Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Christopher BraemerVon

Exklusiv-Interview mit Stanislaw Tkatschenko: „Russland steht vor einem Umbruch von Rezession zum Aufschwung“

Im Exklusiv-Gespräch mit Ostexperte.de spricht der Wirtschaftsexperte Stanislaw Tkatschenko über den Kampf gegen die Korruption, den Privatisierungskurs der russischen Regierung und die wichtigsten Handelspartner Russlands.

ProfessorForschungTätigkeit
Stanislaw Tkatschenko ist Leiter des Diplomatischen Studienprogramms und außerordentlicher Professor der Fakultät für Internationale Beziehungen an der Sankt Petersburger Staatlichen Universität. Er ist zudem Gast-Professor an der Universität Bologna.
Seine Forschungsgebiete sind hauptsächlich die Außenpolitik der Russischen Föderation sowie die internationale politische Ökonomie. Seinen Doktorgrad in Geschichte und Wirtschaft erhielt er an der Sankt Petersburger Staatlichen Universität.
Tkatschenko ist Vorsitzender der Postkommunistischen Staaten in der Abteilung für Internationale Beziehungen der International Studies Association (ISA). Er arbeitet zudem als Kolumnist für eine Tageszeitung in Sankt Petersburg und ist Autor zahlreicher Monographien und Artikel.
Stanislaw Tkatschenko, Professor für Wirtschaft und Diplomatie an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg. © Privat

Forscher und Wirtschaftsexperte Stanislaw Tkatschenko von der Staatlichen Universität Sankt Petersburg. © Privat


Herr Tkatschenko, am 16. Dezember 2016 kündigte die EU die erneute Verlängerung ihrer Wirtschaftssanktionen an. Spielt das überhaupt noch eine Rolle – oder hat sich die russische Wirtschaft an die Situation gewöhnt?

Genauso ist es, die russische Wirtschaft weiß genau, wie sie auf die Sanktionen reagieren muss, um nicht nur zu überleben, sondern sich sogar zu entwickeln. Ein Resultat der Sanktionen sind die sehr hohen Zinssätze für eine beliebige finanzielle Transaktion. Die Situation jetzt unterscheidet sich vollkommen von 2014 und 2015. Wir stehen kurz vor einem Umbruch von Rezession zum Aufschwung. Die Importsubstitutionspolitik der Regierung zeigt einige Ergebnisse.

Inwiefern konnte sich die russische Wirtschaft von der Krise erholen?

Auch 2016 war ein Krisenjahr. Zum Ende des Jahres zeigt sich, dass das BIP um 0,6 Prozent fällt. Die Wirtschaft leidet nach wie vor unter der Krise. Ausnahmen sind die weiterverarbeitende Industrie und die Landwirtschaft. Von einer kompletten Erholung ist die russische Wirtschaft noch weit entfernt. Meiner Meinung nach ist 2016 jedoch das letzte Krisenjahr. Wir stehen kurz vor einem Umbruch von Rezession zum Aufschwung.

Kann die aktuelle Erholungsphase mit denen nach der letzten beiden großen Finanzkrisen 2008 und 1998 verglichen werden?

„Zur Zeit der Krise 1998 hat die Abwertung des Rubels die Wirtschaft fast im Alleingang in die Krise gestürzt.“

Ich denke, dass die jetzige Situation anders ist. Zur Zeit der Krise 1998 hat die Abwertung des Rubels die Wirtschaft fast im Alleingang in die Krise gestürzt. Die Krise 2008 dagegen war nur ein kurzer externer Schock, hervorgerufen durch den niedrigen Ölpreis. Im Vergleich zu damals ist die russische Wirtschaft heute durch Fremdwährungsreserven sowie dem Stabilitäts- und Wohlfahrtsfonds geschützt.

Hat Russland aus der dritten großen Finanzkrise gelernt?

Das ist zu hoffen. Fest steht, dass die russische Regierung spürbar professioneller vorgeht, als in den letzten beiden Krisen.

Die als zurückhaltend geltende Chefin der Zentralbank, Elwira Nabiullina, prognostizierte 2017 als „Jahr der Stabilisierung“. Stimmen Sie ihrer Einschätzung zu?

Ich schätze Nabiullinas Prognosen als durchaus realistisch ein. 2017 ist das erste Jahr mit Wirtschaftswachstum nach zwei Krisenjahren. Es gibt konkrete Indikatoren wie die Inflationsrate oder die erhöhte Anzahl ausländischer Direktinvestitionen in den letzten Monaten, die diese Tendenz unterstreichen. 2017 rechne ich mit einem Rekordjahr der ausländischen Direktinvestitionen und Portfolio-Investments. Das könnte die russische Wirtschaft aus ihrem Winterschlaf aufwecken.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie für das Jahr 2017?

