Simon SchüttVon

Wie eine Frage an den russischen Industrieminister in Berlin für den größten Applaus sorgte.

Industrieminister Denis Manturov in Berlin

Der russische Industrieminister Denis Manturov (Mitte am Mikrofon) beim Deutsch-Russischen Wirtschaftsdialog am 9.11.2015 in Berlin.

Bei dem Treffen der deutschen Wirtschaft mit dem russischen Industrieminister in Berlin ging alles zunächst seinen gewohnten Gang. Die deutschen Vertreter sprachen sich gegen die Sanktionen und für einen „Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok“ aus und die russische Delegation warb um Investitionen und Produktionslokalisierung in Russland. Am Ende sorgte aber eine kritische Frage für den größten Applaus der Veranstaltung.

Deutsche Vertreter gegen Sanktionen, russische Vertreter für Investitionen

Am Montag trafen sich in Berlin deutsche Wirtschaftsvertreter mit dem russischen Minister für Industrie und Handel, Denis Manturov. Bei einer Veranstaltung im Haus der Deutschen Wirtschaft mit dem Titel „Deutsch-Russischer Wirtschaftsdialog“ forderten die deutschen Vertreter, Eckhard Cordes vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und Volker Treier vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), ein Ende der Sanktionen. Einen „Einstieg in den Ausstieg aus den Sanktionen“. Soweit nichts Neues. Das war immer wieder gefordert worden und, dass die deutschen Unternehmen in Russland die Sanktionen überwiegend ablehnen und für wirkungslos erachten, ist ebenfalls nicht neu und zeigt sich in diversen Umfragen der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer.

Minister Manturov warb gemeinsam mit den beiden mitgereisten Gouverneuren aus den Regionen Uljanowsk und Krasnodar für Russland als Investitionsstandort. Ebenfalls nicht unerwartet. Man brauche ausländische und gerade deutsche Investitionen und Unternehmen, die in Russland lokalisierten. Dazu hatte Manturov das Konzept der Special Investment Contracts mitgebracht, dass eine schnellere Bearbeitung von Investitionsanträgen vorsieht. 90, maximal 100 Tage soll die Bearbeitung nun dauern. Damit soll die Produktionslokalisierung stimuliert werden.

Nicht alles was neu ist, glänzt

Einige deutsche Unternehmen auf dem Podium wie Siemens oder DMG Mori (ehemals Gildemeister) berichteten von ihren Erfahrungen mit der Lokalisierung in Russland. Siemens hat ein Werk für Gasturbinen in St. Petersburg und eine Kompressoren-Fabrik in Woronesch eröffnet, DMG Mori kürzlich ein Werk für Werkzeugmaschinen in Uljanowsk. Siemens ging dabei nicht auf die Gerüchte ein, dass die Fabriken angeblich kaum ausgelastet seien. Am Rande der Veranstaltung wurde darüber allerdings gemutmaßt. Die Wirtschaftswoche berichtet ebenfalls von derartigen Vermutungen.

Dennoch klagte Siemens-Vorstandsmitglied Russwurm gegenüber dem Minister über den eingeschränkten Zugriff des Konzerns auf Staatsaufträge. Alle in- und ausländischen Anbieter hätten in Russland die selben Chancen, antwortete der.

Nach einem Werbe-Video der hochmodernen Maschinenfabrik von DMG Mori sagte der russische Minister stolz: „Ja, das ist in Russland.“ Und wünschte sich mehr Hochtechnologie in Russland. DMG Mori hingegen berichtete, man kämpfe mit den Sanktionen auf Dual-Use-Güter für seine Werkzeugmaschinen und lobte seinerseits die Kooperation mit den russischen Behörden.

Und natürlich wünschte sich auch Manturov ein Ende der Sanktionen und schmeichelte der deutschen Wirtschaft sie sei für Russland ein „Schlüsselpartner“.

Es ging sehr diplomatisch und vorsichtig auf der Veranstaltung zu. Für die wirkliche Überraschung sorgte daher am Ende eine Frage an den Industrie- und Handelsminister Russlands. Und für den meisten Applaus.

„Herr Minister, wer schützt uns vor Rospotrebnadsor?“

Gegen Ende der Veranstaltung meldet sich ein Herr mit einer Frage. Er heiße Stephan Schulte und arbeite bei einem Unternehmen aus dem Mittelstand, einem Hersteller von Aromen und Duftstoffen, der die Lebensmittelindustrie beliefere. Seine Frage können Sie sich ganz oben anhören oder über diesen Link auf Soundcloud.

