Klaus DormannVon

Lesetipp: Benjamin Bidders Buch „Generation Putin“ jetzt auch bei der bpb

Das im Herbst 2016 bei dva erschienene Buch „Generation Putin – Das neue Russland verstehen“ von Benjamin Bidder, 2009 bis 2016 Spiegel-Korrespondent in Russland, wurde Mitte März auch in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung“ veröffentlicht (336 Seiten; 4,50 Euro).

Angesichts der jüngsten Demonstrationen, an denen sich offenbar auch viele junge Menschen beteiligten, dürfte es noch an Aktualität gewonnen haben.

Die Bundeszentrale schreibt zum Inhalt:

Wie tickt Russlands Jugend? Wie stellt sie sich zum politischen System und zu gesellschaftspolitischen Fragen? Und lässt sich dies überhaupt so pauschal beantworten?

Benjamin Bidder hat junge Menschen aus Russland über mehrere Jahre begleitet: etwa den “Roofer” Marat, der auf Moskaus Türme und Dächer klettert; Lena, die sich in einer patriotischen Jugendgruppe engagiert; oder Alexander, der für die Rechte Behinderter eintritt.

Bei allen Unterschieden eint diese Protagonisten, dass sie Anfang der 1990er Jahre geboren wurden, den wirtschaftlichen Aufschwung und den Aufstieg Wladimir Putins miterlebt haben. Bidder zeigt eine Jugend zwischen dem Wunsch nach individueller Freiheit und systemkonformer Anpassung. Er dokumentiert dabei einerseits einen besorgniserregenden Rückbau demokratischer Rechte, liefert durch seine vorurteilsfreie Annäherung an Russlands junge Generation aber auch einen Schlüssel zum Verständnis der postsowjetischen russischen Gesellschaft.

Diskussion des Buches in der Körber-Stiftung

Die Körber-Stiftung berichtete Anfang Februar über eine Diskussion mit Benjamin Bidder und Diana Exusjan, die zu den sechs jungen Frauen und Männer gehört, die Bidder in seinem Buch vorstellt (Moderation: Gabriele Woidelko, die in der Körber-Stiftung das Fokusthema „Russland in Europa“ betreut). Außerdem veröffentlichte sie ein Interview mit Diana Exusjan.

Rezension des Buches im „Vorwärts“

Dennis Grabowsky schreibt in seiner Rezension in der SPD-Zeitung Vorwärts:

„Bidder lässt diejenigen zu Wort kommen, die das heutige Russland prägen und prägen werden. Dies sind die jungen Russinnen und Russen, die um 1991 geboren wurden, als die Sowjetunion zerfiel. Bidder begleitete seine Protagonisten über Jahre. So ergibt sich aus den persönlichen Geschichten, Orten und Karrieren ein mit den sonst zu oft ungehörten Zwischentönen gespicktes Panorama eines Landes, das so heterogen und umtriebig ist wie seine Menschen und für Beobachter von außen deshalb verwirrend wirken mag.“

„Die am stärksten apolitisch eingestellte Generation“?

Zum Stichwort „Generation Putin“ auch sehr lesenswert: Daniel Wechlin zitiert in seinem Artikel „Generation Putin – Geheimbünde, iPhones und Russland“ in der NZZ vom 08.11.2016 den Soziologen Lew Gudkow, Direktor des Lewada-Zentrums.

Laut Gudkow ist die junge Generation in Russland „die passivste und am stärksten apolitisch eingestellte Generation seit Jahrzehnten.“ Mittlerweile sei die „Generation Putin“ auch der Bevölkerungsteil mit der größten Zustimmung für Putin. Mit der Jugend habe das Regime am erfolgreichsten gearbeitet. Die Mehrheit der russischen Jugend sei „optimistisch, pragmatisch, fokussiert auf Beruf, Karriere und Familie.“ Unzufrieden sei sie nicht, ihr apolitischer Charakter sei typisch für autoritäre Systeme.

Würde er das nach den jüngsten Demonstrationen auch noch sagen?

Das Gewicht der Generation, die nach dem Ende der Sowjetunion geboren und in der bereits 16-jährigen Regierungszeit Wladimir Putins politisch sozialisiert wurde, wächst jedenfalls. Laut NZZ beträgt ihr Bevölkerungsanteil bereits über 36 Prozent.

