Eva LennartzVon

Ein Besuch in Kotelniki, der „gefährlichsten“ Stadt Russlands

Laut eines nutzerbasierten Rankings des Online-Portals Domofond.ru ist Kotelniki in der Region Moskau die „gefährlichste“ Stadt in Russland. Doch wie gefährlich ist die Stadt mit knapp 30.000 Einwohnern wirklich? Ostexperte.de-Autorin Eva Lennartz nahm ihren Mut zusammen und besuchte Kotelniki.

Nicht nur das Ranking des Online-Portals behauptet, dass die Einwohner in Kotelniki gefährlich leben. Auch Magdalena, eine junge Russin, bestätigt mir diese Ansicht im Vorfeld. „Oft gibt es Prügeleien – aber nur zwischen Nichtrussen“, schreibt sie per WhatsApp. Ihr zufolge komme es häufig zum Streit, weil es in Kotelniki nicht ausreichend Parkplätze gebe.

Ich will mich selbst von der Situation in der Stadt überzeugen und fahre hin. Sie zählt 32.338 Einwohner und liegt 4 Kilometer südöstlich von Moskaus Stadtgrenze entfernt. Kotelniki hat eine eigene U-Bahn-Station und ist in einer halben Stunde Fahrt von Moskaus Zentrum aus zu erreichen.

Morgens in Kotelniki

Es ist noch früh, als ich in Kotelniki ankomme. Die Bewohner der Stadt strömen zur Metrostation, um zur Arbeit zu fahren. Draußen auf der Straße stehen einige Männer, die keinen allzu vertrauenserweckenden Eindruck machen. Schnell verstehe ich aber, dass sie dort stehen, weil sie Marschrutka-Fahrer sind – einer bietet zum Beispiel eine Fahrt in das 200 Kilometer entfernte Rjasan an.

Ich habe ein mulmiges Gefühl. Von der Metrostation laufe ich hinüber zur Pokrowskij-Straße. Der Weg dorthin führt über einen schmalen Pfad und über einen kleinen Markt, auf dem Obst und Gemüse verkauft wird. Die Menschen, die mir entgegenkommen, sehen friedlich aus. Darunter sind viele junge Menschen und Eltern mit Kindern an der Hand. Nur in manchen Hauseingängen lungert eine zwielichtige Gestalt mit Camouflage-Hose und Zigarette im Mundwinkel. Worauf sie wartet, ist unbekannt.

Plattenbauten in Kotelniki.

In Kotelniki reihen sich triste Plattenbauten aneinander.

An der Pokrowskij-Straße ziehen sich triste Plattenbauten entlang. Kotelniki wirkt trostlos, der schneidige kalte Wind und der graue Himmel hellen die Stimmung nicht auf. Auf der Straße höre ich nicht nur Russisch, es könnte Usbekisch sein.

Ich laufe hinüber zur ersten Marktkauf-Filiale Russlands, die 2006 jedoch an die Metro-Gruppe verkauft wurde und heute als Real-Hypermarkt betrieben wird. Auch dort kann ich nichts Besonderes feststellen.

Altes Auto in Kotelniki.

Dieses Auto würde in Deutschland wohl nicht mehr durch den TÜV kommen.

Kultur in Kotelniki

Bei Google Maps habe ich nachgesehen, dass es in Kotelniki ein historisches Museum geben soll. Das möchte ich mir ansehen. Ich laufe die Straße in Richtung Museum hinunter, und komme an einigen kleinen Lebensmittelgeschäften vorbei. Magdalena hatte Recht damit, dass an Kotelnikis Straßenrändern viele Autos parken. Einige Modelle sehen nicht sehr fahrttauglich aus und würden in Deutschland wohl keine TÜV-Plakette erhalten.

Eine kleine Bibliothek liegt auf dem Weg zum Museum. Sie ist geschlossen und macht nicht den Eindruck, als sei die Buchauswahl sehr groß. Das Museum befindet sich in einem Park und am Eingang zu diesem ist ein sowjetisches Kriegsdenkmal errichtet. Gedacht wird den unbekannten Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind.

Denkmal für unbekannte gefallene Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Sowjetisches Denkmal für die unbekannten gefallenen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Quelle: Eva Lennartz.

Am Museum angekommen muss ich feststellen, dass dieses ebenso wie die Bibliothek geschlossen ist. Dafür ist die orthodoxe Kirche geöffnet, die nach der Gottesmutter von Kasan benannt ist und ein Stück weiter ebenfalls im Park steht.

Bevor ich die Kirche betrete, lege ich mir meinen Schal um den Kopf. Eines der bereitgelegten Kopftücher für weibliche Besucher des Gotteshauses möchte ich lieber nicht benutzen. Die Kirche ist innen wunderschön bunt bemalt und eine ältere Frau verkauft Andenken und religiösen Schmuck.

Orthodoxe Kirche in Kotelniki.

Der Innenraum der orthodoxen Kirche in Kotelniki ist wunderschön bunt bemalt. Quelle: Eva Lennartz.

Der Park, in dem die Kirche und das Museum stehen, grenzt an den Teich „Weiße Datscha“. Die Namensgebung ist wahrscheinlich an Tschechows „Weiße Datsche“ in Jalta angelehnt. Der Ort hat etwas Idyllisches, doch man blickt über den See in der Ferne wieder auf Plattenbauten.

Blick über den Teich "Weiße Datscha" in Kotelniki.

Über den Teich “Weiße Datscha” blickt man auf Plattenbauten. Quelle: Eva Lennartz.

