Elena SchneiderVon

CEO Endurance: „Datenschutz existiert nicht mehr“

Der Nutzer tippt eine Frage in sein Smartphone ein und erhält sofort eine passende Antwort: Die sogenannten „Chatbots“ haben sich mittlerweile zu intelligenten Assistenten entwickelt und entlasten zahlreiche Bereiche, zum Beispiel den Kundendienst von Mobilfunkanbietern. Sowohl im Alltag als auch im Business gewinnen die Helfer immer mehr an Bedeutung. Wie stark sie unser Leben in der Zukunft verändern können, verrät der Entwickler von „Endurance“ im Interview.

Erleben Sie den CEO von Endurance am 21. September auf der RUSummit 2018 in Berlin.

Zur Person
George Fomitchev ist der Gründer und CEO des russischen Start-up-Unternehmens Endurance, das sich auf Chatbots sowie Roboter- und Lasertechnik spezialisiert hat. Sein Know-How zum Thema „Künstliche Intelligenz“ teilt der Jungunternehmer an mehreren Universitäten in den USA sowie auf zahlreichen internationalen Events, unter anderem auf der RUSummit 2018 am 21.09.18 in Berlin.

Herr Fomitchev, wie ist Endurance entstanden?

Auf der Suche nach Ideen bin ich nach Kalifornien gereist und habe dort meinen jetzigen Geschäftspartner getroffen. Mehrere Jahre haben wir uns mit der Entwicklung von Roboter- und Lasertechnologien beschäftigt. Schließlich haben wir festgestellt, dass Roboter vorerst keine Perspektive bieten, da die Nachfrage im Konsumbereich noch nicht groß genug ist. Das ist nicht nur in Russland der Fall, auch weltweit ist der Markt für Roboter nicht ausreichend entwickelt. Es haben sich Produkte wie der Staubsauger-Roboter durchgesetzt – und das war es schon. Den Verbraucher davon zu überzeugen, dass er beispielsweise einen Kellner-Roboter braucht, ist derzeit sehr schwer. Seit Ende 2017 haben wir uns auf Lasertechnologien und Chatbots fokussiert. Der Markt ist relativ neu und unsicher, aber im Gegensatz zu den Robotern ist das Interesse auf jeden Fall gegeben.

Wie funktioniert ein Chatbot?

Es gibt mehrere Wege, um einen Chatbot zu programmieren. Zum einen gibt es die Möglichkeit, eine Datenbank von Fragen und Antworten anzulegen. Zum anderen kann eine offene Datenbank wie Wikipedia genutzt werden. Der Bot ist da nicht begrenzt und sucht sich die Antwort auf eine Frage selbst aus. Nur um ein Beispiel zu nennen: Wir haben einen Chatbot kreiert, dem Sie fragen über die Funktionsweise eines Chatbots stellen können.

Wie sind die Chatbots mit der künstlichen Intelligenz verknüpft?

Chatbots sind eine Abzweigung der künstlichen Intelligenz. Um eine Frage zu beantworten, verwenden sie künstliche neuronale Netze. Aus einer Vielzahl von Fragen und einer Vielzahl von Antworten sucht der Computer die passende Reaktion aus. Die Funktionsweise lässt sich mit dem menschlichen Gehirn vergleichen. Wenn uns ein und dieselbe Frage zu verschiedenen Zeitpunkten gestellt wird, fällt unsere Antwort unterschiedlich aus. Je öfter wir gefragt werden, desto automatisierter, schneller und genauer fällt die Antwort aus. Dasselbe macht der Chatbot auch, er lernt mit der Zeit.

In welchen Branchen können solche Bots eingesetzt werden?

Prinzipiell können Chatbots in jeder Branche zum Einsatz kommen. In erster Linie ist ein Chatbot ein System, das einem Dienstleister ermöglicht, eine unbegrenzte Anzahl an Fragen zu beantworten. Am Anfang ist der Lernprozess relativ niedrig. Doch je mehr Informationen hinzukommen, zum Beispiel aus dem Chatverlauf mit den Kunden, kann die künstliche Intelligenz bessere Antworten geben. Je mehr Probleme erfolgreich gelöst werden, desto besser wird der Chatbot.

Welche Vorteile hat ein Unternehmen davon?

In erster Linie dient der Chatbot als Unterstützung beim Kundensupport und spart Personalkosten. In Russland entwickelt sich gerade eine riesige Anzahl an computerbasierten Call-Center-Beratern. Für mich ist es der erste Schritt zu meiner Vision. Häufig müssen Tasten gedrückt oder die Sprache angepasst werden, damit das Programm den Wunsch des Kunden versteht. In meinen Augen ist das nicht sehr bequem. Die Chatbots der Zukunft werden das Gesprochene erkennen, unabhängig von der Stimmlage oder ähnlichen Störfaktoren. Es werden zudem viele Apps verschwinden, weil die Unternehmen auf direkten Dialog mit dem Konsumenten setzen müssen. Bestellungen von Taxi, Essen oder anderen Dienstleistungen und Produkten werden über einen Messenger getätigt. Und genau dafür ist ein Chatbot ideal.

