Klaus DormannVon

Wachstum in Russland: EU-Kommission erwartet 2019 nur noch 1,5 Prozent; Regierung rechnet mit Anstieg um anhaltend gut 2 Prozent

Im dritten Quartal ist nach ersten Schätzungen des Wirtschaftsministeriums die gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland 2,2 Prozent höher gewesen als vor einem Jahr. Das Wachstum in den ersten neun Monaten veranschlagt das Ministerium auf 1,8 Prozent.

Im gesamten Jahr 2017 erwartet die Regierung ein Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent. Diese Prognose hatte das Wirtschaftsministerium Ende August als Grundlage für die Haushaltsplanung vorgelegt. Gut zwei Drittel des Produktionsrückgangs in den beiden Rezessionsjahren 2015 (- 2,8 Prozent) und 2016 (- 0,2 Prozent) wären damit aufgeholt.

Analysten erwarten etwas weniger Wachstum als die Regierung

Forschungsinstitute und Bank-Analysten hoben ihre Wachstumserwartungen seit dem Frühjahr zwar deutlich an. Das von der Regierung prognostizierte Wachstum von gut 2 Prozent in diesem und den nächsten beiden Jahren hält die Mehrheit jedoch für zu hoch. Aktuelle Umfragen zeigen, dass der Mittelwert der Analysten-Erwartungen für dieses Jahr 1,7 Prozent (FocusEconomics) oder 1,8 Prozent (Reuters) beträgt. Für die nächsten beiden Jahre rechnen die Analysten mit 1,8 Prozent. Sie bleiben damit rund einen halben Prozentpunkt unter den Prognosen der Regierung.

DekaBank: Verlangsamter Anstieg im zweiten Halbjahr 2017

Daria Orlova (DekaBank) ließ am Donnerstag in ihrem Bericht zur russischen Wirtschaft in den monatlich erscheinenden „Emerging Markets Trends“ ihre Wachstumsprognosen für 2017 (1,8 Prozent) und 2018 (1,9 Prozent) unverändert.

Zur aktuellen Entwicklung im zweiten Halbjahr meint sie, die Monatsdaten deuteten darauf hin, dass sich das Wachstumstempo im dritten Quartal verlangsamt habe. Im September habe sich der Bergbausektor (einschließlich Öl- und Gasförderung) überraschend negativ gezeigt. Der Anstieg im verarbeitenden Gewerbe sei aber stark genug gewesen, um insgesamt für einen Zuwachs der Industrieproduktion um 0,9 Prozent gegenüber September 2016 zu sorgen. Anziehende Wachstumsraten seien auch zu Beginn des vierten Quartals nicht zu erwarten. Die Einkaufsmanagerindizes seien sowohl für das verarbeitende Gewerbe als auch für den Dienstleistungssektor im Oktober zurückgegangen.

Internationale Wirtschaftsorganisationen auch skeptischer als Regierung

Seit Anfang Oktober haben auch internationale Wirtschaftsorganisationen im Gleichklang mit den verbesserten Erwartungen für das Wachstum der Weltwirtschaft ihre Prognosen für Russland erhöht. Nach der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds aktualisierte am Mittwoch auch die Londoner „Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung“ (EBRD) ihre Prognosen für Russland kräftig nach oben. 2017 erwartet sie jetzt 1,8 Prozent, im Frühjahr waren es nur 1,2 Prozent.

2018 rechnet die EBRD nur mit einer minimalen Konjunkturabschwächung und geht  wie die Weltbank von einem Produktionsanstieg um 1,7 Prozent aus (IWF: + 1,6 Prozent).

Am Donnerstag veröffentlichten das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) und die EU-Kommission ihre Herbstprognosen. Auch ihre Wachstumserwartungen für 2018 bleiben unter der 2-Prozent-Marke. Die EU-Kommission rechnet wie der IWF sogar nur mit 1,6 Prozent und erwartet wie einige andere Beobachter 2019 nur noch 1,5 Prozent Wachstum in Russland.

