Eva LennartzVon

Jekaterinburg: Wochenende in der „Hauptstadt des Urals“

Mit rund 1,4 Millionen Einwohnern ist Jekaterinburg nach Moskau, Sankt Petersburg and Nowosibirsk die viertgrößte Stadt Russlands. Lohnt es sich, dort einen Kurzurlaub zu verbringen?

Täglich werden mehrere Flüge von Moskau in die „Hauptstadt des Urals“ angeboten. Darunter sind auch Flüge der russischen Billigfluggesellschaft „Pobeda“, mit der man für knapp 30 Euro nach Jekaterinburg fliegen kann.

Am Flughafen Kolzowo in Jekaterinburg angekommen, empfiehlt sich die Fahrt mit dem Taxi: Taxifahren ist in Jekaterinburg sehr günstig. Die rund 20 Kilometer lange Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum kostet etwa 300 Rubel (4,50 Euro). Möchte man noch mehr sparen, steht alternativ der Bus Nummer 1 zur Verfügung. Ein Einzelfahrschein kostet 28 Rubel (40 Cent).

Modern trifft auf Alt

Auf den ersten Blick wirkt Jekaterinburg sehr modern. Überall ragen futuristische Bürogebäude mit glänzenden Glasfassaden in die Höhe. An zahlreichen Stellen in der Stadt wird gebaut und das auch noch spät abends, sodass man das Gefühl nicht los wird, dass Jekaterinburg eine Dauerbaustelle ist. Vielleicht hat das auch mit den Vorbereitungen für die Fußball-WM im kommenden Jahr zu tun, bei der Jekaterinburg ein Austragungsort sein wird.

Die Skyline von Ekaterinburg.

Die Skyline von Jekaterinburg.

Spaziert man durch die Stadt, begegnet man aber auch immer wieder alten Holzhäusern. Manche sind in staatlichem Besitz und machen den Eindruck, dass sie wenig gepflegt werden. In der Fußgängerzone sind die meisten Holzhäuser mit einem Schild versehen, das verrät, wer in früheren Zeiten in dem Haus gewohnt und gearbeitet hat. Die Fußgängerzone wirkt lebhaft und beim Durchqueren entdeckt man immer wieder Bronzestatuen verschiedener Künstler.

Glückszähler.

Diese Anzeige in der Fußgängerzone zählt, wie viele Leute Jekaterinburg schon glücklich gemacht hat. Durch das Drücken der roten Schaltfläche kommt ein Glücklicher in der Welt hinzu.

Die „Qwerty“-Tastatur

Jekaterinburg ist viel ruhiger als das schnelllebige Moskau und erinnert wegen des Stadtparks mit einem Teich sogar ein wenig an den Central Park in New York.

Spaziert man am Ufer des Flusses Isset entlang, stößt man auf ein Kunstwerk: Die Computer-Tastatur „Qwerty“ mit lateinischen und kyrillischen Buchstaben. Es hält sich das Gerücht, dass man seinen Wunsch an der Tastatur eingeben kann, wenn man auf die entsprechenden Felder und danach auf die Eingabetaste springt.

Qwerty-Tastatur in Ekaterinburg.

Die „Qwerty“-Tastatur in Ekaterinburg.

Die Einwohner von Jekaterinburg schätzen das vielfältige kulturelle Angebot in der Stadt. So gibt es mehrere Theater und Konzerthäuser, und auch bekannte Künstler und Bands verschlägt es oft hierher. Bald treten zum Beispiel die „Scorpions“ in Jekaterinburg auf.

Kulinarisches Angebot

In Jekaterinburg gibt es einige nette Cafés, Restaurants und Bars. Das Angebot ist weit gestreut, man kann sowohl in Restaurants mit usbekischer Küche speisen als auch in Lokalen, die in skandinavischem Stil eingerichtet sind. In der „Grotto Bar“ fühlt man sich zum Beispiel zu den Wikingern versetzt und kann dabei hausgemachtes Craft Beer testen. Im Stadtzentrum gibt es einige britische Pubs. Bei der Jugend in Jekaterinburg soll die “Killfish Discount Bar” angesagt sein, in der alkoholische Getränke nicht teuer sind.

Sehenswürdigkeiten

Die bekannteste Sehenswürdigkeit in Jekaterinburg ist die „Kathedrale auf dem Blut“. Die Kirche ist dort errichtet, wo sich bis 1977 das Ipatjew-Haus befand, in dessen Keller im Juli 1918 die Bolschewiki den letzten Zaren Nikolaus II. und seine Familie ermordeten.

Die Kathedrale auf dem Blut.

Die Kathedrale auf dem Blut.

Will man Jekaterinburg von oben sehen, lohnt sich ein Besuch auf der Aussichtsterasse auf dem Wyssozki-Tower. Das Hochhaus ist nach dem sowjetischen Schauspieler und Sänger Wladimir Semjonowitsch Wyssozki benannt, zu dessen Ehren auch ein kleines Museum eingerichtet ist.

Da in Jekaterinburg selten Stadtführungen angeboten werden, hat sich das Tourismusbüro etwas Pfiffiges einfallen lassen: Durch die ganze Stadt kann man einer roten Linie folgen und kommt so an allen Sehenswürdigkeiten vorbei.

Rote Linie.

