entspricht derzeit gut 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Rund 86 Prozent bestehen aus hoch liquiden Anlagen.

Russia’s reserve funds, 2013–2020

The Economist: Die „Isolierung“ der Wirtschaft kostet Wachstum

Auch das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ weist in einer Analyse der aktuellen Lage der russischen Wirtschaft auf die hohen Reserven hin.

Die Abschwächung des Rubels habe den Schaden für die öffentlichen Finanzen durch den Rückgang des Ölpreises zudem begrenzt (In Rubel sinken die Einnahmen wegen der Abwertung weniger stark als in Dollar). Die westlichen Sanktionen hätten außerdem in vielen Fällen dafür gesorgt, dass es irrelevant sei, dass ausländische Produkte abwertungsbedingt jetzt in Rubel mehr kosten.

Abgeschnitten durch die Sanktionen von den internationalen Kapitalmärkten hätten russische Unternehmen keine andere Wahl gehabt als ihre Verschuldung zu verringern. Die Schulden der russischen Unternehmen machten heute weniger als 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, die staatlichen Schulden weniger als 20 Prozent..

Da Russland auch hauptsächlich Rohstoffe und technisch einfache Produkte exportiere, sei es auch weniger verletzlich durch Störungen komplexer globaler Versorgungsketten. Russland sei zudem unabhängiger von Importen geworden. So sei der Anteil der Importe an der Versorgung mit Lebensmitteln in den letzten 5 Jahren um ein Drittel auf 24 Prozent gesunken.

Die „Isolierung“ der russischen Wirtschaft habe allerdings ihren Preis, unterstreicht „The Economist“. Russlands durchschnittliche Wachstumsrate seit 2014 habe lediglich 0,6 Prozent erreicht, nur rund ein Fünftel des weltweiten Wachstums.

BOFIT: 2021 und 2022 nur schwacher Aufschwung

Laut BOFIT wird die russische Wirtschaft auch nach Überwindung der leichten Rezession um 1 Prozent im Jahr 2020 nur relativ schwäch wachsen. Das Institut erwartet keinen starken Aufschwung (2021: + 1,5 Prozent;  2022: + 1,8 Prozent).

Auch Beobachter, die 2020 noch ein Wachstum dre russischen Wirtschaft um rund 1 Prozent erwarten, wie die Rating Agentut Fitch, rechnen nicht damit, dass sich das Wachstum 2021 auf mehr als 2 Prozent beschleunigt.

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
Helaba, Frankfurt03/27/20201.301.7
Commerzbank, Frankfurt03/27/20201.3-21.1
Eurasian Development Bank03/25/20201.31.31.9
Euler Hermes; Allianz03/23/20201.31.21.8
BOFIT, Bank of Finland03/20/20201.3-11.5
ING Bank, Amsterdam03/20/20201.30.51.7
Fitch Ratings03/19/20201.312
DIW, Berlin03/19/20201.31.11.6
RWI, Essen03/19/20201.311.5
Ifo Institut, München03/19/20201.3-0.21.1
WIIW Wien03/17/20201.3-0.1
Economist Intelligence Unit03/17/20201.30.61.8
Berenberg Bank, Hamburg03/16/20201-11.5
Morgan Stanley03/13/20201.31.62.3
Citibank03/13/20201.322.5
Kiel Institut für Weltwirtschaft03/12/20201.311.5
IWH Halle03/12/20201.32.11.7
Macro Advisory; Moskau03/12/20201.322.8
OPEC, Wien03/11/20201.10.8
FocusEconomics
Consensus Forecast
03/10/20201.31.82
DekaBank, Frankfurt03/06/20201.31.61.9
OECD, Paris03/02/202011.21.3
Sberbank, Moskau03/01/20201.31.72.2
Higher School of Economics Umfrage02/29/20201.82
Reuters-Umfrage02/28/20201.9
Vnesheconombank Institute02/14/20201.31.92.5
Russische Zentralbank,
Basisszenario
02/07/20201.3
Urals 64 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,5
Urals 50 $/b
Rosstat; erste Schätzung02/03/20201.3
Wirtschaftsministerium;
Entwurf laut Interfax
01/31/20201.4
Urals 63,8 $/b
1.9
Urals 57,7 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b
IWF, New York01/20/20201.11.92
Weltbank, Washington01/08/20201.21.61.8
Deutscher Sachverständigenrat30/03/201,30,60,9

Informationsquellen zu den Folgen des Coronavirus für Russlands Wirtschaft

In Deutschland findet man Informationen zum Thema „Russland und Corana“ jetzt unter anderem im Dossier „Corona in Mittel- und Osteuropa“ des OAOEV und auf der GTAI-Seite: „Wirtschaftliche Auswirkungen des Coronavirus in Europa“. Über die Folgen der Verbreitung des Virus in Russland informiert der OAOEV auch im Rahmen von regelmäßig erscheinenen „Updates“ zur Entwicklung der russischen Wirtschaft. Die AHK Moskau aktualisiert ihre Informationen mit einem Live-Ticker.

Das russische Wirtschaftsministerium hat Mitte März eine besondere Internetseite eingerichtet, die Informationen zu Maßnahmen der Regierung zur Bekämpfung der Folgen der Verbreitung des Virus bietet.

Titelbild

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Coronavirus: Liveticker

Coronavirus: Regierung und Zentralbank zum Coronavirus; beschlossene Maßnahmen

Coronavirus: Informationen von AHK, GTAI, OAOEV

Coronavirus: Sonstige Berichte zu „Coronavirus in Russland“

Ölpreiseinbruch und Finanzmarktchrash

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte

Konjunktur in Russland im Februar; Monatsberichte von Rosstat und Wirtschaftsministerium

Zentralbank: Präsentationen für Investoren in Englisch

Konjunkturprognosen deutscher Forschungsinstitute und des WIIW

Weitere Prognosen und Berichte zur internationalen Konjunkturentwicklung

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.