Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Jens BöhlmannVon

Ost-Ausschuss-Kolumne: Nur Zuwanderung garantiert Wettbewerbsfähigkeit

Schon seit einigen Jahren tobt ein, zumeist ideologisch aufgeladener, erbitterter Streit darum, ob Russlands Bevölkerung wächst oder schrumpft. Einige Prognosen sagen dem Land den Verlust von bis zu 40 Millionen Einwohnern bis 2050 voraus. Andere sehen eher einen Anstieg auf 150 Millionen im gleichen Zeitraum. Beide Seiten führen zahllose Argumente ins Feld, um ihre jeweilige Theorie zu beweisen.

Demographie, Geburts- und Sterberaten, Aus- und Zuwanderung, Fertilität, Fruchtbarkeitsraten und staatliche Programme bestimmen die Diskussion. Es geht im Kern um die Frage: Ist Russland in Zukunft noch konkurrenzfähig? Wird die Wirtschaft auf genügend qualifizierte Fachkräfte zurückgreifen können? Wird es noch genügend Russen und unter ihnen genügend arbeitsfähige Menschen geben? Sterben die Russen aus?

Wohlstand verändert die Demographie

Es sind die Fragen, die auch in Deutschland – und anderen europäischen Ländern – so oder ähnlich diskutiert werden. Dahinter steht die amorphe Angst vor Überfremdung und dem Verlust der nationalen Identität. Aber auch die sehr reale Befürchtung, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sinkt und der Mangel an Fachkräften zu einem ungesunden Wettbewerb um genau diese Klientel führt. Der zunehmende Wohlstand in entwickelten Gesellschaften führt zu einer Überalterung der Bevölkerung bei gleichzeitig abnehmenden Geburten. Das wiederum bedingt, dass immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentner sorgen müssen.

Die russische Bevölkerung wächst

In Russland wächst die Bevölkerung wieder leicht an. Auch die Lebenserwartung der Bevölkerung steigt seit Jahren. Das hängt mit der gestiegenen sozialen Absicherung, höheren Einkommen, einer besseren Gesundheitsversorgung und ganz allgemein mit einer erfahrbaren Perspektive für die Menschen zusammen. Es mag auch eine Rolle spielen, dass es seit einigen Jahren eine Prämie für jedes zweite und weitere Kind gibt, das so genannte Mutterschaftskapital (Материнский капитал).

Diese stattliche Leistung soll die Geburtenrate erhöhen, die seit Einführung dieser Unterstützungsmaßnahmen tatsächlich signifikant gestiegen ist. Ob es jedoch einen unmittelbaren Zusammenhang gibt, lässt sich nur schwer nachweisen. Alle staatlich indizierten Maßnahmen werden allerdings nicht reichen, die stark negative Entwicklung in den Neunziger Jahren auszugleichen.

Reproduktionsrate zu niedrig

Ob eine Gesellschaft in der Lage ist, sich aus sich selbst heraus zu reproduzieren hängt von der so genannten Ersatzzahl ab. Um die Weltbevölkerung stabil zu halten, müsste sie bei ungefähr 2,3 liegen. Im Jahr 2012 lag sie weltweit bei 2,5. In den entwickelten Ländern liegt dieser Wert jedoch deutlich darunter, in der EU und Japan bei etwa 1,6. Auch in Russland wird ein deutlich niedrigerer Wert erreicht. Das bedeutet, dass die Bevölkerung kontinuierlich schrumpft und eine stabile Entwicklung nur durch Zuwanderung erreicht werden kann. Dieses Muster ist sowohl für die Weltbevölkerung als auch für einzelne Länder typisch und wird als Demografischer Übergang bezeichnet.

Zuwanderung hochqualifizierter Fachkräfte

In Kanada entscheidet ein Punktesystem, welche Ausländer ins Land gelassen werden und bleiben dürfen. Die USA gewähren dauerhaften Aufenthalt über die so genannte Greencard. Äquivalent gibt es in der EU die Blue Card, die den Status für Menschen aus Drittländern regelt. Auch in der Schweiz ist die Arbeitsmigration gesetzlich geregelt. Allerdings gewährt man dort Geborenen selbst in der dritten Generation nicht automatisch die Staatsangehörigkeit. In Deutschland braucht man einen Aufenthaltstitel, um offiziell leben und arbeiten zu können. Alle Regelungen zielen darauf ab, möglichst hoch qualifizierte Arbeitnehmer ins Land zu locken.

Bedarf in vielen Branchen

In Deutschland ist der Mangel an Fachkräften in einigen Branchen so groß, dass ausreichend Personal nur noch über Werbekampagnen im Ausland rekrutiert werden kann. Das wohl bekannteste Beispiel sind die Gesundheits- und Pflegeberufe, in denen mehr und mehr ausländische Arbeitnehmer tätig sind. Aber auch im Maschinen- und Automobilbau, der IT und in allen Ingenieurberufen zeichnet sich ein zunehmender Mangel an Fachpersonal ab.

Nahezu alle Think Tanks und Experten mahnen in diesem Zusammenhang den geregelten Zuzug von qualifiziertem bzw. hoch qualifiziertem Personal an, das für den deutschen Arbeitsmarkt begeistert werden soll. Allerdings wird gerade diese Form der Migration besonders kontrovers diskutiert.

Ich erinnere an den Slogan „Kinder statt Inder“. Deutschland hat jedoch den unschätzbaren Vorteil bei der Suche nach motivierten Zuwanderern in vielen Fällen von der wirtschaftlichen Schieflage anderer EU-Staaten zu profitieren, in denen gut ausgebildete junge Fachkräfte von Arbeitslosigkeit bedroht sind und die in Deutschland eine hervorragende Berufschancen haben.

Russland ist ein Einwanderungsland

In Russland ist die Situation allerdings um einiges komplizierter. Neben der demografischen Entwicklung wirken sich auch die fehlenden Perspektiven für gut ausgebildete junge Spezialisten und eine veraltete Berufsausbildung negativ auf die Bilanz aus. Um im internationalen Wettbewerb künftig bestehen zu können, wird es unabdingbar sein, Arbeitsmigration deutlich einfacher zu gestalten und den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren.

Vor allem aber anzuerkennen, dass man auf qualifizierte ausländische Fachkräfte nicht verzichten kann und auch nicht sollte. Eine Angst vor Überfremdung, wie sie von einigen sehr konservativen Politikern ins Feld geführt wird, erscheint in einem Staat, auf dessen Territorium etwa 100 Völker leben, ohnehin eher paranoid. Russland war immer ein Zuwanderungsland und wird es auch in Zukunft sein. Entscheidend ist, inwieweit es gelingt, diese Migrationsbewegungen zum Vorteil der eigenen wirtschaftlichen Entwicklung zu steuern.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.