Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Dominik KalusVon

Ex-Triathlet und Trainer Marco Henrichs im Interview

Der ehemalige Triathlet und Langstreckenschwimmer Marco Henrichs setzt sich für den Frieden und den Dialog mit Russland ein. Dieses Engagement musste er mit dem Verlust von Sponsoren bezahlen. Im Ostexperte-Interview spricht der gebürtige Rheinländer über sein neuestes Vorhaben, Kritik an der Medienlandschaft und den Startschuss für sein Bemühen: eine tränenreiche Nacht in St. Petersburg.

Herr Henrichs, Sie planen eine Initiative zur Verbesserung der Beziehung zwischen Deutschland und Russland. Was genau haben Sie vor?

Marco Henrichs ist Extremschwimmer und repräsentiert als deutscher Athlet und Trainer eine Schwimmliga in der Wolgaregion.

Ich positioniere mich ja seit Jahren offen für einen Dialog mit Russland, allerdings bisher nie mit einem konkreten Projekt. Anfang des Jahres habe ich mich mit Martin Hoffmann vom Deutsch-Russischen Forum getroffen und uns ist eine Sache aufgefallen: Obwohl Sport eigentlich eine sehr große Reichweite hat, passiert in dem Bereich nichts zwischen Deutschland und Russland. Das will ich ändern. Momentan stelle ich ein Team aus deutschen und russischen Sportlern, Politikern und Ex-Athleten zusammen, die nach außen den Willen zur Zusammenarbeit signalisieren sollen. Wir wollen eine Art Allianz bilden und Ende des Jahres zusammenkommen und an Lösungen arbeiten. Als Sportler bin ich ergebnisorientiert – ein Trainer wird nach seiner Leistung gemessen – und auch meine Arbeit für die Völkerverständigung möchte ich jetzt am Ergebnis messen. Das Ganze soll langfristige Früchte tragen. Ich will den Menschen hier ein anderes Bild vermitteln und zeigen, dass Russland nicht der böse Feind ist, wie es hier oft dargestellt wird. Zusammenhalt wird ja eigentlich in allen Sportarten mit anderen Nationen im Westen gelebt, nur mit Russland liegt leider alles auf Eis.

Woran könnte das liegen, dass die Zusammenarbeit so eingefroren ist?

Im Sportbereich verschärfen sich seit längerem die Fronten. Die jüngsten Ereignisse beim Thema Doping haben da den finalen KO-Stoß gegeben. Seit drei Jahren repräsentiere ich eine russische Schwimmliga in der Wolgaregion. Wir veranstalten jedes Jahr ein Weihnachtsturnier; da kommen Teams aus der Ukraine, aus Frankreich, aus Kasachstan – aber keines aus Deutschland. Unsere Einladungen an deutsche Mannschaften werden durch die Bank abgelehnt, oft auch mit simplen Begründungen und pauschalen Verurteilungen, wie „man wolle mit den Dopern nichts zu tun haben“. Ich habe immer wieder nachgehakt, mit Sportfunktionären gesprochen. Irgendwann haben wir das aufgegeben.

Wie schätzen Sie die Dopingproblematik in Russland ein? Es stimmt doch, dass russische Athleten im großen Stil gedopt haben?

Natürlich hat es in Russland ein Dopingproblem gegeben, aber die Berichterstattung hat die Situation in Russland nicht fair widergespiegelt, sondern übertrieben und verzerrt. Immer wieder war von dem Begriff „Staatsdoping“ zu lesen, als ob der Kreml persönlich hinter den Skandalen stecken würde, wofür es keinerlei Beweise gibt. Man muss wissen, dass der Sport in Russland ganz anders organisiert ist. In Deutschland sind ja alle Vereine und Verbände autark, aber in Russland sind sie über den Staat organisiert. Jeder Nationaltrainer etwa ist ein Bediensteter des Staates. Wenn in einem Verein etwas schief läuft, ist es leicht, eine begriffliche Brücke zum Staat herzustellen, aber das ist irreführend. Auch muss man klar sagen, dass es in anderen Ländern die gleichen Probleme gibt, nur hängt das niemand medial an die große Glocke. Die WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur) veröffentlicht jedes Jahr Statistiken. Die 2018 veröffentlichte Liste der größten Dopingsünder hat Italien angeführt, vor Frankreich auf dem zweiten und USA auf dem dritten Platz. Russland hat sich mit den Indern den sechsten Platz geteilt. Aber in Deutschland hat man davon kaum etwas gehört, es wird sich nur wieder auf den Russen eingeschossen.

Warum ist das so?

Ich sehe da klar eine politische Motivation dahinter. Anders kann ich mir das nicht erklären. Erst vor drei Wochen hat mich ein großer Radiosender angerufen, zum Thema Doping in Russland. Ich habe mich erst gefreut, dass man mich fragt und damit Gelegenheit für eine andere Sichtweise einräumt. Die erste Frage war dann, was ich zum Mord an einem russischen Oppositionspolitiker sagen würde. Die zweite, wie ich die Annektion der Krim einschätze und so weiter. Ich habe diese Fragen diplomatisch beantwortet. Als dann auch weitere Fragen überhaupt nichts mit Sport und dem abgemachten Thema zu tun hatten, habe ich das Interview abgebrochen. Der Mainstream gießt immer nur Öl ins Feuer. Ich frage mich, wo da das Miteinander bleibt. Klar wird auch in russischen Medien Deutschland teilweise falsch dargestellt. Aber das führt doch zu nichts, dieser Medienkrieg verschärft doch die Fronten nur weiter.