Bloomberg-Kolumnist Leonid Bershidsky stimmt Gudkow in seinem Kommentar zu den Demonstrationen zwar teilweise zu. Es sei richtig: Junge Russen seien immer politisch passiv gewesen. Das habe sich aber offenbar geändert: Die Altersstruktur der Demonstranten am Sonntag sei die größte Überraschung gewesen. Die wenigen „Veteranen“ der Demonstrationen aus dem Jahr 2011, die sich auch jetzt wieder beteiligten und von der Polizei aufgegriffen wurden, hätten berichtet, mit ihnen sei keiner über 20 Jahren in den Polizei-Bussen gewesen. Putin Should Fear a New Generation of Protesters, überschreibt Bershidsky seinen Kommentar.

Und Michael Thumann kommentiert in „Die Zeit“:

„Die Demonstranten gehören zur Generation Putin. Sie kennen keinen anderen Herrscher außer dem Gespann Putin/Medwedew. Sie kennen die schwierigen neunziger Jahre mit politischem Chaos und den Entbehrungen nicht aus eigener Erinnerung. Sie erleben nur den langsamen Verfall des Wohlstands und der Freiheit. Welche Zukunft hat die Generation Putin unter Putin? Ihre Eltern verdienen weniger Geld, Auslandsreisen sind zu teuer, gute Ausbildung dito. Diese Jugend lässt sich nicht mehr mit außenpolitischen Heldentaten ruhigstellen.“

Wie russische Medien die jüngsten Proteste aufnahmen, hat „dekoder – Russland entschlüsseln“ in seiner Debattenschau Nr. 49: „Nawalny und die Macht der Straße“ analysiert. Dekoder.org wurde 2016 mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Lesetipps zu „Generation Putin“ und Demonstrationen in Russland:

Benjamin Bidder: „Generation Putin – Das neue Russland verstehen“; bpb, März 2017

Körber-Stiftung: »Russlands junge Patrioten«; Diskussion mit Benjamin Bidder und Diana Exusjan im KörberForum, 02.02.2017; Interview mit Diana Exusjan: Eine Art „russischer Traum“, 13.03.2017

Dennis Grabowsky: Generation Putin – Russlands aufstrebende Generation; Vorwärts, 22.09.2016

Christina Hebel: Jugendrebellion … Die Generation Putin geht auf die Barrikaden; Spiegel, 01.04.17 Politikschau.com: Jugendrebellion in Russland…Ähnliche Nachrichten; 01.04.2017

Andreas Rüesch: Der Kreml-Kritiker Nawalny im Gespräch: «Ich weiss, dass meine Arbeit gefährlich ist»; NZZ, 1.4.2016

Sergey Medvedev: Moskau, St. Petersburg, Tatarstan, Sibirien: Neue Protestwelle in Russland; in: Russland-Analysen Nr. 333; 31.03.2017

Alexander Baunov: The Storm Clouds of 2017: Russia’s New Protests; Carnegie.ru, 31.03.2017

Ann-Dorit Boy: Proteste in Russland – Die kritische Generation Putin; NZZ, 30.03.2017

Michael Thumann: Warum geht die Jugend in Moskau auf die Straße? Die Zeit, 30.03.2017

gmx.at-Interview von Tim Frische mit Stefan Meister (DGAP): Was die Demonstrationen für Wladimir Putin und Dmitri Medwedew bedeuten; 28.03.2017

Julian Hans: Die Jugend verliert die Angst vor Putin; SZ, 28.03.2017

Leonid Bershidsky: Putin Should Fear a New Generation of Protesters; Bloomberg, 27.03.2017

Fred Weir: Why Russian protests are making the Kremlin rethink 2018 presidential elections (+video); csmonitor.com; 27.03.2017

Roman Gonscharenko: Russischer Frühling mal anders; Deutsche Welle, 27.03.2017

Jekaterina Sinelschtschikowa: Massenproteste in Russland: „Wir wollen eine Antwort“; RBTH, 27.03.2017

Daniel Wechlin: „Generation Putin – Geheimbünde, iPhones und Russland“ ; NZZ, 08.11.2016

Michael Thumann: Warum geht die Jugend in Moskau auf die Straße? Die Zeit, 30.03.2017

 

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.

 

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