Prognosen gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent.
InstitutDatum201720182019
EU-Kommission09.11.171,71,61,5
WIIW Wien09.11.171,71,91,9
DekaBank, Frankfurt09.11.171,81,9
Sachverständigenrat08.11.171,91,9
EBRD, London07.11.171,81,7
Commerzbank, Frankfurt03.11.172,13,0
Berenberg Bank, Hamburg03.11.171,61,91,9
Raiffeisenbank International, Wien03.11.171,81,51,5
Reuters-Poll01.11.171,81,81,8
FocusEconomics-Poll31.10.171,71,81,8
Danske Bank, Kopenhagen27.10.171,92,0
Euler Hermes (Allianz), Paris26.10.171,51,9
Russian Academy of Sciences20.10.171,81,92,1
BNP Paribas, Paris18.10.171,81,61,5
Economist Intelligence Unit18.10.171,91,61,6
OPEC11.10.171,81,6
Internationaler Währungsfonds10.10.171,81,6
CMASF, Moskau10.10.171,81,91,9
ACRA, Moskau09.10.171,31,41,4
Weltbank06.10.171,71,71,8
Economist-Poll05.10.171,82,0
BOFIT, Bank of Finland28.09.171,51,51,5
Gemeinschaftsdiagnose (Institute)28.09.171,51,71,6
Fitch Ratings22.09.172,02,12,1
OECD, Paris20.09.172,02,1
VneshEconomBank, Moskau18.09.171,5
Urals 50 $/b
1,1
Urals 51 $/b
1,8
Urals 55 $/b
Russische Zentralbank;
Basisszenario
15.09.171,7 bis 2,2
Urals 50 $/b
1,0 bis 1,5
Urals 44 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 42 $/b
Wirtschaftsministerium,
Basisszenario
31.08.172,1
Urals 49 $/b
2,1
Urals 43,8 $/b
2,2
Urals 41,6 $/b

WIIW: Auch mittelfristig nur „mageres“ Wachstum in Russland

Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) stellt in seiner neuen Prognose für die Staaten in Mittel- und Osteuropa heraus, dass Russland keine Chancen habe, allmählich zu Westeuropa aufschließen zu können. Während sich in den mittel- und osteuropäischen EU-Staaten dieser Konvergenz-Prozess stärker beschleunige als bisher erwartet wurde und das Wirtschaftswachstum in den Jahren 2017 bis 2019 etwa doppelt so stark sei wie in den westeuropäischen EU-Staaten, sei nicht damit zu rechnen, dass die russische Wirtschaft gegenüber Westeuropa aufholen könne. Die Wachstumsaussichten für Russland würden durch fehlende strukturelle Veränderungen, anhaltende Mängel des Investitionsklimas und geopolitische Konflikte begrenzt.

Immerhin traut das WIIW Russland aber zu, dass das Wachstum von 1,7 Prozent in diesem Jahr auf 1,9 Prozent in den beiden nächsten Jahren anzieht (siehe Länderübersicht Russland). Dieses „magere Wachstum“ in Russland (im Vergleich zu den osteuropäischen EU-Staaten) beeinträchtige auch die Perspektiven für die Partner in den GUS-Staaten. Im GUS-Raum und der Ukraine insgesamt könne mittelfristig mit rund 2 Prozent Wachstum gerechnet werden, in den mittel- und osteuropäischen EU-Staaten hingegen mit knapp 4 Prozent ( siehe Tabelle auf Seite 3 der WIIW-Pressemeldung).

EU-Kommission: Wachstum sinkt bis 2019 auf 1,5 Prozent

Die EU-Kommission nennt in ihrer Herbstprognose folgende Faktoren, die das Wachstum der russischen Wirtschaft bremsen werden:

  • Große Infrastrukturprojekte werden 2017 abgeschlossen
  • Finanzpolitisch ist eine Konsolidierungspolitik erforderlich
  • Die Sanktionen halten an

Außerdem dürften schwache Aussichten auf substantielle Reformen die Wachstumsperspektiven belasten.

Die Kommission rechnet deswegen damit, dass sich der reale Anstieg der Investitionen (2017: + 3,5 Prozent) 2018 und 2019 abschwächt. Vom Lageraufbau kämen ab 2018 keine Wachstumsimpulse mehr. Der Staatsverbrauch werde 2018 und 2019 wegen der „Konsolidierungspolitik“ sogar real etwas sinken. Nur der private Verbrauch dürfte stabil um rund 2,5 Prozent jährlich wachsen.

Autumn Forecast Russia

Quelle: EU-Kommission: Autumn Forecast Russia; 09.11.2017

Quellen und Lesetipps zur Konjunktur in Russland

EBRD-Herbstprognose 2017:

Euler Hermes Präsentation in Moskau am 26.10.2017:

Titelbild

Quelle: Alex ‘Florstein’ Fedorov, Arbat Street in MSK, Size changed to 1040x585px., CC BY-SA 4.0.

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.

 

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