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Brückenbauer und Netzwerker – Das Zoran-Djindjic-Stipendienprogramm der deutschen Wirtschaft

Herzlich Willkommen zur neuen Ausgabe der Kolumne vom „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“. Sie erscheint alle zwei Wochen exklusiv auf Ostexperte.de.


Hoffnungsträger in dunklen Zeiten

Er war einer der ganz großen Hoffnungsträger im zerfallenen Jugoslawien und ein Wechsel auf die Zukunft des westlichen Balkans. Bis am 12. März 2003 seinem Leben gewaltsam eine Ende gesetzt wurde: Zoran Djindjic. Das Erstaunliche an Djindjic war nicht allein sein politischer Weitblick und der Wille und die Fähigkeit zur Integration. Respekt nötigt vor allem sein konsequentes Eintreten für Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft ab.

Werte und Institutionen, die ganz aktuell wieder zur Diskussion stehen, und die es zu verteidigen gilt. Ich verwende das Wort verteidigen an dieser Stelle ganz bewusst. Denn ich begegne in jüngster Zeit einem bemerkenswerten Phänomen: dem Glauben, dass Wirtschaft auch ohne Politik funktioniert…wahrscheinlich sogar besser. Ich gebe jedem Recht, dass die Protagonisten im politischen Geschäft nicht immer ein Quell übersprudelnder Freude sind. Das gilt leider auch für die Performance der Großen Koalition in Deutschland.

Kapital wird immer dort investiert, wo es sicher ist.

Das darf aber in keinem Fall darüber hinwegtäuschen, dass die Wirtschaft, das Unternehmen, das Unternehmer für ihren geschäftlichen Erfolg zwingend auf einen gesetzlichen und regulatorischen Rahmen angewiesen sind, und der wird nun einmal durch die Politik vorgegeben. Nicht umsonst gehen einer Investitionsentscheidung, egal ob im In- oder im Ausland, die Fragen nach Rechtssicherheit und offenen Märkten voraus.

Und die beste Garantie für eine funktionierende Marktwirtschaft ist immer noch ein demokratischer Rechtsstaat, in dem die unternehmerische und die individuelle Freiheit nicht eingeschränkt werden und Eigentum geschützt ist. Dass das auch viele Investoren aus Staaten mit einer anderen politischen Ordnung so sehen, machen die über zwei Drittel ausländische Käufer von Immobilien jeglicher Art in Berlin deutlich. In anderen Teilen der Republik sind die Zahlen ähnlich. Im Übrigen ist auch das ein Grund für die ständig steigenden Preise für Immobilien in Deutschland. Aber dazu ein anderes Mal mehr. Wundern darf das niemanden: Kapital wird immer dort investiert, wo es sicher ist.

Die deutsche Wirtschaft ist sich ihrer Verantwortung bewusst

Der deutsche Markt darf also als überaus attraktiv für ausländische Investoren betrachtet werden und nicht nur für ausländische. Diese Sicherheit war und ist auch der Garant für eine außergewöhnlich robuste Wirtschaftsentwicklung seit fast 60 Jahren. Denn so lange schon steigen Bruttosozialprodukt und Exporte. Die deutsche Wirtschaft, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch dank der Politik der Sozialen Marktwirtschaft so einmalig gut entwickelt hat, ist sich deshalb ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in großen Teilen und in hohem Maße bewusst.

Die mittelständische Struktur und die vielen Familien geführten Unternehmen, in denen das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns gelebte Realität ist, garantieren solidarisches Miteinander, gesellschaftliches Engagement und fairen Wettbewerb. Das ist auch der Grund dafür, dass unmittelbar nach dem Tod Zoran Djindjics der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft ein Stipendienprogramm initiiert hat, in dem er gemeinsam mit den Unternehmen Praktikumsplätze für Studenten zur Verfügung stellt. Es bietet jungen Spezialisten aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und aus Albanien die Chance, sich in deutschen Unternehmen weiterzubilden, berufliche Erfahrungen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und nicht zuletzt Botschafter der internationalen Zusammenarbeit zu werden.

„Ich bin überwältigt von der Erfahrung“

15 Jahre, 700 Praktikumsplätze, 200 Unternehmen, so liest sich die Erfolgsbilanz des Programms. Hinter diesen nüchternen Zahlen verbirgt sich aber viel mehr. Milica Boreta, die im vergangen Jahr ihr Praktikum bei der UniCredit absolvierte, formuliert es so: „Ich bin überwältigt von der Erfahrung und kann immer noch nicht glauben, dass mir das passiert ist. Es hat mir geholfen, besser, erwachsener und kompetenter zu werden, sowohl auf beruflicher als auch auf persönlicher Ebene.“ So oder ähnlich geht es den meisten Teilnehmern.