Deutsch-Russischen Wirtschaftsdialog

Der Saal beim Deutsch-Russischen Wirtschaftsdialog war sehr gut gefüllt.

„Wir sind seit über 25 Jahren in Russland und haben alle Stürme überstanden. Aber jetzt sind wir fast dabei vor einer Firma namens „Rospotrebnadsor“ zu kapitulieren“, klagte er. Rostrebnadsor ist die russische Verbraucherschutzbehörde. In der jüngsten Vergangenheit ist sie durch viele umstrittene Urteile, insbesondere gegen ausländische Unternehmen aufgefallen (siehe dazu diesen Artikel auf Ostexperte.de). Unter anderem waren davon die deutschen Unternehmen Henkel oder MediaMarkt-Saturn betroffen. Die AHK Moskau sprach im Falle Henkels sogar von “Protektionismus mit neuer Dimension”, der durch die Organisation ausgeübt werde.

Auch der Fragesteller ist nicht gut auf sie zu sprechen. „Meine Frage ist nun: Wer schützt uns vor dieser Organisation?“, fuhr Schulte an den Minister gewandt fort. Der Saal applaudiert wie nie zuvor auf dieser Veranstaltung. Auf der Audioaufzeichnung von Ostexperte.de zeigt sich in diesem Moment etwa der größte Lautstärkepegel.

„Ich gebe Ihnen ein Bespiel: Man droht uns, die Produktion stillzulegen, weil wir keine Eisenabscheider haben“, erklärte er weiter, „aber Herr Minister, wir haben seit 25 Jahren kein Eisen mehr in der Produktion, sondern rostfreien Stahl.“ Das sei exemplarisch für Russland. Es gebe viele widersprüchliche gesetzliche Bestimmungen und Vorgaben. Und man brauche dabei staatliche Hilfe, um sicher für die Verbraucher zu produzieren. Man brauche keine Organisation, die mit Strafen drohe, Geld für den Staat oder für die eigenen Taschen erpresse. Das sei nicht zu akzeptieren.

„Sie wollen lokalisieren? Wir tun das!“ Man habe in diesem Jahr investiert. Es sei eine schwere Entscheidung gewesen und er habe sein Unternehmen überzeugen können, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sei. Und dann drohe man ihnen, die Produktion stillzulegen. „Unerhört!“, schloß Schulte von der Firma Symrise empört. Wieder Applaus. Offenbar hatte er damit vielen aus der Seele gesprochen.

Der Minister versuchte zu beschwichtigen: „Sie brauchen nicht zu kapitulieren.“ Man müsse gemeinsam daran arbeiten. Manturov schlug vor, das Unternehmen solle das Problem ausformulieren und eine Anfrage an Rospotrebnadsor stellen. Er werde das an seinen Kollegen weiterleiten und ein Treffen in Moskau organisieren.

Das wäre ein Fortschritt, denn oftmals beklagten sich die Unternehmen, die Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor spreche nicht ausreichend mit ihnen.

UPDATE:

Nach einem Treffen der Firma mit Rospotrebnasor ist Symrise nun offenbar mit einer Geldstrafe davongekommen. Die Eisenabscheider (früher hatten wir sie fälschlicherweise „Eisenabschneider“ genannt), muss die Firma allerdings trotzdem anbringen. Obwohl sie mangels Eisens nutzlos sind. Vorschrift ist nun einmal Vorschrift. Auch wenn die veraltet ist.

Mehr zum Besuch des Ministers

Die Deutsche Welle hat wie die Wirtschaftswoche ebenfalls von der Veranstaltung berichtet. Ostexperte.de hat zudem schon in seiner Tagesübersicht zum Russlandgeschäft über den Besuch des Ministers geschrieben und per Twitter von der Veranstaltung getickert:


Waren Sie ebenfalls beim Deutsch-Russischen Wirtschaftsdialog? Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihre Eindrücke mit uns teilen würden – unten in den Kommentaren oder auf unserer Facebook- oder Twitter-Seite.

Fotoquelle

Quelle:

Bilder, Video und Audioaufnahme von Simon Schütt

 

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.