Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Wirtschaftspolitische Bilanz für Mittel- und Osteuropa

In diesen Wochen erschienen viele Rückblicke auf das Zusammenwachsen Deutschlands und Europas nach dem Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren. Der Zerfall des „Ostblocks“, die „Öffnung des Eisernen Vorhangs“ vor drei Jahrzehnten waren auch Anlass, eine Bilanz der langfristigen Wirtschaftsentwicklung in Mittel- und Osteuropa zu ziehen. Wir geben einige Hinweise auf Artikel und Studien, die insbesondere auch die Entwicklung der russischen Wirtschaft nach dem Ende der Sowjetunion analysieren.

Das „Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche“ veröffentlichte vor gut einer Woche einen „Sonderbericht über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Region Mittel-, Ost- und Südosteuropa (MOSOE)“.

Auch die Chef-Volkswirtin der „Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung“ (EBRD), Beata Javorcik, nahm beim Erscheinen der halbjährlichen Konjunkturprognose der EBRD („Regional Economic Prospects“) zur langfristigen Entwicklung in Mittel- und Osteuropa Stellung.

In Russland veröffentlicht die seit 1999 erscheinende Wirtschaftszeitung Vedomosti in Zusammenarbeit mit der Rating-Agentur „Expert RA“ seit Oktober eine interessante Artikel-Serie zur russischen Wirtschaftspolitik und zur Entwicklung wichtiger Branchen: „Time for Change: 1999-2019“. Sie ergänzt Veröffentlichungen, die im August anlässlich des 20. Jahrestages der Nominierung von Wladimir Putin als Staatspräsident erschienen (siehe Ostexperte.de: „Presseschau: 20 Jahre Putin – Eine Zwischenbilanz“).

WIIW: Osteuropa ist in den letzten 30 Jahren weit vorangekommen

Das WIIW analysiert in seiner Studie einleitend zunächst die Entwicklung in Mittel- und Osteuropa anhand statistischer Indikatoren: Kaufkraftbereinigtes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Löhne, Lebenserwartung und Bevölkerungszahl.

Wichtigste Ergebnisse:

  • In vielen MOE-Ländern ist das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf deutlich gewachsen, ihr „Reichtum“ hat zugenommen.
  • Die Lebenserwartung ist erheblich gestiegen, die Bevölkerung ist heute viel gesünder.
  • Dies trifft vor allem für die osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten zu, aber auch für Teile des Westbalkans.
  • Für andere Länder fallen die Ergebnisse der letzten 30 Jahre jedoch weniger positiv aus. Die Ukraine hat beispielsweise drei schwierige Jahrzehnte hinter sich und ist heute im Vergleich mit Deutschland ärmer als sie es im Jahr 1989 war.

MOE-Staaten haben im Wohlstandsvergleich mit Deutschland aufgeholt

Als Indikator für die Entwicklung des Wohlstandes oder des „Reichtums“ in den MOE-Staaten verwendet das Wiener Institut das mit Kaufkraftstandards bereinigte Bruttoinlandsprodukt je Kopf.

Abbildung 2.4 zeigt, dass nur die Ukraine (abgekürzt UA in der Abbildung) im „Wohlstandsvergleich“ mit Deutschland seit 1991 zurückgefallen ist. Während die Ukraine 1991 rund 25 Prozent des deutschen BIP je Kopf erreichte, waren es 2018 nur noch rund 15 Prozent, also rund 10 Prozentpunkte weniger (siehe rechte Hälfte der Abbildung).

Russland hat gegenüber Deutschland weniger aufgeholt als viele MOE-Staaten

Auch der Wohlstand der Bevölkerung Russlands (RU) ist seit 1991 im Vergleich mit Deutschland deutlich gestiegen. 1991 erreichte Russlands BIP je Kopf kaufkraftbereinigt nur rund ein Drittel des deutschen Niveaus, 2018 war es rund halb so hoch wie das deutsche. Russland hat seinen Rückstand gegenüber Deutschland von 1991 bis 2018 also um rund 17 Prozentpunkte verringert.

Das zeigt auch die rechte Hälfte der Abbildung 2.4. Deutlich wird dort, dass fast alle mittel- und osteuropäischen EU-Staaten ihren Wohlstandsrückstand gegenüber Deutschland erheblich stärker als Russland verringert haben. Besonders stark aufgeholt haben die baltischen Staaten, Polen, Rumänien, die Slowakei und Tschechien.

