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Jens HirtVon

Deutschland und Russland. Geschichte einer überflüssigen Entfremdung (Teil 1 von 2)

Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Dr. Jens Hirt hat sich für Ostexperte.de mit der deutsch-russischen Geschichte und der Verständigung der beiden Völker auseinandergesetzt. Deutschland und Russland – geografisch irgendwie immer Nachbarn, und irgendwie doch nie. Die historische Betrachtung wird als Zweiteiler erscheinen – zunächst „Teil 1: Von der Deutschen Reichsgründung bis 1945“, im Anschluss „Teil 2: Von der DDR bis Putin“. 

Teil 1: Von der Deutschen Reichsgründung bis 1945

„Zwischen Russland und Amerika liegen Ozeane. Zwischen Russland und Deutschland liegt die große Geschichte.“, urteilte der Historiker Michael Stürmer. Zwei Völker die zusammen gehören. Kulturell weit genug entfernt, um die Faszination des Fremden zu spüren. Nahe genug, um die Natur des Anderen zu erahnen. Geografisch irgendwie immer mal Nachbarn und irgendwie doch nie. Eine Beziehung voller Annäherung und Verrat. Voller Respekt und Hass, Verachtung und Stolz. Heutige Erfahrungen trügen, denn sie sind kurz und allzu oft einseitig. Es war nicht alles Weltkrieg und Kalter Krieg. Es war auch Bereicherung und Austausch. Was bleibt heute, wo wir erneut an einem großen Wendepunkt der Geschichte stehen? Um dies zu begreifen, begeben wir uns auf den großen Marsch. Wo trifft große Geschichte auf die Mentalität der Menschen?

Deutsche Reichsgründung

Lassen wir die deutschstämmige große Russin Katharina und die 120.000 Sachsen, Westphalen, Bayern und Rheinländer, die 1812 Napoleon auf seinem Russlandfeldzug begleiteten, außen vor. Beginnen wir mit den modernen Staaten und mit der Gründung des Deutschen Reiches. Schließlich sollte dieser Staat dem russischen Sowjetimperium maßgebliche Geburtshilfe leisten.

Als die Preußen 1871 das Deutsche Reich gründeten gaben sie ihm eine schwere Erbschaft mit: Die Feindschaft Frankreichs. Das junge Reich in Europas Mitte, zu stark für einzelne Feinde, zu schwach um gegen eine Koalition zu bestehen, benötigte dringend Verbündete. Und zwar ohne, so die Maxime Bismarcks, in weitere Kriege hineingezogen zu werden, durch die sein Reich nichts mehr zu gewinnen, aber viel zu verlieren hätte. Russland bot sich an, da „es mit Russland nie die Notwendigkeit eines Krieges geben wird“, urteilte der Eiserne Kanzler. Die Verwandtschaft zwischen den Wiener Habsburgern, den preußischen Hohenzollern und den russischen Romanwos schuf zudem eine dynastische Nähe, die das Dreikaiserabkommen von 1873 nahe legte.

Panslawismus und deutsche Großmachtphantasien

Nur war es auch zeitgemäß? Panslawismus und deutsche Großmachtphantasien prägten das Selbstverständnis der Völker. In Russland sah man sich als Beschützer und Führer aller Slawen. Und davon lebten Millionen unter deutscher und österreichischer Herrschaft. Die Zeiten waren von Extremen bis zum Zerreißen gespannt. Die Industrialisierung katapultierte Westeuropa in die Neuzeit. Wer Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurde, wuchs vermutlich ohne Strom und fließendes Wasser auf, um als Rentner die Mondlandung am Fernseher verfolgen zu können.

Zugleich entstammten die Regierungen jahrhundertealten absolutistischen Traditionen. Adlige aus dem Mittelalter führten einen aufstrebenden modernen Staat. Zumindest was Deutschland anging. Russland blieb zunächst in ärmlichen agrarwirtschaftlich geprägten Strukturen stecken. Schon bald wurde das zaristische Russland in Deutschland zum Synonym für Rückständigkeit.

Russland am Mittelmeer

Die militärische Stärke des Riesenreiches hatte allerdings ausgereicht, um 1878 das noch wesentlich rückständigere Osmanische Reich niederzuwerfen. Russland stand am Mittelmeer. „Zarigrad (Konstantinopel) ist unser!“ jubelten die russischen Zeitungen. Diesen Machtgewinn konnten die anderen Großmächte aber nicht hinnehmen. Außer Deutschland hatten sie alle Interessen auf dem Balkan.

Um einen großen Krieg zu verhindern, schlug der russische Außenminister Gortschakow eine Verhandlung in Berlin vor. Jetzt war die Stunde der Dankbarkeit gekommen. Hatte nicht der russische Beistand den Deutschen Nationalstaat ermöglicht? Doch Bismarck wollte der „ehrliche Makler“ sein. Russland stand in Berlin allein auf dem politischen Parkett. England und Frankreich setzten sich durch. Es gab keinen Mittelmeerzugang und kein Zarigrad.

