Klaus DormannVon

Wo rangiert Russlands BIP im Ranking der größten Volkswirtschaften?

Starke Wechselkursschwankungen verzerren internationale Vergleiche; auch beim kaufkraftbereinigten Vergleich kann Russland Rang 5 nicht erreichen

Präsident Putin forderte nach seiner Wiederwahl in seinen „Mai-Dekreten“ unter anderem, dass Russland bis 2024 zu den fünf größten Volkswirtschaften der Welt gehören soll. Bis Oktober solle die Regierung Pläne dafür vorlegen.

Medienkommentare wiesen dazu oft nur darauf hin, Russland rangiere in gängigen Ranglisten bisher nicht einmal unter den „TOP 10“ der Weltwirtschaft. Selten wurde darauf aufmerksam gemacht, dass Russland bei einer Kaufkraftbereinigung des Bruttoinlandsprodukts auf Platz 6 steht.

Wir haben Informationen gesammelt, wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank Russlands Wirtschaftsleistung im internationalen Vergleich einstufen, und was die russische Regierung plant, um ihr Land auf Platz 5 zu bringen.

Wie Wirtschaftsminister Oreschkin Russlands Wachstum beschleunigen will

Anfang Oktober legte Wirtschaftsminister Oreschkin in einer Rede vor dem Föderationsrat dar, dass Russland vor allem durch Maßnahmen zur Erhöhung der Zahl der Erwerbstätigen, mit höheren Investitionen und weiteren Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsproduktivität für mehr Wachstum sorgen will:

  • Erstens werde die Regierung durch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, eine stärkere Zuwanderung und Veränderungen des Pensionssystems für einen Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen sorgen.
  • Zweitens habe die Regierung bereits im Juli einen Plan zur Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Investitionsquote auf 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gebilligt.
  • Drittens wolle die Regierung die Arbeitsproduktivität erhöhen, unter anderem durch eine Unterstützung der Digitalisierung der Wirtschaft (siehe Ostexperte.de: Russlands digitale Agenda 2024), verstärkte Innovationsaktivitäten und den Einsatz moderner Management-Methoden.

Oreschkin zeigte sich zuversichtlich, dass das sich das Wachstum der russischen Wirtschaft nur 2019 vorübergehend auf 1,3 Prozent abschwächen werde. Dank der Wirtschaftspolitik werde es 2020 auf 2 Prozent steigen. Danach werde es sich über der 3-Prozent-Marke halten.

Russlands Wachstum werde sogar stärker sein als das Wachstum der Weltwirtschaft. So werde Russlands Wirtschaft in den Kreis der fünf größten Volkswirtschaften der Welt vorstoßen. Dabei werde Russland den vom Internationalen Währungsfonds ausgewiesenen Rückstand seines Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem deutschen Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 4 Prozent überwinden und einen Vorsprung gegenüber der Wirtschaftsleistung Indonesiens halten.

Wo steht Russlands BIP im Ranking der weltweit größten Volkswirtschaften?

Als Kennziffer für die Produktion einer Volkswirtschaft wird fast immer das Bruttoinlandsprodukt verwendet, also der Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen (soweit diese nicht als Vorleistungen für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden). Für internationale Vergleiche wird es mit den von den Zentralbanken veröffentlichten Wechselkursen aus der nationalen Währung in US-Dollar umgerechnet.

Bei Umrechnung zu laufenden Wechselkursen liegt Russland nur auf Platz 11

Die Weltbank veröffentlichte in ihrer Datenbank im September solch eine Liste für das Jahr 2017 (Gross domestic product, millions of US-Dollars). Auf ihr sind 200 Nationen nach der Höhe ihres Bruttoinlandsprodukts in jeweiligen Preisen aufgeführt.

Russland erreichte Platz 11 (Bruttoinlandsprodukt: 1.578 Milliarden US-Dollar). Auf Platz 5 steht Großbritannien mit 2.622 Milliarden US-Dollar. Um auf Platz 5 dieser „Weltrangliste“ aufzurücken, hätte das russische Bruttoinlandsprodukt also rund 66 Prozent höher sein müssen.

Auch der Internationale Währungsfonds veröffentlicht Angaben zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in jeweiligen (oder laufenden) Preisen. Sie stimmen mit denen der Weltbank für das Jahr 2017 fast völlig überein.

In der Datenbank des Internationalen Währungsfonds lässt sich eine Abbildung zum Vergleich der Entwicklung des BIP in laufenden Preisen in Russland und Deutschland erstellen. Sie zeigt, dass Russlands BIP 2017 in laufenden Preisen rund 57 Prozent niedriger war als das deutsche BIP (rund 3.700 Milliarden US-Dollar).