Nur von 2002 bis 2008 boomte Russland im MOE-Vergleich

Wie sich das reale Bruttoinlandsprodukt in Russland im Vergleich mit dem Wirtschaftswachstum in der Tschechischen Republik, Polen, Ungarn und Rumänien seit 1989 entwickelte, verdeutlicht das wiiw mit drei Abbildungen.

Im Jahrzehnt der „Schocktherapie“ (1989 bis 2000) brach das reale Bruttoinlandsprodukt in Russland bis 1998 um fast die Hälfte ein. In den MOE-Staaten war der Rückgang längst nicht so lang und so stark. In Polen erreichte das reale Bruttoinlandsprodukt schon 1996 wieder das Ausgangsniveau des Jahres 1989. In Tschechien gelang dies im Jahr 2000, in Ungarn 2001, in Rumänien 2004. Russland erreichte erst 2007 wieder das Produktionsniveau des Jahres 1989 (Abbildung 2.1).

Quelle: WIIW: ‘Looking Back, Looking Forward: Central and Eastern Europe 30 Years After the Fall of the Berlin Wall’, by Richard Grieveson (ed.), 07.11.2019

In den „Boom-Jahren“ (2000 bis 2008) wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt in Russland (und auch in Rumänien) hingegen um rund zwei Drittel, erheblich stärker als in Tschechien, Polen und Ungarn (Abbildung 2.2).

Quelle: WIIW: ‘Looking Back, Looking Forward: Central and Eastern Europe 30 Years After the Fall of the Berlin Wall’, by Richard Grieveson (ed.), 07.11.2019

In den letzten zehn Jahren (2009 bis 2019), in der Zeit nach der Weltfinanzkrise, hatte Russland nur bis 2014 im Wachstumsvergleich die Nase vorn.

Der Einbruch der Ölpreise und die Sanktionen brachten Russland 2015 eine Rezession (- 2,3 Prozent). Die MOE-Staaten wuchsen gleichzeitig kräftig weiter, während Russland erst 2018 die Produktionsverluste der Rezession ausglich.

2019 wird das reale Bruttoinlandsprodukt nach Schätzungen des wiiw in Polen rund 43 Prozent höher sein als 2009, in Rumänien 35 Prozent, in Ungarn 30 Prozent und in Tschechien rund 25 Prozent. Russlands Bruttoinlandsprodukt wird von 2009 bis 2019 wegen der annähernden Stagnation seit 2014 hingegen nur einen Anstieg um knapp 20 Prozent verzeichnen (Abbildung 2.3).

Quelle: WIIW: ‘Looking Back, Looking Forward: Central and Eastern Europe 30 Years After the Fall of the Berlin Wall’, by Richard Grieveson (ed.), 07.11.2019

Herausforderungen und Zukunftschancen der MOE-Staaten

Das WIIW nimmt auch zu problematischen Entwicklungen in den MOE-Staaten Stellung. Insbesondere die Bevölkerungsentwicklung stelle die MOE-Region vor große Herausforderungen. Viele Länder hätten bereits einen erheblichen Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen, insbesondere die Baltischen Staaten, Teile des Westbalkans, die Ukraine sowie Rumänien und Bulgarien. Chancen für eine Strategie gegen den chronischen Arbeitskräftemangel versprächen aber die Möglichkeiten der neuen digitalen Wirtschaft und der Automatisierung.

Zur innenpolitischen Entwicklung in den MOE-Staaten meint das Institut, die „Unabhängigkeit und Qualität öffentlicher Institutionen“ hätten sich im vergangenen Jahrzehnt in weiten Teilen der Region verschlechtert. Sollte sich dieser Abwärtstrend fortsetzen, würden sich die längerfristigen Wachstumsaussichten dadurch eintrüben.

Besorgt über aktuelle politische Entwicklungen in den MOE-Staaten äußern sich im Sonderbericht des Instituts wiiw-ÖkonomInnen auch in sieben Essays. Zur „Schocktherapie“ der frühen 1990er Jahre meinen einige, dass sie notwendig und letzten Endes erfolgreich war. Andere sehen dies kritischer.

EBRD: Gute staatliche Institutionen sind wichtiger Wachstumsfaktor

Zu den Erfolgen der MOE-Staaten in den letzten drei Jahrzehnten äußerte sich in einem Interview mit Clare Nuttall (bne Intellinews) auch Beata Javorcik, die Chef-Volkswirtin der EBRD.

