Patrick VolknantVon

Naftogaz lässt Gazprom-Aktiva beschlagnahmen

Seit geraumer Zeit streiten sich Russland und die Ukraine um Gaslieferungen. Nun hat der ukrainische Gaskonzern Naftogaz mit Pfändungen begonnen, um ausstehende Strafgelder von Gazprom einzutreiben. Dies berichtet die russische Tageszeitung Wedomosti.

Nach langem Hin und Her war es soweit: Im vergangenen März verurteilte das Internationale Schiedsgericht in Stockholm den russischen Gaskonzern Gazprom zu milliardenschweren Schadenersatzzahlungen an das ukrainische Unternehmen Naftogaz. Doch trotz des rechtskräftigen Urteilsspruchs ist Gazprom die fälligen 2,56 Milliarden US-Dollar bis heute schuldig geblieben. Stattdessen plant das Unternehmen, die Entscheidung anzufechten. Laut Gazprom sei der Urteilsspruch nicht wie vorgesehen von den Schiedsrichtern verfasst worden. Hierbei beruft sich der russische Gasriese auf die Erkenntnisse eines „Sprachexperten“, dem man das Urteil vorgelegt habe.

Auch Nord Stream 2 AG von Pfändung betroffen

Naftogaz hingegen drängt auf die Auszahlung des Geldes und versucht mittlerweile, das Geld auf anderem Wege einzutreiben. Wie der ukrainische Staatskonzern am Dienstag in Kiew bekannt gab, ist es zu Pfändungen in der Schweiz und den Niederlanden gekommen. Hierbei seien auch Firmen ins Visier geraten, die an der Umsetzung des deutsch-russischen Pipeline-Projekts Nord Stream 2 arbeiten.

„Im Zusammenhang mit Zwangsvollstreckungsmaßnahmen gegen Gazprom haben Betreibungsbeamte am 29. Mai die Bürogebäude der Nord Stream 2 AG aufgesucht“, erklärte ein Naftogaz-Sprecher der Nachrichtenagentur dpa. Die juristische Auseinandersetzung habe jedoch keine Auswirkungen auf die Umsetzung des Projektes. Besonders unter osteuropäischen Ländern ist Nord Stream 2 umstritten. Befürchtet wird eine zu große Abhängigkeit von Russland in der eigenen Energieversorgung.

Keine Gefahr für europäische Energieversorgung

In jüngerer Vergangenheit war bereits das Eigentum Gazproms in der Ukraine beschlagnahmt worden. Solange Gazprom sich weigert, die ausstehende Summe an Naftogaz zu überweisen, ist wohl auch künftig mit Pfändungen bei europäischen Gazprom-Töchtern zu rechnen. So erklärte Naftogaz-Direktor Juri Witrenko bereits, dass die Eintreibung des Geldes ohne Einlenkung auf russischer Seite bis zu einem halben Jahr andauern könne.

Elena Anankina, Analystin bei Standard & Poor’s, sieht allerdings auch bei künftigen Maßnahmen durch Naftogaz keine Gefahr für die Energieversorgung Europas. Auch wenn das ukrainische Unternehmen theoretisch russisches Gas in unterirdischen Speicheranlagen beschlagnahmen könnte, das für Europa bestimmt sei, werde dies nicht geschehen. Im Konflikt mit Russland sei Kiew zu sehr auf europäische Unterstützung angewiesen, um sich ein solches Vorgehen erlauben zu können. Außerdem würde man Moskau nur zusätzliche Argumente für das Nord-Stream-2-Projekt liefern.

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Quelle: Merkushev Vasiliy / Shutterstock.com

Patrick Volknant
Über den Autor

ist Autor bei Ostexperte.de.

Der freie Journalist studierte Germanistik und Philosophie in Freiburg und Leipzig.