Klaus DormannVon

Neue wissenschaftliche Analysen zu Nord Stream 2

Willkommen zum zweiten Teil unserer Analyse zur umstrittenen Ostseepipeline Nord Stream 2. In diesem Beitrag möchten wir Ihnen kürzlich erschienene Perspektiven aus der Wissenschaft vorstellen. Den ersten Teil der Analyse, u. a. zur Position der USA und der Ukraine, finden Sie hier.


Dr. Roland Götz: Ukraine will auf russisches Erdgas verzichten; Gazproms Entscheidung für Nord Stream 2 hat „nachvollziehbare Gründe“

Dr. Roland Götz (FU Berlin) hat in einem Ende Juni in den Russland-Analysen erschienenen Artikel die Entwicklung der Energiebeziehungen zwischen Russland und der Ukraine detailliert analysiert. Sein Fazit für das Kräfteverhältnis in den gaswirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder: Die Ukraine befindet sich heute im Vergleich zur Lage an der Jahreswende 2008/09 in einer verhandlungstaktisch besseren Situation:

„Nachdem sie von der Belieferung mit Gas aus Russland unabhängig geworden ist, kann sie, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, mit der Unterbrechung des Gastransits über ihr Territorium drohen, ohne Rückwirkungen auf die eigene Versorgung befürchten zu müssen. Außerdem könnte sie das Transitgas dazu nutzen, Engpässe bei der eigenen Gasversorgung zu überbrücken.“

Götz verweist darauf, dass die Ukraine bereits seit November 2015 kein Erdgas aus Russland mehr bezieht. Forderungen der ukrainischen Seite nach einem niedrigeren Preis und ein verbindliches Angebot für die gesamte Heizperiode 2015/2016 seien damals von Gazprom abgelehnt worden.

Bereits Mitte Juni 2014, so Götz, hatte Gazprom die Lieferungen in die Ukraine vorübergehend eingestellt, als sich die Schulden der Ukraine wegen unbezahlter Gasbezüge auf 5,3 Milliarden US-Dollar summiert hatten. Die Ukraine habe dann Erdgas nur noch über die Slowakei, Ungarn und Polen bezogen, das freilich physisch weitgehend aus Gas aus Transitlieferungen Gazproms bestehe, erklärt Götz.

Gemäß der vorläufigen Fassung ihrer Energiestrategie bis 2035 will die Führung der Ukraine auch künftig auf Erdgasimporte aus Russland verzichten, stellt Götz fest.

Dass Gazprom das System der Transitgasleitungen durch die Ukraine möglichst nicht weiter nutzen will, sondern Unterwasserpipelines den Vorzug gibt, hat für Götz „nachvollziehbare Gründe“.

Zum einen seien es technische Erwägungen: Im Transitsystem der Ukraine habe sich ein hoher Reparatur – und Ersatzbedarf aufgestaut. Wenn die Ersatz- und Modernisierungsinvestitionen weiter verschleppt würden, sei ein sicherer Gastransit in Zukunft nicht mehr garantiert.

Außerdem gebe es ökonomische Gründe: Die für Offshore-Pipelines und ihre Anbindungsleitungen anfallenden Nutzungs- und Transitgebühren seien niedriger als die Transitkosten für die über Land durch die Ukraine verlegten Transitleitungen.

EWI-Analyse: Ist der Bau von Nord Stream 2 eine geeignete Antwort Gazproms auf das neue „strategische Ungleichgewicht“ zugunsten der Ukraine?

Auf der Basis der mit EUCERS 2016 erarbeiteten Studie veröffentlichten Dr. Harald Hecking (Leiter von EWI Energy Research & Scenarios gGmbH) und sein Mitarbeiter Simon Schulte im Mai 2017 einen Artikel in der Fachzeitschrift „Energiewirtschaftliche Tagesfragen“ (Nord Stream 2: Gazproms Antwort auf einen strategischen Nachteil?).

Hecking und Schulte konstatieren (ähnlich wie Roland Götz), dass die Ukraine vom russischen Erdgasangebot „mehr oder weniger“ unabhängig geworden ist. Russland sei hingegen hinsichtlich des Erdgastransits in die EU weiterhin von der Ukraine abhängig. Dieses neue „strategische Ungleichgewicht“ in den Gasbeziehungen zwischen Russland und Ukraine“ sei der Ausgangspunkt für das aktuelle Interesse Gazproms am Bau der Nord Stream 2.

Sie untersuchen, ob der Bau von Nord Stream 2 für Gazprom eine geeignete Antwort auf diesen strategischen Nachteil sein kann. Unter anderem analysieren sie,

  • ob die Pipeline auch gebaut würde, wenn die Ukraine die Transitgebühren senkt oder sogar ganz auf sie verzichtet

was passieren dürfte, wenn Nord Stream 2 nicht gebaut wird.

