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Russland und seine Fernsehsender

Warum informieren sich auch in Zeiten des Internets immer noch etwa neunzig Prozent der Russen über die staatsgesteuerten Fernseh-Kanäle?

Für eine so große und mächtige Nation wie es Russland in der Welt ist, wird das Land in den Augen demokratischer Kräfte gerne etwas stiefmütterlich behandelt. Russland ist finanziell wohlhabend und hat auch kulturell vieles zu bieten, sodass es trotz autokratischer Herrschaft und vieler menschenrechtlicher Probleme immer mit relativ vorsichtiger Hand angefasst wird.

Besonders deutlich zeigen sich die Probleme in der Medienlandschaft, die von staatsgesteuerten Medien dominiert wird und sich auf einige wenige TV-Stationen beschränkt, die fest unter dem Daumen des Kreml agieren.

Russisches Fernsehen war nicht immer nur Propaganda

Vor Putins Machtantritt in den frühen 2000er-Jahren haben viele der russischen Fernsehsender eine kurze Zeit der Unabhängigkeit genossen. Diese Periode war kurzlebig und die Sender, die sie besonders ausgiebig genutzt haben, wie etwa der 1991 gegründete NTW, mussten besonders leiden.

NTW galt als Pionier der Unabhängigkeit unter den russischen Fernsehsendern und hat so den Zorn der Regierung auf sich gezogen. Nach Putins Machtantritt wurden nicht nur die Redaktionsbüros durch Regierungseinheiten gestürmt, sondern es wurden auch jede Menge Vorwürfe – die meisten davon unhaltbar – gegen den Eigentümer Wladimir Gussinski erhoben.

2001 wurde der Sender dann an den staatlichen Energiekonzern Gazprom verkauft, der seit 2007 vollständig im Eigentum des Senders ist und damit war es dann auch schnell vorbei mit unabhängiger Berichterstattung.

Und mit diesem Schicksal steht NTW bei Weitem nicht allein da. Auch ORT, der heute unter dem Namen Perwyj Kanal (Erster Kanal) firmiert, ging es ganz ähnlich, obwohl dieser zu keinem Zeitpunkt gänzlich unabhängig war.

Völlig anderes Medienverständnis

Eine Medienlandschaft wie in Russland, ist in Deutschland völlig unvorstellbar. In Russland hingegen wird von Journalisten erwartet, dass sie Regierungsentscheidungen mittragen und deren Botschaften unter der breiten Masse verbreiten. Deshalb stört sich auch kaum jemand an der Tatsache, dass russische Medien eben nicht unabhängig agieren, sondern eher als Sprachrohr den Kreml dienen.

Das ist umso erstaunlicher, als dass sich junge Leute in Russland im Umgang mit dem Internet sehr versiert zeigen. Man denke nur an die zahlreichen russischen Propagandaakteure, die in demokratischen Wahlen interveniert haben.

Internet wird genutzt, wenn es dem persönlichen Zweck dient

Für den unabhängigen Informationsgewinn wird das Internet deshalb eher selten genutzt. Das heißt aber nicht, dass sich russische Bürger den staatlichen Vorgaben völlig hörig unterwerfen. Wirft man beispielsweise einen Blick auf das Angebot von Online-Glücksspiel, das in Russland generell illegal ist, wird schnell klar, dass Russen hier technisch versiert und einfallsreich sind.

Um sich zum Beispiel einen 400 Prozent Bonus in einem Online Casino zu sichern, werden IP-Adressen mit VPN verschleiert und ein Konto in einem anderen europäischen Land zu erstellen.

Dabei kommt den Bürgern allerdings zugute, dass die Regierung nicht sonderlich an der strafrechtlichen Verfolgung von Spielern in Online-Casinos interessiert ist und das Risiko eher gering bleibt.

Gibt es auch unabhängige Medien?

Zu behaupten, dass die komplette Medienlandschaft in Russland nur von der Regierung gesteuert ist, wäre natürlich falsch und fatal, aber gerade bei den Fernsehsendern zeigt sich der Einfluss der Regierung besonders deutlich.

Kremlkritische Medien finden sich am Ende immer noch eher im Internet, da dieses schwerer zu kontrollieren ist als Fernsehsender, Radiostationen und sogar Printmedien. Hierbei ist sicherlich noch TV Rain zu nennen, welches es seit 2010 gibt, aber ab Februar 2014 nicht mehr als Satelliten- und Kabelfernsehen empfangen werden kann. Die Hintergründe sind vielfältig und sehr umstritten, jedoch wurde die Diskussion darüber wegen einer Sendung und Umfrage zur Leningrader Blockade ausgelöst. Man kann auch nicht sagen, dass es gar keine kritischen Stimmen in staatsnahen Medien gibt, aber diese sind so leise und vorsichtig, dass es schwerfällt, ihnen besonders viel Gewicht beizumessen.

Man darf auch vor allen Dingen nicht vergessen, in welche Gefahr sich Journalisten begeben, die es mit Kritik an der Regierung ernst meinen und damit auch nicht hinter dem Berg halten. Mehrere Fälle von mindestens vermuteten und teils auch bewiesenen Attentaten, wie etwa Vergiftungen an prominenten Kremlkritikern sind auch im Ausland auf Aufmerksamkeit gestoßen.

Die diplomatischen Konsequenzen halten sich dabei in eng bemessenen Grenzen, da es oft nicht einwandfrei bewiesen werden kann.

Und wie sieht das die Bevölkerung?

Wie bereits erwähnt, stemmt sich die Bevölkerung selbst nicht allzu vehement gegen die staatsgesteuerten Medien. Man kann annehmen, dass sich vor allen Dingen die jüngere Generation nach alternativen Wegen umschaut, um an unabhängige Informationen heranzukommen.

Aber der Großteil der Russen vertraut auf die Informationen, die sie im Fernsehen präsentiert bekommen. So fand das unabhängige Lewada-Zentrum, das jetzt als ausländischer Agent eingestuft ist, in einer Umfrage heraus, dass die Hälfte aller Russen den Informationen der staatlichen Fernsehkanäle vertrauen. Und das ist noch gar nichts gegen die Tatsache, dass sie fast neun von zehn Russen hauptsächlich über das Fernsehen informieren. Während also die meisten anderen Länder sich immer weiter vom TV-Konsum entfernen und sich Informationen eher online und selbst Unterhaltung eher aus Streaming-Diensten holen, ist und bleibt Russland vornehmlich eine fernsehende Nation.

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