IKEA und die westliche Konsumwelt

Wenn man einen Moskauer fragt, wofür Kotelniki bekannt ist, dann lautet das Schlagwort „IKEA”. In Kotelniki ist nicht nur das schwedische Möbelhaus angesiedelt, sondern auch der französische Sportartikelhersteller Decathlon, der Supermarkt Auchan sowie die „MEGA“-Shoppingmall. Dort wärme ich mich kurz auf und bestelle im IKEA-Bistro einen Tee. Wandert man durch die Gänge des Einkaufszentrums fühlt man sich in eine Welt des schönen Scheins versetzt, fernab von der kalten Plattenbauwelt draußen.

IKEA-Filiale in Kotelniki.

Das schwedische Möbelhaus lockt zahlreiche Einwohner Moskaus hierher. Quelle: Eva Lennartz.

Zeitungsausschnitt.

In dem Zeitungsartikel ist beschrieben, wie man die richtige Melone auswählt.

Bei den Obstverkäufern aus Kotelniki

Auf dem Weg zurück zur Metrostation mache ich ein Foto von einem Obststand, von denen in Kotelniki mehrere am Straßenrand stehen. Zwei ältere Herren verkaufen hier Obst, das wunderbar frisch aussieht. Einer der beiden Verkäufer hält mich an und fragt, warum ich Fotos mache. Ich sage ihm, dass ich Journalistin bin und aus Deutschland komme. Das findet er spannend. Er meint in Deutschland, da sei ja alles gut. Der Obsthändler erzählt, dass sie aus Aserbaidschan kämen und jedes Jahr für vier oder fünf Monate in Moskau Geld verdienen. Journalistische Erfahrung hat er auch schon gesammelt. Stolz zeigt er mir einen Zeitungsartikel, in dem er mit Foto abgebildet ist. In dem Artikel ist beschrieben, wie man Wasser- und Zuckermelonen richtig auswählt.

Obststand in Kotelniki.

Der nette Herr aus Aserbaidschan an seinem Obststand. Quelle: Eva Lennartz

Ich verabschiede mich von meinen beiden netten Gesprächspartnern. So viel also zu den „Nicht-Russen“ in Kotelniki. Ein wenig später spricht mich ein junger Mann an. Auch dieser will nichts Böses, sondern nur wissen, wo sich eine bestimmte Bank befindet. Ich kann ihm nicht weiterhelfen. Dann fährt ein tiefergelegtes Auto mit lauter Musik und dumpfem Bass an mir vorbei.

Die versteckte Lenin-Statue

Im Gebüsch entdecke ich eine versteckte Lenin-Statue. Als ich ein Foto machen will, spricht mich eine Frau an: „Merkwürdig, dass die Statue hier so steht”, sagt sie. Ich frage sie, ob sie in Kotelniki wohnt. Sie bejaht und ich nutze die Gelegenheit, um zu erfahren, ob es hier wirklich gefährlich ist. Sie versteht die Frage aber auf Lenin bezogen und meint nur: „Ob Lenin oder Stalin, jede Zeit hat so ihre Tücken und Eigenheiten.“

Lenin-Statue in Kotelniki.

Die Lenin-Statue steht vereinsamt im Gebüsch. Quelle: Eva Lennartz.

Kotelniki ist trist und trostlos, doch gibt es auch schöne Orte, wie den kleinen Park mit der orthodoxen Kirche. Ich bin hier nur freundlichen Menschen begegnet und musste keine Schlägereien erleben. Doch mein Aufenthalt in Kotelniki ist nur eine Momentaufnahme und ich kann nicht sicher sagen, was die zwielichtigen Gestalten, die mit tiefergelegten Autos und lauer Musik durch Kotelniki fahren, anstellen, wenn ich nicht dort bin. Ob das nun gefährlicher ist, als im Ruhrgebiet oder in einem Stadtteil von Berlin, sei mal dahingestellt.

Fotos

Alle Fotos von Eva Lennartz

Eva Lennartz
Über den Autor

arbeitet seit September 2017 als Online-Redakteurin für die Nachrichtenseite Ostexperte.de in Moskau.

Bachelor-Abschluss in „European Studies“ (Maastricht University). Master of Arts in “Global Studies” – Studium in Wien, Santa Barbara (USA) und Wroclaw, Polen.

Großes Interesse an und diverse Auslandsaufenthalte in Osteuropa, unter anderem Tätigkeit als Projektassistentin in der Ostukraine und Praktikum bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Serbien.

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Helmut Durinkowitz

Ich arbeite seit 1994 in Russaland, lebe in Österreich und bin ein bis 2 Mal im Monat in RU.
Moskau ist im vergleich mit Wien sicherer. Durch die vielen Zuwanderer fühlen sich – speziell Frauen – nachts nicht mehr sicher. Ich wurde nie unfreundlich behandelt, wurde nie überfallen, nie wurde etwas gestohlen. Ihc fühle mich sehr sicher in RU. Und: ich war nicht nur im Zentrum der Städte und in Hotels. Ich habe immerden Kontakt ausserhalb der Innenstädte gesucht.
Ich war in Syktywkar, Perm, Kirov, Weliki Nowgorod, Nischni Nowgorod, Sankt Petersburg,
Saratov, Volgograd, Samara, Stawropol, Tscheljabinsk, Wladiwostok, Spassk, Ussurijsk, usw.

Philipp Rowe
Philipp

Geht mir genauso. Ausser, dass ich Moskau mit Berlin, statt Wien vergleiche. Moskau ist gefühlt viel sicherer als viele deutsche und EU-ropäische Grossstädte. Das beginnt schon mit dem Verhalten in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

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