Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Veronika ProkhorovaVon

Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt in Sankt Petersburg

Der größte Weihnachtsmarkt Sankt Petersburgs findet vom 24. Dezember bis 8. Januar auf dem Platz der Pioniere („Pionerskaja Ploschad“) statt. In den über 150 Holzhütten stehen jedoch nicht Lebkuchen, Glühwein und belgische Waffeln im Mittelpunkt, sondern Fleisch- und Fischkonserven. „Anderes Land, andere Sitten.“  Ostexperte.de hat einen Besuch gewagt und erfahren, welche kulinarische Überraschungen ein russischer Weihnachtsmarkt bereithält.

Der Laden aus dem Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen verkauft Elchfleisch.

Der Laden aus dem Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen verkauft Elchfleisch.

„Sieh’ mal, das sind Pilze aus Nowgorod!“, ruft ein eleganter Mann im grauem Mantel und mit Schirmmütze. Ohne Zögern bewegt er sich auf den Laden mit getrockneten und eingelegten Pilzen und Beeren zu. Besen aus Birkenholz hängen kopfüber von der Decke. Er betrachtet die Auswahl aufmerksam und wählt, was ihm am besten gefällt. „Nein, schau’ mal hier! Oh… aber das möchte ich auch haben“, überlegt er, und richtet seinen  Blick schließlich zur Nachbarhütte. „Sieht doch prächtig aus!“, lobt er lächelnd einen ausgestopften Elchkopf. Hier wird Elchfleisch aus dem Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen in Nordrussland verkauft.

Weihnachtsmarkt eröffnet am 24. Dezember

„Oh, manche Läden überbieten sich wirklich selbst“, seufzt sein Freund, der mit schwarzer Lederjacke und abgewetzten Jeans ziemlich brutal aussieht. An seinen Augen und den dicken, zufriedenen Wangen sieht man ihm jedoch an, dass er ein gutmütiger Mensch ist. „Wir sollten lieber ein Glas Honigwein trinken!“ – auf Russisch „Medowucha“ genannt.

Eingelegte Gurken und Besen aus Birkenholz für den Besuch in der "Banja".

Eingelegte Gurken und Besen aus Birkenholz für den Besuch in der „Banja“.

Ich laufe vorbei an Stoff-, Porzellan- und Schmuckgeschäften, Wurstwaren auf „deutsche und tschechische Art“, Schokolade aus Lettland, Fischkonserven, Lebkuchen aus Tula und Piroggen. Der „Internationale Neujahr- und Weihnachtsmarkt“ findet zum elften Mal statt. Er wird von der Sankt Petersburger Stadtregierung und vom Komitee für Wirtschaftsentwicklung, Produktionspolitik und Handel organisiert. Der Markt dauert nur zwei Wochen und eröffnet am 24. Dezember – fast an dem Tag, an dem die deutschen Weihnachtsmärkte schließen. Der Grund dafür: In Russland wird Weihnachten erst am 7. Januar gefeiert.

Keine Hexen und Waldteufel

Auf dem „Platz der Pioniere“ sind die Holzhäuschen in vier Reihen angeordnet. Die Idee dahinter: Jede davon repräsentiert ein Land, eine Stadt oder eine Region. Während die einzigartig leuchtenden Buden auf deutschen Weihnachtsmärkten mit ungeheuren Hexen und Waldteufeln geschmückt sind, sehen die Hütten in Russland ziemlich schlicht aus. Überall hängt eine weiße Tafel mit roten Blümchen, die fest ins Holz genagelt wurde. Es gibt keine Gasflammen und glitzernde Lampen, sondern nur die Illumination der Straßenlaternen. Der Markt ist umzäunt. Metalldetektoren überprüfen die Gäste beim Ein- und Ausgehen.

Die Schlange vor der deutschen Hütte.

Die Schlange vor der deutschen Hütte.

Deswegen kann man den Weihnachtsmarkt, obwohl er mit 157 Hütten und einer Eisbahn auf 100 Quadratmetern Fläche recht groß ist, leicht vorbeilaufen. Insbesondere Touristen übersehen ihn gerne. Außerdem befindet sich der Markt nicht direkt im Stadtzentrum. Anders als der Rote Platz in Moskau ist die „Pionerskaja Ploschad“ zwei bis drei Metrostationen entfernt von der Hauptstraße, dem Newski-Prospekt. Nur die Musik erregt die Aufmerksamkeit zufälliger Passanten: Am Tage dudelt jemand „Jingle Bells“, abends finden Konzerte statt, wo russische Volksmusik- und Volkstanzgruppen in phantasievollen Kostümen auftreten.