Und genau das soll das Programm leisten: Aus jungen, gut ausgebildeten Fachkräften bessere machen, die die Idee der internationalen Zusammenarbeit mit in ihre Heimatländer nehmen und sie weitertragen. Die als Spezialisten der heimischen Volkswirtschaft zur Verfügung stehen. Und die ihr Netzwerk künftig nutzen, um sich zu neuesten technologischen Entwicklungen, aktuellen Trends, aber Problemen auch außerhalb des Berufes auszutauschen – um sie zu lösen. Zoran Djindjic hätte sicher seine Freude an dieser Entwicklung gehabt.

Zum Vorteil für alle

Der Nutzen für alle Beteiligten liegt auf der Hand. Wie selbstverständlich bauen die Teilnehmer Brücken in ihre Länder und sind gleichzeitig die ersten Ansprechpartner der Unternehmen vor Ort. Denn die Märkte der Länder des Westlichen Balkans sind attraktiv und perspektivisch tragfähig. Wie überall auf der Welt, hilft da ein guter „Dolmetscher“, der mehr als nur die Sprache übersetzt. Was oft lapidar als kulturelle oder Mentalitätsunterschiede umschrieben wird, kann Geschäfte platzen und Märkte unbearbeitet lassen.

Es ist also eine klassische Win-Win-Situation. Und was macht der OAOEV? In Zusammenarbeit mit dem BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und der Zoran Djindjic Stiftung schaffen wir den oben beschriebenen regulatorischen Rahmen, bilden die organisatorische Plattform und sorgen für Öffentlichkeit. Der Ansturm auf das Programm ist enorm. Aus weit über tausend Bewerbern müssen am Ende des Verfahrens 75 ausgewählt werden. Ein schmerzhafter, aber notwendiger Prozess.

Gleiche Chancen für alle

Um jedem Bewerber die gleichen Chancen einzuräumen, heißt das Lebensläufe lesen, Bewerbungsgespräche in allen Ländern führen, Dutzende Reisen in die Region, Visa- und lebenspraktische Fragen wie eine Unterkunft und Versicherung klären und nicht zuletzt die Unternehmen für das Projekt zu begeistern und permanent informiert zu halten. Das ist nach 15 Jahren allerdings schon wesentlich einfacher.

Zahlreiche Firmen sind „Wiederholungstäter“ und fragen ganz gezielt nach der nächsten Generation Praktikanten. „Die Bandbreite der Unternehmen, die sich an unserem Stipendienprogramm beteiligen, ist sehr groß. Das beginnt mit großen und mittelständischen Unternehmen und umfasst auch kleine Firmen und Start-ups aus ganz verschiedenen Geschäftsbereichen. Dass sich ein Großteil der Unternehmen Jahr für Jahr beteiligt, zeigt uns zum einen, wie groß der Bedarf an gut ausgebildeten, jungen Fachkräften in deutschen Unternehmen ist und zum anderen, dass unser Programm in den letzten 15 Jahren sehr gute Arbeit geleistet hat“, so Antje Müller, Projektleiterin im OAOEV.

Bezahlt werden die Teilnehmer übrigens zum Teil aus Mitteln der deutschen Bundesregierung und zum Teil von den Unternehmen. Die betrachten die Ausgaben als eine Investition in die Zukunft. Sollten Sie, wenn sie ein Unternehmer sind, übrigens auch tun. Alles Notwendige zum Programm und zur Beteiligung finden Sie im Infokasten.

Zahlen, Daten, Fakten
  • Ausschreibungsphase für die 16. Generation vom 1.10.2018 bis zum15.12.2018
  • Unternehmen können in diesem Zeitraum Ihren Bedarf an Praktikanten anmelden
  • Vergabe von bis zu 75 Praktikumsplätzen
  • Praktika sollen am 1.Juli 2019 beginnen und drei bis sechs Monate dauern
  • Projektbeteiligte: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ); Deutsche Unternehmen; Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft e.V.
  • Projektleiterin Antje Müller (mueller3@bdi.eu, Tel +49 30 2061 67137).
  • Umfangreiche Informationen auch unter: https://www.oaoev.de/stipendienprogramm-der-deutschen-wirtschaft-fur-die-lander-des-westlichen-balkans

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.