Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Das erwarten die deutschen Experten in ihren Sommerprognosen für die russische und die deutsche Konjunktur

In den letzten Tagen veröffentlichten gleich vier deutsche Forschungsinstitute neue Prognosen zur deutschen und internationalen Konjunkturentwicklung, in denen sie sich auch zu den Perspektiven der russischen Wirtschaft äußerten. Sie sind sich dabei erstaunlich einig, wie stark der Produktionsrückgang in Russland 2016 sein dürfte. Eine ebenfalls interessante Feststellung: Russlands Entwicklung lässt sich mit der Brasiliens vergleichen. Für Deutschland erwarten die Institute ein stetiges Wachstum. 

Den Anfang machte am 09. Juni das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), am 15. und 16. Juni folgten das Berliner Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das Münchner ifo Institut und das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Aktualisierte Prognosen zu Russland veröffentlichten außerdem die Research-Abteilungen der Deka Bank und der Allianz.

Konjunkturprognosen der deutschen Forschungsinstitute für Russland liegen eng beieinander: -0,9 bis -1,2 Prozent

Wie fast alle anderen Beobachter rechnen auch die deutschen Experten angesichts der gegenüber dem Vorjahr gesunkenen Ölpreise im Jahr 2016 mit einem Anhalten der Rezession in Russland.

Inzwischen sind sich die Forschungsinstitute auch ziemlich einig, wie stark der Produktionsrückgang sein dürfte. Ihre Prognosen liegen eng beieinander zwischen -0,9 Prozent (ifo Institut) und -1,2 Prozent (IfW und IWH). Insgesamt sehen die Institute die russische Konjunktur jetzt etwas positiver als in der Mitte April veröffentlichten halbjährlichen „Gemeinschaftsdiagnose“ der Institute, die noch einen weiteren Produktionsrückgang um 1,3 Prozent in diesem Jahr erwartete.

Analysten sehen Konjunkturentwicklung optimistischer als internationale Wirtschaftsorganisationen

Bei den Bank-Analysten gehen die Meinungen weiter auseinander als bei den Instituten. Ihr Prognosespektrum reicht von -0,6 Prozent (Allianz) bis -1,4 Prozent (Berenberg Bank).

Wie ihre Kollegen im Ausland sehen auch die deutschen Analysten die russische Konjunktur in diesem Jahr fast alle deutlich optimistischer als die internationalen Wirtschaftsorganisationen (OECD, IWF, Weltbank, EBRD, EU). Auch die jüngsten Prognosen der deutschen Forschungsinstitute vermitteln ein erheblich günstigeres Bild als zuletzt noch Anfang Juni die OECD (-1,7 Prozent).

Dass die russische Wirtschaft in diesem Jahr aber fast das Vorjahresniveau erreichen wird, wie das russische Wirtschaftsministerium erwartet, halten die deutschen Experten nicht für möglich.

Hier folgt nun die Tabelle mit den Einschätzungen.

Deutsche Forschungsinstitute und Banken zur russischen Wirtschaft

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent (Stand: 16. Juni 2016).
InstitutDatum201620172018
Russische Zentralbank, Moskau2016/06/10-0.3 bis -0.71.1 bis 1.41.6 bis 2.0
Deka Bank, Frankfurt2016/06/14-0.81.1
Institut für Weltwirtschaft, Kiel2016/06/16-1.21.3
ifo Institut, München2016/06/16-0.90.8
DIW, Berlin2016/06/15-1.10.5
Allianz, München2016/06/13-0.61.5
IWH, Halle2016/06/09-1.21.2
Berenberg Bank, Hamburg2016/05/23-1.40.11.7
Commerzbank, Frankfurt2016/05/20-11.3
Deutsche Bank2016/05/12-0.70.5
Wirtschaftsministerium, Basisszenario2016/05/06-0.20.81.8

Berliner DIW zur aktuellen Konjunkturlage in Russland

Zu den wichtigsten Trends der russischen Wirtschaft in den ersten vier Monaten heißt es im Wochenbericht 24/25 2016 des Berliner DIW:

„Die russische Wirtschaft ist in den ersten vier Monaten des Jahres 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 1,1 Prozent geschrumpft. Der Rückgang hat sich verlangsamt. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum war die Bautätigkeit weiterhin rückläufig, die Industrieproduktion stagnierte. Der geringere Einzelhandelsumsatz deutet darauf hin, dass die Bevölkerung bei sinkenden Realeinkommen weiterhin ihren Konsum einschränkte.“

Das russische Statistikamt Rosstat hat dazu am 20. Juni neue Daten für einschließlich Mai veröffentlicht:

Wirtschaftsdaten für Russland im Mai 2016 (laut Rosstat)

 Veränderung 2015 zu 2014 (in Prozent)Veränderung Mai 2016 zu Mai 2015 (in Prozent)Jan.-Mai 2016/ Jan.-Mai 2015 (in Prozent)
BIP-3.7
Industrieproduktion-3.40.70.1
Bauproduktion-7-9-4.6
Realeinkommen-4-5.7-4.9
Einzelhandelsumsatz-10-6.1-5.7
Anlageinvestitionen-8.4Keine Daten-4.8 (nur Jan.-Mär. 2016)

Quellen: Rosstat: Sozio-ökonomische Lage in Russland, 20.06.2016; Bank of Finland: BOFIT Russia Statistics; 20.06.2016;


Russische Industrieproduktion im Mai gestiegen, Einzelhandelsumsatz geht stärker zurück

Die vom DIW angesprochenen Trends haben sich im Mai weitgehend bestätigt. Die Industrieproduktion brachte ein Anstieg im Mai um 0,7 Prozent auch im Vergleich der ersten fünf Monate leicht ins Plus. Der Rückgang des Umsatzes im Einzelhandel verschärfte sich hingegen im Mai noch.

Capital Economics erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal rund 2 Prozent niedriger sein wird als im Vorjahresquartal (1. Quartal: – 1,2 Prozent). Daten für die Investitionsentwicklung (1. Quartal: -4,8 Prozent) werden nur vierteljährlich veröffentlicht.

Das DIW berichtet weiterhin:

„Die Investitionen sind im ersten Quartal 2016 im Vergleich zum Vorjahresquartal erneut gesunken. […] Insgesamt sind von der inländischen Nachfrage kaum Impulse zu erwarten. […]

Die Entwicklung der wertmäßigen Exporte war in den ersten Monaten 2016 noch vom niedrigen Ölpreis bestimmt. Mit dem inzwischen gestiegenen Ölpreis werden sich die russischen Exporterlöse im weiteren Verlauf wieder erhöhen. Mit der Ölpreisentwicklung hat sich zudem der Kurs des Rubels zuletzt stabilisiert. Dies hat dazu beigetragen, dass die inländische Preissteigerung weiter gesunken ist. Sie lag mit 7,3 Prozent im April aber noch oberhalb des für Ende des Jahres 2017 anvisierten Inflationsziels von vier Prozent.“

Im Mai betrug der Anstieg der Verbraucherpreise erneut 7,3 Prozent.

IfW vergleicht längerfristige Entwicklung mit anderen Schwellenländern: Russlands Entwicklung ist mit der Brasiliens vergleichbar

Die Kieler Forscher nehmen stärker die längerfristige Entwicklung in den Blick. Sie vergleichen die Entwicklung von Produktion, Verbraucherpreisen und Wechselkursen in Russland mit der Entwicklung in anderen wichtigen Schwellenländern (Brasilien, Indien, Türkei) seit 2007.

Deutlich wird aus den Abbildungen und Tabellen: Am ehesten vergleichbar sind die Entwicklungen in Russland und Brasilien, das seit 2015 in einer noch etwas tieferen Rezession als Russland steckt (BIP-Rückgang 2015: -3,9 Prozent; Prognose 2016: -3,1 Prozent).

Die brasilianische Landeswährung Real hat seit Ende 2014 ebenfalls stark gegenüber dem Dollar abgewertet. Im Jahresdurchschnitt 2015 mußten für einen US-Dollar rund 42 Prozent mehr Real bezahlt werden als 2014. In Russland waren es sogar rund 58 Prozent mehr Rubel für einen Dollar.