Spezialitäten aus Europa und Asien

Die Veranstalter möchten vermeiden, die Atmosphäre europäischer Weihnachtsmärkte zu kopieren. Deshalb gibt es nicht nur viele Spezialitäten aus Europa (u.a. aus Deutschland, Serbien, Lettland, Ungarn, Tschechien und Belgien), sondern auch aus Asien und dem Nahen Osten (u.a. aus China, Usbekistan, Georgien, Israel und Indien). Hier riecht es nicht nach frischen Pfannkuchen, Schmalzgebäck oder Pommes mit Mayonnaise, sondern nach Fisch und Fleisch. Die Produkte aus den russischen Regionen sind am beliebtesten.

Leckeres Obst in Karamell aus China.

Leckeres Obst in Karamell aus China.

Das beweisen die langen Schlangen (bis zu 30 Menschen!) vor den Hütten mit Elchfleisch, Wellfleisch, Fischkonserven und Salami. Und diese Menschen, groß und klein, ergötzen sich, als hätten sie solche Herrlichkeiten nie zuvor gesehen, während vor dem Laden mit belgischen Waffeln und Bratwurst nur ein bis zwei Kunden stehen. Die regionalen Produkte sehen vertraut aus, wie aus einer fernen Jugend – von einem Kolchosenmarkt, wie man ihn zur Sowjetzeit kannte. Wurst und Speck aus Belarus, Beeren aus Karelien, Pilze, eingelegtes Gemüse und Suppen aus Nowgorod, Honig aus der Region Krasnodar oder Halva, Nüsse und getrocknete Früchte aus den Kaukasus-Regionen. Hier mischt sich (post-)weihnachtliche Stimmung mit Post-Kommunismus.

Glühwein ohne Schuss

In Deutschland hat man die Qual der Wahl zwischen Eierpunsch, Erdbeer- und Kirschglühwein, Lumumba und Kakao mit Baileys. Hier dagegen verkauft man nur Glühwein ohne Schuss – auf Russisch „Glintwein“. Die Menschen wärmen sich aber lieber mit etwas Hochprozentigem, Tee oder Kaffee auf.

Schaschlik aus Schwein und Hähnchen wird auf Bestellung frisch gemacht.

Schaschlik aus Schwein und Hähnchen wird auf Bestellung frisch gemacht.

Die Gänge zwischen den Hütten sind überdacht. Dort kann man sitzen und essen. Es gibt aber wenig, was man draußen sofort verzehren kann, da die verkauften Produkte, wie aus einem Lebensmittelgeschäft, mehr für zu Hause geeignet sind. Nur Bratwurst mit Kraut, Schaschlik, Piroggen oder Hatschapuri aus Georgien (ein mit säuerlichem Käse gefülltes Fladenbrot) lassen sich an den Tischen vor der Bühne genießen. Manchmal wünscht man sich, dass die Kellner alle Tische abwischen würden, und nicht bloß zwei.

Handarbeit und Winterstimmung

Außer Essen und Trinken bieten die Holzhäuschen von Hand bemalte Spielsachen, Walenki (Filzstiefel), warme Strickwaren (Handschuhe, Socken, Kopftücher), Kristallwaren, Designerkleidung, handgemachten Schmuck oder Holzspielzeuge aus Sergijew Possad. Dies alles sieht wirklich faszinierend aus und sorgt für mehr Winterstimmung als das diesige Wetter. Es ist +6 Grad, Schneemangel und Dunkelheit sorgen in der Stadt für eine düster-graue Atmosphäre.

Auf dem Weihnachtsmarkt flanieren Skomorochi (Gaukler) mit weißen Gesichtern, roten Lippen und weißer Kleidung. Sie nicken dem eleganten Mann im grauen Mantel zu und bitten schweigend um einen Groschen.

Doch der Mann geht vorbei: Seine Hände sind vollgepackt mit Tüten.

Fotos von Veronika Prokhorova

Titelbild

Quelle: Veronika Prokhorova

 

Veronika Prokhorova
Über den Autor

studiert derzeit den Master-Studiengang „Journalistik“ an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor schloss sie im Juni 2015 den Bachelor-Studiengang „Internationaler Journalismus“ an der Staatlichen Universität in Sankt Petersburg ab. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Digitale Transformation und Social Media.

2014 absolvierte sie den Ostkurs des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses. Von 2015 bis 2016 arbeitete sie als Praktikantin der „WirtschaftsWoche“ in Düsseldorf, später bei der ukrainischen Business-Zeitung „Delo.ua“.

Seit 2011 arbeitet sie als freie Journalistin für Magazine und Zeitungen in St. Petersburg, Moskau und Berlin: „Bumaga“, „Russia Beyond The Headlines“, „Sobaka“, „Snob“, „Russkaja Germania“.