Bruttoinlandsprodukt zu laufenden Preisen (Milliarden US-Dollar) 1981 bis 2023

(2018 bis 2023 IWF-Prognose)

Russland und Deutschland im Vergleich; BIP-Werte 2017:

Deutschland (grüne Linie):            3.700 Milliarden US-Dollar

Russland (violette Linie):               1.580 Milliarden US-Dollar

Quelle: Internationaler Währungsfonds: https://www.imf.org/external/datamapper/PPPGDP@WEO/DEU/RUS

Die Abbildung zeigt auch: Die Prognosen des IWF, die bis 2023 reichen (gepunktete Linie), gehen nicht davon aus, dass Russland diesen großen Rückstand aufholen kann. Im Gegenteil: Der IWF rechnet damit, dass er sich bis 2023 weiter auf rund 63 Prozent vergrößern wird.

Russland will einen kaufkraftbereinigten Vergleich

Wirtschaftsminster Maxim Oreschkin hat verschiedentlich aber darauf hingewiesen, dass die russische Regierung ihre Zielsetzung auch nicht auf das BIP zu laufenden Wechselkursen bezogen wissen will. Sie strebt vielmehr an, dass Russlands BIP „kaufkraftbereinigt“ zu den fünf höchsten der Welt gehören soll.

Das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt eines Landes wird für zwischenstaatliche Vergleiche ermittelt, indem es aus der nationalen Währung nicht mit dem Wechselkurs, sondern mit der sogenannten „Kaufkraftparität“ in eine gemeinsame Währung umgerechnet wird. IWF und Weltbank rechnen mit den Kaufkraftparitäten in sogenannte „internationale Dollar“ um.

Die von IWF und Weltbank für ein Land verwendete Kaufkraftparität gibt an, wie viele Einheiten der Währung dieses Landes erforderlich sind, um in diesem Land die gleiche Menge von Waren und Dienstleistungen zu kaufen, wie mit einem US-Dollar in den USA gekauft werden können. Ein „internationaler Dollar“ entspricht also einem US-Dollar.

Ein Problem bei diesem Verfahren ist, für alle zu vergleichenden Länder einen Korb von Waren und Dienstleistungen zusammenzustellen, der möglichst weitgehend mit einem Korb von in den USA angebotenen Waren und Dienstleistungen übereinstimmt. Zur Vereinfachung des Vergleichs wurde deswegen auch eine Umrechnung mit dem „Big Mac Index“ vorgeschlagen.

Ziel der Umrechnung mit Kaufkraftparitäten ist, die Kaufkraft der Währung eines Landes, also Unterschiede im Preisniveau, beim Vergleich des Bruttoinlandsprodukts verschiedener Länder möglichst gut zu berücksichtigen. Eine Umrechnung mit Wechselkursen ist dafür, so das Statistische Bundesamt, nicht geeignet, „da Wechselkurse nicht nur von Kaufkraftunterschieden beeinflusst werden, sondern auch von Kapitalflüssen zwischen Staaten und Währungsspekulationen“.

Was Kaufkraftparitäten sind und wie sie berechnet werden, erklärt das Statistische Bundesamt hier. Links zu weiteren „Erklär-Werken“ zum internationalen Vergleich von Volkswirtschaften finden Sie in den Lesetipps am Schluss dieses Artikels.

Wirtschaftsminister Oreschkin: 4 Prozent Rückstand zu Deutschland

Schon am 01. März hatte Präsident Putin – im Vorfeld der Präsidentenwahl – in einer Rede vor der Föderalversammlung gefordert, Russland müsse sich einen Platz unter den fünf größten Volkswirtschaften sichern und sein Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner müsse bis Mitte des nächsten Jahrzehnts um rund die Hälfte steigen:

„Russia must firmly assert itself among the five largest global economies, and its per-capita GDP must increase by 50 percent by the middle of the next decade. This is a very difficult task. I am confident that we are ready to accomplish it.“

Dazu erklärte Minister Oreschkin schon damals in einem TV-Interview („Pozner“; Video,45 Minuten), die Forderung des Präsidenten beziehe sich auf den Rang Russlands im Ranking der Volkswirtschaften nach der Höhe ihres mit Kaufkraftparitäten bereinigten Bruttoinlandsprodukts. Laut Angaben des Internationalen Währungsfonds stehe Russland auf Platz 6. Kaufkraftbereinigt sei sein Bruttoinlandsprodukt vier Prozent niedriger als das deutsche. Das Ziel sei, Deutschland zu überholen. Das berichtete Vedomosti im März („The Russian Reader“ veröffentlichte eine Übersetzung).

Bei Umrechnung mit Kaufkraftparitäten liegt Russland auf Platz 6

Ein Blick in die Datenbank des IWF bestätigt, dass der Rückstand Russlands gegenüber Deutschland 2017 beim kaufkraftbereinigten BIP nur rund 4 Prozent betrug. Das russische BIP erreichte 2017 zu Kaufkraftparitäten 4.016 Milliarden internationale Dollar, das deutsche 4.199 Milliarden internationale Dollar.