Das schlägt sich wohl auch in der Preisentwicklung nieder. Während sich die Inflationsrate in Russland (auch wegen der wechselseitigen Sanktionen) im Jahresdurchschnitt 2015 auf 15,5 Prozent verdoppelte, stieg sie in Brasilien nur um knapp die Hälfte auf 9 Prozent. Inzwischen ist die Inflationsrate in Russland aber rasch gesunken. Aktuell ist sie niedriger als in Brasilien.

Kieler halten Perspektiven Russlands für „wenig vielversprechend“

Das Kieler IfW äußert sich auch zu den weiteren Perspektiven für die russische Wirtschaft. Es hält sie für „wenig vielversprechend“, insbesondere weil nicht mit einer Belebung dringend notwendiger ausländischer Investitionen zu rechnen sei:

„Angesichts einer ungünstigen demografischen Entwicklung ist eine Beschleunigung des Produktivitätswachstums erforderlich, um die Dynamik der Wirtschaft zu erhöhen. Der Zustrom an Auslandsinvestitionen, der für die Modernisierung des Kapitalstocks und der Produktionsverfahren dringend notwendig ist, ist allerdings weitgehend zum Stillstand gekommen, und angesichts der zunehmend unvorhersehbaren ordnungspolitischen Rahmenbedingungen und bis auf Weiteres bestehenden Wirtschaftssanktionen ist derzeit nicht mit einer Belebung des Engagements ausländischer Investoren in Russland zu rechnen.“

Deutsche Wirtschaft mit stetigem Wachstum

Im Mittelpunkt der Berichte der Institute steht aber die Entwicklung der deutschen Wirtschaft. Sie kann, anders als Russland, ein sehr stetiges Wachstum verzeichnen.

Im Durchschnitt rechnen die in der Tabelle genannten sechs Institute in Deutschland 2016 mit einem erneuten Produktionsanstieg um rund 1,7 Prozent. Ihre Prognosen reichen von 1,5 Prozent (HWWI) bis 1,9 Prozent (IfW).

Wie es 2017 weitergehen dürfte, beurteilen die Forscher aber nicht ganz so einmütig. Während alle anderen Institute mit einer leichten Abschwächung rechnen, sieht das Kieler IfW die deutsche Wirtschaft auch 2017 im Aufwärtstrend. Das Prognosespektrum für 2017 reicht so von 1,3 Prozent (HWWI) bis 2,1 Prozent (IfW).

Prognosen für die deutsche Konjunktur

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent (Stand: 17. Juni 2016).
InstitutDatum20162017
RWI Essen2016/06/171.71.6
ifo Institut, München2016/06/161.81.6
IfW Kiel2016/06/161.92.1
DIW, Berlin2016/06/151.71.4
IWH, Halle2016/06/091.81.6
HWWI Hamburg2016/06/071.51.3
Durchschnitt1.71.6

Quellen

RWI Essen: Gute Konjunktur bringt öffentlichen Haushalten Überschüsse; 17.06.2016

IfW Kiel: Sommerprognose des IfW; Deutschland und Weltwirtschaft; 16.06.2016

ifo Institut München: Aufschwung in Deutschland geht in die zweite Halbzeit, 16.06.2016

DIW Berlin: Deutsche Wirtschaft wächst stabil – Brexit würde Wachstum kosten; 15.06.2016

IWH Halle: Deutsche Binnenkonjunktur weiter im Aufwind; 09.06.2016

HWWI Hamburg: Deutsche Konjunktur bleibt stabil; 07.06.2016

Reuters: Russian economy stalls in May as retail sales disappoint; 20.06.2016

Rosstat: Sozio-ökonomische Lage in Russland; Monatsbericht, 20.06.2016

Bank of Finland: BOFIT Russia Statistics; 20.06.2016

Deka Bank: Emerging Markets Trends; 14.06.2016

Allianz: Russia: Economic Indicators and Forecasts; 13.06.2016

Titelbild

Quelle:

Foto von Simon Schütt

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.