Widersprüchliche Umfragen: Sind die deutschen Unternehmen doch für die Sanktionsverlängerung?

Neue Umfrage zu Russland-Sanktionen: Deutsche Manager für Verlängerung

Bisher zeigten die Befragungen der Vertretungen der deutschen Wirtschaft in Russland, dass ein Großteil der Unternehmen den Sanktionen negativ gegenübersteht. Eine neue Erhebung der WELT unter deutschen Managern zeigt nun aber das Gegenteil. Wie ist dieser Unterschied zu erklären?

Bei der Geschäftsklima-Umfrage der deutschen Wirtschaft in Russland vom Frühjahr 2016 gaben 60 Prozent der Befragten an, dass die Sanktionen vollständig aufgehoben werden sollten. Weitere 28 Prozent forderten eine schrittweise Aufhebung. Macht fast 90 Prozent gegen eine Sanktionsverlängerung (die wohl beschlossene Sache ist).

Die Umfrage führten die Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) und der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft gemeinsam durch. Nur 10 Prozent sprachen sich hier für eine Beibehaltung der Strafmaßnahmen aus, zwei Prozent forderten eine Verschärfung.

WELT: 52 Prozent für Sanktionsverlängerung

Eine neue Befragung, die am gestrigen 26. Juni von der WELT veröffentlicht wurde, sagt nun genau das Gegenteil aus. Die Fragestellung lautete hier: „Vor zwei Jahren verhängte die EU wegen der Ukraine-Krise Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Der Kreml hat im Gegenzug ein Einfuhrverbot für Lebensmittel aus der EU verhängt. Die EU hat nun entschieden, die Sanktionen zu verlängern. Wie finden Sie das?“

Hier antwortet mehr als die Hälfte (52,1 Prozent) mit: „Genau richtig. Russland muss wissen, dass es die mit der Weltgemeinschaft vereinbarten Maßnahmen vollständig einhalten muss.“

Nur jeder sechste Manager (16,4 Prozent) findet die Maßnahmen dagegen „vollkommen falsch. Denn die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland müssen endlich wieder auf eine gemeinschaftliche Ebene gebracht werden. Ansonsten fehlt uns ein wichtiger Motor für weiteres Wachstum.“ Etwas mehr als ein Viertel, 27,4 Prozent, halten die Sanktionen zumindest für „fragwürdig. Die schlechten Beziehungen zu Russland belasten die deutsche Wirtschaft auf Dauer zu stark.“

Und nur 1,4 Prozent finden die Sanktionen „nicht schlimm. Die ökonomischen Beziehungen zu Russland sind für Deutschland nicht entscheidend.“ 2,7 Prozent machten keine Angaben.

Das macht: rund 44 Prozent eher gegen die Verlängerung der Sanktionen, 52 Prozent dafür.

Wie dieser Unterschied zustande kommt

In jedem Fall ein bemerkenswertes Ergebnis. Es ist aber wohl mit Gruppe der Befragten zu erklären. Die WELT-Umfrage wurde nämlich unter deutschen Managern durchgeführt – nicht notwendigerweise also unter denen mit Russlandbezug. Das ist hingegen bei der Geschäftsklima-Umfrage gegeben.

Tiefergehende Details zu den Umständen der neuen Untersuchung gibt die WELT aber nicht an. Die entsprechende „Leaders‘ Parliament“-Umfrage werde von der Unternehmensberatung Roland Berger in Zusammenarbeit mit der „Welt“-Gruppe alle zwei Wochen unter deutschen Managern durchführt. Auf der Website von Leaders’ Parliament findet sich die Angabe, dass es 146 Teilnehmer gegeben habe (Geschäftsklima-Umfrage: 152 deutsche Unternehmen im Russlandgeschäft).

WELT: Ergebnis widerspricht öffentlicher Darstellung der Wirtschaftsverbände

Die WELT folgert jedenfalls: „Das Ergebnis ist insofern erstaunlich, als in der Öffentlichkeit meist ein Bild gezeichnet wird, wonach die deutsche Wirtschaft unter den Sanktionen leide und eine Aufhebung wünsche.“ Tatsächlich gebe es auch eine Reihe von Firmen, die aufgrund der EU-Maßnahmen mit Umsatzeinbußen zu kämpfen hätten. Und auch Europas Landwirtschaft bekomme die Gegenmaßnahmen Russlands zu spüren.

Letztlich sei „die Haltung der deutschen Manager aber doch verständlich, denn im Gegensatz zu Russland leidet die europäische Wirtschaft nach einhelliger Meinung der Ökonomen insgesamt kaum unter den Sanktionen.“ Die Exporte der deutschen Wirtschaft nach Russland schrumpften zwischen 2013 und 2015 um über ein Drittel. „Dennoch stieg der Wert aller deutschen Exporte allein im vergangenen Jahr um über 70 Milliarden Euro – der Handel mit anderen Ländern machte die Verluste beim Export nach Russland also mehr als wett.“

Die russische Wirtschaft hingegen habe insgesamt deutlich mehr gelitten – zwar auch durch den Ölpreisverfall, aber ein Prozentpunkt des Absturzes gehe auf die EU-Sanktionen zurück, schreibt die WELT.

Befragten haben wohl geringen Bezug zum Russlandgeschäft

Dass die deutsche Wirtschaft insgesamt die Verluste aufholen konnte, dürfte aber die Unternehmen im Russlandgeschäft mit starken Umsatzeinbrüchen kaum trösten. Auch wäre der Wert der deutschen Exporte ohne Sanktionen wohl deutlich höher. Dass die deutsche Wirtschaft insgesamt trotzdem wächst, ist zwar positiv, aber ein schwaches Argument für weitere Einschränkungen.

Das bezieht sich wohlgemerkt auf die wirtschaftlichen Argumente – auf die die vorgegebenen Antworten der Umfrage ja abzielen. Auf die politischen Argumente wird in der WELT-Umfrage hingegen kaum eingegangen. Vielmehr werden hier wirtschaftliche und politische Argumente gemischt. In der Pro-Sanktionen Antwort werden politische Argumente genannt, in den übrigen wirtschaftliche.

Die Diskrepanz der beiden Umfragen lässt aber wohl auf die direkte Betroffenheit zurückführen. Aus einer unbeteiligten Position heraus lässt es sich leichter für eine Sanktionsverlängerung stimmen. Daher hinkt der Vergleich.

[accordion open_icon=“remove“ closed_icon=“plus“] [toggle title=“Titelbild“ open=“yes“] Quelle: AHK Russland und Ost-Ausschuss bei der Präsentation der Ergebnisse der Geschäftsklima-Umfrage im Februar 2016. Foto: Simon Schütt[/su_spoiler]