Es besteht die Gefahr eines externen Schocks, der die Wirtschaft aus dem Gleichgewicht bringen kann. Dazu zählt eine Finanzkrise mit globalen Auswirkungen. Dies war 2008 in den USA der Fall. Dagegen ist auch Russland nicht immun. Auch ein erneuter Einbruch des Ölpreises wäre fatal. Ich rechne jedoch mit einem stabilen Level von 50 bis 60 US-Dollar pro Barrel.

Ausländische Investoren nennen die konstante Unsicherheit als das Hauptproblem für ihr tägliches Geschäft. Ist Russlands Wirtschaft unberechenbar?

(zögert) Natürlich… ist die russische Wirtschaft unberechenbar. Das liegt teilweise an Korruption, die nach wie vor ein Problem ist. Aber auch an der seit fast drei Jahren anhaltenden Sanktionsspirale. Oder dem Rekordtief des Ölpreises, der 2008 noch bei 120 US-Dollar lag.

Stichwort Korruption: Der ehemalige Chef der Antikorruptionsbehörde Dmitrij Sachartschenko wurde im September mit 120 Millionen Dollar in bar festgenommen, der ehemalige Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew wurde wegen einer illegalen Anteilnahme an der Rosneft-Privatisierung von seinem Amt enthoben. Ist Korruption nach wie vor ein Problem in Russland?

„Privatisierung ist genau die richtige Politik, um die Effektivität der Wirtschaft zu erhöhen.“

Die russische Regierung betreibt eine aktive Antikorruptionspolitik. Sie wird die Attraktivität der russischen Wirtschaft in den kommenden Jahre erhöhen. Die Maßnahmen betreffen sowohl das politische Zentrum, als auch die Regionen und den privaten Sektor. Eines noch zum Fall Rosneft: Nach fast zehn Jahren ist die russische Regierung zurück zu einer Privatisierungspolitik gekehrt, was sehr erfreulich ist. Privatisierung ist genau richtig, um die Effektivität der Wirtschaft zu erhöhen. Die Regierung verkauft Unternehmen, die aufgrund von Korruption oder mangelnder Erfahrung ineffektiv sind. Dies kann nur zu positiven Ergebnissen führen.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten neuen Handelspartner Russlands?

Für Russland ist aktuell die Eurasische Wirtschaftsunion das wichtigste Element der Außen- und Sicherheitspolitik. Auf globaler Ebene spielen die BRICS eine wichtige Rolle. Jedoch ist man nach wie vor an einer engen Zusammenarbeit mit der EU interessiert.

Russland versucht nach der jüngsten Finanzkrise seine Wirtschaft zu diversifizieren, um unabhängiger von westlichen Handelspartnern werden.

„Die Zeit nach den ersten Sanktionen kann als Schwenk nach Asien charakterisiert werden. Im Dezember unterzeichnete Russland neue Deals mit Japan. Doch auch die Verträge mit China sind erwähnenswert.“

Die Sanktionen haben die russische Diplomatie motiviert, ihre Handelsbeziehungen zu diversifizieren. Die Zeit nach den ersten Sanktionen kann als Schwenk nach Asien charakterisiert werden. Im Dezember unterzeichnete Russland neue Deals mit Japan. Doch auch die Verträge mit China sind erwähnenswert. Seit Oktober 2016 besteht zudem eine Freihandelszone zwischen der Eurasischen Wirtschaftsunion und Vietnam. Wir können außerdem damit rechnen, dass die russische Regierung nach der Präsidentschaftswahl 2017 verstärkt mit Südkorea kooperieren wird.

Und was ist mit den USA? Donald Trumps Aussagen lassen vermuten, dass der neue US-Präsident die Beziehungen zu Russland von Grund auf verändern will.

Das ist durchaus zu hoffen. Es ist damit zu rechnen, dass Russland in der Anfangsphase mit einem seriösen Angebot auf Trumps neue US-Regierung zugehen wird. Im Falle einer Ablehnung ist mit einem Erhalt des status quo bis zum Nachfolger Trumps zu rechnen. Wir wissen auch nicht, was für einen Charakter der ehemalige Exxon-Chef Tillerson hat.

Dieses Interview führte Christopher Braemer.

Titelbild

© Staatliche Universität Sankt Petersburg

Christopher Braemer
Über den Autor

ist Wirtschaftsredakteur der Moskauer Deutschen Zeitung.

Zuvor arbeitete er u.a. als freier Journalist für Nordkurier und Mitteldeutsche Zeitung. Er studierte Politik und Wirtschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Osteuropastudien in Bologna und Sankt Petersburg.