Einige Ergebnisse ihrer Überlegungen und Simulationsrechnungen:

  • Ein „Strategisches Gleichgewicht“ zwischen Russland und der Ukraine ist nicht mehr vorhanden: „Der Erdgasverbrauch der Ukraine hat sich seit 2007 halbiert und seit Ende 2015 wurde kein russisches Erdgas mehr importiert (Stand Anfang 2017). Neue Interkonnektorkapazitäten erlauben es der Ukraine heute, Erdgas aus dem Westen, also der Europäischen Union (EU) und insbesondere der Slowakei, zu importieren. Während die Ukraine also mehr oder weniger unabhängig vom russischen Erdgasangebot geworden ist, bleibt Russland weiterhin abhängig von der Ukraine hinsichtlich seiner Erdgastransite in die EU.“
  • Wenn die Ukraine (als Antwort auf den Bau der Nord Stream 2) ihre Transitgebühren um 60 % senken würde, wäre der „Business Case“ für Nord Stream 2 nicht mehr gegeben. In diesem Fall würden im Jahr 2035 immer noch mehr als 70 Milliarden Kubikmeter Erdgas durch die Ukraine in die EU strömen.
  • Selbst wenn die Ukraine die Transitgebühren auf null setzen würde, wäre aber nicht auszuschließen, dass Russland aus strategischen und geopolitischen Gründen einen Bau von Nord Stream 2 bevorzugt, um den Transit durch die Ukraine umgehen zu können.
  • Ein Bau der Pipeline wäre – angesichts der aktuell bereits bestehenden überdimensionierten Transportkapazitäten – „in einem volkswirtschaftlichen Gesamtoptimum“ vermutlich nicht notwendig. Aufgrund der strategischen Abhängigkeiten Russlands von der Ukraine ist der Bau der Leitung aber aus einzelwirtschaftlicher Perspektive rational für Russland.
  • Sollte der Bau der Nord Stream 2 nicht erfolgen, profitiert die Ukraine weiterhin von einem hohen Transitvolumen. …Ohne einen Ausbau der Nord Stream 2 wäre die Ukraine in der Lage, ihre Transitgebühren weiter zu erhöhen und gleichzeitig ihre Transiterlöse zu steigern.

Dr. Frank Umbach (EUCERS-Research Director) warnt: Deutsche Nord Stream-Politik gefährdet gemeinsames Handeln in der EU

Viele Argumente für einen Bau der Nord Stream 2 zählt auch Dr. Frank Umbach, (Research-Director des European Centre for Energy and Resource Security, EUCERS) in seinem neuen Beitrag zur Nord Stream-Diskussion auf, der Mitte Mai bei „Geopolitical Intelligence Services, GIS“ erschien und Ende Juni auch vom polnischen Internet-Magazin Biznesalert veröffentlicht wurde.

Umbach setzt an etliche der genannten Argumente für den Bau der Nord Stream 2 aber zumindest Fragezeichen. Einige seiner Bedenken:

  • Gaslieferungen aus Russland um die Ukraine und andere Transitstaaten herum zu lenken, dürfte im Ergebnis zu weniger, nicht zu mehr Pipelines für den Import von Erdgas führen – was im Widerspruch zum deutschen Wunsch nach möglichst vielen Pipelinerouten stehen würde.
  • Zwischen 2010 und 2015 sind der Gasverbrauch und die Gasproduktion in der EU gesunken. Das wirft die Frage auf, ob überhaupt mehr Gas gebraucht wird.
  • Weder die EU-Kommission noch Deutschland haben bisher die Frage beantwortet, ob durch den Bau alternative Importoptionen unterminiert werden (zum Beispiel die Wirtschaftlichkeit bestehender und geplanter LNG Terminals, Polens Pläne einer Pipeline nach Norwegen)

Hauptanliegen Umbachs ist es anscheinend jedoch, vor politischen Risiken zu warnen, die er in der deutschen Nord Stream-Politik sieht. Deutschland unterstütze den Bau der Nord Stream 2 stark und erkläre ihn zu einem „rein wirtschaftlichen Projekt“. Viele östliche EU-Staaten sähen die Pipeline hingegen als ein Projekt mit dem Ziel, die Abhängigkeit Europas von russischem Gas zu erhöhen.

Wenn die deutsche Regierung und Brüssel die Bedenken der Pipeline-Gegner nicht berücksichtigten, gingen sie das Risiko ein, dass die östlichen Mitgliedsstaaten ihre Energiepolitik renationalisierten und dies zu einem Kollaps der gemeinsamen EU-Außen- und Sicherheitspolitik führe. Deutschland könne von den Partnerländern zum Beispiel kaum Solidarität in der Flüchtlingspolitik erwarten, wenn es ihre Bedenken im Hinblick auf die Sicherheit der Energieversorgung ignoriere.

Quellen und Lesetipps zu Nord Stream 2

Studien und Wissenschaftler zu Nord Stream und zur russischen Gaswirtschaft

Presseberichte zu Nord Stream:

Fotoquelle

© Nord Stream AG

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.

 

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