Russland lag 2017 damit laut IWF in der Liste der größten Volkswirtschaften auf Platz 6, Deutschland auf Platz 5. Indonesien hat Brasilien überholt und lag 2017 hinter Russland auf Platz 7.

Kaufkraftbereinigtes Bruttoinlandsprodukt zu laufenden Preisen in Milliarden internationale Dollar 1981 bis 2023

(2018 bis 2023 IWF-Prognose)

Deutschland, Russland, Indonesien und Brasilien im Vergleich;
Kaufkraftbereinigte BIP-Werte 2017 (Rang im weltweiten Vergleich):

Deutschland:          4.199 Milliarden Internationale Dollar; Rang 5
Russland:               4.016 Milliarden Internationale Dollar; Rang 6
Indonesien:            3.250 Milliarden Internationale Dollar; Rang 7
Brasilien:                 3.248 Milliarden Internationale Dollar; Rang 8

Quelle: Internationaler Währungsfonds: Datamapper https://www.imf.org/external/datamapper/PPPGDP@WEO/DEU/RUS/IDN/BRA

Anton Tabakh, Chef-Volkswirt der russischen Rating-Agentur „ExpertRA“, meinte im Mai in einem von realnoevremya.com veröffentlichten Artikel zu den Realisierungschancen der Ziele der „Mai-Dekrete“, bei einer Orientierung am kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt sei es für Russland nicht so schwierig vom sechsten auf den fünften Platz unter der größten Volkswirtschaften zu kommen. Nach seinen Schätzungen sei dazu ein reales Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent jährlich erforderlich. Das sei viel, aber von 2000 bis 2008 sei Russland noch stärker gewachsen.

Die IWF-Abbildung zeigt, dass sich Russlands kaufkraftbereinigtes Bruttoinlandsprodukt in den wachstumsstarken 2000er Jahren mit hohen Ölpreisen dem Wert des deutschen Bruttoinlandsprodukts rasch näherte. Von 2008 bis 2011 war es fast genauso hoch wie das deutsche BIP. Von 2012 bis 2014 übertraf es das deutsche sogar um bis zu rund 4 Prozent.

IWF erwartet, dass Russland 2023 auf Platz 7 zurückfällt

Laut den Prognosen des IWF, die bis 2023 reichen (gepunktete Linien im Chart), wird es Russland nicht gelingen, Deutschland zu überholen. Deutschland (5.184 Milliarden Internationale Dollar) wird auch 2023 vor Russland (4.966 Milliarden Internationale Dollar) liegen.

Indonesien, wo der IWF ein besonders starkes Wachstum erwartet, wird sich hingegen 2023 mit einem kaufkraftbereinigten BIP von 4.969 Milliarden Internationalen Dollar knapp vor Russland auf Platz 6 schieben.

Weltbank weist doppelt so hohen Rückstand Russlands aus wie der IWF

Bei der Suche nach Informationen zur Größe des kaufkraftbereinigten russischen Bruttoinlandsprodukts im internationalen Vergleich muss man besonders beachten, dass die Angaben des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank nicht übereinstimmen.

In einer von der Weltbank veröffentlichten Liste für das Jahr 2017 („Gross domestic product, Purchasing Power Parity, millions of international Dollars“) steht Russland mit 3.817 Milliarden internationalen Dollars zwar wie in der IWF-Liste auch auf Platz 6, direkt hinter Deutschland (4.188 Milliarden internationale Dollar). Die Weltbank weist aber einen Rückstand Russlands von 371 Milliarden internationale Dollars aus. Er ist gut doppelt so hoch wie der vom IWF berechnete Rückstand (183 Milliarden internationale Dollars). Laut Weltbank müsste das russische BIP also rund 10 Prozent höher sein, um Platz 5 zu erreichen.

Wie der IWF bietet auch die Weltbank in ihrer Datenbank die Möglichkeit eine Abbildung zu erzeugen, die zeigt, wie sich das mit Kaufkraftparitäten bereinigte BIP in Russland und Deutschland seit 1990 entwickelt hat.

Quellen und Lesetipps:

Internationaler Währungsfonds:

Weltbank:

Presseberichte:

Wirtschaftsminister Oreschkin zum Ziel, Deutschland in der Rangliste der größten Volkswirtschaften zu überholen; Wachstumsprognosen des Wirtschaftsministeriums:

Präsident Putins „Mai-Dekrete“ mit der Zielsetzung, dass Russland 2024 zu den fünf größten Volkswirtschaften gehören soll:

Statistisches Bundesamt: Veröffentlichungen zum Bruttoinlandsprodukt Russlands:

„Erklärwerke“ zum Vergleich der Produktion von Volkswirtschaften mit „Kaufkraftparitäten“ und „Internationalen Dollar“

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Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.