Wie können die Chatbots im privaten Gebrauch genutzt werden?

Nehmen wir die Vereinbarung zu diesem Interview als Beispiel. Im Idealfall würde ich meine Termine mit Hilfe eines Chatbots verwalten. Anhand meiner E-Mails könnte er Termine abspeichern und mögliche Überschneidungen aufzeigen, sowie meine Prioritäten mitberücksichtigen. Hätten wir beide einen Chatbot, könnten diese eine passende Zeit anhand der Verfügbarkeiten im Kalender „absprechen“ und uns die möglichen Termine zur Wahl stellen. Es ist natürlich klar, dass diese Entwicklung nicht morgen und auch nicht in fünf oder zehn Jahren passieren wird. Aber ich glaube fest dran, dass wir an diesem Punkt ankommen werden. Wir kommunizieren bereits jetzt zum Teil mit Robotern.

Sind die Chatbots Ihrer Meinung nach ein Hype oder die Zukunft?

Ich setze mich permanent mit den Technologien in dieser Sphäre auseinander – für mich ist das die Zukunft. Menschen aus dem PR-Bereich bezeichnen die neuen Technologien gerne als Hype. Menschen, die sich mit den Technologien auseinandersetzen, sehen darin mehr Potential. Für mich sind die Chatbots eine natürliche Erweiterung der menschlichen Kommunikation. Die Tatsache, dass wir heutzutage immer öfter über einen Messenger kommunizieren, führt zum Schluss, dass auch Roboter irgendwann miteinander kommunizieren werden.

Wie schätzen Sie die Reaktion der Gesellschaft auf solche Entwicklungen ein?

Das ist eine philosophische Frage – der Mensch ist ein Gewohnheitstier und verweigert jegliche Art von Veränderungen. Die Frage wird letztlich nicht die sein, wer welche Meinung zum Thema vertritt. Viel entscheidender ist die Frage, wer als Unternehmen überleben und wettbewerbsfähig bleiben kann. Gewöhnlich wird um Ressourcen konkurriert. Die wertvollste Ressource der Zukunft ist meiner Meinung nach die Zeit. Sowohl Unternehmen als auch der Mensch werden gezwungen sein, diese Ressource zu sparen und sich an die Veränderungen anpassen.

Wie schätzen Sie die digitale Entwicklung in Russland ein?

In Russland ist das Interesse für die Themen der digitalen Wirtschaft in letzter Zeit stark angestiegen. Das Level der Digitalisierung ist in Russland gar nicht mal so schlecht. Es gibt beispielsweise das Portal für staatliche Dienstleistungen, um Anträge online zu stellen oder Termine zu vereinbaren. Soweit ich weiß, gibt es in Europa und den USA keinen vergleichbaren Bürgerservice. Die Funktionsweise ist nicht ins letzte Detail durchdacht, aber es funktioniert. Die Terminvergabe wird einfach online geregelt, ohne Schlange stehen zu müssen.

Wie stehen Sie zum Thema Datenschutz?

Die Menschen wollen an den Datenschutz und eine vermeintliche Privatsphäre glauben. Für mich ist es nur ein Begriff, Datenschutz existiert in meinen Augen schon lange nicht mehr.  Für die Regierungen und für große Organisationen existiert der Datenschutz auch nicht. Sie können an alle erdenklichen Daten kommen, das ist nur eine Preisfrage.

Wie sieht unsere Zukunft aus Ihrer Perspektive aus?

In meinen Augen werden wir uns in einem aktiven virtuellen Raum befinden. Ich denke, dass Virtual-Reality-Brillen zur Normalität werden, mit Hilfe dessen jeder in eine ihm erdenkliche Welt eintauchen kann. Die Kommunikation wird noch automatisierter ablaufen und die Chatbots werden dabei eine entscheidende Rolle spielen. Um ehrlich zu sein, stelle ich mir die Zukunft wie eine globale Einsamkeit vor. Die Vorstellungen von der Welt werden durch das Netz noch verzerrter sein und der Mensch sich noch einsamer fühlen.

Und wenn wir von einer Zukunft in 50 bis 100 Jahren sprechen, dann werden Roboter und Computer ein Teil von unserem Organismus sein. Ich denke, es ist unumgänglich, dass sich Menschen in Zukunft zu kybernetischen Organismen verwandeln. Der menschliche Körper wird mit mechanischen Bestandteilen ergänzt und manche Organe ersetzt. Ich schließe mich der Meinung von Raymond Kurzweil an, dem Leiter der technischen Entwicklung bei Google: Bald wird der Mensch zur Hälfte Cyborg sein und den Neugeborenen werden Überwachungschips eingepflanzt. Bis dahin dauert es jedoch noch.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Fomitchev.

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Elena Schneider
Über den Autor

ist als Studentin der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bremen eingeschrieben. Im Rahmen des Programms „Doing Business in Russia“ absolviert sie derzeit ein Praktikum beim unabhängigen Nachrichtenportal Ostexperte.de in Moskau. Das Ziel des Programms besteht darin, theoretische und praktische Erfahrungen für den Aufbau erfolgreicher Geschäftsbeziehung in Russland zu sammeln.