Kommunikationskrieg und die Wirkung der Massenmedien

Das war der Beginn eines an Gehässigkeiten reichen Kommunikationskrieges. Alexander II. sandte seinem preußischen Onkel Wilhem I. einen „Ohrfeigenbrief“. Bismarck zettelte eine Medienkampagne gegen den russischen Außenminister an und die „Moskauer Zeitung“ wetterte gegen das Deutschtum. Getreidezölle und Rindfleischembargos wurden zu nationalen Beleidigungen hochgejubelt. Es kam zu einer jahrelangen Fehde zwischen deutscher und russischer Presse. Einem von Verwandtschaften und konservativen Vorstellungen geprägten Bündnis stand jetzt die angeheizte öffentliche Meinung entgegen.

Ein junges Phänomen. Die Zeiten der Massenmedien waren angebrochen. Das Bündnis der Kaiser zerbrach. Dass Kaiser Wilhelm II., die größte Fehlbesetzung der Weltgeschichte, Bismarcks kompliziertes und auch noch geheimes Vertragswerk mit Russland nicht aufrechterhalten konnte, spielte kaum mehr eine Rolle. Denn die Dynamik war längst vom diplomatischen Parkett auf die Straße gegangen.

Man steuerte auf den Ersten Weltkrieg zu, an dessen Vorabend der deutsche Kanzler von Bülow sagte: „Die meisten Konflikte, welche die Welt im Laufe der letzten Jahrzehnte gesehen hat, sind nicht hervorgerufen worden durch fürstliche Ambitionen oder ministerielle Umtriebe, sondern durch leidenschaftliche Erregung der öffentlichen Meinung, die durch Presse und Parlament die Exekutive mit sich fort riss.“

Weltkriege und Revolution

1914 hatten sich die Russen längst entschieden: Für Frankreich. Dessen finanzielle Unterstützung hatte dem Zarenreich zumindest ansatzweise aus seiner Agonie geholfen und sanfte Modernisierungsschübe gestartet. Dennoch schlug das deutsche Ostheer den russischen Vorstoß zurück. Fortan feierte man dies symbolträchtig als den „Sieg von Tannenberg“. Zu der Zeit lebten im Deutschen Reich 140.000 Russen und in den russischen Weiten beinahe 2 Millionen Deutschstämmige.

Die militärische Niederlage, die desaströsen Lebensverhältnisse an der Front und im gesamten Land, Lenins Machthunger und die Durchtriebenheit der deutschen Politik, führten im vierten Kriegsjahr zu einer legendären Eisenbahnfahrt. Lenin reiste mit 30 Revolutionären durch deutsches Feindesland in seine Heimat, um dem wankenden Zarentum den Todesstoß zu versetzen. Oder genauer: Um die bereits erfolgte Revolution des Petrograder Sowjet durch die eigene bolschewistische abzulösen.

Der Erfinder dieses Plans, der deutsche Diplomat Graf Brockdorff-Rantzau, wollte „dem Sterbenden Zarenreich eine Dosis Strychnin geben“. Der Plan schien, mit Hilfe beträchtlicher deutscher Finanzmitteln, zu funktionieren. Im Diktat-Frieden von Brest-Litowsk konnte sich die Großmannssucht des Kaiserreiches ein letztes Mal austoben, bevor es selbst im Westen unterging. Das kurzzeitige „Imperium Germaniae“ im Osten sollte einigen Deutschen eine Vorstellung vom „Riesenreich im Osten“ geben, das „zum Zusammenbruch reif“ sei.

Hitler und Stalin

Dass man sich 30 Jahre später in diebischer Eintracht Polen teilte, konnte darüber hinwegtäuschen, dass Hitler den Krieg gegen Russland schon immer gewollt hatte. Stalin jedenfalls schien damit nicht unmittelbar gerechnet zu haben, ließ er doch kurz vor dem deutschen Angriff 600 führende Offiziere hinrichten. Auf deutscher Seite war die Stimmung 1941 Gestapo-Berichten zufolge deprimiert. Nur die ideologischen Fanatiker in Hitlers Armee hielten einen schnellen Sieg in diesem Feldzug für möglich.

Und wenn die Soldaten es doch versuchten, dann um bald wieder nach Hause zu können. Und nicht, um in Russland zu siedeln. Die Rotarmisten wiederum vollbrachten aus eigener Sicht das Wunder des Sieges über die bisher ungeschlagene Wehrmacht. Und als sie in die deutschen Ostgebiete einmarschierten, waren sie von Rache und Bewunderung gegenüber den Deutschen, „die aus einem Hammer und einem Stück Metall eine Uhr machen können“, gleichermaßen durchdrungen. Ansonsten hüllen wir den Mantel der letzten Ruhe über dieses Geschehen.

Jens Hirt
Über den Autor

ist seit 2012 Dozent an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Berlin.

Als Wissenschaftler hat er Freude an allen Formen der Kommunikation und beobachtet neugierig Entwicklungen in diesem Sektor. Jens Hirt unterrichtet an Universitäten und gibt Trainings in der Wirtschaft. Zu seinen Spezialgebieten zählen Medien- und Kommunikationswissenschaft, Marketing, sowie multisensorische und kognitive Kommunikation.