Eva LennartzVon

Russlands privates Klinikwesen wächst weiter

Laut einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) wächst der Markt für private Gesundheitsversorgung in Russland weiter. Grund dafür sei die schlechte öffentliche Versorgung. Dies berichtet das russische Medienunternehmen RBC.

Der Umfrage zufolge seien die unzureichende Qualität der medizinischen Leistungen und ihre geringe Verfügbarkeit in öffentlichen Einrichtungen die Hauptgründe für das Wachstum von Privatkliniken. Die EY-Umfrage wurde unter Privatklinik-Managern durchgeführt und berücksichtigt somit nicht die Sicht der Verbraucher. Selbst stagnierende Einkommen hielten laut Umfrage russische Staatsbürger nicht davon ab, private Arztpraxen und Krankenhäuser aufzusuchen.

Im Bericht „Das private Gesundheitswesen in Russland 2016 und im 1. Halbjahr 2017“ stellt EY fest, dass der private Klinikmarkt in Russland 2017 um 5 bis 10% wachsen wird. Die Markteinschätzung treffen die Autoren des Berichts auf Grundlage von BusinesStat-Daten. BusinesStat ist der größte Anbieter von Umfragen auf Industrie- und Verbrauchermärkten in Russland und in der GUS. 2016 erreichte der Sektor der privaten Gesundheitsversorgung und der freiwilligen Versicherungen in Russland ein Gesamtvolumen von 515 Milliarden Rubel.

„Trotz der Krise entwickeln sich private Kliniken stark“, sagte EY-Expertin Anna Gusewa. Ihren Angaben zufolge haben 2016 und 2017 rund 40 Prozent der Marktanbieter neue Kliniken in ihrem Netzwerk eröffnet und 70 Prozent planen eine weitere Expansion.

Mangelhafte öffentliche Versorgung als Ursache

Mehr als die Hälfte der Geschäftsführer privater Kliniken, die von EY befragt wurden, berichteten, dass die Hauptursache für das Wachstum ihrer Einrichtungen Probleme im öffentlichen Gesundheitswesen seien. Dabei nennen die Umfrageteilnehmer eine rückläufige Finanzierung und einen Rückgang der Anzahl der öffentlichen Gesundheitseinrichtungen.

Die Gesamtzahl der Krankenhausbetten in Russland sei im letzten Jahr um 23.000 auf 1,7 Millionen gesunken. Dies sei der Fall, obwohl das russische Gesundheitsministerium daran festhalte, die Ausgaben für die medizinische Versorgung zu erhöhen. Die Förderung komme aber ambulanten Krankenhausleistungen zu.

Defizite des staatlichen Gesundheitswesens erkannten die Teilnehmer der EY-Umfrage in einer geringen Anzahl von Dienstleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung, einer Verringerung des medizinischen Personals und einem niedrigen Dienstleistungsniveau öffentlicher medizinischer Einrichtungen. Diese Faktoren würden einen Patientenzuwachs privater Kliniken erklären.

Interesse an privaten Kliniken nimmt zu

Die befragten Unternehmensvertreter sind der Meinung, dass Russen bereits begonnen haben, sich von öffentlichen Gesundheitseinrichtungen abzuwenden und verstärkt private Dienstleister in Anspruch zu nehmen. Eine Studie des Forschungsfonds „Sdorowje“ (russisch: «Здоровье»), die auf Daten von Rosstat basiert, verdeutlicht, dass Patienten in den letzten drei Jahren tatsächlich seltener öffentliche Kliniken aufgesucht haben.

EY schlussfolgert, dass es für Russen bereits zur Gewohnheit geworden sei, für medizinische Dienstleistungen zu bezahlen. Igor Scharkich, Geschäftsführer des Kliniknetzwerks „Letschu“ (russisch: «Лечу»), bestätigte, dass das Unternehmen einen Zuwachs an Patienten aus dem öffentlichen Sektor habe. Seiner Ansicht nach könne man aber in der privaten Gesundheitsversorgung nicht arbeiten, wenn man „einfach nur dasitzt und auf den Zufluss von Patienten aus dem öffentliche Sektor wartet“.

Kompetenzen privater Kliniken

Die Mängel der staatlichen Versorgung seien einer der Gründe für das Wachstum des privaten Marktes, aber nicht der ausschlaggebende, sagt Alexander Ledowski, Geschäftsführer des Diagnoszentrums „Ramsey Diagnostics”.

Die Qualität der Dienstleistungen im öffentlichen Sektor habe immer viele Fragen aufgeworfen und in mancher Hinsicht sei die Situation dort sogar verbessert worden. Ledowski meint, dass das Wachstum des privaten Klinikwesens der größeren Kompetenz privater Kliniken zuzuschreiben sei, ein effektives Geschäft aufzubauen und Investoren der Branche anzulocken. Darüber hinaus stellen private Einrichtungen schneller neue Dienste bereit, die zusätzlich Patienten anlocken.

Der EY-Studie zufolge wird der Markt zudem von demographischen Faktoren beeinflusst. So gaben 37 Prozent der Befragten an, dass ihr Geschäft aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der alternden Bevölkerung in Russland wachsen werde.

Finanzielle Ergebnisse privater Kliniken

Finanzielle Ergebnisse werden regelmäßig von den privaten Kliniknetzwerken „Medsi“ (russisch: «Медси»), das zum russischen Beteiligungsunternehmen „Sistema“ (russisch: «Система») gehört, und von “Mutter und Kind” (russisch: «Мать и дитя») veröffentlicht. Für die ersten sechs Monate dieses Jahres stieg der Umsatz von „Medsi“ um 16 Prozent auf 5,3 Milliarden Rubel, das von „Mutter und Kind“ um 14 Prozent auf 6,6 Milliarden Rubel.


*  Die Studie wurde von April bis Juli 2017 durchgeführt. Teilgenommen haben Vertreter der 25 größten privaten medizinischen Einrichtungen aller russischen Verwaltungsbezirke.

Eva Lennartz
Über den Autor

arbeitet seit September 2017 als Online-Redakteurin für die Nachrichtenseite Ostexperte.de in Moskau.

Bachelor-Abschluss in „European Studies“ (Maastricht University). Master of Arts in “Global Studies” – Studium in Wien, Santa Barbara (USA) und Wroclaw, Polen.

Großes Interesse an und diverse Auslandsaufenthalte in Osteuropa, unter anderem Tätigkeit als Projektassistentin in der Ostukraine und Praktikum bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Serbien.

 

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