War es leicht, Gleichgesinnte für Ihre Initiative zu finden?

Es ist sehr interessant, wie sich das Ganze bisher entwickelt hat. Ich wusste von Anfang an, dass ich auf russischer Seite überall Gehör finden würde, und so kam es auch. Auf deutscher Seite ist das dagegen sehr schwer. Ich habe mit vielen Funktionären und Bundestrainern telefoniert, und überwiegend dieselbe Antwort bekommen: „Ich finde das eine gute Idee, aber ich will mir nicht die Finger verbrennen.“ Ich frage mich immer, wenn ich doch Recht habe, wieso dann immer das Aber? Man hat Sorgen, von der Presse in die Mangel genommen zu werden. Wer sich für Russland einsetzt, der hat nicht nur Freunde. Das habe ich am eigenen Leib erfahren müssen.

Sie haben Ihr Engangement mit dem Verlust von Sponsoren bezahlt…

Ja das ist richtig. Zwei Unternehmen haben die Zusammenarbeit mit mir beendet. Man hat mich vor die Wahl gestellt: ‚Entweder wir oder Russland.‘ Ich musste nicht überlegen. Mein eigenes Spiegelbild ist mir da schon wichtiger.

Sie sind gebürtiger Rheinländer, sind weder in der DDR aufgewachsen noch haben Sie russlanddeutsche Wurzeln. Wie kam es, dass sie sich für Russland interessieren und sich für die deutsch-russischen Beziehungen einsetzen?

Ich bin in einem Nato-Elternhaus großgeworden und mit der Überzeugung aufgewachsen, dass wir im Westen die Friedensbringer auf der Welt sind. Vor drei Jahren wurde ich dann zu einem Mehrkampf nördlich von St. Petersburg eingeladen, bei dem man als Zweierteam startet und gemeinsam gewertet wird. Ich wurde gefragt, ob ich mit einem Russen antreten will, und so kam es, dass ich mit dem 20 Jahre jüngeren Athleten Alexej an den Start ging. Wir sind in viereinhalb Stunden gemeinsam durch fünf Seen geschwommen und querfeldein 37 Kilometer gelaufen. Aus 300 Teams haben wir die Silbermedaille geholt. Ich habe das zunächst sportlich gesehen und mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht. Erst abends im Hotelzimmer ist mir bewusst geworden, was es bedeutet, dass 71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Deutscher und ein Russe Seite an Seite miteinander erfolgreich sind, an der gleichen Stelle, an der damals unsere Großväter kämpfen mussten. Ich habe plötzlich Rotz und Wasser geweint, diesen Moment werde ich nie vergessen. Zum ersten Mal ist mir klar geworden, wie die ganze antirussische Kampagne hier eigentlich auf die Russen wirken muss. In dieser Nacht habe ich mir gesagt, dass ich mich von nun an für die Völkerverständigung einsetzten werde. Wenig später habe ich meine Lebensgefährtin, eine Russin aus Moskau kennengelernt. Wir erwarten im Sommer gemeinsamen Nachwuchs. Was kann es also Schöneres für die Völkerverständigung geben?

Sie planen ja auch ein deutsch-russisches Sportbuch.

Das Buch ist fast fertig und geht bald in den Druck. Es wird „Kraultechnik – Mit mehr Individualität zum Erfolg“ heißen. In dem umfangreichen Werk geht es um Schwimmmethodik und -technik, Taktik sowie Trainingslehre aus beiden Ländern. Es wird das erste deutsche Sportbuch sein, welches auch auf Russisch erscheint. Neben dem technischen Aspekt wird es auch viel um Praxis und eigene Erfahrungen gehen. In einem Kapitel kommen Experten aus Deutschland und Russland zu Wort, um meine Trainingslehre auch aus ihrer Sicht zu unterstreichen.

Herr Henrichs, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Ihr Projekt!

Zur Person
Der gebürtige Rheinländer Marco Henrichs hat Erfahrung aus 24 Jahren Triathlon und ist 2015 zum Langstreckenschwimmen gewechselt. Heute arbeitet er als Trainer unter anderem in der Russischen Föderation und wirkt als Repräsentant einer Schwimmliga in der Wolgaregion.
Fotoquelle

Titelbild: Bautzner Friedenspreis

Dominik Kalus
Über den Autor

hat in Passau und Breslau Internationale Politik und Journalismus studiert. Nach einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung verschlug es ihn nach Moskau, wo er für die Nachrichtenplattform Ostexperte.de und die Moskauer Deutsche Zeitung schrieb. Seit Oktober 2019 ist er redaktioneller Leiter von Ostexperte.de.