Folgt man der roten Linie, kann man alle Sehenswürdigkeiten in Jekaterinburg sehen.

Mancher Besucher der Stadt wird sich wundern, dass man im Stadtzentrum Pferden oder einem Kamel begegnen kann. Da die Gehege im Zoo zu klein sind und die Tiere zu wenig Auslauf haben, werden sie an manchen Tagen in der Stadt ausgeführt. Aus diesem Grund lässt sich auf schlechte Haltungsbedingungen im Zoo schließen und von einem Besuch abraten.

Museen in Jekaterinburg

In Jekaterinburg gibt es zahlreiche Museen. Mit einer perforierten Fassade, einem von einer gläsernen Kuppel überdachten Innenraum und einer interaktiven Ausstellung ist das Jelzin-Zentrum eines der mondernsten Museen in Russland: Jekaterinburg ist Geburtsort des ehemaligen Präsidenten Boris Jelzin. In der Bevölkerung ist das Museum jedoch umstritten. Eine ältere Einwohnerin Jekaterinburgs meint zum Beispiel, dass sie das Museum nie betreten würde. Während Jelzin für die einen als Totengräber der früheren Sowjetunion gilt, sehen ihn die anderen als denjenigen, der Russland in die Freiheit geführt hat.

Das Jeltsin-Zentrum.

Das Jelzin-Zentrum ist eines der modernsten Museen in Russland.

Zu Beginn des Rundgangs wird ein Film gezeigt, der einen guten Überblick über die Geschichte Russlands gibt. Im Anschluss durchwandert der Besucher sieben Räume, die nach sieben Tagen benannt sind und an die Tage der Schöpfung angelehnt sein könnten. Dabei erfährt man über russische Geschichte von Lenin bis zum Zerfall der Sowjetunion. Im Fokus steht dabei Jelzin, der betont positiv dargestellt wird. Symbolisch für die russische Unabhängigkeit landet der Besucher am Ende des Rundgangs in einem Raum, der einen Himmel mit der Aufschrift „Swoboda“ (deutsch: „Freiheit“) zeigt.

Himmel mit der Aufschrift "Swoboda" (Freiheit)

„Swoboda“: Der Besucher wird nach dem Rundgang durch das Museum in die Freiheit entlassen.

Abends ist die Fassade des Jelzin-Zentrums unterschiedlich beleuchtet. Außerdem finden sich im Gebäude kleine Geschäfte wie ein Buchladen, ein Bekleidungsgeschäft und temporäre Ausstellungen. Derzeit findet eine Ausstellung des Moskauer Kunstmuseums „Garage Museum of Contemporary Art“ statt.

Das Museum zur Geschichte Jekaterinburgs

Die Ausstellung im Museum zur Stadtgeschichte ist nicht sehr interessant, wenn man kein Russisch spricht. Am Anfang wird aber ein 15-minütiger Film gezeigt, der die Geschichte Jekaterinburgs gut zusammenfasst. Jekaterinburg war eine der ersten russischen Fabrikstädte, die 1723 auf Zarenerlass zur Entwicklung des metallverarbeitenden Gewerbes gebaut wurde. Den Siedlungskern von Jekaterinburg bildete eine Eisenhütte und im Quadrat angeordnete Wohngebäude. Um diesen Kern herum war eine Befestigungsanlage errichtet.

Blick in das historische Museum.

Ein Blick in das historische Museum in Jekaterinburg.

Der Name Jekaterinburg entstand zu Ehren der Zarin Katharina I. und der heiligen Katharina, der Schutzpatronin der Bergarbeiter. Katharina II., genannt Katharina die Große, gewährte Jekaterinburg 1781 den Status der Kreisstadt.

Was tun bei Regen in Jekaterinburg?

In Jekaterinburg gibt es zahlreiche Shoppingmalls. Das größte Einkaufszentrum ist die „Greenwich Mall“. Hier ist Vorsicht geboten: In den verzweigten Gängen des Gebäudes kann man sich schnell verlaufen. Greenwich ist das größte Einkaufszentrum in Russland außerhalb Moskaus.

Neben Einkaufszentren gibt es in Jekaterinburg auch eine große Anzahl von Kinos. Bei der Wahl des Films sollte man wohl beachten, dass russische zeitgenössische Komödien nicht unbedingt zum besten Filmerlebnis führen.

Alles in allem lohnt sich ein Besuch in Jekaterinburg, da die Stadt ein buntes Programm an Kultur und Cafés zu bieten hat. Ebenso kann es entspannend sein, durch einen der Parks oder am Stadtteich entlang zu spazieren und dabei den wunderschönen Sonnenuntergang zu genießen. Zwei Tage sind für den Besuch der Stadt völlig ausreichend.

Fotoquelle

Alle Bilder von Eva Lennartz.

Eva Lennartz
Über den Autor

arbeitet seit September 2017 als Online-Redakteurin für die Nachrichtenseite Ostexperte.de in Moskau.

Bachelor-Abschluss in „European Studies“ (Maastricht University). Master of Arts in “Global Studies” – Studium in Wien, Santa Barbara (USA) und Wroclaw, Polen.

Großes Interesse an und diverse Auslandsaufenthalte in Osteuropa, unter anderem Tätigkeit als Projektassistentin in der Ostukraine und Praktikum bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Serbien.

 

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