Auch Javorcik meint, die neuen EU-Mitglieder in Mittel- und Osteuropa hätten „enorme Fortschritte“ gemacht. Neun Staaten in Mittel- und Osteuropa seien von der Weltbank jetzt als „Länder mit hohem Einkommen“ eingestuft. Sie hätten rund zwei Drittel des Einkommensniveaus der OECD-Staaten erreicht.

Geholfen hätte dabei die relativ gute Ausbildung der Arbeitskräfte in den MOE-Staaten. So sei die Entwicklung von IT-Unternehmen und die Spezialisierung auf Branchen wie die Automobilindustrie erleichtert worden.

Entscheidend wichtig sei für die Entwicklung der MOE-Staaten auch der EU-Beitritt. Er sichere die auf politischer Eberne in Zentraleuropa erreichten Reformen. Keine Regierung könne es sich erlauben, sie rückgängig zu machen. Der EU-Beitritt habe dank der finanziellen Förderung durch die EU auch bei der Entwicklung der Infrastruktur sehr geholfen.

Ziemlich große Defizite der Beitrittsländer gebe es noch im Hinblick auf die Qualität der Justizsysteme und der staatlichen Institutionen (Korruption, Rechtssicherheit, Effektivität der Verwaltungen). Verbesserungen in diesen Bereichen stockten derzeit.

Javorcik unterstrich die Bedeutung der Qualität staatlicher Institutionen für ein weiteres wirtschaftliches Wachstum. Angesichts steigender Löhne nähmen die Vorteile der MOE-Staaten bei den Arbeitskosten ab. Sie müssten in ihrer Wachstumsstrategie jetzt auch mehr und mehr auf Innovationen setzen. Dafür seien gute Institutionen sehr wichtig.

Die EBRD veröffentlichte in ihrer Audio-Reihe „Pocket Dilemmas“ auch ein 45-Minuten-Interview, in dem Javorcik und der Moskauer BBC-Korrespondent Steve Rosenberg zum Thema „What happened to the hopes and dreams of 1989?“ befragt wurden.

Im Oktober und November interviewte Rosenberg Michail Gorbatschow (Videos: BBC, YouTube) und Egon Krenz (Video). Zum Jahrestag des Mauerfalls twitterte Rosenberg folgende Ausgabe seiner Video-Presseschau „Reading Russia“:

Ben Aris: EU-Beitritt war für MOE-Länder das „Erfolgsmodell“

Auch der Publizist Ben Aris (bne intellinews) streicht in einem sehr lesenswerten Essay zur bisherigen Bilanz des Wandels in Mittel- und Osteuropa nach dem Mauerfall heraus, der Beitritt zur EU habe sich für die MOE-Länder als das einzige wirklich erfolgreiche Modell für den Wandel der Wirtschaft erwiesen.

Die übrigen Länder im Osten Europas würden weiterhin mit der tief verwurzelten Korruption zu kämpfen haben. Das gelte auch für vermeintlich fortschrittliche Staaten wie die Ukraine. In den GUS-Staaten werde es noch mehrere Generationen dauern, dieses Stadium zu überwinden.

Titelbild

Titelbild: Häuserblock in Warschau. Quelle: Valik Chernetskyi / Unsplash

Quellen und Lesetipps:

WIIW-Studie: Mittel- und Osteuropa 30 Jahre nach dem Mauerfall

Artikelserie von Vedomosti und Expert RA zur russischen Wirtschaft:

Wirtschaftspolitik seit 1999:

Fotoserien mit Kurzkommentaren zur Wirtschaftspolitik in den letzten 20 Jahren

Beiträge zur Branchengeschichte: KFZ-Industrie, Wohnungsbau, Banken, Landwirtschaft, Energie

Konjunkturberichte zu den Regionen
„Mittel- und Osteuropa mit Türkei“ sowie „Eurasische Wirtschaftsgemeinschaf“

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte zu Russland (meist monatlich, vierteljährlich)

Zentralbank-Präsentationen im Investoren-Programm in Englisch

Russlands BIP im 3. Quartal 2019

BIP im 3. Quartal 2019

Geldpolitik: Preisentwicklung Oktober

Monatsberichte Wirtschaft September 2019 von Zentralbank, Regierung und Rosstat

Sonstige Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann seit Anfang Oktober 2019:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.